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Veröffentlicht am 29.03.2020

Spion wider Willen

Der Empfänger
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Anfang der 1930er Jahre befindet sich Amerika in großem Aufruhr: Ein möglicher Kriegseintritt steht unmittelbar bevor und im bunten Melting Pot New Yorks treffen Menschen unterschiedlichster Gesinnung ...

Anfang der 1930er Jahre befindet sich Amerika in großem Aufruhr: Ein möglicher Kriegseintritt steht unmittelbar bevor und im bunten Melting Pot New Yorks treffen Menschen unterschiedlichster Gesinnung aufeinander. Mitten im Aufruhr lebt Josef Klein, der auf der Suche nach einem besseren Leben aus Düsseldorf ausgewandert ist und dort seinen Bruder Carl zurückgelassen hat. Josef möchte mit dem politischen Leben der Stadt nichts zu tun haben, er geht seinem Job als Flyerverteiler nach und widmet sich in der Freizeit seinem Lieblingshobby, dem Amateurfunken. Doch genau deshalb zieht er die Aufmerksamkeit deutscher Spione auf sich, welche geheime Informationen über den Atlantik senden möchten. Josef wird unter Druck gesetzt und schneller in den gefährlichen Sumpf des deutschen Spionage-Netzwerkes hineingezogen, als ihm lieb ist.

„Der Empfänger“ von Ulla Lenze begleitet einen deutschen Auswanderer auf seiner Reise von Düsseldorf nach New York über Neuss nach Buenos Aires bis hin ins Exil nach Costa Rica, vom dem aus er sich 1956 zurückerinnert. Es werden somit fast vierzig Jahre Welt- und Lebensgeschichte abgebildet, zwar in scheinbar wild durcheinander gewürfelten Kapiteln, aber jederzeit nachvollziehbar und verständlich. Die persönliche Veränderung des Protagnistens wird vom Leser somit deutlich miterlebt, seine Entwicklung vom freudigen Aufbruch nach Amerika hin zum resignierten Flüchtling spürbar. Josef Klein ist eine eher introvertierte Persönlichkeit und somit werden seine Emotionen eher unterschwellig vermittelt. Seine Geschichte orientiert sich wohl an einem wahren Vorbild, auf das aber nicht näher eingegangen wird und zeigt insbesondere auf, wie leicht man aus der Not heraus an die falschen Leute geraten kann und nicht mehr aus deren Einflussgebiet herauskommt.

Trotz einem sehr guten Wortschatz und einer ansprechenden Erzähl- und Ausdrucksweise zieht sich die Geschichte teilweise etwas in die Länge. An einigen Stellen werden dem Leser Informationen gegeben, welche dieser nicht einordnen kann und die im weiteren Verlauf auch keine Rolle mehr spielen. Leider habe ich mich hierdurch an manchen Stellen etwas gelangweilt.

Das Cover finde ich sehr gelungen, es zeigt einen Mann in Kleidung des vergangenen Jahrhunderts. Allerdings ist dieser nicht deutlich zu erkennen, da einige Stellen – so auch das Gesicht des Mannes – verwischt sind. Dies drückt für mich aus, dass der Mann gerne anonym bleiben möchte, er sich zurückzieht, da er es bisher im Leben schwer hatte. Es passt somit wunderbar zu Josef Klein und seiner Geschichte.

Sehr gut gefällt mir der große Lerneffekt, der sich beim Lesen einstellt: Man bekommt eine gute Vorstellung von der Stimmung und Atmosphäre des New Yorks vor dem 2. Weltkrieg, wie ausgewanderte Deutsche dort gelebt haben und was sie umgetrieben hat. Eine interessante Perspektive, die mir so bis dato unbekannt war.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.03.2020

Die verstörende Wahrheit über Verity

Verity
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Die introvertierte Schriftstellerin Lowen Ashleigh ist wenig erfolgreich: Sie ist so gut wie pleite, ihr droht eine Räumungsklage und ihre (rein körperliche) Beziehung mit ihrem Agenten Corey ist bereits ...

