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Veröffentlicht am 29.03.2026

Zwischen Trümmern und Geheimnissen - Ein fesselnder historischer Krimi

Die weiße Nacht
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MEINE MEINUNG
Nach ihrer erfolgreichen historischen Roman-Reihe um die Berliner Hebamme Hulda Gold legt Anne Stern mit „Die weiße Nacht“ eine neue historische Krimi-Reihe vor, die in puncto atmosphärischer ...

MEINE MEINUNG
Nach ihrer erfolgreichen historischen Roman-Reihe um die Berliner Hebamme Hulda Gold legt Anne Stern mit „Die weiße Nacht“ eine neue historische Krimi-Reihe vor, die in puncto atmosphärischer Dichte, Zeitkolorit und eindrucksvoller Figurenzeichnung nahtlos an ihre Vorgänger anknüpft. Der vielversprechende Auftakt fesselt dank eindringlicher Milieuzeichnung und hervorragend recherchiertem zeitgeschichtlichen Hintergrund von der ersten Seite an und konnte mich sofort vollends in seinen Bann ziehen.
Der erste Fall für Kriminalkommissar Alfred König und die junge Fotografin Lou Faber, angesiedelt im Berliner Hungerwinter 1946/47, führt uns mitten hinein eine Zeit des Mangels, der moralischen Brüche und der schmerzhaften Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und der Gräueltaten der Nazis.
Als Lou in den verschneiten Trümmern der Stadt eine Frauenleiche mit gefalteten Hände entdeckt und fotografiert, lässt sie der Anblick der Toten im Schnee nicht mehr los. Lous Tatort-Fotos helfen bei den nur schleppend anlaufenden Ermittlungen. Der mit der Aufklärung des Mords betraute Kriminalkommissar Alfred König begegnet ihr zunächst reserviert, doch Lous Intuition liefert ihm einige wichtige Ansatzpunkte. Nach einem weiteren Leichenfund deuten einige Spuren in die Vergangenheit der Opfer, die viele lieber für immer vergessen wollen. Unter enormem treibt jagt König die Aufklärung des Falls voran, während der Heiligabend unaufhaltsam näher rückt …
Durch Sterns lebendigen, sehr bildhaften Schreibstil fällt es leicht, in das bedrückende Nachkriegsszenario von Berlin zur Stunde Null einzutauchen. Stern entwirft ein stimmiges und überwiegend düsteres Zeitbild und überzeugt mit authentischen Milieuschilderungen. Atmosphärisch dicht schildert sie den bedrückenden Alltag in all seinen Facetten, lässt uns hautnah am Schicksal der Menschen teilhaben und gewährt zugleich erschütternde Einblicke in ihre moralischen Dilemmata.
Überall zeigen sich die Folgen des verlorenen Kriegs in allgegenwärtiger Mangelversorgung, Hunger, Wohnungsnot, bitterer Armut, florierendem Schwarzhandel und verbissenem Überlebenskampf verbunden mit der Hoffnung auf einen baldigen Neuanfang.
Besonders eindrucksvoll hat Stern den verzwickten Kriminalfall mit den sorgsam recherchierten historischen Hintergrundinformationen verwoben.
