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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.06.2019

Stechende Biester oder liebenswerte Lebewesen?

Bienenleben
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Wer kennt sie nicht - Sarah Wiener? Bekannt wurde sie den Fernsehzuschauern durch das Kochen. Eine Frau in einer von Männern beherrschten Domäne. Im TV konnte man sie mit Spitzenköche dieses Landes um ...

Wer kennt sie nicht - Sarah Wiener? Bekannt wurde sie den Fernsehzuschauern durch das Kochen. Eine Frau in einer von Männern beherrschten Domäne. Im TV konnte man sie mit Spitzenköche dieses Landes um die Wette kochen sehen. Doch ihre Talente sind noch viel weitreichender. Egal was Sarah Wiener in der Vergangenheit anpackte - man denke nur einmal an eine TV Serie über ihre kulinarischen Reisen - sie vermittelt immer den Eindruck, dass sie alles mit vollem und persönlichem Einsatz durchzieht. Auch das Bücherschreiben.

Das vorliegende Werk "Bienenleben", Vom Glück, Teil der Natur zu sein, sprüht nur so vor Lebensfreude darüber, im Einklang mit der Umwelt zu leben. Wie Sarah Wiener schreibt, kam sie eher zufällig zum Imkern. Es war ein langer und schleichender Prozess, angefangen bei einer zufälligen Bekanntschaft mit einem Imker, über einen Lehrgang der Bienenhaltung. Bis es sie endlich voll packte und ihr erstes Bienenvolk bei ihr Einzug halten konnte. Doch wo ein Bienenvolk ist, da kommen meist noch mehrere hinzu. Imkern, das ist etwas das auch im Leben von Sarah Wiener immer mehr Zeit und Raum einnahm und sich im Laufe der Zeit immer weiter entwickelte, bis es in richtige Arbeit ausartete.

Sie lässt den Leser daran teilhaben, wie und wo sie die besten Standplätze für ihre Völker auswählte, damit es den Tieren auch gut gehen sollte. Dass es sich für sie dabei nicht nur um irgendwelche Tiere handelte zeigt sich allein schon daran, dass jedes Volk von ihr einen eigenen Namen bekam. Es liest sich, als seien die Bienen ihre persönlichen Freunde, so wie für andere Leute der Hund oder die Katze.

"Bienenleben" ist einerseits ein Sachbuch über das Imkern mit vielen sachlichen Infos, als auch ein persönlicher Erfahrungsbericht von Sarah Wiener über ihre Erfahrungen mit der Bienenhaltung. Der erste eigene Honig - was ein Genuss! Manchmal sind die Tiere für sie schwärmende Freunde und dann auch mal stechwütige Biester. Eins schließt das Andere nicht aus.

Ich selbst habe dieses Buch zweimal hintereinander gelesen, da ich diese Flut an Bienenwissen nicht bei einem einzigen Durchgang in seiner ganzen Fülle erfassen konnte. Der flüssige Schreibstil, als auch die immer wieder eingestreuten persönlichen Anekdoten, machen das Lesen dieses Buches für mich zu einem echten Vergnügen. Hätten wir nicht schon einige Bienenvölker im Garten, wäre ich ganz sicher von Sarah Wieners Enthusiasmus über die Bienenhaltung gepackt und würde zumindest einmal einen Bienenlehrstand besuchen. Dieses Buch weckt auf jeden Fall das Interesse an unserer direkten, bienenfreundlichen Umwelt. Bienen sind nun mal tatsächlich nicht nur stechende Biester, sondern kleine, pelzige Individuen, die unsere Natur am Laufen halten. Man muss ihre Schönheit und Außergewöhnlichkeit nur sehen wollen.

Veröffentlicht am 14.06.2019

Wie wurde Axel Milberg zu dem Schauspieler und der Person, die er nun ist?

Düsternbrook
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Den meisten TV-Zuschauern dürfte der Name Axel Milberg ein Begriff sein. Egal ob als kautziger Arzt einer Serie oder als Familienmensch - seine Rollen verkörpert er immer mit einer persönlichen Eleganz, ...

