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Veröffentlicht am 08.01.2026

Ein ambivalenter Ratgeber

Natural Flow
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"Natural Flow" ist ein Ratgeber, der den weiblichen Zyklus weg von Defizitnarrativen rund um PMS, Schmerzen und Leistungseinbußen, hin zu einem Verständnis des Zyklus als Quelle von Potenzial, Vielfalt ...

"Natural Flow" ist ein Ratgeber, der den weiblichen Zyklus weg von Defizitnarrativen rund um PMS, Schmerzen und Leistungseinbußen, hin zu einem Verständnis des Zyklus als Quelle von Potenzial, Vielfalt und innerer Stärke neu ausrollen möchte. Dieser Ansatz der promovierten Wirtschaftspsychologin Miriam Stark, zyklische Prozesse nicht als Belastung, sondern als Ressource zu betrachten, hat mich zunächst sehr angesprochen, weshalb ich gespannt zum Buch gegriffen habe.

Der Einstieg mit einer persönlichen Herleitung und der Erklärung der hormonellen Grundlagen der Zyklusphasen hat mir schonmal sehr gut gefallen. Die Autorin erklärt gut strukturiert, verständlich und anschaulich die Verbindung zwischen körperlichen Prozessen und psychischen Zuständen. Auch das Konzept der vier inneren Anteile – Junge, Mutter, Magierin und Alte –, die in den Zyklusphasen aktiv werden, fand ich zunächst als Denkmodell gar nicht schlecht. Zumindest als metaphorischer Impuls zur Selbstbeobachtung und weiteren Erkundung halte ich die Idee für sehr interessant. Allerdings hätte ich hier schon bemerken können, dass die Autorin nicht vorhat, es bei metaphorischen Sinnbildern für körperliche Zustände zu belassen, sondern im Verlauf ins geradezu Spirituelle driftet.

Nach der Einführung in die Grundlagen des weiblichen Zyklus stellt sie nämlich die inneren Anteile genauer vor und nimmt sich verschiedene Lebensdomänen vor, auf die unser Zyklus Einfluss nimmt. Hier hat mich die Autorin leider regelmäßig verloren. Meditationen, innere Reisen, spirituelle Konzepte und stark vereinfachte psychosomatische Erklärungen nehmen viel Raum ein, während wissenschaftliche Einordnung, Quellen oder differenzierte Argumentationen weitgehend fehlen. Besonders bei sensiblen Themen wie Endometriose, Krebs, Unfruchtbarkeit oder psychischen Diagnosen hätte ich mir mehr Sorgfalt, Tiefe und Kontext gewünscht. Einige Aussagen empfand ich als zu pauschal, teils realitätsfern und nicht immer so empowernd, wie sie vermutlich gemeint sind. Wenn sie beispielsweise vorschreibt, was die einzig richtige Variante ist zu bluten, zu verhüten und zu leben, scheint das stark dogmatisch und möchte eher ihr eigenes Konzept verkaufen, als verständnisvoll ihre diversen Leserinnen an die Hand nehmen.

Hinzu kommt, dass viele der vorgeschlagenen Alltagstipps – insbesondere im beruflichen Kontext – implizit von einem sehr privilegierten Lebens- und Arbeitsumfeld ausgehen. Flexible Arbeitszeiten, Rückzugsmöglichkeiten oder mehrtägige Pausen während der Menstruation sind für viele Menschen schlicht nicht umsetzbar. Dadurch hatte ich zunehmend das Gefühl, dass sich das Buch an eine eher sozioökonomische Elite richtet und andere Lebensrealitäten kaum mitdenkt. Außerdem liegt ein sehr starker Fokus auf heteronormative Paarbeziehungen mit Kindern. Die Zielgruppe ist also wohl nicht jede Frau, sondern spezifisch eine mittelalte, spirituell veranlagte Karrierefrau mit Kindern.