Die introvertierte Schriftstellerin Lowen Ashleigh ist wenig erfolgreich: Sie ist so gut wie pleite, ihr droht eine Räumungsklage und ihre (rein körperliche) Beziehung mit ihrem Agenten Corey ist bereits vor einiger Zeit eingeschlafen. Da kommt das Angebot, die erfolgreiche Buchreihe der Bestseller-Autorin Verity Crawford weiterzuschreiben, genau zum richtigen Zeitpunkt. Diese ist nach einem Autounfall neurologisch beeinträchtigt und ans Bett gefesselt. Das Angebot klingt verlockend und Lowen stimmt zu. Zu Recherchezwecken darf sie einige Tage in Veritys Haus wohnen, um die Autorin besser kennen und verstehen zu lernen. Dies gelingt ihr mehr, als ihr lieb ist, denn im Arbeitszimmer der Autorin findet sie deren erschreckende Autobiographie. Noch dazu beginnt sie, sich in Veritys Mann Jeremy zu verlieben, zu dem sie sich von Anfang an stark hingezogen fühlt. Doch die Autobiographie stellt alles in Frage, was Lowen jemals geglaubt hat über die Familie zu wissen…

Ich habe Colleen Hoover als Autorin romantisch-verträumter New Adult-Liebesromane kennen und schätzen gelernt. Auch das Cover von „Verity“ deutet eine Geschichte dieser Richtung an, die Farbkombination aus rosa und lila und die ineinander übergehenden Wolken wirken sehr stimmig. Das Motiv weckt sowohl eine gewisse Neugier, als auch Melancholie; die vorüberziehenden Wolken und der fliegende Vogelschwarm symbolisieren für mich Vergänglichkeit, sowohl des Lebens und als auch der Liebe. Insgesamt ein sehr ansprechendes und gelungenes Cover – das aber leider komplett falsche Vorstellungen schürt.

Denn „Verity“ ist alles andere als eine verträumte Liebesgeschichte und somit anders als alles, was Colleen Hoover bisher geschrieben hat. Zwar ist es der Autorin auch hier wieder gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, der sich der Leser kaum entziehen kann – anders als gewohnt aber diesmal eine sehr düstere, bedrohlich wirkende. Bereits der Einstieg ins Buch ist sehr rasant, es geht ab dem ersten Satz heftig zur Sache und der Leser ist schneller mitten im Geschehen, als ihm lieb ist. Der Plot ist vielversprechend, das Stilmittel des „Buches im Buch“ eröffnet zwei zeitliche Ebenen, was interessant ist. Die brutalen Elemente ziehen sich durch das gesamte Buch, ich musste wirklich häufig schlucken. Colleen Hoover schafft es trotz der ungewohnten Ausrichtung, eine Menge Emotionen beim Leser hervorzurufen: Von Hoffnung und Freude geht es übergangslos zu Trauer, Wut, Fassungslosigkeit und Ekel. Noch dazu ist das Buch sehr sexlastig, es geht so häufig um dieses Thema, dass ich teilweise sogar schon gelangweilt davon war. Dazu sind viele Szenen sehr detailliert ausgearbeitet, so dass „Verity“ absolut nichts für schwache Nerven ist.

Auch außergewöhnlich ist, dass sämtliche Figuren mir als Leser nicht unbedingt sympathisch sind und ich diesen von Anfang an misstraut habe. Die Charaktere sind dabei allesamt komplex aufgebaut und wirken somit gleichzeitig authentisch wie rätselhaft-mysteriös, ihre Absichten sind von Anfang an nicht klar und eindeutig. Das Besondere ist, dass sie es noch nicht einmal am Ende sind und genau das ist der USP des Buches: Sein verwirrendes Ende.

Denn dieses stellt alles infrage, was man geglaubt hat zu wissen. Ich blieb absolut ratlos zurück und weiß gar nicht mehr, wem ich noch was glauben kann. Es gab gerade zum Schluss hin noch mehrere unvorhersehbare Wendungen, die genauso überraschend wie verstörend waren. Ich habe diese nicht ansatzweise kommen sehen – sie machen es aber auch nicht leichter, das Buch zu verstehen. „Verity“ ist von Colleen Hoover bis ins letzte Detail psychologisch detailliert durchdacht und ausgearbeitet worden, wovor ich den höchsten Respekt hege.