Den meisten TV-Zuschauern dürfte der Name Axel Milberg ein Begriff sein. Egal ob als kautziger Arzt einer Serie oder als Familienmensch - seine Rollen verkörpert er immer mit einer persönlichen Eleganz, die nie aufgesetzt wirkt. Auch als Tatort-Kommissar bewahrt er immer Stil.

Und nun ist er unter die Schriftsteller gegangen und präsentiert den Lesern sein erstes Buch "Düsternbrook". Ist es eine Biographie? Eher nicht. Dafür enthält es zu viel wörtliche Rede und der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass er Realität mit seiner Phantasie paarte. Also ein biographischer Roman? Auch das würde ich verneinen, denn einem Roman gleicht dieses Buch eher weniger. Dafür fehlt der fortlaufende Handlungsstrang

Axel Milberg hat Episoden seiner Kindheit und Jugend in einzelne, mal kürzere, mal längere Kapitel verpackt. (S. 29) Worin liegt der Unterschied von Aliens, die allgegenwärtig sind, uns überwachen (eine Begegnung mit Erich v. Däniken) und den Alliierten? Von den Familientreffen schreibt er auf Seite 69 über das Eintreffen und die Begrüßung der Verwandten, ".... wurde eine erste Übersicht über die neuesten Krankheiten gegeben...." Na, wer kennt das nicht, dass Krankheiten wie eine Errungenschaft vor sich hergetragen werden.

Aufgewachsen ist er in Düsternbrook, einem vornehmen Villenviertel Lübecks. So wie er seine Familie und deren Freunde beschreibt, wird einem sofort klar woher Axel M. seine angeborene Eleganz hat, mit der er seinen unterschiedlichsten Rollen Ausdruck verleiht. Das ist weder künstlich einstudiert noch aufgesetzt - diese Eleganz ist Teil seiner Person und ich kam beim Lesen zu der Erkenntnis, dies ist sein Erbe. Der Vater war vom Krieg gezeichnet, die Mutter Ärztin und beide im Umgang mit ihren Kindern nicht zimperlich. Drückte sie doch beim Mittagessen einem ihrer Sprösslinge das Gesicht auf den Teller mit Spinat, als dieses gesunde Gemüse keinen Anklang fand.

Wir lesen von seinen Kinderfreundschaften die von den Eltern manchmal unterbunden wurden, weil das jeweilige Kind angeblich kein guter Umgang für ihn sei. Also bleibt der kleine Axel oft für sich. Diese Distanz bleibt selbst später noch deutlich, nachdem er sein Abitur ablegte. Seite 213: "...Plötzlich waren die Freunde weg. Ich hatte vergessen, mich mit ihnen für das Leben nach der Schule zu verabreden...." Wir bekommen Einblicke in seine damalige Familie, lernen seine Eltern kennen und kennen sie am Ende doch nicht. Alles bleibt doch irgendwie vornehm zurückhaltend. Natürlich gibt es in der Familie auch einen illustren Onkel, der nie geheiratet, aber einen männlichen Freundeskreis hatte, über den man nicht ausführlich sprach. Auch hier geht alles sehr dezent zu.

Die ersten Kontakte zur Schauspielerei bekommt Axel M. schon in der Schule. Das war für mich eines der schönsten Kapitel, als er seine Begegnung mit Gert Fröbe beschreibt. Dieser Vollblutschauspieler, der genügend Geld, Berühmtheit und Erfolg hatte - man denke nur an "Goldfinger" - und sich nun den Luxus leistete, in einer Schule seinem Publikum Auge in Auge gegenüber zu stehen. Bei dieser Gelegenheit traut sich der Schüler Axel M. erstmals zu offenbaren, dass er Schauspieler werden möchte. Mit dem Beginn seiner Ausbildung zu seinem Traumberuf endet das vorliegende Buch.

Die Lektüre vermittelt einen Einblick in die Kindheit und Jugend des Schauspielers Axel Milberg. Aber am Ende war ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich den Menschen Axel M. kennengelernt habe oder nicht eher den Menschen, den er seinem Publikum präsentiert. Auf jeden Fall ist es eine leicht lesbare und unterhaltsame Lektüre.

Veröffentlicht am 14.06.2019

Wie fühlt sich im Krieg die Angst vor dem Sterben an?

