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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.04.2023

Hamburg 1907

Tödlicher Schlaf
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Carl-Jakob Melcher arbeitet als Bakteriologe am Hamburger Tropeninstitut. Man schreibt das Jahr 1907.
Im Hafenkrankhaus begegnet Melcher einem alten Schulfreund, Ludolf Harberg. Dieser ist schwer krank ...

Carl-Jakob Melcher arbeitet als Bakteriologe am Hamburger Tropeninstitut. Man schreibt das Jahr 1907.
Im Hafenkrankhaus begegnet Melcher einem alten Schulfreund, Ludolf Harberg. Dieser ist schwer krank aus den ostafrikanischen Kolonien zurückgekehrt und leidet an der Schlafkrankheit.
In einem wachen Moment erzählt er Carl-Jakob Melcher von Experimenten, die er zusammen mit dem Mediziner Robert Koch an Einheimischen unternommen habe, bei denen es zu auffällig vielen Todesfällen kam. Darüber habe er auch Aufzeichnungen geführt, die er versteckt habe. Doch bevor er noch Genaueres erzählen kann, stirbt Ludolf Harberg. Während die Ärzte seinen Tod als eine natürliche Folge seiner Krankheit ansehen, glaubt Carl-Jacob Melcher, dass Harberg wegen seiner Informationen und wegen der versteckten Aufzeichnungen ermordet wurde. Zusammen mit seinem Schulfreund Kriminalsekretär Martin Bucher beginnt er zu ermitteln. Doch bald schon gibt es einen weiteren Todesfall, und dieses Mal gerät Melcher selbst unter Mordverdacht.
In diesem Kriminalroman werden fiktive und historische Elemente geschickt miteinander verknüpft. So erhält man neben der Krimihandlung viele Informationen über die koloniale Ausbeutung und die Einstellung der Deutschen zu Afrika, auch über die soziale Situation der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Hafenstadt oder z.B. über den beginnenden Kampf der Frauenrechtlerinnen. Die Figuren wirken authentisch und in ihrer historischen Befangenheit etwas angestaubt, aber unbedingt sympathisch.
,,Tödlicher Schlaf“ ist der 2. Band mit Carl-Jacob Melcher. Auf eine Fortsetzung darf man wohl hoffen.

Veröffentlicht am 06.04.2023

Eindringlich

Northern Spy – Die Jagd
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Tessa arbeitet im Büro der BBC in Belfast, als sie plötzlich ihre Schwester Marian in den Fernsehnachrichten sieht. Sie soll einem Raubüberfall begangen haben und außerdem Mitglied der IRA sein. Tessa ...

Tessa arbeitet im Büro der BBC in Belfast, als sie plötzlich ihre Schwester Marian in den Fernsehnachrichten sieht. Sie soll einem Raubüberfall begangen haben und außerdem Mitglied der IRA sein. Tessa fällt aus allen Wolken, da sie und ihre Schwester sich immer gegen Gewalt und Terror eingesetzt haben und auch so erzogen wurden.
Während nach Marian gefahndet wird, beginnen sich bei Tessa die Zweifel zu mehren. Wie genau kannte sie ihre Schwester Marian wirklich? Und man erlebt hautnah mit, wie sich das Leben für sie, als Schwester einer Terrorverdächtigen, plötzlich von Grund auf verändert hat.
Als Tessa die Wahrheit erfährt, muss sie sich entscheiden, zwischen ihren Idealen und der Realität. Eine sehr große Rolle spielt dabei auch ihr kleiner Sohn Finn, den sie um alles in der Welt schützen will.
,,Northern Spy“ ist nicht unbedingt ein Thriller, eher ein Roman mit subtiler Spannung und auch überraschenden Wendungen. Einen Großteil der Handlung nehmen Tessas Gedanken, ihr innerer Konflikt und ihr Ringen um eine Entscheidung ein. Bedrückend sind auch die fast schon nebenbei erwähnten Einschränkungen des alltäglichen Lebens in Nordirland, wo jeder Gang vor die Haustür mit tödlicher Gefahr verbunden sein kann.
Das macht ,,Northern Spy“ in meinen Augen zu einer wirklich empfehlenswerten Lektüre.

