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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.08.2021

Sympathischer Bericht, toll gestaltet, mit vielen Informationen

Ick loof, weil's mi gfreit!
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Daniel Krezdorn hat mit seiner 670 km langen Wanderung von Berlin nach München ein ungewöhnliches Unternehmen durchgeführt und berichtet in diesem Buch auf sympathische Weise davon. Lobenswert ist schon ...

Daniel Krezdorn hat mit seiner 670 km langen Wanderung von Berlin nach München ein ungewöhnliches Unternehmen durchgeführt und berichtet in diesem Buch auf sympathische Weise davon. Lobenswert ist schon die ausgesprochen gelungene Gestaltung, die Kapitel sind optisch herrlich gestaltet, es macht Spaß, sie anzusehen und zu lesen. Im ganzen Buch finden sich zudem zahlreiche Farbfotos und zu jedem Wandertag eine – ebenfalls farbige – Karte. Das ist wirklich toll gemacht! Ein nochmaliges Korrekturlesen könnte die teilweise etwas abenteuerliche Zeichensetzung und ein paar wenige Fehler vielleicht noch etwas verbessern.

Das Buch ist sehr praktisch ausgerichtet, vor dem Wanderbericht finden sich zahlreiche Hinweise zu Ausrüstung, Routenplanung und allgemeinen Aspekten. Diese sind sorgfältig und detailliert. Auch von seinen eigenen Vorbereitungen – unter erschwerten Pandemiebedingungen – berichtet der Autor anschaulich. Mir hat gefallen, wie persönlich er dies formuliert. Man fühlt sich als Leser direkt einbezogen.

Jeder der 28 Tagesabschnitte (darunter 2 Ruhetage) hat ein eigenes Kapitel, dem die Daten für den Tag (Entfernung, Höhenmeter, etc.) vorangestellt sind. Auch hier berichtet der Autor angenehm und gut lesbar. Er schildert immer wieder Eindrücke, berichtet auch hier und da Hintergrundinformationen über den jeweiligen Streckenabschnitt. Davon hätte ich mir allerdings mehr gewünscht. Wenn ich las, daß es an einer Stelle „super schön“ oder das Zentrum von Wittenberg „sehr schön“ sei, dann fehlten mir immer wieder ein paar beschreibende Sätze. Es gibt nur recht wenige Beschreibungen dessen, was Daniel Krezdorn auf seiner langen Wanderung so sieht. Hier lag der Fokus sehr auf einer genauen Beschreibung der jeweiligen Strecke, so daß ganze Absätze aus „von Straße xy biege ich an der Brücke in Straße xy und gehe dann auf einem breiten Forstweg bis zum Sportplatz entlang, wo ich rechts einbiege“ (kein Zitat, nur sinngemäße Wiedergabe). Das ist natürlich für einen Wanderführer auch relevant, aber der Anteil der Gesehenen, Erlebten ist mir persönlich zu gering. Das merkte ich auch im Vergleich zum gelungenen Epilog, in dem der Autor ganz persönlich von seinen Nach-Wander-Eindrücken berichtet (eine schöne Idee und ein ausgezeichneter Abschluß!) und der sich sehr angenehm liest. Auch die gelegentlichen persönlichen Eindrücke in den Kapiteln lesen sich erfreulich, so daß es schade ist, nicht mehr davon zu haben. Auch bei den beiden Ruhetagen vermisste ich persönliche Eindrücke – hier hat der Autor einige Tips gegeben, was man in der jeweiligen Stadt unternehmen kann, und ich war ein wenig enttäuscht, nicht zu lesen, was er selbst dort unternommen, wie es ihm gefallen hat. Das hängt natürlich von den Erwartungen ab – für einen Wanderführer ist es so passend, für einen Wanderbericht (mir) etwas zu unpersönlich.

Insgesamt lasen sich die Wandertage aber unterhaltsam, in einem angenehmen Stil und mit interessanten Gedanken. Es hat Spaß gemacht, Daniel Krezdorn auf seiner Tour zu begleiten und so ist das Buch sowohl lesenswert als auch informativ – die Sorgfalt, mit der Informationen hier vermittelt werden, ist bemerkenswert. Man spürt die Hingabe, die im Buch steckt.

  • Cover
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 15.08.2021

Leicht umsetzbare kreative Rezepte - leider ohne Nährwertangaben

Hello Berries
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„Hello Berries“ ist hochwertig und modern gestaltet. Jedes Rezept nimmt eine Doppelseite ein, auf der einen Seite eine ganzseitige Fotografie, auf der anderen das Rezept selbst. Die Zubereitungszeit ist ...