Die Ermittlungen zu dem komplexen Fall führen allmählich immer tiefer in die Schattenzonen einer zerrütteten Gesellschaft aus Tätern, Opfern und Mitläufern, dorthin, wo Elend, Armut, Prostitution, Betrug und Verbrechen zum Alltag gehören. Eindrucksvoll führt Stern uns vor Augen, was Nationalsozialismus und Krieg aus den Menschen und ihrem moralischen Kompass machten, wie nachhaltig viele die dunkle Vergangenheit verdrängen und über etwaige Schuld, Verantwortung und eigene Verstrickungen schweigen. Die aus den Befragungen gewonnenen Hinweise, Erinnerungsfragmente und Halbwahrheiten deuten immer mehr darauf hin, dass die Todesopfer eine gemeinsame, in die NS-Zeit zurückreichende Vergangenheit haben.
Der Krimi lebt neben dem lebendig gezeichneten historischen Hintergrund vor allem von ihren vielschichtig angelegten Figuren. Sämtliche Charaktere sind detailliert und mit ihren Hintergrundgeschichten sehr vielschichtig ausgearbeitet, wodurch sie sehr lebensnah wirken. Besonders beeindruckt hat mich die clevere, sympathische Protagonistin Lou Faber mit ihrer Empathie, Hilfsbereitschaft und Unerschrockenheit. Als Fotografin gelingt es ihr mit Intuition und besonderem Blick für Details Dinge, die andere übersehen, zu erfassen und mutig unbequeme Fragen zu stellen. Zugleich hat sie mit Erinnerungen an ihre zeit im Widerstand, inneren Dämonen und Schuldgefühlen zu kämpfen. Kommissar König ist eine eher rätselhafte, unnahbare Figur mit markanten Ecken und Kanten – beherrscht, pflichtbewusst und innerlich mit seiner unrühmlichen Vergangenheit ringend, was ihn zu einem schwierigen Charakter im Umgang macht. Unter seiner kontrollierten Fassade schlummern Geheimnisse, die ihn und Lou enger miteinander verbinden, als beiden recht ist. Ihre leise Annäherung, geprägt von Misstrauen, wachsendem Respekt und unausgesprochenen Fragen, entfaltet sich als spannende emotionale Achterbahnfahrt.
Auch die zahlreichen Nebenfiguren wie Lous Freunde und Nachbarn, Königs Kollegen oder die auf dem Schwarzmarkt tätigen Waisen Gerti und Justus tragen mit ihren individuellen Geschichten zum besonderen Flair des Krimis bei und lassen ein authentisches gesellschaftliches Panorama entstehen.
Stern porträtiert sie als facettenreiche Menschen mit inneren Widersprüchen und Brüchen, so dass man einige von ihnen schnell ins Herz schließt und sich auf ein Wiedersehen in den Folgebänden freut.
Nach einigen überraschenden Wendungen und geschickt gelegten falschen Fährten fügen sich die Puzzlestückchen allmählich zu einem erschütternden Gesamtbild zusammen. Nach einem fesselnden Finale wird schließlich in der stimmigen Auflösung das schockierende Motiv der Taten enthüllt, das tief in der finsteren deutschen Vergangenheit verwurzelt ist und einen sehr betroffen und nachdenklich zurück lässt.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Luxus als Falle – Die etwas enttäuschende Rückkehr von Lo Blacklock

