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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.03.2026

Lässt sich auf kein Genre festlegen

Der unsichtbare Elefant
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Ist es ein Krimi? Ein historischer Roman? Oder eine Art Psychogramm? Oder doch eine Familiengeschichte?

Nun, aus meiner Sicht hat es von jedem etwas und es werden auch noch Elemente weiterer ...

Ist es ein Krimi? Ein historischer Roman? Oder eine Art Psychogramm? Oder doch eine Familiengeschichte?

Nun, aus meiner Sicht hat es von jedem etwas und es werden auch noch Elemente weiterer Genres, die dem jeweiligen Leser vertraut sind, sichtbar. Autor Max A. Edelmann lässt sich auf nichts festlegen und präsentiert statt dessen eine ebenso originelle wie tragische Handlung um den vermeintlichen Selbstmord des Rechtsanwaltes Thomas Siebenmorgen an seinem Arbeitsplatz, einer großen Kanzlei in Düsseldorf.

Seine Kollegin María wird Zeugin seines Todes - es ist ein Sturz - und ist sich sicher, dass Thomas im letzten Moment umgedacht hatte und zurücktreten wollte. War also Fremdeinwirkung im Spiel?

María versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen, doch sie ist nicht die Einzige. Viktor, Mitarbeiter eines in der Firma eingesetzten Kriseninterventionsteams und zuständig für diesen Fall, verfolgt den Fall ebenso wie Simon, ein junger Anwalt aus dem Münchner Büro der Kanzlei, der vom Vorgesetzten darauf angesetzt wurde.

Interessant ist, dass diese drei keineswegs als Gegenspieler auftreten, sie begegnen sich zunächst eher zufällig, teilen dann aber ihre Eindrücke und Schlussfolgerungen.

Zudem dringt der Roman tief in die Vergangenheit der Gegend - Düsseldorf und dem Niederrhein - ein, vor allem auf der Suche nach der Vergangenheit von Thomas' Familie, wir begegnen aber auch Joseph Beuys sowohl in erwartetem als auch unerwartetem Kontext.

Ein eindringlicher Roman, dessen Lektüre für mich ausgesprochen lohnenswert war, den ich mir aber erobern musste - gerade zu Beginn bei der Einführung von Setting und Personal stieß ich auf ziemliche Längen, zudem war es zeitweilig recht verwirrend, die Handlung etwas zu dicht, das Personal etwas zu zahlreich. Insgesamt jedoch ein origineller, vielseitiger und auch anregender Lesestoff, der nicht für jeden taugt, aber hoffentlich viele Freunde finden wird. Ich werde ihn jedenfalls weiterempfehlen!

Veröffentlicht am 28.02.2026

Ein Roman, den es zu erobern gilt

Alma
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Oder vielmehr die Handlung desselben. Obwohl selbst mit Wurzeln im Osten Europas (wenn auch geographisch sehr weit weg von denen Almas) und daher stets interessiert und informiert über die Lage und die ...

Oder vielmehr die Handlung desselben. Obwohl selbst mit Wurzeln im Osten Europas (wenn auch geographisch sehr weit weg von denen Almas) und daher stets interessiert und informiert über die Lage und die Vergangenheit anderer Länder hinter dem Eisernen Vorhang, so auch des ehemaligen Jugoslawiens, hat es hier eine ganze Weile gedauert, bis ich durchgestiegen bin. Bis ich so ungefähr verstanden habe, um was es geht.

Ich begann es zu lesen mit der Erwartung, dass es (auch) um die Stadt Triest als Tor zum Osten geht,, aber so explizit habe ich das nie empfunden. Es war für mich ein eher abstrakter Ort der Wiederkehr für Alma, ihren Vater und auch Vili, wenn sie sich ein bisschen herausziehen wollten aus den Unruhen auf dem Balkan.

Denn innerhalb dieser ist der Roman ansiedelt: in den Jahren vor und nach 1990, in denen es in Jugoslawien brodelte und dann knallte. Mir war schon klar, dass dies ein Roman ist und kein Einblick in die Zeitgeschichte, aber davon steckte so wenig darin, dass ich streckenweise sehr verwirrt war, was meine Lesebegeisterung immerr wieder stark einschränkte.

Dennoch bin ich der Meinung, dass Federica Manzon eine kraftvolle Autorin ist, die etwas mitzuteilen hat. Hier jedoch ist es - so mein Eindruck- jedoch so unkontrolliert aus ihr herausgebrodelt, dass ihre Leser ihre liebe Mühe damit haben, allen Wendungen Handlung zu folgen. Ich habe sehr viel Zeit mit diesem Roman verbracht und trotzdem konnte ich nicht jeder einzelnen ihrer Ausführungen folgen.

Veröffentlicht am 26.02.2026

Eine Geschichte von Gewalt - und von Ohnmacht

Gelbe Monster
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Charlie ist verliebt. Immer noch, obwohl Valentin ihr schon zum zigsten Mal - und diesmal endgültig - signalisiert hat, dass es aus mit ihnen ist. Dass er einfach nicht mehr kann.

Denn Charlie ...

Charlie ist verliebt. Immer noch, obwohl Valentin ihr schon zum zigsten Mal - und diesmal endgültig - signalisiert hat, dass es aus mit ihnen ist. Dass er einfach nicht mehr kann.

Denn Charlie fühlt sich mit ihm - und mehr noch in den Zeiten, wenn sie ohne ihn ist, ohne ihn sein muss - oft ohnmächtig. Und diese Ohnmacht, diese Machtlosigkeit führt bei ihr zu Gewalt. Zu Gewalt gegenüber Valentin, auch anderen gegenüber - aber vor allem zu Gewalt gegen sich selbst.