„Hello Berries“ ist hochwertig und modern gestaltet. Jedes Rezept nimmt eine Doppelseite ein, auf der einen Seite eine ganzseitige Fotografie, auf der anderen das Rezept selbst. Die Zubereitungszeit ist über dem Rezept angegeben, was recht praktisch ist, überhaupt ist alles sehr übersichtlich gehalten. Die sehr helle Gestaltung von Fotos und Rezepten wirkt auf mich insgesamt allerdings ein wenig zu unterkühlt. Dem Rezeptteil schließt sich ein Informationsteil über einzelne Beeren an, auch dieser mit vielen großformatigen Fotos und manch interessanten Hintergrundinformationen, allerdings ist der Textanteil im Vergleich zu den Fotos etwas klein. Auch ist die im Buch vorgestellte Beerenvielfalt etwas eingeschränkt.

Die Rezepte haben mir gut gefallen. In den Kategorien Frühstück, Gebäck, Herzhaft, Desserts, Eis und Getränke findet sich eine gute Auswahl einfallsreicher Rezepte, die zudem alle ohne großen Aufwand zubereitet werden können. Sehr bedauerlich fand ich das Fehlen der Nährwerte! Gut gefallen hat mir dagegen, daß bei den herzhaften Rezepten mehrere vegetarische Gerichte enthalten waren. Die Rezepte selbst sind eine gute Mischung aus traditionellen und ungewöhnlicheren Gerichten, hier sollte sich für jeden Geschmack etwas finden. Der Einsatz von Kräutern und Gewürzen hat mich angesprochen, sehr schön sind auch kleine neue Noten für bekannte Gerichte, so z.B. der Zusatz von Zitronenverbene bei einem Johannisbeersirup. Man merkt im Buch, daß hier frisch und innovativ gedacht wurde. Ich habe schon beim ersten Durchsehen viele Rezepte gefunden, die ich ausprobieren möchte.

So liefert „Hello Berries“ mit kleinen Abstrichen kreative, gut umsetzbare Ideen, um die Vielfalt der Beerenwelt zu entdecken und genießen.

  • Cover
Veröffentlicht am 14.08.2021

Interessante Themen, viel zu oberflächlich betrachtet

Ein erhabenes Königreich
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Ich habe sehr lange gebraucht, mich durch dieses Buch zu kämpfen, weil ich immer wieder versuchte, es zu mögen und es mir immer wieder misslang. Hier gibt es gleich mehrere Thematiken, die mich ansprechen: ...

Ich habe sehr lange gebraucht, mich durch dieses Buch zu kämpfen, weil ich immer wieder versuchte, es zu mögen und es mir immer wieder misslang. Hier gibt es gleich mehrere Thematiken, die mich ansprechen: Wie lebt es sich als schwarze Frau in den USA? Wie kommt jemand aus Ghana mit dem amerikanischen Leben zurecht - welche interkulturellen Erlebnisse/Gedanken stellen sich ein? Die Depression der Mutter und der naturwissenschaftliche Ansatz der Tochter - welche Einsichten ergeben sich daraus? Ich war also sehr gespannt auf dieses Buch.

Schon zu Beginn erfreute mich der Schreibstil. Er ist eingängig, der Umgang mit Sprache erfreulich, vom Stil her läßt es sich ausgezeichnet lesen. Es ist der Inhalt, der mir das Lesen zur schweren Aufgabe machte. Die Ich-Erzählerin Gifty berichtet distanziert und bleibt dadurch sehr blass, fast wie eine Nebengestalt ihrer eigenen Geschichte. Sie interessierte mich schlichtweg nicht und das beeinträchtigt bei einer Ich-Erzählerin auch das Interesse am Buch. Sie grübelt ausführlich über vieles nach, wie den Umgang mit ihrer Mutter, ihr eigenes Balancieren zwischen der traditionellen, extrem christlich geprägten Welt, aus der sie kommt, und dem naturwissenschaftlichen Ivy-League-Umfeld, in dem sie sich bewegt. Sie betrachtet die Depression ihrer Mutter fast klinisch, sucht aber auch Zuflucht im Altvertrauten, wie z.B. den ghanaischen Gerichten. Dieses Balancieren zwischen den Welten wäre ausgesprochen interessant, wenn es nicht so dahinschleppend erzählt würde. Yaa Gyasi berichtet mäandernd, detailreich und leider oft belanglos. Das Buch ist ein Sammelsurium aus Anekdoten, die Autorin springt zwischen den Zeiten umher, so daß sich ein Abend mit einem Kollegen nahtlos an eine Geschichte aus ihrer frühen Kindheit reiht. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber originell und könnte das Geschehen durchaus gelungen auflockern. Es ändert aber nichts daran, daß diese Anekdoten größtenteils uninteressant sind. Kleine Alltagsgeschehnisse werden durch viele Worte aufgebauscht; man liest und wartet auf den Moment, der verdeutlicht, warum uns dies erzählt wird, welches Licht es auf das Ganze wirft, und muß zu oft erkennen: es ist nicht viel dahinter. Die ganzen interessanten Themen werden nur oberflächlich angekratzt. Man merkt beim Lesen: hier wäre so viel Aufregendes zu entdecken, aber man erhascht nur einen raschen Blick durch einen Türspalt, bevor einem die Tür vor der Nase geschlossen wird.