Eine zusätzliche Herausforderung war für mich die Sprache. Zwar habe ich mich mittlerweile mit dem lockeren Stil von modernen Ratgebern ziemlich gut angefreundet und bin auch kein Feind von Anglizismen, aber die Autorin hat es hier doch stark auf die Spitze getrieben, sodass sie selbst mir ab und zu ein Augenrollen entlockt hat. „Body illitaracy ist leider a fucking real thing.“, „...wem das zu spiri-crazy-spacy ist..“, „I know cheesy but true“, oder ein lautes „YEEEEEEAAAAAH“ - Der sehr umgangssprachliche, teilweise lautmalerische und coachartige Stil mag Nähe erzeugen wollen, wirkte auf mich jedoch oft überzogen, gestellt und ermüdend.

Trotz dieser Kritikpunkte würde ich von dem Buch nicht generell abraten. Denn "Natural Flow" enthält durchaus wertvolle Impulse: den Appell, den eigenen Körper ernst zu nehmen, Bedürfnisse wahrzunehmen und sich selbst besser kennenzulernen, halte ich für wichtig und unterstützenswert. Einzelne Abschnitte haben mir tatsächlich weitergeholfen, anderes konnte ich guten Gewissens sofort wieder für mich abhaken.


Fazit


"Natural Flow" ist für mich ein ambivalenter Ratgeber, der sich einem starken, relevanten Grundthema widmet und einige interessante Denkanstöße gibt, mich aber durch starke Spiritualisierung und teilweise geradezu dogmatische Einseitigkeit immer wieder verloren hat.

Veröffentlicht am 08.01.2026

Ein ambivalenter Ratgeber

Natural Flow
0

"Natural Flow" ist ein Ratgeber, der den weiblichen Zyklus weg von Defizitnarrativen rund um PMS, Schmerzen und Leistungseinbußen, hin zu einem Verständnis des Zyklus als Quelle von Potenzial, Vielfalt ...

"Natural Flow" ist ein Ratgeber, der den weiblichen Zyklus weg von Defizitnarrativen rund um PMS, Schmerzen und Leistungseinbußen, hin zu einem Verständnis des Zyklus als Quelle von Potenzial, Vielfalt und innerer Stärke neu ausrollen möchte. Dieser Ansatz der promovierten Wirtschaftspsychologin Miriam Stark, zyklische Prozesse nicht als Belastung, sondern als Ressource zu betrachten, hat mich zunächst sehr angesprochen, weshalb ich gespannt zum Buch gegriffen habe.

Der Einstieg mit einer persönlichen Herleitung und der Erklärung der hormonellen Grundlagen der Zyklusphasen hat mir schonmal sehr gut gefallen. Die Autorin erklärt gut strukturiert, verständlich und anschaulich die Verbindung zwischen körperlichen Prozessen und psychischen Zuständen. Auch das Konzept der vier inneren Anteile – Junge, Mutter, Magierin und Alte –, die in den Zyklusphasen aktiv werden, fand ich zunächst als Denkmodell gar nicht schlecht. Zumindest als metaphorischer Impuls zur Selbstbeobachtung und weiteren Erkundung halte ich die Idee für sehr interessant. Allerdings hätte ich hier schon bemerken können, dass die Autorin nicht vorhat, es bei metaphorischen Sinnbildern für körperliche Zustände zu belassen, sondern im Verlauf ins geradezu Spirituelle driftet.

Nach der Einführung in die Grundlagen des weiblichen Zyklus stellt sie nämlich die inneren Anteile genauer vor und nimmt sich verschiedene Lebensdomänen vor, auf die unser Zyklus Einfluss nimmt. Hier hat mich die Autorin leider regelmäßig verloren. Meditationen, innere Reisen, spirituelle Konzepte und stark vereinfachte psychosomatische Erklärungen nehmen viel Raum ein, während wissenschaftliche Einordnung, Quellen oder differenzierte Argumentationen weitgehend fehlen. Besonders bei sensiblen Themen wie Endometriose, Krebs, Unfruchtbarkeit oder psychischen Diagnosen hätte ich mir mehr Sorgfalt, Tiefe und Kontext gewünscht. Einige Aussagen empfand ich als zu pauschal, teils realitätsfern und nicht immer so empowernd, wie sie vermutlich gemeint sind. Wenn sie beispielsweise vorschreibt, was die einzig richtige Variante ist zu bluten, zu verhüten und zu leben, scheint das stark dogmatisch und möchte eher ihr eigenes Konzept verkaufen, als verständnisvoll ihre diversen Leserinnen an die Hand nehmen.

