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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.04.2026

Spannend und erschreckend realistisch

Die Stockholm-Protokolle
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Ich lese grundsätzlich eher selten Politthriller, doch bei Die Stockholm‑Protokolle hat mich der Klappentext sofort neugierig gemacht – und die Lektüre hat diese Erwartung voll erfüllt. Besonders überzeugend ...

Ich lese grundsätzlich eher selten Politthriller, doch bei Die Stockholm‑Protokolle hat mich der Klappentext sofort neugierig gemacht – und die Lektüre hat diese Erwartung voll erfüllt. Besonders überzeugend fand ich die interne Perspektive: Alfred, der neue Pressesprecher des schwedischen Ministerpräsidenten, ermöglicht einen unmittelbaren Blick hinter die Kulissen der Macht, auch wenn die Erzählung natürlich fiktiv ist (anders wäre vermutlich so viel Insiderwissen gar nicht möglich…).

Man merkt, dass das Autorenduo sein Handwerk versteht – und die beiden offenbar auch wissen, wovon sie sprechen. Die beschriebenen Treffen, Reisen und Machtverhältnisse innerhalb der schwedischen Regierung wirken brutal realistisch und jederzeit plausibel - zumindest aus Sicht einer Person, die keine Ahnung von schwedischer Politik hat. Die Verknüpfung zum Europaparlament nach Brüssel verleiht dem Roman noch zusätzliche Aktualität und Relevanz.

Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Alfred und der Journalistin Julia, die gewissermaßen auf entgegengesetzten Seiten derselben Geschichte stehen: innerhalb der Regierung und außerhalb. Die angenehm kurzen Kapitel sorgen für ein hohes Tempo und eine stetig wachsende Spannung. Als Leser:in erhält man punktuell Insiderinformationen, ohne je das vollständige Bild zu kennen – ein erzählerischer Kniff, der hervorragend funktioniert. Bei der Menge an vorgestellten Personen und ihren Zuständigkeiten, hätte eine Übersicht nicht geschadet - ich habe sie mir beim Lesen dann selbst zusammengestellt.

Ob man Die Stockholm‑Protokolle nun als klassischen Thriller oder eher als spannenden Politikroman einordnet, ist letztlich Geschmacksfrage. Ehrlich gesagt war mir diese Kategorisierung beim Lesen ziemlich egal: Die Geschichte ist hervorragend aufgebaut, durchgehend fesselnd und stellenweise erschreckend nah an der Realität.

Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen. Wer sich nicht von einer Vielzahl an Namen und teils verwirrenden Strukturen abschrecken lässt und Spannung ohne allzu viel Thrill schätzt, sollte “Die Stockholm‑Protokolle” unbedingt auf die Leseliste setzen. Einzig der Titel hat sich mir bis zuletzt nicht wirklich erschlossen – aber das ist nun wirklich eine Nebensächlichkeit.

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Veröffentlicht am 03.04.2026

Actionfilm auf Papier

Doppelspiel
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Doppelspiel ist der neue Skandinavien-Krimi der beiden bekannten Autoren Arne Dahl und Jonas Moström. Das Ganze ist bereits (auf dem Einband) als Trilogie angekündigt, also kann man als Leser:in einiges ...

Doppelspiel ist der neue Skandinavien-Krimi der beiden bekannten Autoren Arne Dahl und Jonas Moström. Das Ganze ist bereits (auf dem Einband) als Trilogie angekündigt, also kann man als Leser:in einiges an Komplexität erwarten.

Tatsächlich finde ich, dass sich Doppelspiel stellenweise wie ein Actionfilm auf Papier liest: Rasante Szenen, bildhafte Beschreibungen der Umgebung sowie spektakulär beschriebene Fluchtversuche prägen den Stil des Romans. Manche Situationen wirken dabei durchaus überzogen – doch ähnlich wie im Actionkino ist das für mich weniger entscheidend als die Spannung. Und die hält das Buch meiner Meinung nach durchgehend aufrecht.

Der Titel deutet bereits an, dass die Handlung mehr als nur eine Ebene bereithält. Dieses Versprechen wird auch eingelöst: Nicht nur die Hauptfigur Tom Borg fühlt sich permanent beobachtet und verfolgt, auch als Leser:in bleibt man konstant mit dem Gefühl zurück, dass Personen und Ereignisse nicht das sind, was sie vorzugeben scheinen. Manch einen mag das stören, aber meiner Meinung nach ist diese Unwissenheit definitiv ein Pluspunkt des Romans.