Raffiniert finde ich insofern die Doppeldeutigkeit des Titels: „Verity“ ist nicht nur der Name der Figur, die Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist, sondern es geht frei übersetzt auch um die Wahrheit: Wer lügt, welcher Person und welchem Schriftstück kann man glauben, was ist tatsächlich geschehen? Ich weiß es nicht und das lässt mich als Leser unbefriedigt und mit meiner Verwirrung alleine zurück.

Fazit:

Die Idee des Buches ist gleichermaßen ungewöhnlich wie verstörend, die Emotionen des Lesers wechseln ständig zwischen Grusel und Gefühl hin und her. Der Leser lernt Colleen Hoover von einer ganz neuen, dunklen Seite kennen, die sie bisher noch nicht gezeigt hat. Dementsprechend hatte ich andere Erwartungen an das Buch, welche enttäuscht wurden. Vielmehr kann „Verity“ locker mit jeden Psychothriller mithalten, da es erschreckend und gruselig ist und tief in menschliche Abgründe blicken lässt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.03.2020

Wie definiert man „Gerechtigkeit“?

Gerecht ist nur der Tod
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Der prominente Kölner Unternehmer Hajo Reimer wird auf dem Weg zum Traualtar erschossen. Für Kriminalhauptkommissar Schellenberg und sein Team beginnt eine Mordermittlung vor den Augen der Öffentlichkeit, ...

Der prominente Kölner Unternehmer Hajo Reimer wird auf dem Weg zum Traualtar erschossen. Für Kriminalhauptkommissar Schellenberg und sein Team beginnt eine Mordermittlung vor den Augen der Öffentlichkeit, beobachtet von der örtlichen Presse. Begleitet werden die Polizisten diesmal von der Psychologin und Journalistin Ina Reich, welche im Auftrag des Polizeipräsidenten die psychische Resilienz der Ermittler im Laufe des Falls analysieren soll – nicht zur Freude von Kommissarin Sibel Bulut. Diese misstraut Ina von der ersten Minute an und versucht, ihr das Leben schwer zu machen. Doch Ina selbst ist eine Meisterin im Verheimlichen, trägt sie doch seit längerem ein Geheimnis mit sich, das sie nicht preisgeben möchte. Doch für einen Kleinkrieg zwischen den beiden Frauen bleibt keine Zeit, denn bald schon gibt es den nächsten Toten inklusive dem Hinweis, dass noch weitere folgen werden.

„Gerecht ist nur der Tod“ von Judith Bergmann ist aus Ich-Perspektive der Journalistin und Psychologin Ina Reich erzählt, welche ihre Umgebung sehr detailliert beobachtet. Ina selbst als Person ist schwer zu fassen, sie versucht krampfhaft professionell zu bleiben und ihre Emotionen zu unterdrücken. Schnell wirkt sie auf den Leser innerlich zerrissen, da sie ein Geheimnis birgt, welches sich erst nach und nach enthüllt. Sie ist somit ein „unzuverlässiger Erzähler“, welcher Dinge verschweigt und dem Leser nicht vollen Einblick in seine Gedanken- und Handlungswelt gewährt.

Gut gefallen haben mir die sehr unterschiedlich konstruierten Figuren, auch wenn sich wenig Sympathieträger unter ihnen befinden. Jede verfügt über ihren eigenen, individuellen Charakter mit verschiedenen facettenreichen Stärken und Schwächen. Des Weiteren ergibt sich in unterschiedlichen Situationen eine faszinierende Dynamik zwischen einzelnen Figuren, welche sie überraschend handeln lassen.