Hinzu kommt, dass viele der vorgeschlagenen Alltagstipps – insbesondere im beruflichen Kontext – implizit von einem sehr privilegierten Lebens- und Arbeitsumfeld ausgehen. Flexible Arbeitszeiten, Rückzugsmöglichkeiten oder mehrtägige Pausen während der Menstruation sind für viele Menschen schlicht nicht umsetzbar. Dadurch hatte ich zunehmend das Gefühl, dass sich das Buch an eine eher sozioökonomische Elite richtet und andere Lebensrealitäten kaum mitdenkt. Außerdem liegt ein sehr starker Fokus auf heteronormative Paarbeziehungen mit Kindern. Die Zielgruppe ist also wohl nicht jede Frau, sondern spezifisch eine mittelalte, spirituell veranlagte Karrierefrau mit Kindern.

Eine zusätzliche Herausforderung war für mich die Sprache. Zwar habe ich mich mittlerweile mit dem lockeren Stil von modernen Ratgebern ziemlich gut angefreundet und bin auch kein Feind von Anglizismen, aber die Autorin hat es hier doch stark auf die Spitze getrieben, sodass sie selbst mir ab und zu ein Augenrollen entlockt hat. „Body illitaracy ist leider a fucking real thing.“, „...wem das zu spiri-crazy-spacy ist..“, „I know cheesy but true“, oder ein lautes „YEEEEEEAAAAAH“ - Der sehr umgangssprachliche, teilweise lautmalerische und coachartige Stil mag Nähe erzeugen wollen, wirkte auf mich jedoch oft überzogen, gestellt und ermüdend.

Trotz dieser Kritikpunkte würde ich von dem Buch nicht generell abraten. Denn "Natural Flow" enthält durchaus wertvolle Impulse: den Appell, den eigenen Körper ernst zu nehmen, Bedürfnisse wahrzunehmen und sich selbst besser kennenzulernen, halte ich für wichtig und unterstützenswert. Einzelne Abschnitte haben mir tatsächlich weitergeholfen, anderes konnte ich guten Gewissens sofort wieder für mich abhaken.


Fazit


"Natural Flow" ist für mich ein ambivalenter Ratgeber, der sich einem starken, relevanten Grundthema widmet und einige interessante Denkanstöße gibt, mich aber durch starke Spiritualisierung und teilweise geradezu dogmatische Einseitigkeit immer wieder verloren hat.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Eine gemütliche D&D-inspirierte Cozy-Fantasy Geschichte mit Found Family Trope und ungewöhnlicher Heldin!

Magie und Milchschaum
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"Legends & Lattes" war einfach das perfekte Buch, um damit das Lesejahr 2025 zu beenden. Mit dem einfachen, gemütlichen Plot ist es schnell und leicht zu lesen, hält aber genügend Konflikte und Überraschungen ...

"Legends & Lattes" war einfach das perfekte Buch, um damit das Lesejahr 2025 zu beenden. Mit dem einfachen, gemütlichen Plot ist es schnell und leicht zu lesen, hält aber genügend Konflikte und Überraschungen bereit, um über die knapp 300 Seiten am Ball bleiben zu wollen. Das Worldbuilding in einer High-Fantasy Welt mit starken Dungeons & Dragons Vibes ist nischig genug, um das Nerdherz zu erfreuen, ist aber auch so greifbar, dass es auch Fantasy-Neulinge nicht überfordert. Denn die Handlung in dem neu gegründeten Café könnte theoretisch auch in einer reale Stadt angesiedelt sein, wenn man ignoriert, dass alle Figuren einer magischen Spezies angehören. Schon nachdem ich mit "The Spellshop" so viel Spaß hatte habe ich beschlossen, Cozy Fantasy ist eines meiner neuen Lieblingsgenres, darin wurde ich nun nochmal bestätigt!

"It was like drinking the feeling of being peaceful. Being peaceful in your mind. Well, not if you have too much, then it’s something else."