The Woman in Suite 11
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MEINE MEINUNG
Der neue Spannungsroman „The Woman in Suite 11“ von Bestseller-Autorin Ruth Ware setzt nach dem Erfolg „The Woman in Cabin 10“ die Geschichte ihrer Protagonistin Lo Blacklock fort. Zehn Jahre ...

MEINE MEINUNG
Der neue Spannungsroman „The Woman in Suite 11“ von Bestseller-Autorin Ruth Ware setzt nach dem Erfolg „The Woman in Cabin 10“ die Geschichte ihrer Protagonistin Lo Blacklock fort. Zehn Jahre nach den Ereignissen auf dem Kreuzfahrtschiff Aurora schickt sie Lo wieder in einen Luxus-Albtraum, diesmal in ein neu eröffnetes Luxushotel in den idyllischen Schweizer Alpen.
Ruth Ware liefert erneut einen clever konstruierten, gut lesbaren und fesselnden Thriller, der mit seinem rasanten Tempo und atmosphärisch dichter Kulisse überzeugt, dabei aber leider auch viele Schwächen des Vorgängers wiederholt.
Alles beginnt mit der Einladung zu einem Pressetrip in ein Luxushotel am Genfer See. Dies möchte Lo als Chance nutzen, ihre ins Stocken geratene Karriere als Reisejournalistin mit einem exklusiven Interview mit dem milliardenschweren, medienscheuen Eigentümer Marcus Leidmann wieder anzuschieben. Ein unerwartetes Reiseupgrade, die Atmosphäre am abgeschiedenen Hotelstandort und die überraschende Begegnung mit mehreren alten Bekannten von der Aurora beruhigen ihre ohnehin angespannte Nervosität jedoch keineswegs.
In Leidmanns Suite trifft Lo schließlich nicht auf den Gastgeber selbst, sondern auf eine junge Frau, die sich als dessen Geliebte ausgibt, behauptet, von ihrem mächtigen Liebhaber bedroht zu werden, und Lo um Hilfe bittet. Rasch überschlagen sich die Ereignisse und die hilfsbereite Lo gerät erneut in ein gefährliches, undurchsichtiges Katz-und-Maus-Spiel.
Ware setzt in ihrem Thriller auf bewährte, effektvolle Spannungselemente. Kurze, actionreiche Kapitel und geschickt gesetzte Cliffhanger sorgen für viel Spannung, so dass man gebannt weiterliest. Doch die fesselnde, temporeiche Dramaturgie der Handlung geht teilweise leider zu Lasten der Logik.
Ware hat ihre Figuren prägnant angelegt, widmet sich aber weniger einer nuancierten Charakterentwicklung. So ist die Figurenzeichnung bewusst stärker auf Spannung ausgerichtet und nicht immer psychologisch tiefgründig. Anstelle einer gereiften Lo, die als Ehefrau und Mutter zweier Söhne im Leben angekommen ist und die traumatischen Ereignisse auf der Aurora vor zehn Jahren verarbeitet haben müsste, begegnet uns eine Figur, die sich kaum weiterentwickelt zu haben scheint. Impulsiv, risikofreudig und erstaunlich blind für offensichtliche Warnzeichen, wirkt sie als überdrehte, bisweilen unglaubwürdig naive Ich-Erzählerin, die sich immer wieder unbedacht in neue Gefahren stürzt. Ihr Verhalten hat mich mehrfach ungläubig zurückgelassen und überzeugt psychologisch nur eingeschränkt. Die Hoffnung einer psychologisch vielschichtigen, verantwortungsvollen und charakterlich gereiften Lo zu begegnen, wurde leider nachhaltig enttäuscht.
In deutlichem Kontrast dazu steht die hervorragende Gestaltung des Settings. Das Hotel als verlockende, aber klaustrophobische Location, als Traumort ambivalenter Sicherheit und unterschwelliger Bedrohung ist atmosphärisch sehr dicht eingefangen. Gekonnt lässt sie die Grenzen zwischen willkommenem Gast und unfreiwilligem Gefangenen in einem luxuriösen Käfig, aufgesetzte Höflichkeiten, Privatsphäre und permanentem Beobachtungsblick nach und nach verwischen. Die Verbindung von Naturschönheit, faszinierender Hochglanz Architektur und einer stetig zunehmenden, beklemmenden Bedrohung ist Ware sehr gut gelungen. Geschickt streift Ware in ihrem Roman thematisch die Schattenseiten von Medienmacht und PR-Inszenierungen, greift aber insbesondere #MeToo, struktureller Sexismus, Machtmissbrauch und weibliche Glaubwürdigkeit auf sowie Trauma, Angst und psychische Verletzlichkeit, ohne diese Themen allerdings wirklich tiefgründig zu behandeln.
Nach einer Reihe von Zufällen und teils konstruiert wirkenden Verwicklungen findet der spannende Plot in einer hochdramatischen, schlüssigen Auflösung seinen Abschluss, die sowohl psychologisch als auch moralisch zu überzeugen weiß.
FAZIT
Ein typischer Ruth Ware Thriller – spannend, aber durch die Wiederholung bekannter Muster wenig originell. Trotz der leicht enttäuschenden Figurenzeichnung kann er mit flottem Tempo, dichter Atmosphäre und raffiniertem Setting überzeugen und bietet solide Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Vererbte Schatten – Eindrucksvolles Finale der vielschichtigen Familiensaga

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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MEINE MEINUNG
Nach ihrem bemerkenswerten Debüt „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und der Fortsetzung „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ legt die deutsche Autorin Alena ...

