Spannend und erschreckend realistisch
Die Stockholm-ProtokolleIch lese grundsätzlich eher selten Politthriller, doch bei Die Stockholm‑Protokolle hat mich der Klappentext sofort neugierig gemacht – und die Lektüre hat diese Erwartung voll erfüllt. Besonders überzeugend ...
Ich lese grundsätzlich eher selten Politthriller, doch bei Die Stockholm‑Protokolle hat mich der Klappentext sofort neugierig gemacht – und die Lektüre hat diese Erwartung voll erfüllt. Besonders überzeugend fand ich die interne Perspektive: Alfred, der neue Pressesprecher des schwedischen Ministerpräsidenten, ermöglicht einen unmittelbaren Blick hinter die Kulissen der Macht, auch wenn die Erzählung natürlich fiktiv ist (anders wäre vermutlich so viel Insiderwissen gar nicht möglich…).
Man merkt, dass das Autorenduo sein Handwerk versteht – und die beiden offenbar auch wissen, wovon sie sprechen. Die beschriebenen Treffen, Reisen und Machtverhältnisse innerhalb der schwedischen Regierung wirken brutal realistisch und jederzeit plausibel - zumindest aus Sicht einer Person, die keine Ahnung von schwedischer Politik hat. Die Verknüpfung zum Europaparlament nach Brüssel verleiht dem Roman noch zusätzliche Aktualität und Relevanz.
Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Alfred und der Journalistin Julia, die gewissermaßen auf entgegengesetzten Seiten derselben Geschichte stehen: innerhalb der Regierung und außerhalb. Die angenehm kurzen Kapitel sorgen für ein hohes Tempo und eine stetig wachsende Spannung. Als Leser:in erhält man punktuell Insiderinformationen, ohne je das vollständige Bild zu kennen – ein erzählerischer Kniff, der hervorragend funktioniert. Bei der Menge an vorgestellten Personen und ihren Zuständigkeiten, hätte eine Übersicht nicht geschadet - ich habe sie mir beim Lesen dann selbst zusammengestellt.
Ob man Die Stockholm‑Protokolle nun als klassischen Thriller oder eher als spannenden Politikroman einordnet, ist letztlich Geschmacksfrage. Ehrlich gesagt war mir diese Kategorisierung beim Lesen ziemlich egal: Die Geschichte ist hervorragend aufgebaut, durchgehend fesselnd und stellenweise erschreckend nah an der Realität.
Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen. Wer sich nicht von einer Vielzahl an Namen und teils verwirrenden Strukturen abschrecken lässt und Spannung ohne allzu viel Thrill schätzt, sollte “Die Stockholm‑Protokolle” unbedingt auf die Leseliste setzen. Einzig der Titel hat sich mir bis zuletzt nicht wirklich erschlossen – aber das ist nun wirklich eine Nebensächlichkeit.