Kaffeeduft, Süßgebäck, Freundschaft, zweite Chancen und neue Liebe - aus diesen Zutaten ist "Legends & Lattes" gebaut und damit der Inbegriff der Gemütlichkeit. Travis Baldrees Erzählton ist dabei locker und herrlich alltäglich, was wunderbar zu der Geschichte passt. An manchen Stellen erinnerte der Stil allerdings eher an eine Schreibübung als an einen wirklichen Roman, was dem generellen Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut.

"After twenty-two years of adventuring, Viv had reached her limit of blood and mud and bullshit. An orc’s life was strength and violence and a sudden, sharp end—but she’d be damned if she’d let hers finish that way. It was time for something new."

Am besten gefallen haben mir die Figuren, die sich in bester Found-Family-Manier im Verlauf der Geschichte um Viv scharen. Die Ork-Kriegerin Viv selbst ist eine ungewöhnliche Heldin, die mit ihrem imposanten Erscheinungsbild, ihrem weichen Herzen und ihrem Traum für einen Neuanfang überrascht und überzeugt. Die zarte Liebesgeschichte mit Tandri bleibt dabei stark im Hintergrund und geht über kurze Andeutungen nicht hinaus. Auch wenn ich gerne noch mehr über die beiden gelesen hätte, war ich sehr zufrieden mit dem runden Ende und werde definitiv gerne weitere Bücher des Autors lesen!

"WHAT FLAMES COULD NOT CONSUME, NEVER SHALL BE EXTINGUISHED"


Das Urteil


"Legends & Lattes" ist eine gemütliche D&D-inspirierte Cozy-Fantasy Geschichte mit Found Family Trope und ungewöhnlicher Heldin!

Veröffentlicht am 31.12.2025

Eine gemütliche, charmante und magische Cozy Fantasy Romance

The Enchanted Greenhouse
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Nachdem mir "The Spellshop" so gut gefallen hat, habe ich mir mit großer Begeisterung gleich Band 2 vorgenommen. "The Enchanted Greenhouse" ist eine ebenso charmante Geschichte mit gemütlichem Setting ...

Nachdem mir "The Spellshop" so gut gefallen hat, habe ich mir mit großer Begeisterung gleich Band 2 vorgenommen. "The Enchanted Greenhouse" ist eine ebenso charmante Geschichte mit gemütlichem Setting und einer süßen Romanze, konnte mich allerdings nicht ganz so überzeugen wie der Vorgänger. Das lag vor allem daran, dass in der ersten Hälfte des Buches beinahe nicht passiert und auch im weiteren Verlauf der Spannungsbogen sehr flach blieb. Wo die Balance zwischen wohliger Entschleunigung und echten Konflikten in Band 1 noch wunderbar funktioniert hat, war mir Band 2 deutlich zu verschlafen erzählt. Sarah Beth Durst fokussiert sich hier in gemütlichem Tempo auf das Ankommen der Protagonistin auf der verschneiten Insel Belde, stellt den Gärtner Yarrow vor und führt das Problem der kollabierenden Gewächshäuser ein. Richtig in Fahrt kommt die Geschichte jedoch erst, als Yarrows Familie auf der Insel ankommt und die beiden ordentlich aufmischt..

"Words matter.” The right words could heal shattered glass. And hearts. And families. And lives."

Der Schreibstil ist allerdings wieder genauso hinreißend. Die Autorin schreibt süß und bildhaft, aber nie überladen oder kitschig und peppt ihre Geschichte immer wieder mit einer wohldosierten Portion Humor auf. Besonders hervorheben möchte ich aber die Atmosphäre, die durch das besondere Setting entsteht: In mitten einer verschneiten Insel stehen hunderte verzauberter Gewächshäuser, in denen ein Wunder auf das andere folgt. Ein singender Hain, eine spektakuläre Unterwasserwelt, ein Sonnenblumen Labyrinth, das von kleinen Drachen bewacht wird, lebendige Pflanzen oder ein rätselhafter Turm des Zauberers, der die Gewächshäuser erschuf und die Geheimnisse, die seien Aufzeichnungen bereithalten, sind nur einige der Highlights, die diese Geschichte für uns bereithält. Dazu kommt natürlich wieder das Leben in einem einfachen, aber gemütlichen Cottage, eine geflügelte Katze und eine leise Liebesgeschichte - die Zutaten jeder guten Cottage-Core-Cozy-Fantasy-Geschichte.