Judith Bergmanns Schreibstil ist angenehm und sehr detailliert, die Handlung geht schnell voran ohne gehetzt zu wirken und lässt sich somit flüssig lesen. Die Kapitel sind nach Tagen und Uhrzeiten eingeteilt, so dass der Leser gut und engmaschig nachvollziehen kann, was wann geschieht. Interessant finde ich auch, dass der Fokus des Buches mehr auf Ina Reich als auf dem Mordfall an sich liegt. Diese faszinierende Perspektive die des eher Außenstehenden findet man nicht oft in Büchern.

Fasziniert hat mich der psychologisch raffinierte Aufbau des Buches. Die Geschichte macht neugierig, da sie zunächst schwer zu fassen ist, bis sich am Ende alles zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt. Dementsprechend überrascht war ich von der Auflösung des Falles, da sich gerade zum Showdown hin noch einige unvorhersehbare Wendungen ereignet haben. Das übergeordnete Thema ist die Frage danach, was Individuen unter „Gerechtigkeit“ empfinden. Hierzu passend das Zitat aus dem Klappentext, das meiner Meinung nach das Buch ideal zusammenfasst: „Der gerechte Tod des einen war der Tod der Gerechtigkeit für andere“.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.03.2020

Game On für zwei starke Protagonisten und eine liebenswerte Chaos-WG

Feeling Close to You
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Teagan hat es nicht einfach. In der Highschool ist sie eine Außenseiterin und fühlt sich nirgends zugehörig. Ihre Mutter hat sie vor einigen Jahren ohne ein Wort zu sagen verlassen, ihr Vater vergräbt ...

Teagan hat es nicht einfach. In der Highschool ist sie eine Außenseiterin und fühlt sich nirgends zugehörig. Ihre Mutter hat sie vor einigen Jahren ohne ein Wort zu sagen verlassen, ihr Vater vergräbt sich in seine Arbeit und findet kaum Zeit für die Tochter. Nur in der Welt der Online-Games fühlt sich Teagan verstanden und verbringt jede Nacht zockend vor ihrem Livestream, dem zunehmend mehr Menschen folgen. Eines Abends besiegt sie mehrfach einen der bekanntesten YouTube-Stars in einem Spiel – und zieht somit sein Interesse auf sich. Parker ist wahnsinnig neugierig, wer ihn so gedemütigt hat und nimmt Kontakt zu Teagan auf. Die beiden chatten und spielen immer regelmäßiger, es knistert gewaltig und spätestens nach dem ersten Treffen im „real life“ lässt sich nicht mehr bestreiten, dass die beiden Gefühle füreinander entwickelt haben. Doch jeder hat gute Gründe dafür, warum eine Beziehung gerade so überhaupt nicht in das eigene Leben passt. Heißt es für die beiden eher „Game over“ oder „…to be continued“?!

„Feeling close to you“ von Bianca Iosivoni hat mich in eine bis dato unbekannte Welt entführt: Die Welt des Gamings und Streamings von Online-Spielen. Hier wurde ein absolut modernes und angesagtes Thema aufgegriffen, dass eher selten in Büchern thematisiert wird. Als Laie habe ich mir zu Anfang etwas schwer mit dieser Gaming-Welt getan und habe ich etwas gebraucht, um mich auf sie einzulassen – was sich aber absolut gelohnt hat! Durch anschauliche, realitätsnahe Beschreibungen kann ich die Begeisterung vieler junger Menschen für Online-Games nun besser nachvollziehen und habe das Gefühl, Zugang zu einer mir bisher unbekannten Welt bekommen zu haben – und das ist spannend und bereichernd gleichermaßen.

Am meisten begeistert haben mich an Bianca Iosivonis Buch ihre wahnsinnig liebevoll und durch und durch authentisch konstruierten Charaktere! Toll, dass mit Teagan eine so ungewöhnliche Frauenfigur als Protagonistin geschaffen wurde: Sie ist nicht nur Gamerin, sondern in ihrer Art auch taff, frech, selbstbewusst und unerschrocken. Auch gefällt mir ihr zynisch-sarkastischer Humor und dass sie offen ihre Meinung äußert und sich nicht scheut, Contra zu geben. Demgegenüber steht der liebenswerte Parker, der trotz seiner Follower-Zahlen komplett auf dem Boden geblieben ist, empathisch auf seine Umwelt eingeht und sich selbstlos um seine Familie kümmert. Die beiden nähern sich langsam und vorsichtig-neckend an, ohne dass es kitschig oder aufgesetzt wirkt. Die Emotionen und das Knistern zwischen beiden sind deutlich spürbar und übertragen sich automatisch auf den Leser.