Sämtliche Erzählungen
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Wolfgang Borchert - wird dieser Schriftsteller heute überhaupt noch von der jungen Generation gelesen? Diese greifbare Traurigkeit oder sollte ich besser schreiben Verzweiflung, die seine Erzählungen ...

Wolfgang Borchert - wird dieser Schriftsteller heute überhaupt noch von der jungen Generation gelesen? Diese greifbare Traurigkeit oder sollte ich besser schreiben Verzweiflung, die seine Erzählungen überlagern, lassen wohl niemanden unberührt. Oder ist man in unserem Land inzwischen der Überzeugung, dass unser Frieden eine Selbstverständlichkeit ist? Können sich die Nachkriegsgenerationen überhaupt noch vorstellen, dass junge Männer in den Krieg ziehen mussten um andere Menschen zu töten, die ihnen nichts getan hatten und die sie nicht einmal kannten? Wie erging es ihnen dabei? Wie fühlt sich die Angst vor dem Sterben im Krieg an? Will man das überhaupt noch wissen - nach so vielen Jahren?

In dieser Hör-CD "Sämtliche Erzählungen" von Wolfgang Borchert lässt uns der viel zu früh verstorbene Autor an den vielen Dramen, mit der man der Kriegsgeneration ihre Jungend und viel zu oft sogar das Leben raubte, teilhaben. Über fast allen Kurzgeschichten liegt eine Traurigkeit, die einen beim Hören in die Seele trifft. Florens Schmidt als Sprecher war für diese CD die richtige Wahl. Mit seiner wandelbaren und eindringlichen Stimme setzt er die Erzählungen perfekt um.

Ich selbst kannte Wolfgang Borchert bisher nur von dem Theaterstück "Draußen vor der Tür", das mich jahrelang in Gedanken beschäftigte und mich in seiner Dramatik nicht mehr losließ. Und nun diese CD mit den sämtlichen Erzählungen des gleichen Autors, denen ich immer wieder lauschte. Egal wie oft ich die einzelnen Kurzgeschichten hörte, immer filterte sich mir wieder etwas Neues heraus. Dies ist keine Hör-CD die man einmal anhört und danach zur Tagesordnung übergeht. Dafür sind die Texte zu eindringlich.

Der 5. Titel "Generation ohne Abschied" berührte mich besonders intensiv. Genau so klang es für mich als kleines Kind, wenn die Erwachsenen von ihren Erlebnissen während des Krieges sprachen. Die Worte waren damals ganz sicher anders gewählt, jedoch der tiefere Sinn glich dem, was Wolfang Borchert in "Generation ohne Abschied" ausdrückte.

Dieses Hörbuch ist außergewöhnlich und ich glaube nicht, dass es die Bestsellerliste stürmt und bei der breiten Masse seine Fans findet. Wer sich auf diese Erzählungen einlässt, der sucht das Besondere und wird bei Wolfgang Borchert fündig.

Veröffentlicht am 28.05.2019

Ein Lakota zwischen Tradition und Moderne

Indian Cowboy
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In dem vorliegenden Buch "Der Jäger" aus der Serie "Indian Cowboy" von Brita Rose Billert begegnen wir erneut Ryan Black Hawk vom Stamme der Lakota. Im Grunde wird der Leser schon durch das Cover des ...

In dem vorliegenden Buch "Der Jäger" aus der Serie "Indian Cowboy" von Brita Rose Billert begegnen wir erneut Ryan Black Hawk vom Stamme der Lakota. Im Grunde wird der Leser schon durch das Cover des Buches auf die richtige Fährte gebracht.

Dieser Band beginnt dort, wo der vorherige Roman endete. Ryan wird unehrenhaft aus der Air Force entlassen. Das ist in den USA nahezu ein NO GO, wenn man eine gute Arbeitsstelle sucht. Doch zum Glück gibt es Menschen um Ryan, die seine besonderen Begabungen erkannt haben, seine Zuverlässigkeit als auch seine Menschlichkeit schätzen. Ich muss gestehen, bereits beim Lesen des ersten Bandes ist mir dieser Indianer vom Stamme der Lakota sehr vertraut geworden und ich kann ihn mir genau mit seinem schwarzen, wieder längeren Haar, seiner rot-braunen Gesichtsfarbe und seinem geschmeidigen Körperbau vorstellen. Vielleicht auch deshalb, da ich "Indianer" nicht nur von Fotos kenne, sondern schon einigen begegnet bin.

