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caro_phie

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.03.2026

Wie den Zugwind aussperren in Zeiten des Krieges?

Zugwind
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Mira Zehmann ist schon länger in Deutschland. In Odesa geboren, lebt sie mittlerweile als Ärztin arbeitend, in glücklicher Ehe und mit gemeinsamer Tochter in der Stadt N. Doch mit der Vollinvasion Russlands ...

Mira Zehmann ist schon länger in Deutschland. In Odesa geboren, lebt sie mittlerweile als Ärztin arbeitend, in glücklicher Ehe und mit gemeinsamer Tochter in der Stadt N. Doch mit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 zieht ein Zugwind bei ihr ein. Sie verriegelt Türen und Fenster. Doch immer ist da dieser Wind, der durch die Löcher in ihr selbst zu pfeifen scheint.

Mühsam versucht sie die Löcher zu füllen, sich in die Arbeit zu stürzen, den Krieg fern von der Tochter zu halten, sich auf alle erdenklichen Arten abzulenken von dem Grauen, das sie jeden Tag über Telegramm aus der Ukraine zugespielt bekommt. Von der Ungewissheit und dem Bangen um Freunde und Familie in Odesa - und auch um die geliebte Stadt selbst.

Doch woher die Kraft aufbringen, um jeden Tag von neuem den Alltag in Deutschland zu bestehen, wenn der Krieg einem alle Kraft raubt?

Eindringlich und gleichsam poetisch findet Iryna Fingerova Worte für das, das so schwer in Worte zu fassen ist: die innere Unruhe, die Schuldgefühle, die Mira Zehmann und auch ihre Patientinnen plagen. Menschen, die mit ihren Traumata zu ihr kommen und doch jeden Tag überlegen, ob sie in die Ukraine zurückkehren sollten. Nicht nur, um ihr Land zu verteidigen, sondern auch, um einfach vor Ort zu sein.

Zugwind ist ein Buch das wahnsinnig eindrücklich das beschreibt, was als Außenstehende so schwierig zu verstehen ist. Warum mitten im Krieg an den Kriegsort zurückkehren? Wie dort das Leben feiern in Zeiten des Krieges? Es deckt sich von der Erklärung mit denen einiger anderer Ukrainer
innen, die ich in letzter Zeit in Podcasts und Talkshows sprechen hören habe. Aber durch die literarische Verarbeitung findet Zugwind noch mal einen ganz anderen Zugang zu dem Thema. Leserinnen können Mira Zehmanns Unruhe, ihre Verzweiflung und Ohnmacht förmlich spüren.

Selten hatte ich das Gefühl den Ukrainer
innen, die nun in Deutschland leben, näher zu sein als nachdem ich dieses tolle Buch zugeklappt habe.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Zum Träumen und Weiterrecherchieren

Gemüsepower
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Es ist Februar. Die ersten Samen sind gesät und doch scheint der Garten noch im Winterschlaf zu liegen. Doch Lucia Schauerhammer weist mich in ihrem Buch “Gemüsepower” darauf hin, dass auch jetzt schon ...

Es ist Februar. Die ersten Samen sind gesät und doch scheint der Garten noch im Winterschlaf zu liegen. Doch Lucia Schauerhammer weist mich in ihrem Buch “Gemüsepower” darauf hin, dass auch jetzt schon wichtige Arbeiten erledigt werden können, um die kommende Gartensaison vorzubereiten.

Übersichtliche To Do Listen bilden den Anfang eines jeden Kapitels des saisonal gegliederten Gartenbuchs. Danach folgen hilfreiche Tipps zu nachhaltigen Gartenanbaumethoden, Gemüsesorten, die man in den jeweiligen Monaten anbauen kann und vertiefendes Wissen bspw. zu Beikräutern, Kompostieren und Haltbar machen. Besonders schön fand ich auch die gelegentlich auftauchenden Rezepte, die einem helfen größere Mengen an Hollunderblüten, Zucchini oder Tomate zu verarbeiten.

Das Buch ist sehr ästhetisch aufgebaut. Viele Fotos vom Garten der Autorin laden zum Träumen ein. Dazwischen auch immer wieder Fotos der Autorin selbst bei der Arbeit. So schön das auch aussieht, hätten meiner Meinung an vielen Stellen informativere Grafiken den Platz besser nutzen können.

