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Veröffentlicht am 27.01.2025

Fein beobachtet, eindringlich und beeindruckend geschrieben

Halbe Leben
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'Halbe Leben' beginnt mit Klaras tödlichem Sturz und ich frage mich, wie es dazu kam, gab es eine Entwicklung, die hier einen Schlusspunkt findet, war das etwas anderes als ein Unfall?
In Rückblenden erfahre ...

'Halbe Leben' beginnt mit Klaras tödlichem Sturz und ich frage mich, wie es dazu kam, gab es eine Entwicklung, die hier einen Schlusspunkt findet, war das etwas anderes als ein Unfall?
In Rückblenden erfahre ich, wie Paulína als Pflegekraft aus der Slowakei engagiert wurde, um sich um Klaras nach einem Schlaganfall oft orientierungslose und verwirrte Mutter Irene zu kümmern, die wie Paulína im Haus der Familie ein Zimmer bewohnt. Paulína erweist sich schnell als kompetente Betreuerin und willkommene Hilfe in Klaras und Jakobs Haushalt. Jakob ist leidenschaftlicher Fotograf und nicht berufstätig, Klara um so engagierter bei der Arbeit als Architektin, im Büro und auf Baustellen fühlt sie sich mehr zu Hause und wertgeschätzt als daheim.
Paulína ist der Meinung, sie würde von ihren heranwachsenden Söhnen Andrej und Riso nicht mehr gebraucht und lässt sich daher für jeweils zweiwöchige Pflegeeinsätze ins Ausland vermitteln und die Kinder in der Obhut der Schwiegermutter, doch es entsteht zunehmend eine Entfremdung nicht nur zu den Kindern, sondern sogar zur eigenen Wohnung. Gleichzeitig bleibt ihr das Leben in Österreich fremd und sie traut sich nicht, zusätzliche Aufgaben im Haushalt abzulehnen, um die Jakob und Klara sie bitten und die großzügig extra bezahlt werden. Bei aller Freundlichkeit und Einbindung in das Familienleben bleibt das Machtverhältnis zwischen Arbeitgeber und Angestellter jederzeit bestehen. Viele kleine Missachtungen Paulínas als Mensch lassen einen Riss im Verhältnis der drei entstehen und Klara ist feinfühlig genug, das zu bemerken.
In Paulína und Irene kann ich mich gut hineinversetzen, in Klara sehr viel weniger.

Susanne Gregor schreibt klar, ruhig, aber eindringlich. Einfühlsam und realistisch beschreibt sie Pflegesituationen und den Alltag in der österreichischen Familie ohne zu werten. Neben Klaras und Paulínas Perspektiven gibt es auch Irenes, Jakobs und Risos Sicht auf Paulína. Die Figurenzeichnung ist glaubwürdig, die Charaktere sind lebendig und haben Tiefe, besonders die Frauenfiguren. Hier hat mir gefallen, dass ich auch über ihre jeweilige prägende Familiensituation in der Kindheit erfahre.

Mich hat 'Halbe Leben' sehr beeindruckt und meinen Respekt für die Frauen, die ihr Leben zwischen Zuhause und der Arbeit im Ausland aufteilen, noch vergrößert. Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

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Veröffentlicht am 24.01.2025

Schuldig oder nicht?

Schuld
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Helene Waaler, wegen Doppelmordes verurteilt, wird nach 18 Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, ihre Anwältin Christina Sandberg strebt die Wiederaufnahme des Verfahrens an, ihrer Meinung nach ...

Helene Waaler, wegen Doppelmordes verurteilt, wird nach 18 Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, ihre Anwältin Christina Sandberg strebt die Wiederaufnahme des Verfahrens an, ihrer Meinung nach sind bei den damaligen Ermittlungen Fehler gemacht worden. Christina bittet Harinder Singh, der nach einer Knie-OP noch krankgeschrieben ist, sich in seiner freien Zeit die alten Unterlagen anzusehen. Er stimmt nur zögerlich zu, da sein aktueller Chef in der taktischen Ermittlungsabteilung damals an den Untersuchungen beteiligt war und Harinder weder seinen Ruf noch seine Karriere gefährden will.