Besonders sind aber nicht nur diese beiden starken und sympathischen Hauptcharaktere, sondern die Vielzahl an Nebendarstellern, die in ihrer jeweiligen Individualität so gut getroffen wurden, dass der Leser sie einfach nur ins Herz schließen muss! Bianca Iosivoni hat eine Wohngemeinschaft in Florida geschaffen, in die man sofort einziehen möchte und in der man sich als Leser zu jeder einzelnen Person ein eigenes Buch wünscht. Ich habe so häufig herzlich losgelacht wie selten beim Lesen. Ganz große Klasse!

Der Schreibstil Bianca Iosivonis ist flüssig und gut zu lesen. Ich liebe den sarkastischen Humor des Buches, es ist kurzweilig und macht einfach nur Spaß! Sehr passend ist die Bezeichnung der einzelnen Kapitel als „Level“, des Epilogs als „Bonuslevel“ – so bleibt das Gaming-Thema durchgängig präsent. Ebenfalls gefielen mir die eingebauten Stilelemente moderner Kommunikation: Zwischen Parker und Teagan werden jede Menge Chats, SMS und Nachrichten hin und her geschickt, aufgelockert durch jeweils passende Emojis. daumenhoch

Erst im letzten Drittel des Buches verliert sich die Leichtigkeit des anfänglichen Annäherns der Protagonisten ein wenig. Gerade das Ende kommt sehr schnell und wirkt überstürzt. Hier hätte ich mir etwas mehr Hintergrundinformationen und noch ein ganzes Stück Story gewünscht. Des Weiteren sind mir einige Erzählstränge zu viel offen geblieben, insbesondere das wichtigstes Thema, das Teagans Verhalten erklärt und im Buch ständig erwähnt wird, bleibt offen. Auch wirkt die Dramatik am Ende etwas konstruiert, hier konnte ich im Gegensatz zum Rest des Buches das Verhalten einzelner Personen leider nicht nachvollziehen, da es auf mich teilweise nicht authentisch wirkte, sondern eher wie ein Bruch in den ansonsten sehr schlüssig konzipierten Charakteren. Schade, das hat dem Buch einen schalen Nachgeschmack hinterlassen, den es nicht verdient hat.

Mein Fazit:

„Feeling close to you“ ist ein modernes Buch mit modernen Protagonisten, einem modernen Thema, umgesetzt mit modernen Stilelementen. Trotz inhaltlicher Schwächen zum Ende hin ist es ein Buch, das mit berührt hat, thematisch zu 100 Prozent in die heutige Zeit passt und insbesondere aufgrund der liebenswertesten WG aller Zeiten einfach nur jede Menge Spaß macht!

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Gefühl
Veröffentlicht am 22.03.2020

Wertvolle Reise in die traurigsten Jahre Würzburgs

Zeit des Sturms
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Die Residenzstadt Würzburg kurz vor der Machtergreifung der NSDAP. Die 19jährige Sophia Wagner lebt mit ihren beiden Schwestern und den Eltern ein privilegiertes Leben, ihr Vater ist Parteimitglied und ...

Die Residenzstadt Würzburg kurz vor der Machtergreifung der NSDAP. Die 19jährige Sophia Wagner lebt mit ihren beiden Schwestern und den Eltern ein privilegiertes Leben, ihr Vater ist Parteimitglied und hat eine Baufirma, die älteste Schwester ein Kaufhaus. Obwohl nicht gewählt breitet sich die NSDAP in Würzburg aus, schikaniert die Bevölkerung und verbreitet ihre gefährliche Ideologie. Sophia ist dies schon länger ein Dorn im Auge, sie beschließt, nicht länger wegzusehen. Als sie Martin kennenlernt, der im christlichen Widerstand aktiv ist, schließt sich Sophia seiner Gruppierung an und verliebt sich in ihn. Mit ihrem künstlerischen Talent trägt sie dazu bei, Flugblätter der Bewegung zu illustrieren, um die Würzburger Bevölkerung aufzurütteln. Doch die Machtübernahme der Nationalsozialisten ist unaufhaltsam und schließlich wird Martin gesucht. Sophia hält ihn versteckt und verhilft ihm zur Flucht – wissend, dass sie damit sich und ihre Familie in größte Gefahr bringt.