Ein ähnliches Gefühl stellte sich bei mir auch beim genaueren Lesen des Buches ein. An vielen Stellen fehlt mir die Tiefe. So wird beispielsweise das Thema Mischkultur nur in wenigen Sätzen angerissen. Um ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, was im Garten passiert und warum, reicht es an vielen Stellen nicht.

Zudem finde ich den Untertitel des Buchs “Jede Menge Gemüse auf kleiner Fläche” in die Irre führend. Denn das was Lucia Schauerhammer auf den Fotos präsentiert ist keinesfalls ein kleiner Garten, sondern ein Market Garden von 4500 Quadratmetern. Vorgestellte Techniken setzen häufig voraus, dass man Gemüse in langen Reihen anpflanzen kann. Allein das Hochbeet als Alternative für wenig Platz wird immer wieder aufgegriffen

Lucia Schauerhammers Buch wird ein Buch bleiben, in das ich immer wieder mal gerne reinschauen werde. Ein Buch, das mich das ganze Jahr lang immer wieder begleiten wird, allerdings eher als Inspiration als für eine systematische Beetplanung der knapp neun Quadratmeter Beetfläche, die mein wirklich “kleiner” Garten hergibt.

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Veröffentlicht am 13.11.2025

Ein ungeschöntes Stück Geschichte

Der brennende Garten
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Man spürt eine tiefe Geborgenheit auf den ersten 80 Seiten von V.V. Ganeshanthans Roman “Der brennende Garten”, übersetzt von Sophie Zeitz. Die junge Tamilin Sashi wächst zusammen mit ihren vier Brüdern ...

Man spürt eine tiefe Geborgenheit auf den ersten 80 Seiten von V.V. Ganeshanthans Roman “Der brennende Garten”, übersetzt von Sophie Zeitz. Die junge Tamilin Sashi wächst zusammen mit ihren vier Brüdern in behüteten Verhältnissen in Jaffna auf. Nichts wünscht sie sich mehr, als Ärztin zu werden, so wie ihr ältester Bruder und der Großvater. Und dass der Freund ihrer Brüder, K., sie endlich wahrnimmt.

Was beginnt als idyllisches Familienportrait mit sich anbahnender Lovestory, schlägt alsbald um in eine schonungslose Beschreibung des Bürgerkriegs in Sri Lanka. Sashi erlebt wie wütende Mobs in Colombo die Mitglieder der tamilischen Minderheit ermorden, wie sich als Reaktion tamilische Milizen bilden, die sich gleichzeitig gegenseitig bekriegen, wie zuhause in Jaffna jeder junge Mann von dem immer stärker präsenten Militär verdächtigt wird Milizionär zu sein. Sie erlebt, wie die Zivilgesellschaft zwischen den Fronten zerrieben wird, wie ihre Familie zerfällt und auch sie selbst, tief zerrissen, ihren eigenen Weg finden muss mit den grausamen Geschehnissen umzugehen.

V.V. Ganeshanthans Erzählstimme hat mich durch die Geschichte getragen. Durch ihre ungeschönte Beschreibung der Ereignisse und die direkte Adressierung der Leser*innen, war es für mich eine unglaublich intensive Leseerfahrung. Einzelne Passagen fand ich etwas pathetisch. Das Gesamtkonzept des Romans wurde aber dadurch nicht gestört.

Und so hat mich “Der brennende Garten” tief bewegt und schockiert zurückgelassen. Es ist ein Buch über Kapitel der Geschichte, über das ich bisher nichts wusste, auch wenn der Bürgerkrieg in Sri Lanka über 25 Jahre andauerte. Eine lange Zeitperiode, in der die internationale Gemeinschaft größtenteils hilflos zuschaute während die tamilische Zivilbevölkerung in Sri Lanka den Kriegsverbrechen des Militärs und der Milizen zum Opfer fiel.

Ein wahnsinnig wichtiges Buch, insbesondere angesichts aktueller Entwicklungen im Sudan!

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Kunstvolle Skizze der Wendezeit in Rot, Blau und Grün

Adlergestell
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Man kann sie sich bildhaft vorstellen, die Kindheit in den 90er Jahren am Stadtrand von Berlin, dort wo unentwegt die Autos über das Adlergestell rasen. Die Kinder, die mit ihren eckigen Scout-Ranzen das ...