Etwas schwerer tue ich mich hingegen mit der psychologischen Ebene der Geschichte. Das Motiv des (inneren) Zwillings zieht sich ebenso durch den Text wie der ausbleibende Schreibfluss des Protagonisten, der beim Schreiben offenbar in eine Art Wahnzustand gerät. Diese Aspekte sollen vermutlich zusätzliche Tiefe erzeugen, bleiben für mich jedoch eher sperrig. Sie verhinderten stellenweise den Lesefluss und machten es mir schwer, das Buch am Stück zu lesen.

Abgesehen davon finde ich, dass Doppelspiel ein sehr gelungener Krimi ist: Eine Vielzahl an Figuren und Handlungssträngen, undurchsichtige Charaktere, anhaltende Spannung und ein Finale, das zumindest die zentralen Fragen zusammenführt. Offene Punkte bleiben meiner Meinung nach bewusst bestehen – schließlich ist das Ganze als Trilogie angekündigt.
Im Gegensatz zu vielen anderen finde ich dieses Buch durchaus gelungen. Vermutlich weil mich weder die überzogene Action noch die leicht unrealistischen Handlungsstränge stören. Eben wie in einem Actionfilm .

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Große Gefühle fast zu groß

The Night We Met
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Eines vorab: Ein neues Buch von Abby Jimenez ist für mich immer ein automatisches “must read” auf meiner Leseliste. Ihr neuester Roman The Night We Met führt uns wieder zurück nach Minnesota, wo auch die ...

Eines vorab: Ein neues Buch von Abby Jimenez ist für mich immer ein automatisches “must read” auf meiner Leseliste. Ihr neuester Roman The Night We Met führt uns wieder zurück nach Minnesota, wo auch die meisten anderen ihrer Romane spielen. Es ist jedes Mal ein bisschen wie „Heimkommen“, wenn man auf bekannte Nebenfiguren trifft und sich somit irgendwie sofort wieder orientieren kann.

Abby Jimenez scheint auch dieses Mal wieder sehr viel Aufwand in die Entwicklung ihrer Charaktere gesteckt zu haben. Die Figuren sind liebevoll ausgearbeitet und handeln innerhalb ihrer eigenen Logik absolut nachvollziehbar. Auch ihr Blick für die kleinen, humorvollen Details ist wieder da – mein persönliches Highlight ist definitiv Wufferine und seine Eskapaden.

Eine Sache muss ich allerdings revidieren. In einer früheren Rezension schreibe ich, dass mich „die ganz großen Gefühle“ bei Abby Jimenez seltsamerweise nie stören. Das muss ich jetzt zurücknehmen, dieses Mal fand ich es eher anstrengend als mitreißend. Vielleicht hat es auch mit der Kombination aus den Gefühlen und den diversen persönlichen Problemen und Rückschlägen zu tun, mit denen sich die Figuren im Buch herumschlagen müssen.

Versteht mich nicht falsch, ich finde es mutig und wichtig, auch mal ernste Töne in einem Liebesroman anzuschlagen. Die angerissenen Problemfelder wie Depression oder Alkoholismus scheinen mir auch wirklich gut recherchiert zu sein. Trotzdem hat es mich diesmal nicht so gepackt, es war mir einfach too much. Wo Jimenez mich sonst mit ihrem Humor abholt und so die Waage hält, fühlte ich mich hier eher hilflos. Statt mitzufühlen, hatte ich beim Lesen öfter den Drang, jemanden kräftig zu schütteln oder genervt die Augen zu verdrehen.

Fazit

Trotz meiner Kritik bleibt Abby Jimenez eine der Autorinnen, die einfach wunderschön schreiben können. Auch wenn mich die emotionale Wucht dieses Mal eher erdrückt als berührt hat, werde ich auch ihr nächstes Buch sofort ganz oben auf meinen Lesestapel

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Urlaubsfeeling mit Leiche

Alpenmord und Almgedudel
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Tim Eckhaus ist mit "Alpenmord und Almgedudel" ein charmanter Alpenkrimi gelungen, der vor allem durch seine traumhafte Kulisse überzeugt. Besonders die Landschaft wird plastisch und detailliert beschrieben– ...