Auch viele Wiederholungen und einander ähnliche Anekdoten tragen zur Trägheit des Buches bei. Alles stellt sich in austauschbaren Episoden ohne viel Tiefe dar. Es gibt so viele Abschnitte, bei denen meine Gedanken abschweiften, weil ich mich beim Lesen einfach nur langweilte. Es werden sehr viele Worte gemacht, aber es wird wenig gesagt. Andere Abschnitte machten mich ziemlich wütend: zu Giftys Beruf gehören Tierversuche mit Mäusen. Sie unterzieht diese Tiere unnötigen Operationen, pflanzt ihnen Apparate ins Gehirn, unterzieht sie Versuchsreihen, in denen sie sich verletzen, macht sie süchtig und setzt sie auf Entzug. Diese abscheulichen Dinge berichtet sie, als ob sie normal und akzeptabel wären. Normal sind sie in einer Welt, die sich anderer Lebewesen mit dem brutalen Recht des Stärkeren bedient, ja leider. Diese völlig unkritische Art, über diese abstoßenden Praktiken zu berichten, hat einen großen Teil dazu beigetragen, mir dieses Buch zu verleiden. Gifty, die sonst alles endlos zerdenkt, erlaubt sich zwischendurch einen kurzen Gedanken daran, daß sie hier Lebewesen mit Gefühlen und Schmerzempfinden quält, schiebt diesen Gedanken aber schnell zur Seite – das fällt ihr im Gegensatz zu allen anderen Gedanken dann auch sehr leicht. Sie beschreibt dann sogar noch, wie „sorgfältig“ sie auf die Tiere achtet, die sie quält, und wie „leid“ ihr eine Maus tut, die durch ihre Versuche bereits dauerhaft verletzt ist. Diese Heuchelei war abstoßend.

Über die Themen, die mich interessierten, habe ich erstaunlich wenig erfahren. Die Autorin hätte uns so viele wertvolle, aufschlußreiche Einblicke geben können, aber sie springt von einem Thema zum nächsten, ergeht sich in banalen Nebensächlichkeiten und Details. Wenn ich auf die zähe Lektüre zurückblicke und mich fragte: Was habe ich aus diesem Buch mitgenommen?, so ist die Antwort recht überschaubar.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.08.2021

Interessante Geschichte, die stilistisch aber nicht überzeugt

Flucht durch Schwaben
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Die Thematik des Buches hat mich sofort angesprochen, weil diese interessante Zeit bisher nur äußerst selten literarisch behandelt wurde und ich mich freute, mehr darüber zu lernen. Auch der auf reduzierte ...

Die Thematik des Buches hat mich sofort angesprochen, weil diese interessante Zeit bisher nur äußerst selten literarisch behandelt wurde und ich mich freute, mehr darüber zu lernen. Auch der auf reduzierte Weise gelungene Einband hat mich sofort angesprochen. Dieser ist ausnehmend schön gestaltet. Sehr schön fand ich auch, daß wir vorne im Buch zwei Übersichtskarten der Gegend finden, in der die Handlung stattfindet. Direkt dahinter ist ein ausführliches Glossar, das bereits viele nützliche und interessante Hintergrundinformationen bietet. Es hat mir gefallen, daß es vorne im Buch war. Was den erhofften Lerneffekt angeht, wurden meine Erwartungen absolut erfüllt. Der Autor ist Historiker und man merkt, wie viel Wissen und Recherche in die Geschichte eingeflossen sind. Gelungen ist es auch, daß er die damals gebräuchlichen Ortsnahmen verwendet. So wird der Bodensee Bodamansee genannt, das Allgäu Albgau, etc. Dank des Glossars und der Karte ist man auch bei einem nicht geläufigen damaligen Namen gleich gut informiert, um welchen Ort es sich handelt.