„Zeit des Sturms“ ist der 2. Band der „Kaufhausdynastie“-Reihe der Würzburger Autorin Mila Sommerfeld. Ich habe Band 1 nicht gelesen, aber mir hat nichts gefehlt. Die Geschichte wirkt und steht für sich und ist auch erst ab dem zweiten Band ohne Abstriche gut verständlich. Insgesamt gefällt mir die Herangehensweise, dasselbe Geschehen aus Sicht von drei sehr unterschiedlichen Schwestern zu betrachten sehr gut. Jede hat ihre eigene Perspektive auf die Ereignisse und eigene Sorgen und Nöte. Ich bin auf jeden Fall sehr neugierig auf die anderen beiden Bände geworden.

Die Protagonistin Sophia wird als mutige, couragierte junge Frau dargestellt, die sich nicht einschüchtern lässt und großes Rückgrat zeigt. Dadurch, dass im Buch mehrere Jahre abgebildet werden spürt man, wie die zunächst stürmische, impulsive und an manchen Stellen auch etwas naive Sophia wächst und reift, rationaler vorgeht und ihr Handeln reflektiert. Eine absolut starke und bewundernswerte Frauenfigur! Auch ihre beiden Schwestern lernt der Leser gut kennen und begreift schnell, in welchen Eigenschaften und Einstellungen sich die drei unterscheiden. Einige Randfiguren hingegen bleiben eher blass, was aber aufgrund der Vielzahl der Begegnungen innerhalb mehrerer Jahre verständlich ist.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr vielfältig. Durch ihre bildliche Darstellung konnte ich viele Dinge gut nachvollziehen, insbesondere der Gang durch die mir wohlbekannte Stadt Würzburg war absolut authentisch und lebensnah. Auch das Kriegsgeschehen wurde treffend eingefangen, es ist Mila Sommerfeld gut gelungen, den grausamen, unverständlichen Krieg in Worte zu fassen. Aber auch in erschütternden Alltagsszenen, in denen die zahlreichen täglichen „kleinen“ Schikanen dargestellt werden, offenbart sich die Stimmung und Atmosphäre der damaligen Zeit: Jeder leidet, aber die meisten sehen weg, um sich selbst zu schützen. Dadurch wurde ich als Leser emotional sehr stark angesprochen und musste insbesondere mit Sophia mitleiden, hoffen und kämpfen. Diese realitätsnahe Darstellung lässt darauf schließen, dass die Autorin sehr viel Zeit und Herzblut in ihre Recherche zum Buch gesteckt hat, um ein authentisches Bild der damaligen Verhältnisse abliefern zu können – was ihr auch absolut gelungen ist.

Den einzigen Punkt Abzug gibt es nur dafür, dass es mir an manchen Stellen etwas zu schnell ging. Einige Ereignisse, über die ich gerne mehr erfahren hätte, werden dann doch relativ fix und sachlich abgehandelt, wirken durch den kurzen Satzbau teilweise gehetzt und manche Wendungen sind somit nur schwer nachvollziehbar. Vielleicht ist dies aber auch Absicht, da in den anderen beiden Bänden der Fokus verstärkt auf diesen Aspekten liegen soll.

Fazit:

Eine wahnsinnig interessante Reise in die düsterste Zeit der Residenzstadt Würzburg mit einer absolut starken Frauenfigur, die Mut beweist und Hoffnung bringt. „Zeit des Sturms“ macht betroffen und regt den Leser zum Nachdenken darüber an, dass sich solche Zeiten niemals wiederholen dürfen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere