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Veröffentlicht am 25.08.2018

Folgenschwere Lügen

Vier.Zwei.Eins.
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INHALT
„Am Anfang stand der Betrug. Es folgte die Lüge. Dann war es nur noch Feigheit.
Und keiner hatte die leiseste Ahnung, in welche Katastrophe uns das alle führen würde.“
Im Sommer 1999 erleben Kit ...

INHALT
„Am Anfang stand der Betrug. Es folgte die Lüge. Dann war es nur noch Feigheit.
Und keiner hatte die leiseste Ahnung, in welche Katastrophe uns das alle führen würde.“
Im Sommer 1999 erleben Kit und Laura eine totale Sonnenfinsternis in Cornwall.
Beide sind jung und verliebt, sie sind fest davon überzeugt, dass sie noch viele solche Naturereignisse gemeinsam beobachten werden.
Im fahlen Dämmerlicht danach, als sich der Schatten auflöst, glaubt Laura etwas gesehen zu haben. Eine brutale Vergewaltigung. Doch der Mann bestreitet alles. Die Frau schweigt. Seine Aussage gegen die von Laura.
Monate nach der Gerichtsverhandlung steht die Frau plötzlich vor Lauras und Kits Tür. Schleicht sich auf merkwürdige Weise in ihr Leben. Nur Kit scheint zu sehen, was Beth Taylor wirklich ist: eine Bedrohung.
15 Jahre später leben Laura und Kit unter falschem Namen an einem geheimen Ort. Keine Kontakte in die sozialen Medien, kein Eintrag im Telefonbuch, nur gelegentliche Telefonate. Etwas liegt noch immer im Dunklen, Laura fürchtet es, und sie ahnt, dass sie nur einen Teil des Bildes sieht. Doch dann steht Beth Taylor plötzlich vor Lauras Tür. Und jetzt drängt die Wahrheit mit aller Macht ans Licht…
(Quelle Klappentext Fischer Verlag)
MEINE MEINUNG
Mit dem Roman „Vier.Zwei.Eins.“ ist der Autorin Erin Kelly ein fesselnder, clever konstruierter Psychothriller gelungen, der erst allmählich Fahrt aufnimmt, dann aber im letzten Drittel mit der Enthüllung eines komplexen Lügengeflechts nicht mehr aus der Hand zu legen ist.
Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus der Ich-Perspektive der zwei Protagonisten Laura und Kit. Zudem ist die Geschichte auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelt und springt permanent zwischen den Ereignissen der Vergangenheit zwischen den Jahren 1999 und 2000 sowie der Gegenwart von 2015 hin und her, so dass man anfangs die Kapitelüberschiften zur besseren Orientierung lesen sollte. Insgesamt ist der lebendige, abwechslungsreiche Erzählstil der Autorin jedoch sehr angenehm zu lesen.
Obwohl sich die Geschichte, die dramaturgisch in die fünf Phasen der Sonnenfinsternis aufgeteilt ist, sehr behutsam entwickelt, versteht es die Autorin eine gewisse Grundspannung und unheilvolle Atmosphäre aufzubauen. Lange Zeit ist es allerdings für den Leser völlig unklar, auf was die Geschichte überhaupt hinauslaufen wird. Auf der verzweifelten Suche nach den kleinsten Hinweisen und Hintergründen in den unterschiedlichen, je nach Perspektive subjektiv eingefärbten Rückblicken, erleben wir als Leser ein clever konstruiertes Verwirrspiel mit vielen Lügen und geschickt gestreuten falschen Fährten, das uns allerding recht lang auf die Folter spannt. Kaum glaubt man in einem Punkt endlich etwas mehr Durchblick zu haben, steht man vor neuen Unklarheiten und muss bald erkennen, dass nichts so ist, wie gedacht. Im letzten Drittel ziehen schließlich Tempo und Spannung enorm an. Nach einigen überraschenden Wendungen werden immer mehr fatale Verstrickungen der Charaktere offenbar. Mit der schrittweisen Enthüllung des komplexen Lügengeflechts hält die Autorin uns Leser in Atem und offenbart so manche schockierenden Abgründe der menschlichen Psyche. Der Thriller gipfelt in einem sehr packenden Finale und klingt mit einem völlig überraschenden, geschickt gewählten Ende aus, das einen ziemlich sprachlos zurück lässt.
Der Autorin ist es hervorragend gelungen, die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Charaktere mit ihren Höhen und Tiefen zu treffen. Durch die wählte Ich-Perspektive werden lange Zeit nur Bruchstücke ihrer wahren Gefühls- und Gedankenwelt offenbart und es ist an uns, auszuloten, welchen Teil ihrer geschilderten Erlebnisse wir Glauben schenken wollen und wo es angebracht ist, ihnen zu misstrauen. Daher muss man auch bei den Figuren auf so manche Überraschung und schockierende Enthüllung gefasst sein.
FAZIT
Ein fesselnder, raffiniert konstruierter Thriller mit einem faszinierenden Lügengeflecht und schockierenden Enthüllungen, der allerdings sehr langsam Fahrt aufnimmt!

Veröffentlicht am 19.08.2018

Fesselnde Mischung aus Politthriller und Kriminalroman

Vier Tage in Kabul
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INHALT
Zwei schwedische Diplomaten werden vermisst – vermutlich wurden sie entführt. Ein Einsatz für Amanda Lund, die Unterhändlerin.
Die schwedische Kriminalkommissarin Amanda Lund ist für ein Jahr in ...

INHALT
Zwei schwedische Diplomaten werden vermisst – vermutlich wurden sie entführt. Ein Einsatz für Amanda Lund, die Unterhändlerin.
Die schwedische Kriminalkommissarin Amanda Lund ist für ein Jahr in Afghanistan stationiert, sie bildet lokale Sicherheitskräfte aus. Gerade erst hat die 35-Jährige einen Angriff der Taliban überlebt, da erhält sie einen neuen heiklen Auftrag: In Kabul ist ein schwedisches Diplomatenpaar verschwunden. Die Botschaft geht von einer Entführung aus. Amanda ist Verhandlungsspezialistin, sie soll in dem Fall vermitteln. Jede Stunde zählt.
In Stockholm bei der Reichskriminalpolizei koordiniert Bill Ekman Amandas Einsatz. Die Sache muss unter Verschluss bleiben, nur ein kleiner Kreis ist eingeweiht. Gleichzeitig untersucht Bill den Mord an einem jungen Mann. Ein Regierungsmitarbeiter, wie sich herausstellt.
Obwohl Tausende Kilometer voneinander entfernt, verdichten sich die Hinweise, dass beide Fälle zusammenhängen. Die Spuren führen in höchste Kreise.
(Quelle: Klappentext Rowohlt Verlag)
MEINE MEINUNG
Mit «Vier Tage in Kabul» hat die schwedische Autorin Anna Tell ein packendes Debüt vorgelegt, das eine gelungene Mischung aus Politthriller und Kriminalroman ist und Auftakt einer neuen, interessanten Reihe um die schwedische Unterhändlerin Amanda Lund darstellt.
Nach einem rasanten, actionreichen Einstieg entwickelt sich der recht undurchsichtige Fall in Kabul für die schwedische Kriminalkommissarin und Unterhändlerin Amanda Lund dann aber deutlich gemächlicher. Als geheimen Sonderauftrag soll Lund den mutmaßlichen Entführungsfall von zwei vermissten schwedischen Diplomaten untersuchen und Kontakt zu den Entführern aufnehmen. Fesselnd und sehr abwechslungsreich ist die vielschichtige Gestaltung der Handlung, die auf zwei Handlungssträngen zum einen in Afghanistan und zum anderen in Stockholm angesiedelt ist. Für zusätzlichen Nervenkitzel sorgt eine weitere Erzählebene, die uns unmittelbare Einblicke in die Geschehnisse aus Opferperspektive gibt. Leider verlor der anfängliche, temporeiche Erzählstil im Mittelteil immer mehr an Schwung. Durch kurze Kapitel und rasche Szenen- und Perspektivwechsel gelingt es der Autorin aber dennoch immer wieder das Erzähltempo anzuziehen und Spannung aufkommen zu lassen. Geschickt führt die Autorin allmählich die in Schweden und Afghanistan angesiedelten Handlungsstränge zusammen und liefert mit etlichen überraschenden Wendungen genügend Stoff für immer neue Spekulationen. Sehr reizvoll finde ich auch den Aspekt, dass die Autorin als Insiderin weiß, wovon sie schreibt. Als Kriminalkommissarin und Unterhändlerin verfügt sie über langjährige Polizei- und Militärerfahrung und spezielles Hintergrundwissen zu Auslandseinsätzen, wodurch sie mit ihren glaubwürdigen, anschaulichen Beschreibungen viel Authentizität in die Handlung einbringen konnte. Der Blick hinter die spannungsgeladenen Kulissen, der die Problematik von Polizeiermittlungen im Ausland im Spannungsfeld von höher gestellten Interessen der Politik und privaten Intrigen beleuchtet, gibt der Geschichte zusätzliche Würze.
Auch die atmosphärisch dichten, realistisch wirkenden Schilderungen vieler Schauplätze in Afghanistan fangen gelungen das besondere Setting ein in diesem unwirtlichen, gefahrenvollen Land.
Sehr differenziert und lebensnah sind ebenfalls die meisten Charaktere ausgearbeitet. Durch Einblicke in das Privatleben und ihre besonderen Eigenheiten bekommt vor allem die vielschichtig angelegte Protagonistin Amanda Lund eine besondere Tiefe, und wirkt auf mich sehr authentisch. Sehr gut konnte ich mich in ihre Gefühle und Motivationen hineinversetzen und ihre Handlungen nachvollziehen. Sie ist eine sehr eigenwillige, charakterstarke Persönlichkeit, mit der ich erst warm werden musste. Mit ihrem großen Engagement, Pflichtbewusstsein und ihrem bewundernswerten Gerechtigkeitssinn hat sie mich aber schließlich sehr beeindruckt.
Die Auflösung und Hintergründe des interessanten, komplexen Falls waren sehr nachvollziehbar und wirken durchaus realitätsnah.
Ich bin schon sehr gespannt auf den nächsten, herausfordernden Einsatz für Amanda Lund, der für Frühjahr 2019 mit dem Titel „Fünf Nächte im Kosovo“ angekündigt ist.
FAZIT
Packende Mischung aus Politthriller und Kriminalroman mit atmosphärisch dichtem Setting in Afghanistan und viel versprechender Auftakt einer neuen Reihe um die schwedische Unterhändlerin Amanda Lund!

Veröffentlicht am 19.08.2018

Überzeugender Krimi mit tollem Zeitkolorit

Die Tote im Wannsee
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INHALT
Wolf Heller interessiert sich eigentlich nicht für Politik, doch plötzlich ist alles politisch. Ohne es zu wollen, gerät er zwischen die Fronten. Die Polizei gilt als reaktionärer Haufen, Studenten ...

INHALT
Wolf Heller interessiert sich eigentlich nicht für Politik, doch plötzlich ist alles politisch. Ohne es zu wollen, gerät er zwischen die Fronten. Die Polizei gilt als reaktionärer Haufen, Studenten demonstrieren lautstark in den Straßen, und seine Freundin Louise zieht in eine Kommune. Da wird eine junge Frau tot am Ufer des Wannsees gefunden. Nur die roten Schlangenlederschuhe geben einen brauchbaren Hinweis auf ihre Identität. Als der Kommissar ein Bild der Schuhe in einer Berliner Zeitung veröffentlichen lässt, meldet sich eine Kollegin der Toten: Heidi Gent arbeitete in Horst Mahlers Anwaltskanzlei. Heller soll den Fall schnell abschließen. Auf der Polizei liegt noch der Schatten der Ermordung von Benno Ohnesorg, der Druck aus dem Schöneberger Rathaus ist enorm. Doch als er zufällig mitbekommt, dass sein Chef lautstark mit einem Unbekannten über die Tote streitet, lässt er nicht mehr locker.
(Quelle Klappentext Ullstein Verlag)
MEINE MEINUNG
Der fesselnde Kriminalroman »Die Tote im Wannsee« ist das äußerst gelungene Debüt des deutschen Autorentrios Martin Lutz, Uwe Wilhelm und Sven Felix Kellerhoff – kurz auch Lutz Wilhelm Kellerhoff. Der Krimi entführt uns ins West-Berlin der bewegten 1968er Jahre, eine geteilte Metropole quasi an vorderster Frontlinie des Kalten Krieges, in Aufruhr und voller gesellschaftlicher Kontraste. Gekonnt nimmt der Krimi uns mit auf eine kleine Zeitreise mitten hinein in Studenten-Proteste gegen Vietnamkrieg und Springerkonzern sowie zu radikalen Demonstrationen mit gewalttätigen Auseinandersetzungen während „Establishment“ und normales Bürgertum fassungslos zuschaut.
Geschickt verwoben mit dem komplexen Kriminalfall und portraitieren die Autoren den Alltag in der Stadt und vermitteln ein sehr stimmiges, authentisches Bild von der damaligen Zeit und dem politisch-gesellschaftlichen Spannungsfeld. So erhalten wir als Leser interessante Einblicke in die Studentenbewegung, Frauen-Emanzipation, Einstellung zur Homosexualität, Generationenkonflikte, dem Verdrängen der Nazi-Vergangenheit und verdeckten Wirken der „reingewaschenen“ Altnazis in vielen Positionen sowie den undurchsichtigen Machenschaften der Stasi, um die Machtstrukturen in West-Berlin zu verändern. Aber auch etliche historische Persönlichkeiten wurden gekonnt in die Handlung eingebaut und verleihen dem Fall mehr Authentizität. Am gut getroffenen Zeitkolorit und an vielen in die Geschichte eingestreuten historischen Details spürt man, wie akribisch die Autoren die damalige Zeit in Westberlin recherchiert haben.
Sehr angenehm ist auch der flotte Erzählstil mit gelungenen Dialogen und einer der recht einfachen, authentisch wirkenden Sprache. Beim Lesen merkt man nicht, dass an diesem Werk „aus einem Guß“ drei verschiedene Autoren beteiligt waren.
Sehr abwechslungsreich und packend haben die Autoren den komplexen Fall mit verschiedenen Handlungssträngen gestaltet. Vor allem die Perspektivwechsel, die uns auch an der Sicht des Opfers und Täters teilhaben lassen, sind sehr eindringlichen geschrieben und sorgen für enorme Spannung.
Der Krimi lebt neben den lebendig geschilderten Schauplätzen und interessanten Milieustudien vor allem von seinen lebensnahen, vielschichtig angelegten Figuren. Äußerst aufschlussreich und teilweise amüsant fand ich insbesondere die Einblicke in den inneren Kreis der studentischen Rebellen, ihren Wandel zum Revolutionsrausch und ihre trotz propagierter Fortschrittlichkeit doch eher rückständigen Auffassungen zu Rollenverteilung und Gleichberechtigung der Frauen. Hervorragend gefallen hat mir der recht eigenwillige, aber sympathische Kommissar Heller als Protagonist, der sehr bodenständig und aufrichtig wirkt, manchmal aber mit den finsteren Schatten der Vergangenheit eingeholt wird und mit dem ungeklärten Tod seiner Mutter zu kämpfen hat. Sehr faszinierend ist es, den erfahrenen Kommissar bei seiner hartnäckig Ermittlungsarbeit zu dem komplizierten Mordfall, bei dem sich immer Ungereimtheiten und Hürden auftun, zu begleiten und natürlich mitzurätseln. Als seine Nachforschungen auch aus eigenen Reihen ganz offensichtlich sabotiert und selbst von seinem Vorgesetzten unterbunden werden, setzt er alles daran, den Hintergründen auf die Spur zu kommen und den Mordfall zu lösen. Die Aufklärung war insgesamt sehr glaubwürdig, schlüssig und zufriedenstellend.
Ich würde mich sehr freuen, wenn es bald einen neuen Fall für den routinierten, sehr sympathischen Kommissar Heller im geteilten Berlin gäbe und ich wieder die spannend und lehrreich erzählte Zeitgeschichte abtauchen könnte.
FAZIT
Ein fesselnder, atmosphärisch dichter historischer Kriminalroman mit tollem Zeitkolorit und interessanten Charakteren, der uns gekonnt ins geteilte Berlin der bewegten 1968er Jahre abtauchen lässt. Sehr lesenswert!

Veröffentlicht am 17.08.2018

Berührende Satire über den Mann aus Stahl

Guten Morgen, Genosse Elefant
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INHALT
Moskau, in den 1950er Jahren:
Der zwölfjährige Juri ist Sohn von Doktor Roman Alexandrowitsch Zipit, Professor für Veterinärmedizin mit Fachgebiet Neurologie der Großhirnrinde, und zugleich Direktor ...

INHALT
Moskau, in den 1950er Jahren:
Der zwölfjährige Juri ist Sohn von Doktor Roman Alexandrowitsch Zipit, Professor für Veterinärmedizin mit Fachgebiet Neurologie der Großhirnrinde, und zugleich Direktor des Hauptstadtzoos. Seit einem schweren Unfall mit einem Milchwagen und der Straßenbahn mit 6 Jahren ist Juri körperlich gezeichnet und auch mental eingeschränkt, so dass ihn viele für einfältig halten. Als er durch Zufall vom kranken Führer der Sowietunion zu dessen Vorkoster Erster Klasse ernannt wird und ein paar Wochen in Stalins Datscha im Zentrum der Macht verbringt, vertraut auch der stählerne Mann dem vermeintlichen „Idioten“ wegen seines engelsgleichen Gesichts so manches brisante Geheimnis an.
So bekommt der Junge äußerst vertrauliche Staatsangelegenheiten und dubiose Geschehnisse mit, über die er zur eigenen Sicherheit aber besser Stillschweigen bewahrt …
MEINE MEINUNG
Mit seinem Roman "Guten Morgen, Genosse Elefant" ist dem englischen Autor Christopher Wilson eine unglaublich humorvolle, bewegende aber auch schockierende politische Satire gelungen, die den Leser sehr aufgewühlt zurücklässt. Legenden ranken sich um die mysteriösen Umstände und den Tod des allmächtigen Diktators der UdSSR Josef Stalin, den Mann aus Stahl, der eine Zeit unfassbaren Terrors und Schreckens geprägt hat. Gekonnt hat der Autor diese historische Episode herausgegriffen und aus den vielen Gerüchten, Spekulationen und wenigen Fakten eine äußerst fesselnde und unterhaltsame Geschichte gesponnen, in der sehr glaubhaft Stalins Charakter, sein Machtverlust und die Intrigen seiner unberechenbaren Gefolgsleute hinter seinem Tod in seiner Moskauer Datscha darstellt werden.
Getragen wird die Geschichte von dem äußerst ungewöhnlichen Protagonisten und Ich-Erzähler Juri Zipit, der uns auf eine herzzerreißend naive Art sein bewegendes Abenteuer erzählt und seine ganz eigene, stets positive Sicht auf die Geschehnisse in den letzten Stunden des vom körperlichen Verfall gezeichneten „Stählernen“ hat. Dem Autor ist mit dem jungen Juri ein überaus faszinierender, sympathischer Held gelungen – ein Außenseiter in jeglicher Hinsicht, der nach einem tragischen Verkehrsunfall neben äußerlichen Entstellungen auch bleibende Hirnschäden zurückbehalten hat, aber dennoch ein sehr gewitzter und scharfsichtiger Junge ist. Sehr amüsant ist es aus seiner völlig unbefangenen Perspektive mitzuerleben, wie er als Vorkoster Stalins und staunender Beobachter ins Zentrum turbulenter Machtkämpfe katapultiert wird. Zugleich wird er Zeuge des dekadenten Treibens der engen Entourage des Diktators bei den nächtlichen Gelagen auf Stalins Datscha. Geschickt konfrontiert uns der Autor mit schockierenden, historisch verbürgten Details, die einen den Wahnsinn und die Brutalität der durch das unerbittliche Regime verübten Gräueltaten vor Augen führen und entsetzt zurücklassen. Trotz vieler witziger und humorvoller Episoden ist Juris Geschichte äußerst berührend und traurig, so dass einem oft das Lachen im Halse stecken bleibt. Obwohl Juri während seiner Zeit auch viel Schreckliches erleiden muss, blickt er mit seiner kindlichen Sicht stets hoffnungsvoll in die Zukunft und verleiht der oftmals sehr beklemmenden Geschichte einen rührenden Optimismus. Insgesamt ist Wilson in seinem satirischen Roman diese Gratwanderung zwischen den Kontrasten aber hervorragend gelungen.
FAZIT
Eine sehr humorvolle, bewegende aber zugleich schockierende politische Satire über die letzen Tage des allmächtigen Diktators der UdSSR Stalin erzählt aus der berührenden Sicht des wundervollen Helden Juri. Sehr lesenswert!

Veröffentlicht am 15.08.2018

Solider, etwas spannungsarmer Italienkrimi mit tollem mediterranen Flair

In Schönheit sterben
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INHALT
Der Münchner Rechtsanwalt Robert Lichtenwald hat seine Kanzlei endgültig verkauft, um in seinem renovierten Bauernhaus bei Morcone im Süden der Toskana endlich zur Ruhe zu kommen und das Leben zu ...

INHALT
Der Münchner Rechtsanwalt Robert Lichtenwald hat seine Kanzlei endgültig verkauft, um in seinem renovierten Bauernhaus bei Morcone im Süden der Toskana endlich zur Ruhe zu kommen und das Leben zu genießen. Doch dann wird in Rom die Leiche des reichen, exzentrischen Kunstsammlers Annibale Colasanti in seiner Wohnung aufgefunden und aus einer Vitrine soll ein antiker Kunstgegenstand von unschätzbarem Wert gestohlen worden sein. Parallel zu den Ermittlungen der Kultur-Carabinieri versucht die temperamentvolle Journalistin Giada Bianchi dem mysteriösen Verbrechen auf die Spur zu kommen und wittert hinter dem Raubmord eine Bombenstory. Für ihre Recherchen bittet sie ihren Freund Lichtenwald um tatkräftige Unterstützung bei den Nachforschungen. Hierbei stoßen sie auf die üblen Machenschaften der Kunstszene in Rom, erfahren einiges über die morbiden Geheimnisse der schönheitsverliebten Stadt und bringen sich schon bald in große Gefahr …

MEINE MEINUNG
„In Schönheit sterben“ von dem deutschen Autor Stefan Ulrich ist bereits der zweiten Band der Italien-Krimireihe mit dem etwas außergewöhnlichen Ermittlerpaar, dem ehemaligen deutschen Strafverteidiger Robert Lichtenwald und der quirligen italienischen Lokalreporterin Giada Bianchi. Ein Quereinstieg in die Krimireihe ist problemlos möglich, da jeder Band einen in sich abgeschlossenen Kriminalfall darstellt. Sehr schön stimmt bereits das hübsche Cover mit einem typischen Postkartenmotiv auf den Handlungsort ein und so führen die Nachforschungen im neuesten Fall die beiden Freunde diesmal in die pittoreske toskanische Maremma sowie ins glühend heiße Rom.
Lebendig und sehr anschaulich beschreibt Ulrich in vielen Szenen die toskanische Landschaft, die kleinen Orte, köstliche Speisen und südländische Lebensart und fängt so gekonnt das herrlich mediterrane Flair der malerischen Gegend ein. Recht schnell fühlt man sich in eine schöne Urlaubsstimmung hinein versetzt und merkt an vielen Details, dass der Autor als früherer Rom-Korrespondent der SZ die Schauplätze gut kennt.
Mit einem packenden Einstieg im Prolog wird recht schnell Spannung aufgebaut, die nachfolgende Handlung, in der das sympathische Laien-Ermittlerduo beginnt, den Hintergründen für den Raubmord am exzentrischen Kunstsammler Colasanti und dem verschwundenen, mysteriösen Kunstwerk auf die Spur zu kommen, entwickelt sich dann allerdings in einem eher gemächlichen Tempo. Oftmals tritt die Recherchearbeit der beiden und Aufklärung des Falls aber auch zugunsten von Roberts Privatleben und seinem interessanten, vielschichtigen Charakter in den Hintergrund, wodurch die Spannung leider etwas leidet. Sehr unterhaltsam und humorvoll sind einige Episoden beschrieben und bringen den Leser zum Schmunzeln - insbesondere Roberts Zitate-Schlagabtausch mit dem Philosophen oder sein außergewöhnliches Haustier.
Geschickt präsentiert uns der Autor im Rahmen der Nachforschungen, zahlreiche Hinweise auf mögliche Verdächtige in dem komplizierten Fall, die uns in verschiedenste Richtungen spekulieren lassen. Was hat es mit der seltsamen Partei der Schönheit oder der Bande von Grabräubern in der Maremma auf sich? Zugleich thematisiert Ulrich in seinem Kriminalfall die unterschiedlichen Spielarten um die Motive „Schein und Sein“ und absolute Schönheit. Im letzten Drittel zieht die Spannung dann aber enorm an und gewinnt immer mehr an Tempo. Schließlich laufen alle Fäden zusammen und die nicht mehr ganz überraschende, aber in sich schlüssige Auflösung des Falls gipfelt in einem packenden Showdown.
FAZIT
Insgesamt ein unterhaltsamer, aber etwas spannungsarmer Italienkrimi mit tollem mediterranen Flair und viel authentischem Lokalkolorit, der solide, kurzweilige Unterhaltung bietet!