Stilistisch aber hat mich das Buch nicht überzeugt. Hier war mein Hauptkritikpunkt die viel zu modernen Dialoge. Niemand erwartet authentische Sprache des 9. Jahrhunderts oder verkrampft auf "alt" getrimmte gestelzte Dialoge. Aber hier benutzen die Charaktere häufig Ausdrücke, die erst etwa seit den 1970ern/80ern Eingang in den Sprachgebrauch fanden. "Euch ist schon klar", "möchte gerade einen Spruch loswerden", "Da hatten wir echt noch mal Glück" oder "Komm zum Punkt" - das sind Dialoge, die schon in einem 1926 spielenden Buch viel zu modern wären. In einem 926 spielenden Buch sind sie absolut fehl am Platz. So kann man nicht in die Atmosphäre jener Zeit eintauchen und es war beim Lesen höchst irritierend.

Auch sonst ist der Schreibstil eher einfach gehalten, es kommt selten Atmosphäre auf, die Sprache vermittelt die Informationen, erfreut aber - abgesehen von einigen Passagen - nicht. Hinzu kommen mehrere grammatikalisch unbeholfene oder falsche Sätze, wie z.B. "Anna dreht sich voller Freude um, wird dabei jedoch derart mahnend angeschaut, sodass sie ihre Stimme dämpft." Ein Fünfzehnjähriger fängt einige Seiten lang an, plötzlich überallhin zu "schreiten". Das würde passen, wenn der Fünfzehnjährige ein Prinz o.ä. wäre, hätte aber selbst dann durch die häufigen Wiederholungen dieses Verbs in einem kurzen Abschnitt unpassend gewirkt. Zwischendurch schreitet er sogar gutgelaunt. Gutgelauntes Schreiten kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. An einer Stelle wird von der "vertrauten Stimme" eines Charakters berichtet, der bisher nur einen Satz gesagt hat und dem Erzähler vorher nicht bekannt sind. Eine Passage wird einige Seiten später fast wortgleich wiederholt. Diese Dinge kommen häufig genug vor, um das Lesevergnügen zu stören und hätten durch ein gutes Lektorat vermieden werden können. Auch Tippfehler kamen häufiger vor und mittendrin wird der Bodamannsee plötzlich mehrfach "Bodensee" genannt.

Wir erfahren die Geschichte durch Marcus, der als Ich-Erzähler fungiert und in der Gegenwartsform erzählt. Das fand ich angenehm ungewöhnlich. Durch die subjektive Perspektive und die Gegenwartsform bekommt das Geschehen eine gelungene Unmittelbarkeit. Interessant ist auch, daß Marcus über seine eigene Herkunft wenig weiß und sich im Laufe des Buches hier und da ein paar neue Informationen ergeben, die zu seinem Bild beitragen. Da ist man beim Lesen schon gespannt, was man noch über ihn erfahren wird. Leider bleibt die Charakterzeichnung aber überwiegend oberflächlich. Während sich Marcus etwas entwickelt und wir auch ein wenig über seine Gedanken erfahren, fehlt es den Charakteren allgemein an Tiefe. Marcus begegnet der jungen Anna, ist nach einem einzigen kurzen Blickaustausch schon überzeugt, ohne sie nicht leben zu können, ohne daß es dem Leser nachvollziehbar geschildert wird. Anna hat Potential, ist eine interessante Protagonistin, wird aber auch nicht wirklich entwickelt. Dann tauchen zahlreiche Nebencharaktere auf, die sich fast nur durch ihre Namen unterscheiden. Man kann sie kaum zuordnen, sie hinterlassen keine Eindruck und das führte zumindest bei mir dazu, daß sie mich auch nicht anrührten. Die zu moderne Sprache, der eher einfache Stil und die fehlende Tiefe wären für ein Jugendbuch vielleicht gut geeignet, bei einem historischen Roman können sie zumindest mich nicht überzeugen.

Im ersten Drittel sind auch die Geschehnisse ohne große Tiefe geschildert. Wir sind direkt mitten im Geschehen, was gut und interessant ist, aber dann folgen rasch zahlreiche kurze Szenen, denen wichtige Details fehlen, welche den Leser in das Geschehen eintauchen lassen, die sich oft auch ähneln. Man rast durch dieses erste Drittel, bekommt lauter kurze Einblicke. Fehlende Leerzeilen zwischen zeitlich auseinanderliegende Szenen führen auch manchmal zu Verwirrung. Dies bessert sich allerdings ab dem zweiten Drittel, dort kommen wir ein wenig zur Ruhe - es passiert zwar weiterhin viel, aber der Autor nimmt sich mehr Zeit, Szenen zu schildern und Atmosphäre zu schaffen. Wir bekommen recht vielfältige Einblicke in das Leben jener Zeit, hier hat das Lesen Spaß gemacht, davon hätte ich auch gerne noch mehr gelesen. Historische Informationen sind überwiegend gut eingebunden und auch was die Handlung betrifft, hat sich der Autor viel einfallen lassen. Langweilig wird es nicht und gut gefallen hat mir auch der Realismus - es läuft nicht immer alles glatt, es kommen keinen glücklichen Zufälle zur Hilfe.