Ryan wird als Headhunter angeheuert und auf Personen angesetzt, die aus unterschiedlichen Gründen vom FBI gesucht werden. Das vorliegende Buch hat sehr viel von einem modernen Abenteurroman. Man könnte diesen auch als Road-Movie auf die Leinwand bringen. Dabei tauchen wir ein in den amerikanischen Alltag - sowohl der weißen als auch der indianischen Bevölkerung. Trucker, ein Völkchen für sich, kommen hier auch zu Wort und spielen eine gewichtige Rolle. Ich muss gestehen, während ich dieses Kapitel las sah ich diese chromblitzenden Trucks vor meinem inneren Auge auf den Freeways und hörte dieses ganz besondere Tuten, das diesen Giganten der Straße eigen ist.

Ryan bekommt eine Corvette und wird natürlich mit entsprechenden Waffen ausgerüstet. Doch für seinen Job als Headhunter braucht er vor allem einen klaren Kopf sowie Verstand und ein Gespür für Situationen als auch für seine Mitmenschen, die er für seinen Chef aufspüren soll. Es ist spannend wie in einem Krimi. Natürlich darf auch die Liebe nicht fehlen.

Was mir an dieser Reihe gut gefällt ist, dass der Leser innerhalb eines Romans etwas über die Ureinwohner der USA erfährt. Zwar werden einzelne Stammesriten nur angesprochen, doch die Autorin macht dadurch neugierig, sich näher mit den Lakota zu befassen. Dank des Internets hat heute jeder die Möglichkeit sich Informationen zu besorgen und mehr über diese Menschen zu erfahren. Insbesondere zum Stamm der Lakota gibt es richtig gut gearbeitete Seiten mit vielen Informationen.

Die Zeiten von Winnetou sind Geschichte. Die heutigen Menschen mit indianischen Wurzeln wie Ryan fahren Auto, leben meist in festen Häusern und essen amerikanisches Frühstück. Trotzdem ist sich Ryan seines indianischen Erbes bewusst und lebt es auch. Eine gute und bemerkenswerte Mischung.

Veröffentlicht am 18.05.2019

Willkommen ganz oben

Willkommen in Lake Success
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Für das Buch "Willkommen in Lake Successe" von Gary Shteyngart sollte sich der Leser Zeit lassen, sonst überliest er womöglich die vielen Feinheiten. Der Autor hat die Menschen genau beobachtet und in ...

Für das Buch "Willkommen in Lake Successe" von Gary Shteyngart sollte sich der Leser Zeit lassen, sonst überliest er womöglich die vielen Feinheiten. Der Autor hat die Menschen genau beobachtet und in einem satirischen Roman zusammengefasst, was die meisten Leute nicht gerne von sich preisgeben. Das ist wohl auch einer der Gründe, weshalb dieses Buch so erfolgreich ist.

Man findet nichts von dem banalen Herz-Schmerz der Romane, die üblicherweise unsere Bestsellerlisten stürmen. Wer darauf steht, wird dieses Buch nicht mögen. Keinen der Protagonisten schließt man ins Herz. Allein die Vorstellung solchen Menschen womöglich begegnen zu können bereitet mir Übelkeit. Und trotzdem konnte ich diesen Roman nicht weglegen, bin sogar nachts um 3 Uhr aufgestanden und habe weiter gelesen. Provokation pur.

In diesem Sinne ist das Buch genial!