Tim Eckhaus ist mit "Alpenmord und Almgedudel" ein charmanter Alpenkrimi gelungen, der vor allem durch seine traumhafte Kulisse überzeugt. Besonders die Landschaft wird plastisch und detailliert beschrieben– bei der Wanderung durch die Klamm hatte ich das Gefühl, direkt an der Seite der Familie Brunner durch die Tiroler Bergwelt zu spazieren.

A propos Familie Brunner: Die Figuren der vier Hobbyermittler und auch alle Nebencharaktere sind liebevoll gezeichnet. Mein persönlicher Favorit ist der alte Bauer Alois, den man einfach gern haben muss. Die Familie ist zwar mit so vielen Talenten gesegnet, dass es mir zu Beginn fast ein wenig übertrieben war, aber im Laufe der Handlung habe ich sie gerade deshalb lieb gewonnen und ihre „Superkräfte“ als Teil des Unterhaltungswerts akzeptiert.

Der Krimi ist insgesamt eher kurz gehalten. Das führt zwar dazu, dass die Geschichte nicht extrem in die Tiefe geht, sorgt aber für ein flüssiges und unterhaltsames Lesevergnügen. Das liegt wohl hauptsächlich an der gut konstruierten Story und den verschiedenen Handlungsfäden, die am Ende alle sauber zusammengeführt werden

Mein einziger Kritikpunkt ist an der Stelle, dass ich als leidenschaftlicher Mit-Ermittler gefühlt kaum eine Chance hatte, dem Mörder vor der Auflösung selbst auf die Spur zu kommen. Entweder habe ich alle Hinweise überlesen, oder die Hinweise bleiben absichtlich verborgen, um das Finale überraschender zu gestalten.

Fazit:
Ein schöner Regionalkrimi, der Lust auf Berge und Brotzeit macht. Perfekt für einen gemütlichen Nachmittag auf dem Sofa oder als leichte Urlaubslektüre.

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Veröffentlicht am 17.11.2025

Cozy Crime mit ernstem Hintergrund

Der Tag, an dem Barbara starb
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“Der Tag, an dem Barbara starb” spielt in einer englischen Kleinstadt und ist aus der Perspektive einer alten Dame geschrieben, die gemeinsam mit ihrem Enkel versucht, den Tod ihrer Nachbarin aufzuklären. ...

“Der Tag, an dem Barbara starb” spielt in einer englischen Kleinstadt und ist aus der Perspektive einer alten Dame geschrieben, die gemeinsam mit ihrem Enkel versucht, den Tod ihrer Nachbarin aufzuklären. Margaret Winterbottom lebt ihr halbes Leben schon in der gleichen Straße, liebt Kreuzworträtsel und knabbert seelisch immer noch am Verlust ihres Ehemanns Albert, der im vergangenen Jahr starb. Das Problem ist nur, dass Margarets Gedächtnis sie in letzter Zeit immer wieder im Stich lässt, und sich ihr Umfeld zusehends seltsam verhält und sich übermäßig um sie sorgt.

Ich bin zu dem Buch gekommen, weil ich das Thema sehr spannend finde. Die Idee, einen Kriminalroman aus der Sicht einer Demenzkranken alten Dame zu schreiben und so eine Perspektive zu würdigen, die normalerweise eher klein gehalten wird, finde ich mutig und schön. Gleichzeitig war ich sehr neugierig, wie ein Krimi funktionieren kann, bei dem die Erzählerin Dinge vergisst oder durcheinanderbringt und man sich so nie sicher sein kann, ob etwas tatsächlich geschehen ist oder nicht.
Den Kampf, eine Krankheit zu akzeptieren, die einem gefühlt raubt, worauf man sich immer verlassen konnte - das Gedächtnis und die Cleverness - finde ich sehr gut dargestellt. Immer wieder blitzt die “gesunde” Margaret hindurch, eine energische, clevere und furchtlose Frau, die bereits im Krieg ihren Beitrag geleistet hat. Und dann wieder ist sie orientierungslos, findet Sachen nicht wieder oder stellt Erinnerungslücken fest, die ihr Angst machen.
Das führt allerdings auch dazu, dass die Story relativ seicht dahin plätschert und der Krimi etwas in den Hintergrund gerät. Gerade den Beginn des Buches fand ich nicht sonderlich spannend und es hat mich eine Weile gekostet, um reinzukommen. Gegen Ende nahm es dann zwar Fahrt auf, hat mich aber alles in allem nicht ganz überzeugt.
4 Sterne gibt es trotzdem, weil ich das Thema und die Idee so gut finde.

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