Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.09.2018

Very british unterwegs in der Schweiz

Ich war Diener im Hause Hobbs
0

Das betrifft sowohl den Roman in seiner Gänze als auch dessen Protagonisten, nämlich Christian Kauffmann aus Feldkirch in der Schweiz, einem Ort, der sich solch prägnanter Ereignisse wie der Durchreise ...

Das betrifft sowohl den Roman in seiner Gänze als auch dessen Protagonisten, nämlich Christian Kauffmann aus Feldkirch in der Schweiz, einem Ort, der sich solch prägnanter Ereignisse wie der Durchreise von James Joyce rühmt. Krischi, wie er von (Jugend)Freunden - das sind Olli, Isi und Göschi, die in der Handlung von durchaus relevanter Bedeutung sind und zwar durchgehend - und Familie genannt wird, entscheidet sich für einen eher ungewöhnlichen beruflichen Weg: er wird Butler und lernt diesen Beruf von der Pieke auf.

Auch wenn es für Butler eher üblich ist, in einem hochbesternten Großstadthotel anzuheuern, entscheidet sich Krischi dafür, zunächst in einem Züricher Privathaushalt anzuheuern, nämlich bei Familie Hobbs und wird dort zu Butler Robert. Er geht ganz darin auf, und bleibt dort über ein Jahrzehnt, viel länger als gedacht und hat sich eine ganz bestimmte Position, ein ganz spezielles Verhältnis zur Familie erworben. Auch mit seinen Freunden und mit Feldkirch insgesamt hält er den Kontakt und pflegt zudem eine Beziehung zum Amerikaner John.

Doch ganz gegen seinen Willen fließen seine beiden Welten - das Privatleben und die Berufswelt aufs fatalste Zusammen und er kann nichts tun, um dieses zu verhindern.

Ein komplexes und sehr besonderes Buch ist es, das die Schweizerin Verena Rossbacher geschrieben hat: ihr dritter Roman. Man könnte auch sagen, er sei kompliziert im Sinne von umständlich, denn im ersten Teil wird sehr detailliert eine Handlungsbasis, eine Art Bühne geschaffen, bevölkert mit Figuren und Handlungsorten. Doch wenn man sich geduldig auf den Stil einlässt, stellt sich all das als sehr passend heraus, genau überlegt und in die Wege geleitet für ein fulminantes Finale.

Zudem ein - zumindest aus meiner Sicht - ein sehr britisches Vorgehen, das die satirischen Elemente dieses Romans - die durchaus zahlreich vorhanden sind, bestens zur Geltung bringt. Darüber hinaus spielt Verena Rossbacher mit der Wahrheit - der realen und der Wahrheit(en) des Romans, dass es eine Freude ist.

Wer Lust hat auf ein ungewöhnliches Leseerlebnis, das leichtfüßig daher kommt, dennoch höchste Konzentration bei der Lektüre erfordert - um wirklich jedes Detail mitzubekommen und es überhaupt zu verstehen, sollte man imstande sein, den Text in seiner Gänze zu würdigen und damit meine ich: Wort für Wort, der sei herzlich ermuntert, zu diesem Buch zu greifen. Er wird es nicht bereuen!

Veröffentlicht am 15.09.2018

Briefe als letzten Wunsch

Die Liebesbriefe von Montmartre
0

hat sich Hélène von ihrem Mann Julien gewünscht. Hélène, die viel zu jung sterben musste. Hélène, die nicht nur Julien als untröstlichen Witwer, sondern auch den gemeinsamen Sohn Arthur hinterlässt, Arthur, ...

hat sich Hélène von ihrem Mann Julien gewünscht. Hélène, die viel zu jung sterben musste. Hélène, die nicht nur Julien als untröstlichen Witwer, sondern auch den gemeinsamen Sohn Arthur hinterlässt, Arthur, der noch so klein ist, noch keine fünf Jahre alt.

Sie hinterlässt eine unglaubliche Lücke und Julien hat das Gefühl, er könnte nie mehr glücklich werden. Und auch keine Briefe schreiben. Und das obwohl er doch Schriftsteller ist, das Schreiben also sein Metier. Und sein Verleger auf ein neues Buch von ihm wartet - sehr geduldig übrigens, denn er ist ein netter Mann.

Doch dann berappelt er sich zumindest soweit, dass er beginnt, Hélènes letzten Wunsch zu erfüllen, nämlich 33 Briefe an sie zu verfassen und diese in ein Geheimfach auf dem Friedhof Montmartre zu verbringen. Er beginnt zögerlich, doch irgendwann - sogar noch ziemlich zu Beginn - kommen Antworten. Nicht welche in Briefform, sondern als Zeichenl Ein Stein in Herzform, Kinokarten und mehr. Kann es wirklich sein, dass Hélène sich aus dem Jenseits meldet? Oder spielt ihm jemand einen Streich? Alexandre, sein bester Kumpel, vielleicht? Oder seine Mutter, die es nur gut meint. Oder vielleicht sogar der kleine Arthur?

Nein, das kann eigentlich nicht sein. Doch es gibt auch Frauen in Juliens neuem, aus seiner Sicht armen Leben, natürlich sind es keine Partnerinnen, doch sie umgeben ihn. Eine von ihnen vielleicht?

Ein wunderschöner Roman, klassisch und modern zugleich, tragisch und gleichzeitig leichtfüßig ist er, schnell zu lesen, warmherzig und sehr besonders - so besonders, dass ich ihn nicht so schnell vergessen werden. Wenn Sie jemanden haben, der ihnen am Herzen liegt und dem es gerade nicht so gut geht - vielleicht ist ja dieses Buch das ideale Gegenmittel? Ein wundervolles Geschenk für alle, mit denen man es gut meint!

Veröffentlicht am 14.09.2018

Köln wird aufgedeckt

Feinde
0

Und zwar schonungslos. Zumindest sollte das so sein, so mein Eindruck von diesem sozialkritischen gradlinigem Krimi - ein Thriller ist es definitiv nicht. Doch dazu später:

Die Ermittler Can und Simone: ...

Und zwar schonungslos. Zumindest sollte das so sein, so mein Eindruck von diesem sozialkritischen gradlinigem Krimi - ein Thriller ist es definitiv nicht. Doch dazu später:

Die Ermittler Can und Simone: er mit Migrationshintergrund, sie: lesbisch und egozentrisch, ermitteln in einem Doppelmord - es werden die Leichen zweier Männer gefunden, alles deutet darauf hin, dass es Roma aus Rumänien oder Bulgarien sind.

Zu Beginn kam es mir teilweise vor, als ob es in dieser Reihe schon einen Vorgängerband gegeben hätte, so zögerlich erfolgte die Einführung des gesamten Settings, also der Figuren und ihres Umfelds.

Erzählt wird durchgehend aus Cans Sicht, dem ich mich schon durch die ständigen Probleme mit Migräne sehr verbunden fühlte. Allerdings hilft Ibuprofen kaum gegen so starke und chronische Kopfschmerzen und sollte allein deswegen schon nicht ständig erwähnt werden. Wobei dies jedoch der einzige Punkt war, in dem die Autorin Susanne Saygin nicht akribisch recherchiert hatte.

Dieser Regional-Krimi - dies ist aus meiner Sicht die treffendste Bezeichnung, wenn man dem Kind einen Namen bzw. das Buch in ein Genre packen will - zeigt zweifellos viele Zu- und auch Missstände meiner Heimatstadt Köln auf, ebenso schwelgt er jedoch in Klischees. Der Kölner Klüngel, die multikulturelle Gesellschaft in verschiedenen Stadtteilen - das sind nur zwei Beispiele für Themen, die aus meiner Sicht zu einseitig dargestellt werden.

Ich finde es auch schade, dass die Autorin mit erfundenen Bezeichnungen arbeitet - der Fußballverein, die Zeitung: alle trägt ein Pseudonym bzw. einen fiktiven Titel. Schade, finde ich, denn gerade dieser Wiedererkennungswert ist es, den ich bei Regionalkrimis so schätze! So habe ich bspw. bei meinem Urlaub in Ostfriesland gleich einige der Lokalitäten aufsuchen können, die der Autor Klaus-Peter Wolff erwähnt. Möglicherweise hat es mit gewissen Urheberrechten etc. zu tun, ich finde es dennoch extrem schade, da es genügend Beispiele dafür gibt, dass es auch anders geht.

Daher wird nicht so ganz was aus der schonungslosen Aufdeckung aller Belange, die ich aufgrund des Beginns eigentlich erwartet hatte. Dennoch ist dies insgesamt ein durchaus facettenreicher und faszinierender Krimi, der sich aber vor allem aber der Mitte so ziemlich verliert - es gibt keinen richtigen roten Faden mehr und etliche Erzählstränge werden nicht abgearbeitet, was meine Vorfreude auf einen möglichen Nachfolger allerdings nur wenig schmälert.

Veröffentlicht am 12.09.2018

Theo hat es nicht leicht

Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben
0

Sein Vater verschwand, als er ein Kleinkind war, seine Mutter ist vor allem mit Stiefvater Martin beschäftigt und berücksichtigt - so Theos Sicht - ganz klar dessen Bedürfnisse mehr als die seinigen. Zu ...

Sein Vater verschwand, als er ein Kleinkind war, seine Mutter ist vor allem mit Stiefvater Martin beschäftigt und berücksichtigt - so Theos Sicht - ganz klar dessen Bedürfnisse mehr als die seinigen. Zu wenig Zeit hat sie auch und so wird Theo ins Sommerlager verfrachtet, wo er von seinen Zimmergenossen gemobbt wird.

Doch da taucht wieder der sprechende Rabe auf, den er bereits von zu Hause kannte und nimmt ihn mit auf ein Schiff - auch das war ihm bereits in der besagten Nacht begegnet, zusammen mit einem merkwürdigen Kapitän. Doch der ist gar nicht da, vielmehr soll Theo jetzt das Schiff steuern... auf der Reise begleiten ihn neben dem Raben weitere merkwürdige Gesellen, die ihm versprechen, dass er seinen echten Vater finden wird...

Eine ganz besondere Idee ist es, die Autorin und Zeichnerin Ute Krause hier realisiert hat. Das Buch ist auch für Erwachsene eine schöne Gelegenheit, mal für ein paar Stunden in eine andere Realität einzutauchen. Die Bilder, die die Geschichte auf vielen Seiten begleiten, sind genau darauf abgestimmt und vollenden die Geschichte zu einem wahren Genuss.

Mein Fazit: ein wunderschönes Kinderbuch, das reale Themen, die vielen Kindern bekannt sind wie Patchworkfamilien, Mobbing, Sommercamps mit Märchenhaftem, sprechenden Tieren, verzauberten Wesen usw. verbindet und zusätzlich zum Text auch noch wunderschöne Bilder bietet!

Veröffentlicht am 12.09.2018

Ungebildet im Namen des Herrn

Befreit
0

So sollen Tara und ihre sechs älteren Geschwister aufwachsen, nach dem Wunsch ihres Vaters, eines strenggläubigen Mormonen. Die Mutter sieht das ein bisschen anders, kann sich aber nicht durchsetzen und ...

So sollen Tara und ihre sechs älteren Geschwister aufwachsen, nach dem Wunsch ihres Vaters, eines strenggläubigen Mormonen. Die Mutter sieht das ein bisschen anders, kann sich aber nicht durchsetzen und will das wohl auch gar nicht, denn ein weiterer Grundsatz ist, dass die Frau sich dem Manne zu unterwerfen hat.

Zumindest konnte sie sich soweit positionieren, dass sie die Kinder zu Hause unterrichtet und ihnen Lesen und Schreiben beigebracht hat. Wobei die Arbeit immer vorging - wenn der Vater Arbeitskräfte benötigte, mussten die Kinder schon in frühen Jahren los, um ihm auf dem Schrottplatz zu helfen. Wo es sehr gefährlich zuging und nicht selten zu schweren Verletzungen kam, die dann nicht vom Arzt, sondern lediglich mit Hausmitteln behandelt wurden.

Und das sind nur eine wenige Punkte aus dem Vorschriftenkatalog des Westoverschen Familienhaushalts - der im Übrigen nicht die Ansichten der Mormonen im allgemeinen spiegelt, ganz und gar nicht. Rund um die Familie herum gab es angefangen mit den Großeltern eine Reihe von Menschen, die meisten davon ebenfalls gläubige Mormonen, die das ganz anders sahen und teilweise einzugreifen versuchten.

Das ist kein Roman aus vergangenen Zeiten, nein, es ist die Autobiographie von Tara Westover, 1986 geboren. Und mit 17 gegen den Willen der Familie losgezogen, um Bildung zu erlangen. Sie hat es bis zur Promotion gebracht und zum Bruch mit großen Teilen der Familie.

Ihre Biographie liest sich wie eine Offenbarung, ein Thriller, eine schockierende Aufdeckung - suchen Sie sich etwas davon aus. Eine ebenso erschütternde wie eindringliche Dokumentation einer Kindheit und Jugend, von der man gar nicht glaubt, dass diese in einem zivilisierten Land existiert.

Ich möchte jetzt nicht die Frage beleuchten, inwiefern man die USA in Zeiten von Trump als zivilisiertes Land bezeichnen kann, wobei das meiste in den Jahren davor stattgefunden hat und zwar in Idaho. Ich möchte Sie aber von ganzem Herzen zu dieser Lektüre ermuntern - es ist unglaublich, zu was für einem besonderen Menschen Tara Westover geworden ist, trotz der Hindernisse die ihr in den Weg gelegt wurden. Vielleicht ist Amerika ja doch noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Lesen und urteilen Sie selbst!