Barry schafft es vom Sohn des Poolreinigers zum Millionär aufzusteigen. American Dream! Er ist erfolgreicher Fondmanager, verwaltet Milliarden. Mit seiner Ehefrau Seema bewohnt er eine 7 Millionen Dollar Wohnung in New York und das Glück wird gekrönt mit einem Wunschkind. Doch von da an geht es abwärts. Der ersehnte perfekte Sohn ist ein Autist. Mit dieser Diagnose kommen beide Elternteile nicht klar. Die Beziehung eskaliert, als sie bei einer Abendeinladung mehrere Stockwerke tiefer zu einem Schriftsteller und einer Ärztin in eine nur knapp 4 Millionen $ Wohnung eingeladen werden und deren "normaler" Sohn seinen Auftritt hat. In derselben Nacht wird Barry klar, dass seine Ehe gescheitert ist und entscheidet sich, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen und seine frühere Liebe Leyla zu suchen. Nur seine liebsten Uhren dürfen ihn begleiten. Vielleicht sind diese Dinge das einzige, an das Barry sein Herz gehängt hat. Handy, Kreditkarte - von allem trennt er sich, bevor er den Greyhoundbus besteigt.

Das erste Ziel sind die Eltern von Leyla, bei denen er auch einige Tage wohnen kann. Die früheren Rebellen sind ruhig geworden. Seite 131: "Die radikalen Intellektuellen waren ein bisschen gesetzter geworden. Sie machten sich fürs Abendessen fein".

Auf der Fahrt im Greyhound begegnet Barry dem rassistischen Amerika. Obwohl er selbst gemäßigter Republikaner ist, schockiert ihn, womit er konfrontiert wird. Da wäre Trumps Wahlkampf. Seite 203: "....die Langeweile eines kriegerischen Landes, das keinen richtigen Krieg zur Hand hatte. War es nicht das, was Trump seinen Anhängern versprach? Einen weitreichenden Konflikt, den sie sich selbst aussuchen konnten?" Als Trump bei einer Pressekonferenz einen behinderten Journalisten seiner Behinderung wegen lächerlich macht, fühlt Barry damit seinen Sohn eigenen beleidigt.

Irgendwann ist er in El Paso - bei Leyla. Auch nach so vielen Jahren kann sie seinem Charme nicht widerstehen und nach wenigen Tagen schläft Barry nicht mehr im Gästezimmer. Glaubt, Teil des Lebens von Leyla und ihrem Sohn geworden zu sein und bleibt doch ein Fremder in ihrem Haus (S. 306).

Der Ausflug nach Mexico mit Leyla und ihren UTEP-Kollegen steht an. Wie der Autor die Fahrt, den Grenzübertritt beschreibt, das sollte man langsam lesen, damit die Vorstellungskraft mit den Ereignissen Schritt halten kann, die wir nicht wissen wollen und vor denen wir gerne die Augen verschließen. Armut, Gewalt, Drogenkriege. Die Armen reagieren auf die gönnerhaften Wohltaten der Weißen nicht wie erwartet.

Immer wieder lesen wir auch aus der Sicht von Seema, Barrys Noch-Ehefrau, die ihren Ehemann zwar seiner windigen Geschäfte wegen verachtet und sogar beim FBI anzeigte, aber trotzdem kein schlechtes Gewissen hat, bei der Scheidung von diesem "schmutzigen" Geld so viel wie nur möglich als Unterhalt zu erstreiten. Auf Seite 360 lesen wir die Beweggründe für diese Heirat: "... Du!" hatte Seema ihre Mutter angebrüllt. "Du wolltest dieses Geld! Du warst es! Die Liste! Erinnerst du dich an die Liste?"..."Die, auf der alle Ethnien standen, Juden und weiße amerikanische Protestanten ganz oben, wir ganz unten. Tja, und jetzt habe wir es geschafft. Willkommen ganz oben....." Auch Seemas Mutter verachtet Barry und trotzdem lebt sie nun in seiner 7 Millionen $ Wohnung mit Blick über New York.

Meiner Meinung nach ist dem Autor mit diesem Buch wirklich ein Meisterwerk gelungen. Er legt immer wieder den Finger in die Wunden. Natürlich kann man sich als Leser gut über diese unersättlichen Reichen empören. Die meisten werden nicht dazu gehören. Doch was bei diesem Buch so gut durchkommt ist das Denken der Menschen, das wohl niemand zugeben will - egal zu welcher sozialen Schicht man gehören: "Wie komme ich am schnellsten da oben hin?"

Der Roman ist, wie auch die Protagonisten, stark überzeichnet. Die sexuellen Szenen abstoßend. Als Leser empört man sich über vieles was hier zur Sprache kommt und trotzdem kann man nicht aufhören zu lesen.