Man kann sie sich bildhaft vorstellen, die Kindheit in den 90er Jahren am Stadtrand von Berlin, dort wo unentwegt die Autos über das Adlergestell rasen. Die Kinder, die mit ihren eckigen Scout-Ranzen das erste Mal die Schule betreten und ab diesem Tag nach der Schule immer direkt zum kleinen Laden rennen, wo sich jetzt der Kapitalismus in einer riesigen Auswahl Süßigkeiten manifestiert. Unter ihnen Chaline, Lenka und die Erzählerin, die schon bald Center-Shock kauend die neuen Autos, die nun überall in der Siedlung stehen, beschmieren und deren Mercedes-Sterne abbrechen.

Es ist ein Aufwachsen zwischen zwei Welten: der vergangenen der Erwachsenen und der neuen Welt, die ihre Heilsversprechen einer schöneren Welt über die Röhrenfernseher verbreitet. Bilder, die sich in Blau, Grün udn Rot auflösen, wenn man so nah an den Fernseher tritt, dass die Augen wehtun.

Kunstvoll verwebt Laura Laabs die Geschichte der drei Mädchen mit den Schicksalen ihrer Verwandten und diesen neuen Eindrücken zu einem atmosphärischen Gesellschafts- und Zeitbild, das ich wahnsinnig beeindruckend fand.

Deshalb hätte es für mich die zweite Zeitebene in der Gegenwart, in der Laura Laabs die Schicksale ihrer Protagonistinnen weiterzeichnet, nicht gebraucht. Fast wirkt es als würde die Autorin ihrem Buch eine Erklärung abringen wollen, warum gerade in den östlichen Bundesländern nun rechtsradikale Kräfte wieder an Momentum gewinnen. Aber dafür bleibt meiner Meinung nach insbesondere ihre Erzählerinnenfigur zu schemenhaft.

Abgesehen davon ist Adlergestell jedoch ein tolles Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und dessen bildhaft, atmosphärische Sprache mich sehr beeindruckt hat.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Eine warmherzige Geschichte über das Erinnern und Hintersichlassen

Onigiri
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Es ist die letzte Reise für Akis Mutter Keiko nach Japan zu ihrer Familie - ein letzter Versuch Akis noch einmal Ordnung in das Leben ihrer Mutter zu bringen, das zunehmend zwischen Vergangenheit und Gegenwart ...

Es ist die letzte Reise für Akis Mutter Keiko nach Japan zu ihrer Familie - ein letzter Versuch Akis noch einmal Ordnung in das Leben ihrer Mutter zu bringen, das zunehmend zwischen Vergangenheit und Gegenwart zerfließt. Sie dort hinbringen, wo sie am meisten zuhause war, denn in Deutschland ist Keiko nie ganz angekommen, konnte sich nie richtig wohl fühlen. Immer wieder hielt sie sich schon in Akis Kindheit die Hände vor die Augen, musste sich ausruhen von den Eindrücken des Tages - ob in der kleinen bayrischen Wohnung, in der sie, Aki und Akis Bruder lebten, oder in der Straßenbahn. Oft zupfte die kleine Aki dann an ihrem Arm, peinlich berührt von der Mutter, die in diese Gesellschaft nicht zu passen schien.

Und auch jetzt spürt man hinter den leisen Worten, die Yuko Kuhn für diese berührende Geschichte findet, immer wieder eine unbändige Wut Akis. Wut auf die Mutter, die in Deutschland nie ihre eigene Stimme fand und es somit ihren Kindern überließ sie zu beschützen. Wut auf die Eltern des Vaters, die der Schwiegertochter die Ankunft nicht leichter machten. Wut über die Lücke, die Aki und ihr Bruder als Kinder überbrücken mussten, zwischen dem Leben mit ihrer Mutter und den Besuchen bei den Großeltern: Auf der einen Seite Erinnerungen an dampfende Miso-Suppe und Onigiri, aber auch eine Mutter, die sich oft - überfordert von der Welt dort draußen - zurückzog und ihre Kinder dem Fernseher überließ. Auf der anderen Seite Erinnerungen an Abendessen an dem großen Tisch der Großeltern, den Rücken durchgstreckt, die steife Serviette und das schwere Besteck neben sich, uralte Vorwürfe unter dem Teppich, die doch immer im Laufe des Abends hervorbrachen.

Feinfühlig verwebt Yuko Kuhn die gegenwärtige Reise nach Japan mit Akis Kindheitserinnerungen und mit den Erzählungen der Mutter, wie sie als junge Frau Japan verlassen hat und nach Deutschland kam. Es ist eine zärtliche Annäherung von Tochter und Mutter auf einer letzten gemeinsamen Reise, die einige Wunden zu schließen vermag.

Ein großartiges, warmherziges Buch, das mich sehr gerührt hat!

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