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Veröffentlicht am 10.10.2021

Spannende Traumabewältigung in mehr als einer Hinsicht

Die andere Tochter
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Antonia, genannt Toni, verliert durch einen Arbeitsunfall fast ihr Augenlicht und kann dank einer Hornhauttransplantation wieder sehen. Ihr Dankesbrief an die Familie der Spenderin wird versehentlich nicht ...

Antonia, genannt Toni, verliert durch einen Arbeitsunfall fast ihr Augenlicht und kann dank einer Hornhauttransplantation wieder sehen. Ihr Dankesbrief an die Familie der Spenderin wird versehentlich nicht anonymisiert und so kommt es zum persönlichen Treffen. Toni hat eigentlich genug eigene Probleme psychischer und sozialer Art und sieht sich allmählich auch mit denen der Spenderfamilie konfrontiert.
Eine Spirale immer neuer Wendungen, Überraschungen und Entdeckungen entwickelt einen starken Sog, der mich als Leser nicht mehr losgelassen hat, nachdem einige Längen im Mittelteil des Buchs überwunden waren.
Das Cover passt perfekt: Toni deckt ein Puzzleteil nach dem anderen auf und nicht nur die Geheimnisse der Spenderfamilie treten zu Tage, sondern auch die ihrer eigenen Familie.

Geschickt gestaltet, gibt es zwei sich abwechselnde Zeitebenen, die nur sechs Monate auseinander liegen und sich am Schluss vereinen. Die Ereignisse in der Vergangenheit werden von einem personalen Erzähler aus Tonis Perspektive geschildert, während in der Gegenwart Toni die Ich-Erzählerin ist und schon der Auftakt „Ich bin nicht mehr Toni. Ich bin jetzt eine andere.“ erzeugt große Spannung und nimmt den Leser von Beginn an gefangen.
Der Schreibstil ist flüssig und bildhaft, sehr angenehm zu lesen. Dinah Marte Golch ist eine erfolgreiche und preisgekrönte Drehbuchautorin, die ihr Können auch in diesem Roman unter Beweis stellt.
Das Buch behandelt eine Vielzahl von Themen, die alle plausibel zur Erzählung beitragen und mir gut recherchiert erscheinen. Als besonders hilfreich und glaubwürdig empfand ich die Ausführungen von Tonis Therapeuten und auch das Nachwort der Autorin.

Eine Identifikationsfigur gibt es für mich im Roman nicht, aber alle Protagonisten sind authentisch und glaubhaft beschrieben, vor allem Tonis schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, ihren Gefühlen und den Träumen ist völlig nachvollziehbar und hat mich sehr berührt.

Ich kann das Buch allen Lesern empfehlen, die sich für Familiengeschichten und -geheimnisse interessieren, für Traumabewältigung und mögliche psychische Folgen von Organtransplantationen.

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Veröffentlicht am 28.09.2021

Sehr spannend und unterhaltsam

Reality Show
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Zehn superreiche mächtige Personen werden ausgerechnet an Heiligabend in ihrem Zuhause als Geisel genommen. In einer auf allen Sendern live übertragenen „Reality Show“ werden diese einflussreichen Menschen, ...

Zehn superreiche mächtige Personen werden ausgerechnet an Heiligabend in ihrem Zuhause als Geisel genommen. In einer auf allen Sendern live übertragenen „Reality Show“ werden diese einflussreichen Menschen, die die Politik und das wirtschaftliche Geschehen in Deutschland bestimmen, einzeln zur Rechenschaft gezogen und die Fernsehzuschauer stimmen darüber ab, ob und wie sie bestraft werden sollen.
Das Geschehen spielt in einer nahen Zukunft, die Corona-Pandemie ist vorbei und es hat einen politischen Rechtsruck gegeben.

Das Cover passt hervorragend zum Buch mit der Signalfarbe Orange im schummrigen Dunkel und dem ungehinderten Blick durch eine Fensterfront in ein Zimmer, in dem ein bewaffneter Mann drohend steht.
Das Buch besteht aus vielen Kapiteln, die auf zwei Zeitebenen spielen, die Überschriften machen klar, wer hier wann im Mittelpunkt steht, so dass ich gut den Überblick behalten habe.
Der Schreibstil ist flüssig und angenehm zu lesen.