"If you’re hurt, you’re hurt. It doesn’t matter if anyone else thinks you don’t have a good enough reason. Pain doesn’t require approval."

Auch die Figuren tragen zur Wohlfühlatmosphäre bei, konnten mich aber nicht ganz so sehr abholen wie die aus Band 1. Mit Terlu lernen wir nun die Bibliothekarin kennen, die die sprechende Pflanze Caz erschaffen hat. Nach Jahren als Statue muss sie erst wieder im Leben ankommen und ist ausgerechnet bei dem schweigsamen Gärtner Yarrow gelandet. Auch wenn beide wieder süß angelegte Figuren sind, die mit eigenen Themen kämpfen, hatten sie für mich deutlich weniger Esprit als Kiela und auch die sprechende Rose Lotti war nur ein schwacher Ersatz für Caz und Meep. Ich bin aber trotzdem gespannt auf das nächste Buch der Autorin, das sich um die Seefahrerin Marin und ihren Seedrachen handeln wird...

"People were cruel to you, and it didn't make you bitter. What else would you call that?" "Naïve? Needy? Pathetic?" "Strong," he insisted."



Das Urteil


"The Enchanted Greenhouse" ist genau wie Band 1 eine gemütliche, charmante und magische Cozy Fantasy Romance. Allerdings ist leider nicht derselbe Funken übergesprungen, da die Handlung sich zu Beginn etwas zieht und die Figuren weniger Eindruck machen. Ich kann die Geschichte als schöne Pause vom Alltag aber trotzdem empfehlen!

Veröffentlicht am 23.12.2025

Eskapistisch und politisch, romantisch und klug, sexy und zutiefst tröstlich

One Last Stop
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Von Casey McQuiston habe ich bis jetzt "Red, White & Royal Blue" und "The Pairing" gelesen. Während ich ersteres wahnsinnig charmant fand, konnte mich zweiteres leider nicht überzeugen. Umso gespannter ...

Von Casey McQuiston habe ich bis jetzt "Red, White & Royal Blue" und "The Pairing" gelesen. Während ich ersteres wahnsinnig charmant fand, konnte mich zweiteres leider nicht überzeugen. Umso gespannter war ich auf die Mystery-Romance "One Last Stop". Weder der eine noch der andere Vorgänger konnte mich aber darauf vorbereiten, wie toll hier eine queere Liebesgeschichte zugleich eskapistisch und politisch, romantisch und klug erzählt wird! Ein überraschendes Jahreshighlight!

"Does it ever, like ... I don’t know. Make you lonely? To love somebody who can’t meet you there?” She regrets it immediately, but Annie laughs. “Sometimes. But, you know, that feeling? When you wake up in the morning and you have somebody to think about?Somewhere for hope to go? It’s good. Even when it’s bad, it’s good."

Denn was zunächst wie eine klassische Meet-Cute-Subway-Crush-Romanze beginnt, entfaltet sich auf 418 Seiten überraschend zu einer komplexen, vielschichtigen Geschichte über Zeit, Verlust, LGBTQIA-Geschichte und die Frage, was es bedeutet, wirklich anzukommen. Mit dem Zusammenpuzzeln von Janes Vergangenheit und Geheimnissen aus Augusts Kindheit, hat das Buch zusätzlich zur emotionalen Tiefe spaßige Krimielemente, sodass es trotz des Figurenfokus einen klaren Spannungsbogen gibt, der Romantik und Mystery geschickt verzahnt. Auch wenn man sich auf die Fantasy-Komponente einlassen muss, wird hier eine einmalige und berührende Geschichte erzählt!

