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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.09.2025

Eine leise Hymne ans Erwachsenwerden

Beste Zeiten
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Mit „Beste Zeiten“ gelingt Jenny Mustard ein stilles, introspektives Coming-of-Age-Porträt, das vor allem durch Atmosphäre, stilistische Feinheit und eine glaubwürdige Protagonistin überzeugt. Erzählt ...

Mit „Beste Zeiten“ gelingt Jenny Mustard ein stilles, introspektives Coming-of-Age-Porträt, das vor allem durch Atmosphäre, stilistische Feinheit und eine glaubwürdige Protagonistin überzeugt. Erzählt wird aus der Perspektive von Sickan, Anfang 20, die aus einer kleinen schwedischen Stadt nach Stockholm zieht, um dort zu studieren und, wie sich bald zeigt, um sich selbst zu finden.

Sickan ist eine äußerst sympathische und authentische Protagonistin, deren Selbstzweifel und Ängste viele von uns nur zu gut kennen. Mustard gelingt es auf beeindruckende Weise, ihre inneren Konflikte, ihre Unsicherheit im Umgang mit anderen und ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu vermitteln. Ihre erste Freundschaft mit der einzigartigen, aber großzügigen Hanna und die vorsichtige erste Beziehung zum sensiblen Abbe fangen auf subtile Weise die Komplexität von menschlichen Verbindungen ein, sowohl die Freuden als auch die Unsicherheiten. Es sind gerade die leisen, alltäglichen Szenen, in denen Mustards erzählerisches Talent zur Geltung kommt: Ein missglücktes Gespräch, ein wortloser Blick, eine stille Nacht allein in der Stadt; Momente, die für mich lange nachhallen. Mir hat auch der gesellschaftskritische Subtext sehr gefallen: Klassenzugehörigkeit, Mobbing und Diskriminierung, all das sind Themen, die nie im Vordergrund stehen, aber immer mitlaufen. Stockholm ist dabei nicht nur Kulisse, sondern auch ein Ort des sozialen Wandels.
Jenny Mustards Schreibstil ist dabei durch und durch ein Vergnügen: Sie erzählt ruhig, präzise und voller Empathie, sodass man sich als Leser*innen ganz selbstverständlich in Sickans Welt verliert. Ihre Fähigkeit, starke, aber unaufdringliche Atmosphären zu schaffen, lässt einen immer wieder innehalten und nachdenken.

Fazit:
„Beste Zeiten“ ist ein herausragender Coming-of-Age-Roman, der die Herausforderungen und die Schönheit des Erwachsenwerdens mit einer seltenen Intensität und Echtheit einfängt. Jenny Mustard beweist hier ihre außergewöhnliche Fähigkeit, tief in die psychologischen Nuancen ihrer Figuren einzutauchen und eine Geschichte zu erzählen, die sowohl intim als auch universell ist. Ein wunderschöner, nachdenklicher Roman für alle, die sich nach einer feinfühligen und intensiven Lektüre sehnen.

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Veröffentlicht am 28.07.2025

Spannendes Konzept, nicht ganz ausgereifte Umsetzung

Not Quite Dead Yet
2

Mit „Not Quite Dead Yet“ wagt sich Holly Jackson erstmals in die Welt der Erwachsenen-Thriller. Und das mit einem faszinierenden Konzept: Jet Mason, 27 Jahre alt und Tochter einer wohlhabenden Familie, ...

Mit „Not Quite Dead Yet“ wagt sich Holly Jackson erstmals in die Welt der Erwachsenen-Thriller. Und das mit einem faszinierenden Konzept: Jet Mason, 27 Jahre alt und Tochter einer wohlhabenden Familie, überlebt einen brutalen Angriff nur knapp. Diagnose: eine Hirnverletzung, die sie innerhalb von sieben Tagen töten wird. Doch Jet beschließt, ihre letzten Tage nicht einfach verstreichen zu lassen, sondern sie will ihren eigenen Mord aufklären.