Durch den ständigen Perspektivwechsel entwickelt die Geschichte eine große Dynamik und es fällt zunehmend schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Der Anfang des Buchs, in dem die Geiseln einzeln vorgestellt werden, zieht sich etwas, aber mit der Vorstellung der jungen Leute, die den Plan nicht nur zur Geiselnahme und der Reality Show, sondern auch zu einem „Systemneustart“ austüfteln und nach jahrelanger Vorbereitung akribisch durchführen, fesselt die spektakuläre Geschichte immer mehr und lässt bis zum Ende nicht mehr los.
Der Roman ist spannend, abwechslungsreich und sehr geschickt angelegt, immer wieder werden zum Beispiel auch die Gedanken und Reaktionen der Fernsehzuschauer eingestreut, was am Ende zu einem runden Schluss beiträgt.

Die jungen Protagonisten werden durch Rückblenden in ihrer Entwicklung glaubhaft dargestellt und durch die jeweilige Ich-Perspektive sieht der Leser die anderen Gruppenmitgliedern aus verschiedenen Blickwinkeln, wodurch die Charaktere sehr nahbar und authentisch erscheinen.

Anne Freytag kann offensichtlich nicht nur Jugendbücher, sondern auch Thriller schreiben und ich empfehle das Buch jedem Leser intelligenter Spannungsliteratur und durchdachter Utopien. Mich hat es bestens unterhalten.

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Veröffentlicht am 12.09.2021

Beeindruckende Sozialkritik

Diese Frauen
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Ende der 90er Jahre wurden entlang der Western Avenue im südlichen Los Angeles insgesamt 13 Frauen „aus dem Milieu“ ermordet und jetzt, nach 15 Jahren, scheint es eine neue Mordserie an nicht-weißen Frauen ...

Ende der 90er Jahre wurden entlang der Western Avenue im südlichen Los Angeles insgesamt 13 Frauen „aus dem Milieu“ ermordet und jetzt, nach 15 Jahren, scheint es eine neue Mordserie an nicht-weißen Frauen aus unterprivilegierten Gesellschaftsschichten zu geben. Es gab damals wie heute kaum Ermittlungen durch die Polizei, die „diese Frauen“ geringschätzt, ihnen gar eine Mitschuld am Verbrechen unterstellt und die Angehörigen nicht anhört und nicht ernst nimmt. Erst eine kleingewachsene Latina-Polizistin, der ebenfalls in der Vergangenheit von ihren Kollegen nicht geglaubt wurde, wird allmählich aufmerksam, hört zu und ermittelt, denn es gibt für jedes Rätsel eine Lösung und die einfache Antwort ist oft die richtige.

Das Cover zeigt eine „dieser Frauen“, jung und schön, im grün-roten Licht einer Neonreklame, es passt zum Roman.

Der Leser lernt 6 Frauen kennen, die alle mit den Morden zu tun haben, diese Frauen sind unkonventionell und kennen extreme Gewalt gegen Frauen, sie erleben die Verletzlichkeit, den Schrecken und die Wut in der unsicheren Stadt, die doch ihre Stadt ist.
Die Autorin passt ihren Schreibstil sehr gekonnt der jeweiligen Protagonistin an, sprach- und bildgewaltig werden die Charaktere lebendig und konfrontieren den Leser mit ihrem Leben. Ivy Pochoda beschreibt die Situation der Frauen authentisch, wie bei den Fotos einer der Protagonistinnen stehen sich Selbstsicherheit und Leere gegenüber, Macht und Verzweiflung, Stärke und Hoffnungslosigkeit.
Die Autorin zeichnet auch ein beeindruckendes, realistisches Bild des heruntergekommenen Viertels West Adams in South Central Los Angeles, das Lebensumfeld all dieser Frauen, das in der Vergangenheit auch bessere Tage gesehen, aber unter straßenbaulichen Maßnahmen und den Unruhen Anfang der 90er Jahre gelitten hat.

Das Buch beginnt mit einem Monolog und endet auch mit einem Monolog derselben Frau, die bedrückende und erschreckende Atmosphäre des Romans lässt am Ende Raum für einen kleinen Hoffnungsschimmer für zumindest diese eine Frau.

Ich empfehle den Roman nicht den Krimi-Fans, die auf Action und Ermittlungsarbeit aus sind, sondern eher Lesern, die sich für gesellschaftliche Probleme in westlichen Großstädten und für weibliche Selbstbestimmung interessieren.