Mit mehr Tiefe, besser ausgearbeiteten Charakteren und mehr stilistischer Sorgfalt gerade bei den Dialogen hätte es ein Buch sein können, das mich begeistert. So hat es mich leider nicht berührt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.08.2021

Sprachgewaltig, hervorragend recherchiert, tief berührend

Geliebter Dietrich
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In „Geliebter Dietrich“ berichtet Amanda Barratt in wundervoller Sprache und auf Basis sorgfältiger Recherchen über die letzten Jahre im Leben Dietrich Bonhoeffers. Der Fokus liegt hier sowohl auf seiner ...

In „Geliebter Dietrich“ berichtet Amanda Barratt in wundervoller Sprache und auf Basis sorgfältiger Recherchen über die letzten Jahre im Leben Dietrich Bonhoeffers. Der Fokus liegt hier sowohl auf seiner Liebe zu Maria von Wedemeyer wie auch auf seiner Arbeit im Widerstand.

Der Schreibstil hat mich von Anfang an begeistert. Hier herrscht ein gekonnter, bildhafter und doch behutsamer Umgang mit Sprache vor, der den Leser gleich in den Bann zieht. Auch die Übersetzung ist ausgezeichnet gelungen und wird dem Stil gerecht - störend sind allerdings einige zu moderne Ausdrücke, insbesondere des häufig verwendeten „echt“ anstatt „wirklich“. „Das ist echt nett“ oder „Sie ist ein echt nette Frau“ passen weder zum sonstigen Schreibstil noch zur damaligen Zeit. Auch Begriffe wie „Outfit“ oder „Ja, klar“ ließen mich zusammenzucken.

Bemerkenswert ist es, wie Amanda Barratt die dunkle, beklemmende Atmosphäre des Lebens in dieser menschenverachtenden Diktatur darstellt. Man spürt ständig die Ausweglosigkeit, die Düsternis, die Bedrohung, sie liegt wie ein dichter Schatten über dem Geschehen. Dies gelingt ihr auf gelungen unterschwellige Weise. Nur manchmal kippt es ein wenig ins Effekthascherische. So wird uns die Gefahr für Bonhoeffer und die anderen Widerstandskämpfer manchmal in ständiger Wiederholung erklärt, obwohl sie aus dem Geschehen ohnehin hervorgeht. Auch an vereinzelten anderen Stellen finden sich Wiederholungen und effektheischende Bemerkungen. Allerdings sind dies Ausnahmen.

Obwohl die Liebesgeschichte das eigentliche Hauptthema des Buches ist, fand ich diese stellenweise nicht ganz überzeugend - das liegt aber wohl weniger an der Erzählweise als am tatsächlichen Geschehen und natürlich den ungewöhnlichen Umständen dieser Beziehung - und auch viele von Marias Abschnitten wirken manchmal ein wenig eingeschoben, ohne wirkliche Handlung. Dem stehen aber zahlreiche Abschnitte gegenüber, in denen auch Marias Schicksal sehr berührt und der Schmerz, den diese junge Frau aufgrund ihrer vielen Verluste empfunden hat, deutlich spürbar wird.

Die Arbeit des Widerstands wird kenntnisreich und sorgfältig recherchiert geschildert. Anmerkungen hinten im Buch verweisen zudem auf Quellen, so sind Ausschnitte mehrerer Briefe Bonhoeffers im Buch enthalten. Es gelingt Amanda Barrett ausgezeichnet, die Fakten in eine berührende Geschichte einzubetten, die Menschen mit Leben zu erfüllen. Das Sujet bringt es mit sich, daß dies ein düsteres, tragisches Buch ist, aber es schwingt auch Lebensbejahendes mit. Das Ende verzichtet glücklicherweise auf drastische Details und wirkt gerade dadurch intensiv und berührend. Ein kurzes Nachwort berichtet über die weiteren Schicksale der im Buch Erwähnten.

„Geliebter Dietrich“ hat mir nicht nur viele neue Informationen vermittelt und mich mit dem gelungenen Stil erfreut, sondern mich beim Lesen so stark berührt, wie es nicht viele Bücher schaffen.

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