Wir kennen Menschen wie Charlie seit Jahren: aus vielen Geschichten über Eifersucht, über Gewalt in der Beziehung, über Macht und Ohnmacht. Doch geht es in diesen fast immer um die von Männern ausgehenden Emotionen und deren Folgen.

Hier ist es anders - Valentin hat es überhaupt nicht mit Gewalt, dann schon eher mit Ohnmacht, aber ganz anders als seine Freundin. Er lässt sie immer wieder zurückkommen.

Doch ist dies nicht seine, sondern ganz klar Charlies Geschichte - eine darüber, ob und wie man sich in den Griff bekommt, wenn man doch eigentlich ganz und gar verloren ist.

Eine Geschichte, die mich über weite Teile nicht erreichte, war sie doch ganz weit weg von meinen eigenen Emotionen, meinem Verständnis von Beziehung und auch von meiner Generation. Dennoch verstehe ich, dass dies ein wichtiger, auch innovativer Roman ist.

Veröffentlicht am 23.02.2026

Ein Werk ohne Abschluss

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Und zwar dahingehend, dass ein abgerundetes, klares Ende fehlt. Was auch kein Wunder ist, denn offener könnte eine Handlung nicht enden.

Was kein Wunder ist, geht es hier doch um Familiengeschichte ...

Und zwar dahingehend, dass ein abgerundetes, klares Ende fehlt. Was auch kein Wunder ist, denn offener könnte eine Handlung nicht enden.

Was kein Wunder ist, geht es hier doch um Familiengeschichte - Autorin Judith Hermann begibt sich nun schon zum zweiten Mal auf die Spuren der eigenen Ahnen und muss sich diesmal nicht nur im übertragenen Sinne warm anziehen. Sie begibt sich auf die Spuren ihres Großvaters, der innerhalb der SS im polnischen Radom in den Aufbau und die Auflösung eines Ghettos eingebunden war.

Am Ende seiner Tage lebte er von der Familie getrennt und starb zudem einige Jahre vor der Geburt der Autorin - von ihrer Oma, die von ihm geschieden waren, hörte sie nichts, von ihrer Mutter auch nur wenig über ihn.

Es ist kein leichter Gang, den die Autorin auf sich nimmt - über ihn als Person, als Rädchen im Dritten Reich, weiß sie nur wenig und erfährt auch nicht allzu viel.

Dennoch bedeutet diese Lektüre für mich einen großen Gewinn, nimmt sie mich doch mit auf einen steinigen Weg, den viele von uns auf die eine oder andere Art gehen. Auch in meiner Familiengeschichte gibt es zahlreiche Fragezeichen, die größtenteils in Ausland führen, auch hier ist wenig Fassbares zu finden, zumal auch sie wie ich eine jüngere Schwester hat, mit der sie sich über ihrer beider Fragen austauscht - genau das ist auch bei uns gerade ein großes Thema.

Auf eine gewisse Art falle ich in ihre Geschichte wie in ein weiches Kissen - mit allen Wenns und Abers, Zweifeln und Fragestellungen fängt sie mich auf und ich fühle mich bestens verstanden.

Veröffentlicht am 23.02.2026

Alles schien möglich

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Naja, sagen wir mal: fast alles. Und zwar zu Beginn der 1990er Jahre: die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, Deutschland war nicht mehr zweigesteilt und das Leben war unglaublich spannend. Einfach schon ...

Naja, sagen wir mal: fast alles. Und zwar zu Beginn der 1990er Jahre: die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, Deutschland war nicht mehr zweigesteilt und das Leben war unglaublich spannend. Einfach schon deswegen, weil die Tore so weit geöffnet waren, gerade in Europa: man konnte in Länder reisen, die bislang unerreichbar schienen (sowohl aus westlicher als auch aus östlicher Perspektive, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen). Und Menschen begegnen, die ganz andere Biographien hatten als man selbst.

So auch in diesem ausgesprochen unterhaltsamen Roman, der seinen Anfang in Rom nimmt und zwar in der Russischen Botschaft - die natürlich auch erst seit neuestem diese Bezeichnung trägt und osteuropäische Gastfreundschaft walten lässt - so etwas kannte man von deren Vorgängerin - der Botschaft der Sowjetunion - ganz und gar nicht. Dort werden zwei Biographien aufgerollt, die unterschiedlicher nicht sein können: die von Jakob Dreiser, einem jungen, begabten Dichter, der stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist - so auch jetzt beim Botschaftsempfang, wo er seine nicht wenigen Freunde trifft und neue Bekanntschaften macht.

Auf der anderen Seite steht Dieter Germershausen, ein schon älteres Semester, dessen Stern eindeutig im Sinken begriffen ist, da sein jahrelanges Treiben als Doppelagent in Ost und West unweigerlich aufzufliegen droht. Er schmeißt sich an Jakob heran, denn er plant ein wichtiges Geschäft. Eines, das ohne die Einbindung des umtriebigen Kerlchens, das sogar Russisch spricht, unweigerlich scheitern wird...

Ein nicht nur witziger, sondern auch sehr atmosphärischer Roman, der diese Aufbruchsstimmung auf der einen und das bedrohliche Sinken auf der anderen Seite sehr passend darstellt. Ich fühlte mich gleich in die frühen 1990er versetzt, in denen ich mich ständig im Baltikum umhertrieb (ich habe entsprechenden familiären Hintergrund), wo es so viel interessanter war als im tiefen Westen der ehemaligen Bundesrepublik, wo man kaum DDR-Atmosphäre genießen konnte. Leider hat mich das Ende ein kleines bisschen enttäuscht und auf dem Weg dorthin schlug die Handlung dann doch ein paarmal für meinen Geschmack zu sehr über die Stränge!