MEINE MEINUNG
Nach ihrem bemerkenswerten Debüt „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und der Fortsetzung „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ legt die deutsche Autorin Alena Schröder nun mit „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ den Abschluss ihrer Trilogie vor, in dem sie die Fäden ihrer generationenübergreifenden Familiensaga kunstvoll zusammenführt. Erneut begegnen wir vertrauten Protagonisten aus den Vorgängerbänden, die hier unter einem neuen erzählerischen Blickwinkel beleuchtet werden.
Hinter dem langen, anfangs rätselhaft wirkenden Titel, dessen Bedeutung sich erst im Verlauf erschließt, entfaltet Schröder eine einfühlsam erzählte, berührende Familiengeschichte, die um die familiären Hintergründe, komplexen Verwicklungen und sorgsam gehüteten Geheimnisse der Familie Borowski kreist. Zudem greift die Autorin erneut auf ihre vertrauten Motive wie Selbstfindung, elterliche Schuld und die Nachwirkungen generationenübergreifender Traumata zurück.
Im Mittelpunkt der auf zwei Zeitebenen angelegten Handlungsstränge stehen zwei faszinierende junge Frauen, ihre Lebensentscheidungen und unterschiedlich geprägten Lebenswege: Zum einen im Berlin der Gegenwart von 2023 die Enkelin von Evelyn Borowski, die 34-jährige, mit ihrem Leben hadernde Hannah und zum anderen die 14-jährige Marlen aus Demmin, die in den Wirren der Nachkriegszeit von 1945 im Haus der Künstlerin Wilma Engels in Güstrow Zuflucht findet und sich in der entstehenden DDR unter großen Entbehrungen ein neues Leben aufbaut.
In Rückblenden zeichnet Schröder mit großer Empathie und psychologischem Feingefühl die prägenden Stationen ihrer Figuren nach.
Obwohl beide Erzählperspektiven rasch ihren Reiz entfalten, überzeugt vor allem der historische Handlungsstrang im mecklenburgischen Güstrow rund um Marlen, Wilma und dem ehemaligem Kindermädchen Burgel. Die Szenen im zerstörten Nachkriegsdeutschland sind atmosphärisch dicht, emotional aufgeladen und mitreißend erzählt. Dagegen wirkt die Berliner Gegenwartshandlung mit der Lebenskrise der nach Sinn suchenden Hannah bisweilen etwas konstruiert und erreicht nicht die gleiche erzählerische Tiefe.
Im Verlauf verdichtet Schröder die Erzählstränge zunehmend, setzt unerwartete Wendungen und enthüllt nach und nach lange verdrängte Geheimnisse. Am Ende führt sie die Geschichte zu einem stimmigen, emotional überzeugenden Abschluss.
Lose verbunden sind die beiden Zeitebenen durch ein während der NS-Zeit verschollene Gemälde, auf das der Romantitel anspielt. Dieses Kunstwerk, über dessen Vergangenheit und Herkunft die Großmutter beharrlich geschwiegen hatte, zieht sich wie ein roter Faden durch Hannahs Familiengeschichte. Mit ihm wird geschickt die Thematik des „Leben auf Leinwand“ als Projektionsfläche von Schuld, Hoffnung, Schweigen, Erinnerung und die Frage nach Aneignung und Erbe beleuchtet. Zwar ist die Auflösung des Rätsels um das Gemälde dramaturgisch schlüssig und symbolisch konsequent umgesetzt, doch wirkte diese auf mich etwas zu erzwungen, um völlig zu überzeugen.
Die Stärke des Romans liegt insbesondere in der Figurenzeichnung. Schröders Frauenfiguren sind mit ihren Stärken, Verletzlichkeiten und widersprüchlichen Entscheidungen vielschichtig und glaubhaft gezeichnet. Schröder versteht es, ihre inneren Konflikte und Entwicklungsprozesse so zu erzählen, dass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Besonders gelungen ist das psychologisch stimmige Porträt der jungen Hannah, einer labilen, von Selbstzweifeln geplagten Frau, die zwischen Loyalität, Abhängigkeit und Selbstbehauptung, Nähe und Selbstschutz schwankt. Erst im Loslösen von familiären Erwartungen und der Konfrontation mit der eigenen Geschichte findet sie einen neuen inneren Frieden.
Auch Marlen durchläuft einen eindrücklichen Prozess der Emanzipation. So erleben wir ihre Entwicklung von der verletzlichen Überlebenden zum selbstbestimmten Charakter, der den Mut aufbringt, sich aus einem Leben voller unausgesprochener Zwänge und Abhängigkeiten zu befreien und einen eigenen Weg zu beschreiten.
Weniger überzeugend sind einige der Nebenfiguren wie Hannahs WG-Mitbewohner Justus oder die Vorzeigefamilie von Hannahs Vater Martin, die allzu deutlich als Kontrast zu Hannah angelegt sind und klischeehaft überzeichnet wirken.
Diese kleinen Schwächen und die etwas vorhersehbare Handlung schmälern nur wenig den insgesamt positiven Gesamteindruck dieser Romantrilogie, der mit viel Feingefühl, feinen Nuancen und erzählerischer Balance das Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Gegenwart, Schuld und Selbstbestimmung ausleuchtet.
FAZIT
Ein berührender Abschluss der eindringlich und atmosphärisch dicht erzählten Familiensaga über die Macht von Erinnerung, das Schweigen zwischen Generationen und den schwierigen Weg zur Selbstbefreiung.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Zwischen Idylle und Intrige - Ein beeindruckendes Debüt