Die Ausgangsidee ist spannend und originell. Die Vorstellung, den eigenen Mord aufklären zu müssen, während eine tickende Zeitbombe im Kopf sitzt, sorgt sofort für ein hohes Spannungsniveau. Der Einstieg in die Geschichte ist rasant, und Jackson versteht es wie gewohnt, Leserinnen direkt in die Handlung zu ziehen. Die ersten Kapitel flogen förmlich an mir vorbei.
Allerdings lässt die Umsetzung des großartigen Konzepts über weite Strecken zu wünschen übrig. Besonders der Ton der Erzählung wirkte für ein Erwachsenenbuch stellenweise zu jugendlich. Viele Figuren, allen voran die Protagonistin, agieren sehr unreif. Jet wirkt eher wie eine trotzige Teenagerin als wie eine erwachsene Frau, die dem Tod ins Auge blickt. Ihre Gedankengänge und Entscheidungen waren für mich häufig nicht nachvollziehbar.
Während Jet mich größtenteils eher genervt hat, waren Nebenfiguren wie Billy deutlich sympathischer und brachten zumindest etwas Wärme und Tiefe in die Handlung. Leider blieb die emotionale Entwicklung vieler Figuren blass, auch weil vieles nur aus Jets Perspektive erzählt wird. Rückblicke oder alternative Blickwinkel hätten der Geschichte sicherlich gutgetan, um die Beziehungen glaubwürdiger und lebendiger wirken zu lassen.
Was Holly Jackson allerdings beherrscht, ist der Aufbau von Spannung. Trotz einiger logischer Schwächen und teils übertriebener Plot-Konstruktionen blieb ich bis zum Ende dran. Besonders die letzten Kapitel boten noch einige Überraschungen und eine emotionale Wendung, die mich tatsächlich berührt hat. Auch wenn der große Aha-Moment für mich ausblieb, war das Finale dennoch solide.

Fazit: „Not Quite Dead Yet“ ist ein unterhaltsamer Thriller mit einer originellen Idee, der jedoch unter seinem unentschlossenen Erzählstil und flachen Charakterzeichnung leidet. Für Fans von Holly Jackson oder Leser
innen, die einen leicht zugänglichen Mystery-Roman mit hohem Tempo suchen, ist das Buch durchaus lesenswert. Wer jedoch einen ausgereiften, erwachsenen Thriller erwartet, könnte enttäuscht sein.

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Veröffentlicht am 31.05.2025

Ein Sommer, der alles verändert

Sunburn
2

„Sunburn“ von Chloe Michelle Howarth ist ein queeres literarische Meisterinnenwerk. Ein
Debütroman, der sich definitiv nicht wie ein Debüt liest – intensiv, poetisch, überwältigend.

Lucy lebt im konservativen ...

„Sunburn“ von Chloe Michelle Howarth ist ein queeres literarische Meisterinnenwerk. Ein
Debütroman, der sich definitiv nicht wie ein Debüt liest – intensiv, poetisch, überwältigend.

Lucy lebt im konservativen Irland der frühen 90er. Sie steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden, zerrissen zwischen dem, was von ihr erwartet wird (Ehe, Kinder, Konformität) und dem, was in ihr erwacht: eine tiefe, alles verzehrende Liebe zu ihrer Freundin Susannah. Diese Liebe ist verboten in ihrem Umfeld, und doch fühlt sie sich so wahr, so richtig an. Dennoch wird diese zarte Blüte einer ersten großen Liebe, schnell von Scham, Angst und gesellschaftlichen Zwängen überschattet. Lucy
versucht, zwischen der Liebe zu Susannah und den Erwartungen ihrer Familie zu existieren. Diese innere Zerrissenheit wird mit einer sprachlichen Tiefe beschrieben, die atemlos macht: poetisch, kraftvoll, manchmal überbordend, aber immer wahrhaftig.
Was „Sunburn“ so besonders macht, ist nicht nur die Geschichte selbst, sondern wie sie erzählt wird. Die Gedankenwelt Lucys, voller Sehnsucht und Hoffnung, aber auch Scham und innerer Zerrissenheit, wird in einer Intensität geschildert, wie ich sie selten gelesen habe. Es fühlt sich nicht nur an, als würde man ihr zuhören, sondern als würde man selbst wieder 17 sein, sich verlieren und finden, lieben und leiden.

Es ist kaum zu glauben, dass dies ein Debütroman ist. Chloe Michelle Howarth schreibt mit einer Reife, die sprachlos macht – jede Metapher sitzt, jede Beobachtung trifft ins Mark. Dieses Buch ist gleichzeitig zeitlos und aktuell, ein intimes Porträt queerer Identität, das sowohl Schmerz als auch Schönheit feiert.

Fazit: Ein herausragendes Debüt über das Erwachsenwerden, queere Liebe und den schmerzhaften Weg zur Selbstakzeptanz. „Sunburn“ ist ein literarischer Sonnenaufgang für alle, die wissen wollen, wie es sich anfühlt, zu sich selbst zu finden – trotz allem.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Eine obsessive Liebe ohne Tiefe

Women
2

Chloé Caldwells Women ist ein kurzer, intensiver Einblick in eine erste sapphic-Beziehung – erzählt mit schonungsloser Offenheit, aber auch mit einer gewissen emotionalen Distanz, die stellenweise irritiert. ...