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Veröffentlicht am 05.09.2021

Der Tod gehört zum Leben

Was bleibt, wenn wir sterben
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Das Cover gefällt mir gut, es passt zum Buch und steht für mich für Loslassen, Freiheit, Aufbruch in noch unbekannte Gefilde. Der Schreibstil ist flüssig, sehr angenehm zu lesen und hat mich mit seinen ...

Das Cover gefällt mir gut, es passt zum Buch und steht für mich für Loslassen, Freiheit, Aufbruch in noch unbekannte Gefilde. Der Schreibstil ist flüssig, sehr angenehm zu lesen und hat mich mit seinen klaren und doch einfühlsamen Worten von Anfang an mitgenommen.
Das Buch besteht aus vielen kurzen Kapiteln, in denen Louise Brown unterschiedliche Aspekte der Trauer anschaulich beschreibt.

Der Tod beider Eltern innerhalb weniger Monate konfrontierte die Journalistin Louise Brown mit einer tiefen Trauer. Bis dahin hatte sie sich kaum mit dem Tod geliebter Menschen auseinandersetzen müssen und sie empfand die Trauerfeiern bei den Beerdigungen der Eltern als unbefriedigend und den geliebten Menschen nicht gerecht werdend. Ihr eigener langer Trauerprozess, die Auseinandersetzung mit dem Tod und unserer Endlichkeit und die Begegnung mit einer Trauerbegleiterin führten dazu, dass sie als Trauerrednerin zu arbeiten begann.

Das Buch will kein Ratgeber sein, sondern erzählt von zahlreichen Begegnungen und persönlichen Gesprächen mit Trauernden, in denen die Verstorbenen durch Erinnerungen und Gefühle bei den Hinterbliebenen lebendig bleiben. Diese Erinnerungen spenden Trost und die immer individuelle Erfahrung der Trauer macht den Menschen verletzlicher und empathischer, die Sicht auf das Leben und darauf, was wichtig ist, kann sich ändern.
Die Autorin ermuntert uns, unsere Trauer zu leben und sie nicht zu verstecken, und uns mit dem Tod zu beschäftigen, darüber zu reden, denn dadurch wird er weniger groß und erschreckend.

Ich empfehle das Buch jedem, der bereit ist, sich mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Dieses Thema geht früher oder später jeden an.

Veröffentlicht am 26.08.2021

... und was daraus werden kann

Eine ganz dumme Idee
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Am Tag vor Silvester wird eine Gruppe von Menschen, die gerade eine Wohnung besichtigen, überraschend zu Geiseln. Der Geiselnehmer hat vorher erfolglos versucht, eine Bank zu überfallen und landet auf ...

Am Tag vor Silvester wird eine Gruppe von Menschen, die gerade eine Wohnung besichtigen, überraschend zu Geiseln. Der Geiselnehmer hat vorher erfolglos versucht, eine Bank zu überfallen und landet auf der Flucht in eben dieser Wohnung, da die Tür offen steht.

Im Verlauf dieses Tages lernt der Leser die potentiellen Wohnungskäufer kennen, ebenso die beiden ermittelnden Polizisten. Es gibt Rückblenden in die Vergangenheit und langsam wird klar, dass all diese Menschen miteinander verbunden sind. Es sind ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen, die jeder kennt. Es ist normal, auch mal überfordert, ahnungslos und ängstlich zu sein.

Die Geschichte mit ihren Wendungen und Enthüllungen ist ausgesprochen unterhaltsam, zugleich witzig wie auch tiefgründig, voller kleiner Weisheiten.
Fredrik Backman schreibt warmherzig und verständnisvoll, in den komischsten Sätzen kann er grundlegende Fragen des Menschseins aufgreifen. Der Schreibstil ist angenehm und flüssig, bildhaft und sehr lebendig: wenn jemand schreit, wechselt das Schriftbild schon mal zu Großbuchstaben. Der Leser wird direkt angesprochen und so von Anfang an in die Geschichte einbezogen und er erkennt: jeder Protagonist ist nicht nur ein normaler, sondern auch ein ganz besonderer Mensch.

Das Buch bietet neben bester Unterhaltung auch Inspiration, Trost und Zuversicht und ich kann es jedem Leser empfehlen.

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