Veröffentlicht am 05.04.2023

Von wegen Schrebergartenidylle!

Die Kirschen in des Mörders Garten
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Maries Kinder sind schon groß, ihr Mann ständig beim Marathontraining, und so hat sie neben ihrem Beruf genügend Zeit, ihrer Tante Linde in deren Schreibergarten am Rhein öfter zur Hand zu gehen. Außerdem ...


Maries Kinder sind schon groß, ihr Mann ständig beim Marathontraining, und so hat sie neben ihrem Beruf genügend Zeit, ihrer Tante Linde in deren Schreibergarten am Rhein öfter zur Hand zu gehen. Außerdem kann sie dort in Ruhe an ihren Metallfiguren arbeiten.
Doch Marie stolpert zunächst einmal über eine Leiche. Am nahen Rheinufer wird eine junge Frau tot aufgefunden. Anhand ihres Schals wird sie als Alina identifiziert, eine junge Frau, die ihren Großvater Jupp auch oft in den Kleingartenverein »Am Pappelwäldchen“ besucht hat. Außerdem hatte sie ihn bei der Verwaltung der Vereinskasse tatkräftig unterstützt. Ausgerechnet an Maries Feile finden sich Blutspuren der Toten, sodass Marie erst einmal zur Hauptverdächtigen wird. Das kann sie natürlich nicht auf sich sitzen lassen und fängt selbst an, nachzuforschen. Dabei stößt sie auf Unregelmäßigkeiten in der Vereinskasse, aber auch diverse andere merkwürdige Geschehnisse in der vermeintlichen Schrebergartenidylle
Der Krimi ist locker rund unterhaltsam geschrieben. Allerdings zieht sich die Auflösung trotz ziemlich offensichtlicher Hinweise sehr in die Länge. Auch werden am Ende nicht alle Fragen schlüssig geklärt.

Veröffentlicht am 04.04.2023

Genial!

30 Tage Dunkelheit
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Die dänische Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix ,,schreibt die Art von Büchern, in denen ein alter Mann einen Schluck Kaffee nimmt und über vierzig Seiten hinweg nachdenkt, bevor er einen weiteren Schluck ...

Die dänische Schriftstellerin Hannah Krause-Bendix ,,schreibt die Art von Büchern, in denen ein alter Mann einen Schluck Kaffee nimmt und über vierzig Seiten hinweg nachdenkt, bevor er einen weiteren Schluck nimmt. Und dann ist nicht nur der Kaffee kalt geworden. Die meisten Leser sind es auch.“ (S. 11). Deshalb ist ihr Erfolg auch recht überschaubar, während andere ihrer Schriftstellerkollegen mit ihren kommerziellen Büchern sehr gut beim Publikum ankommen. Wenigstens hält ihr langjähriger Lektor Bastian noch zu ihr, trotz des geringen Erfolgs ihrer immerhin als literarisch anspruchsvoll gelobten Bücher.. Bei einer Buchmesse soll Hannah ihre Bücher signieren, was aber praktisch niemanden interessiert, während ihr Erzfeind Jørn, den Hannah hasst wie die Pest, auf der Buchmessen-Bühne interviewt wird. Hannah rastet vor laufenden Kameras aus und schimpft, dass jeder Idiot in einem Monat einen Krimi schreiben könne. Um ihren Ruf zu retten, muss sie sich nun dieser Herausforderung stellen. Von ihrem Lektor Bastian wird sie nach Island geschickt, mitten im Winter in eine völlig abgelegene Ecke. Dort darf sie bei Ella, einer alten Bekannten Bastians, wohnen, schreiben und mit möglichst wenig Alkohol auch wieder zu sich selbst finden. Vielleicht wollte Bastian sie aber auch einfach möglichst weit wegschicken? Hannahs ertränkt ihre Schreibblockade erst einmal im Alkohol.
Doch als Ellas Neffe unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden wird, wird plötzlich die Realität eine Idealvorlage für Hannahs Krimi. Handelt es sich beim Tod des Neffen um Mord? Je mehr Hannah nachforscht, desto seltsamere Dinge Geschehen. Auch ihre Gastgeberin Ella verhält sich äußerst merkwürdig. Und dann taucht auch noch ausgerechnet Hannahs Erzfeind Nummer 1, der Schriftstellerkollege Jørn auf und klaut ihr womöglich ihre Ideen.
Das ist der erster Krimi, der mich nicht hauptsächlich wegen der spannenden Handlung oder wegen des originellen Schauplatzes, sondern wegen des genialen Humors überzeugen konnte. Das liegt vor allem an der Hauptfigur Hannah, die neben selbstkritischen auch sehr böse Gedanken über ihre Mitmenschen äußert und sich immer wieder völlig daneben benimmt, was zu gefährlichen, aber teilweise auch urkomischen Situationen führt.