Down Cemetery Road
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MEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt für Schritt führt er uns in eine beklemmende Welt voller Verrat, Machtspielen und verdeckten Interessen, bis sich der zunächst scheinbar konventionelle Fall zu einem packenden Spionagethriller verdichtet.
Deutlich lässt dieses Debüt schon die unverwechselbare Handschrift seiner späteren Erfolge erkennen, die sich durch einen clever komponierten Plot, subtilen Sarkasmus und Herrons unbestechlichem Blick auf das Abgründige hinter einer harmlosen bürgerlichen Normalität auszeichnen.
Im Mittelpunkt steht mit Sarah Tucker eine Protagonistin, die interessanter Weise weder Polizistin noch Detektivin ist, sondern eine frustrierte Hausfrau in unglücklicher Ehe mit einem erfolgreichen Investmentbanker. Als während einer Dinnerparty in einem Oxforder Vorort ein Haus in der Nachbarschaft in die Luft fliegt und ein kleines Mädchen spurlos verschwindet, beginnt sie auf eigene Faust die Hintergründe zu dem Unglück zu ermitteln. Ihre obsessive Suche nach dem verschwundenen Kind und der Wahrheit führt sie nichtsahnend immer tiefer in ein undurchsichtiges Netz aus Geheimdiensten, korrupten Beamten und skrupellosen Agenten, bis sie selbst ins Fadenkreuz gerät.
Nach einem behutsamen Einstieg, der zunächst die verschiedenen Charaktere einführt und eine besonders unheilvolle Atmosphäre heraufbeschwört, versteht es Herron hervorragend, die Spannung schrittweise aufzubauen und uns bis zur letzten Seite zu fesseln. Schon bald muss Sarah als unbedarfte Ermittlerin erkennen, dass hinter den glänzenden Fassaden der beschaulichen Oxforder Bürgerlichkeit nichts so ist wie es zunächst scheint. Ein undurchsichtiges wie mächtiges Geflecht aus dunklen Machenschaften, staatlichen Vertuschungen und stillschweigender Komplizenschaft wird erkennbar, das zu allem bereit ist, um eine politisch-militärische Intrige zu decken. So wandelt sich der Plot zusehends in eine feine, sehr entlarvende Satire auf die Mechanismen Macht und Bürokratie sowie die Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit bürgerlicher Existenzen.
Herrons präziser, ironisch geschärfter Schreibstil besticht durch trockenen Humor, pointierte Wortspiele und feinstes britisches Understatement. Mit raffinierten Tempo- und Perspektivwechseln steigert er die Dramatik der komplexen Geschehnisse und verdichtet die Atmosphäre zu einem düsteren, beklemmenden Panorama herauf.
Besonders eindrücklich gelingt Herron die Zeichnung seiner Hauptfigur Sarah Tucker, die keine klassische Ermittlerin ist, sondern mit ihrer rastlosen Suche nach Antworten ihrer Unzufriedenheit mit ihrem Leben und inneren Leere entfliehen möchte. Ihre hartnäckigen Nachforschungen sind weniger kriminalistischer Natur als Ausdruck einer Auflehnung gegen Demütigung und Angepasstheit und der Sehnsucht, ihrem faden Leben wieder einen Sinn zu geben. So wird sie zu eine unbeirrbaren, moralisch angetriebene Ermittlerin wider Willen, die mehr entdeckt als sie je wissen wollte und die immer mehr über sich selbst hinauswächst.
Nach zahlreichen überraschenden Wendungen, falschen Fährten und spannungsreichen Actionszenen kulminiert die Geschichte in einem dramatischen Showdown, der psychologisch wie dramaturgisch überzeugt.
FAZIT
Ein intelligenter, atmosphärisch dichter Spannungsroman, der ebenso fesselt wie nachdenklich stimmt. Gekonnt verbindet Herron packende Unterhaltung mit feiner Gesellschaftsanalyse und einem vielschichtigen Figurenporträt.

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Veröffentlicht am 15.02.2026

Ein origineller, fesselnder Whodunit

Tod zur Teestunde
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MEINE MEINUNG
Anthony Horowitz hat mit „Tod zur Teestunde“ erneut eine fesselnde Fortsetzung seiner Krimireihe um seine Protagonistin Susan Ryeland eine ehemalige Londoner Lektorin vorgelegt.
Obwohl dieser ...