"Nobody tells you how those nights that stand out in your memory—levee sunset nights, hurricane nights, first kiss nights, homesick sleepover nights, nights when you stood at your bedroom window and looked at the lilies one porch over and thought they would stand out, singular and crystallized, in your memory forever—they aren't really anything. They're everything, and they're nothing. They make you who you are, and they happen at the same time a twenty-three-year-old a million miles away is warming up some leftovers, turning in early, switching off the lamp. They're so easy to lose."


Casey McQuistons Stil ist warm, pointiert und zugleich überraschend poetisch. Während ich die Sprache in "The Pairing" beinahe etwas zu derb war und "Red, White & Royal Blue" stark mit märchenhaftem Glitzer bestäubt war, ist diese Geschichte literarisch dichter erzählt, nachdenklicher im Ton und mit einer bestechenden Langsamkeit aufgebaut. Humor und Melancholie halten sich dabei klug die Waage; die Dialoge haben Rhythmus, die Pointen sitzen, und selbst in emotional schweren Momenten kippt der Text nie ins Pathetische, sondern bleibt ehrlich, offen und zutiefst menschlich. Ich habe mir beim Lesen wahnsinnig viele Zitate markiert, die ich gar nicht alle in diese kurze Rezension mit einbauen kann. Sehr passend fand ich auch das Setting in New York, das mit der Subway-Linie, dem alteingesessenen Diner und der gelebten Vielfalt zugleich zeitlos und modern ist, worin sich die atmosphärischen Themen wie Nostalgie, Einsamkeit, Sinnsuche, Heimat, Begegnung und Anonymität ganz wunderbar wiederfinden.

"When you spend your whole life alone, it's incredibly appealing to move somewhere big enough to get lost in. Where being alone looks like a choice."


Der Grund, weshalb mich diese Geschichte so überzeugt hat, ist aber letztendlich die Darstellung der Figuren. Casey McQuiston versteht es wirklich, Charaktere zu schreiben, die lebendig wirken und die Geschichte mit ihrer Menschlichkeit, ihren Emotionen, ihren Konflikten, ihren Widersprüchen und Sehnsüchten tragen. Die bisexuelle August ist klug, sarkastisch, emotional vorsichtig und zynisch. Nach einer Kindheit, die vom Verschwinden ihres Onkels und der rastlosen Suche ihrer Mutter überschattet wurde, sucht sie in New York einen Ort zum Ankommen, ein Ort zum in der Masse verschwinden. Dass sie ausgerechnet die Liebe findet und dabei das größte Rätsel ihre Lebens löst, hätte sie wohl nie gedacht.

"Jane is spun sugar. A switchblade girl with a cotton-candy heart."

Während August von Anfang an Sympathieträgerin und greifbare Identifikationsfigur ist, ist Jane zunächst eher eine mystische Figur, schön, aus der Zeit gefallen und schwer zu fassen. Erst mit der Zeit wird ihre Figur genauer umrissen und nimmt Konturen an, je mehr wir über sie und ihre Vergangenheit erfahren. Spannend ist dabei, dass Janes persönliche Reise eng mit der queeren Geschichte der 70er verwoben ist, welche zeitgleich rekapituliert wird. In Kombination sind die beiden für mich eines der eindrücklichsten sapphischen Paare, die ich je gelesen habe. Die gesunde Kommunikation, das Yearning(!!!), die tiefe Verbindung - das war einfach wundervoll!

"Sometimes the point is to be sad, August. Sometimes you just have to feel it because it deserves to be felt."

Ebenso hinreißend war die Found Family, die die beiden im Laufe der Geschichte um sich versammeln. Mitbewohner:innen, Drag Queens, Kolleg:innen und Freund:innen bilden ein diverses Netz aus Unterstützung, Humor und Solidarität, das die Geschichte bereichert und gleichzeitig ein lebendiges Abbild queerer Gemeinschaft ist, die Vergangenheit ehrt und Gegenwart gestaltet.


Fazit


"One Last Stop" ist gleichzeitig eskapistisch und politisch, romantisch und klug, sexy und zutiefst tröstlich. Für mich ist es Casey McQuistons bislang reifstes und mitreißendstes Buch: eine Liebeserklärung an queere Geschichte, Gemeinschaft und das Ankommen bei sich selbst.