Veröffentlicht am 04.04.2023

Mord in der portugiesischen Dorfidylle

Südlich von Porto lauert der Tod
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Die junge Polizistin Ria Almeida reist in die portugiesische Heimat ihres Vaters, um ihren geliebten Großvater zu beerdigen. Doch außerdem will sie ihren Urlaub dazu nutzen, sich über ihre weitere Zukunft ...

Die junge Polizistin Ria Almeida reist in die portugiesische Heimat ihres Vaters, um ihren geliebten Großvater zu beerdigen. Doch außerdem will sie ihren Urlaub dazu nutzen, sich über ihre weitere Zukunft klarzuwerden. Eigentlich ist Ria Almeida Polizistin in Stuttgart, wo sie auch aufgewachsen ist. Doch mit den Kollegen dort und besonders mit ihrem Chef möchte sie nichts mehr zu tun haben. Eigentlich will sie mit Polizeiarbeit insgesamt nicht mehr zu tun haben.
Doch als in dem kleinen Ort Torreira eine junge Frau tot aufgefunden wird, erwacht Rias berufliche Neugier. Durch ihren Schwager João, der das Dorfrevier leitet, ist sie stets gut informiert. Zudem ist der örtliche Bestatter Nuno auch noch ihr bester Freund seit Kindertagen. Allerdings scheint der Tod der jungen Raquel nur ein tragischer Unfall gewesen zu sein. Nur Raquels Schwester, die die Tote gefunden hatte, will nicht an einen Unfall glauben.
Doch als dann plötzlich die Leiche über Nacht aus Nunos Beerdigungsinstitut verschwindet, ist allen Beteiligten klar, dass die Schwester der Toten Recht hatte: es gibt jemanden, der eine nähere Untersuchung der Leiche verhindern will. Ria Almeidas Ermittlerinstinkt ist geweckt. Zusammen mit ihrem Schwager João macht sie sich auf die Suche nach dem Täter. Dumm nur, dass sie ja eigentlich gar keine Polizistin ist, zumindest keine portugiesische. Doch das weiß der leitende Kommissar Baptista noch nicht, da weder Ria noch João es ihm bisher so genau gesagt haben. Der Ärger für Ria ist also vorprogrammiert!
Auch wenn die eigentliche Krimihandlung nicht nervenaufreibend spannend oder überraschend ist, hat mich das Buch gut unterhalten. Rias Orientierungssuche zwischen deutscher und portugiesischer Heimat, das Gefühl der sausade, der melancholischen Sehnsucht, die ganz nebenbei erzählten Besonderheiten der portugiesischen Lebensart vermitteln einen authentischen und überaus liebenswerten Eindruck. Ein richtiger Blickfang ist das sehr schön gestaltete Cover mit den farbenfrohen Fischerbooten und den weiß-blauen Fliesen.