MEINE MEINUNG
Anthony Horowitz hat mit „Tod zur Teestunde“ erneut eine fesselnde Fortsetzung seiner Krimireihe um seine Protagonistin Susan Ryeland eine ehemalige Londoner Lektorin vorgelegt.
Obwohl dieser dritte Band an die Vorgänger „Die Morde von Pye Hall“ und „Der Tote aus Zimmer 12“ anknüpft, lässt sich die Geschichte auch ohne Vorkenntnisse genießen und besticht durch einen faszinierenden, raffiniert verschachtelten Plot. Horowitz beweist hierbei wieder sein außergewöhnliches Talent für anspruchsvolle, vielschichtige Whodunits, in denen er geschickt typische Elemente klassischer Kriminalgeschichten und Anspielungen auf die großen Werke der Goldenen Krimi-Ära einfließen lässt.
Mit seinem lebendigen Schreibstil und pointiertem britischen Humor gelingt es Horowitz hervorragend, uns von Beginn an in den Bann zu ziehen.
Wie bereits bei den Vorgängern gliedert sich die Handlung in zwei gekonnt miteinander verwobene Erzählstränge. In der Gegenwart folgen wir der wieder nach London in ihr altes Leben zurückgekehrten Lektorin Susan Ryeland, die einen heiklen Lektoratsauftrag annimmt, um wieder in der Verlagswelt Fuß zu fassen. Sie soll das Manuskript von Eliot Crace redigieren, der den letzten Fall des berühmten Meisterdetektivs „Atticus Pünd“ ganz im Stil des verstorbenen Autors Alan Conway geschrieben hat. Als Enkel der berühmten Kinderbuchautorin Miriam Crace, die vor Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, hat Eliot in seinem eigenen Roman offenbar geschickt Hinweise auf den mutmaßlichen Mord an seiner Großmutter versteckt. Nach und nach wird Susan bei ihren hartnäckigen Nachforschungen in einen Strudel aus alten Familiengeheimnissen und Intrigen und schließlich sogar in einen mysteriösen Todesfall hineingezogen, bei dem sie bald selbst unter Verdacht gerät.
Der zweite Erzählstrang - mit dem fiktiven Kriminalroman als „Buch-im-Buch“-Element - führt ins Jahr 1955 nach Südfrankreich, wohin der berühmte Ermittler Atticus Pünd von einer reichen Dame eingeladen wird, die kurz darauf auf ihrem Landgut Marble Hall tot aufgefunden wird. In dem passagenweise enthüllten Manuskript aus der Feder des jungen Autors entfaltet sich ein von Gier, Familienzwist und verdeckten Motiven geprägter, klassischer Whodunit, der ganz in der Tradition der berühmten Autoren der goldenen Krimi-Ära verfasst ist.
Äußerst fesselnd ist es, Susan bei ihren Befragungen zu begleiten, die eine Vielzahl von Verdachtsmomenten und verwobenen Beziehungen enthüllen. Die vielen versteckten Hinweise im Manuskript, anspielungsreichen Wendungen und clever konstruierten Finten laden zum Miträtseln ein, und so ist es bei diesem literarischen Puzzle eine große Herausforderung, die raffiniert ineinander verschränkten Zusammenhänge zwischen fiktiven und realen Geschehnissen auszuloten.
Besonders überzeugend ist Susan Ryeland als sympathische und clevere Protagonistin voller subtiler Zwischentöne gezeichnet, deren persönliche Entwicklung und einfühlsame Art zu ermitteln mir sehr gut gefallen hat. Auch die zahlreichen Nebenfiguren sind vielschichtig und mit feinem Humor charakterisiert.
Das britische Flair, die unterschiedlichen atmosphärisch dichten Settings im modernen London oder nostalgisch angehauchten Südfrankreich der 1950ger sowie die Vielzahl interessanter Charaktere sorgen zudem für ein höchst abwechslungsreiches Leseerlebnis. Besonders gelungen sind auch die aufschlussreichen Einblicke in die Buchbranche, stets gewürzt mit amüsanten Seitenhieben auf die Verlagswelt.
Sehr versiert steigert Horowitz in seiner komplexen Geschichte die Spannung mit einem geschickten Spiel von Sein und Schein und mit unseren Erwartungen bis zum packenden Finale. Die schlüssige Auflösung erfolgt klassisch in bester Agatha-Christie-Manier bei der alle Verdächtigen zusammenkommen und die Hintergründe und Motive nachvollziehbar offen gelegt werden. Trotz vereinzelter Vorahnungen konnte mich Horowitz dennoch überraschen und so lässt er seinen Roman mit einem runden, befriedigenden Abschluss ausklingen.
FAZIT
Ein spannender, origineller und unterhaltsamer Whodunit mit einem raffiniert angelegten Plot, der sowohl Fans der Reihe als auch Liebhaber anspruchsvoller klassischer Kriminalromane begeistern wird.
Eine warmherzige, humorvolle und gelungene Hommage an das traditionelle britische Krimi-Genre!

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