Chloé Caldwells Women ist ein kurzer, intensiver Einblick in eine erste sapphic-Beziehung – erzählt mit schonungsloser Offenheit, aber auch mit einer gewissen emotionalen Distanz, die stellenweise irritiert.
Die Geschichte begleitet eine namenlose Protagonistin, die sich zum ersten Mal in eine Frau verliebt – eine Erfahrung, die sie aufwühlt, verunsichert und gleichzeitig mit einer neuen Seite ihrer Identität konfrontiert. Diese innere Zerrissenheit, das obsessive Festhalten an einer Person, die einem nicht guttut, und das Ringen um Selbstdefinition sind nachvollziehbar und stellenweise authentisch beschrieben. Besonders gelungen fand ich den Versuch, queere Beziehungen abseits gängiger Klischees zu erzählen – auch wenn genau dort das Buch in problematische Stereotypen abrutscht, etwa in der Darstellung von Butch-Femme-Dynamiken, die wenig differenziert bleibt.
Was mir beim Lesen gefehlt hat, war eine stärkere emotionale Tiefe und Entwicklung. Viele Dialoge und Szenen wirkten skizzenhaft und wiederholten sich ohne klare Steigerung, sodass die Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrer Partnerin irgendwann eher ermüdete als berührte. Die Nebenfiguren blieben oft blass – obwohl sie anfangs Potenzial zeigten, verschwanden sie zu schnell aus dem Fokus, ohne nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der Hauptfigur.
Trotzdem ist Women ein interessanter Text, gerade durch seine knappe Form, die sich gut hintereinander lesen lässt. Für Leser*innen, die sich mit queerer Identitätsfindung und schwierigen Liebesbeziehungen auseinandersetzen wollen, bietet das Buch ehrliche – wenn auch nicht immer tiefgehende – Einblicke. Ich hätte mir nur gewünscht, dass Caldwell ihre Figuren und Konflikte noch etwas weiter auslotet.
Fazit: Eine lesenswerte, wenn auch nicht ganz ausgereifte Novelle über Liebe, Obsession und das Ringen mit der eigenen Identität.

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Veröffentlicht am 31.03.2025

Ein schonungslos ehrlicher Blick auf den Herzschmerz

Heartsick
1

Herzschmerz ist ein universelles Gefühl – tief, allumfassend und oft unterschätzt. In Heartsick erzählt Jessie Stephens die wahren Geschichten von drei Menschen, die die Höhen und Tiefen der Liebe durchleben ...

Herzschmerz ist ein universelles Gefühl – tief, allumfassend und oft unterschätzt. In Heartsick erzählt Jessie Stephens die wahren Geschichten von drei Menschen, die die Höhen und Tiefen der Liebe durchleben – und am Ende mit der bitteren Realität des Verlassenwerdens konfrontiert werden.
Wir begleiten Claire, die nach einer Trennung nach London zieht und sich in eine neue Liebe stürzt, nur um später erkennen zu müssen, dass manche Warnungen nicht unbeachtet bleiben sollten. Patrick erlebt seine erste große Liebe und glaubt an eine gemeinsame Zukunft – bis plötzlich alles zerbricht. Und Ana, gefangen zwischen familiärer Verantwortung und verborgenen Sehnsüchten, muss sich entscheiden, ob sie dem nachgibt, was ihr Herz ihr zuflüstert.
Was dieses Buch besonders macht, ist die Art, wie es erzählt wird: Es liest sich wie ein Roman, ist aber tief verwurzelt in der Realität. Die Schicksale dieser drei Personen sind ergreifend und ungeschönt – man leidet, hofft und fühlt mit ihnen. Besonders beeindruckend ist, wie unterschiedlich die Geschichten sind und dennoch auf dieselbe Wahrheit hinauslaufen: Liebeskummer ist nicht nur eine Episode, die man überstehen muss, sondern eine prägende Erfahrung, die uns verändert.
Allerdings gibt es auch Momente, in denen sich die Erzählung ein wenig zieht oder in bekannte Klischees verfällt. Einige Entscheidungen der Protagonisten waren schwer nachzuvollziehen, und manchmal hätte ich mir noch mehr Tiefgang bei der Reflexion über Beziehungen gewünscht. Dennoch liefert Jessie Stephens eine fesselnde und emotionale Analyse des Liebeskummers, die zum Nachdenken anregt.
Heartsick ist eine ehrliche und bewegende Lektüre, die jeder lesen sollte, der jemals geliebt hat – oder der verstehen will, was es bedeutet, sein Herz zu verlieren.

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