Im kleinen Ort Elvestad, wohin Helene zurück kehrt, aus dem auch Harinder stammt, und in dem jeder jeden kennt, wird Helene abgelehnt und anonym bedroht, ihre belastende Situation kann ich nachvollziehen, um so mehr, da ich auch von ihrer schwierigen Jugend erfahre. Kurz nach Helenes Entlassung wird ihr leiblicher Vater erstochen und die unangepasste Frau gerät wieder in Verdacht.

Ich hatte keine Schwierigkeiten, in diesen dritten Band der Reihe einzusteigen, es gibt nur sehr wenige kurze Hinweise auf die Vergangenheit, die mein Lesevergnügen nicht beeinträchtigt haben. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, darunter auch eine, die Harinder ins Visier nimmt.
Die Figurenzeichnung finde ich insgesamt eher blass, Nähe hat sich bei mir zu keinem Charakter entwickelt. Für mich passt das zum Schreibstil des Autors, Sven Petter Naess schreibt flüssig und klar, nüchtern und distanziert.
Die Handlung des Krimis ist komplex, Harinders akribische Ermittlungen zum alten Fall und die Untersuchung des neuen Mordes, an der er unterstützend beteiligt ist, werden geschickt miteinander verflochten und der Autor überrascht mit unerwarteten Wendungen. Die Geschichte ist durchgehend spannend. 'Schuld', ein Krimi mit ausgesprochen passend gewähltem Titel, hat mich gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 20.01.2025

Neuer Lebensmut

Von hier aus weiter
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Marlenes langjähriger Ehemann Rolf hat sein Leben beendet, bevor das der Tumor mit viel mehr Leid getan hätte. Marlene trauert nicht, sie ist extrem wütend seit Rolfs selbstbestimmtem Tod. Sie ist entschlossen, ...

Marlenes langjähriger Ehemann Rolf hat sein Leben beendet, bevor das der Tumor mit viel mehr Leid getan hätte. Marlene trauert nicht, sie ist extrem wütend seit Rolfs selbstbestimmtem Tod. Sie ist entschlossen, ihrem eigenen Leben ein Ende zu setzen, kann aber durch Medikamente und Alkohol betäubt, keine Entscheidung fällen. Sie verweigert jegliche Unterstützung, lässt weder Familie noch Freunde ins Haus und an sich ran, bis sie einen Klempner braucht. Jack war in der Grundschule ihr Schüler und er ist ihr immer noch dankbar für ihr damaliges Engagement. Jack, im Moment wohnungslos, zieht ins Gästezimmer und räumt auf, kauft ein und kocht für Marlene und findet ganz langsam Zugang zu ihr.

Susann Pásztor schafft Figuren, die berühren und beschreibt die Entwicklung von Marlenes Empfindungen von Wut und Enttäuschung, bis sie schließlich trauern kann, sehr einfühlsam und glaubhaft. Der fürsorgliche Jack, der Marlene respektiert, Geduld mit ihr hat und sie nicht bewertet, ist ein ausgesprochen liebenswerter Charakter und ich freue mich für ihn über die aufkeimende Liebe zu Ida, Marlenes zugewandter Ärztin. Die drei machen sich auf den Weg nach Wien, wo Marlene bei einer früheren Freundin, zu der der Kontakt vor Jahren abgerissen ist, einen Brief von Rolf an sie, persönlich abholen muss. Unterwegs kommt es wie auch schon zuvor in Marlenes Haus, zu merkwürdigen Ereignissen und skurrilen Begegnungen voller Situationskomik. Marlene hinterfragt das alles nicht, da sie Erklärungen nicht mehr interessieren und sie keinerlei Erwartungen mehr hat. Als Leserin habe ich einige rätselhafte Geschehnisse wie Marlene einfach akzeptiert. Das Ende der Geschichte empfand ich als etwas zu abrupt.
Dennoch hat mir 'Von hier aus weiter' mit dem passenden Cover, auf dem dunkle Wolken vorüber ziehen, gut gefallen. Die Autorin schreibt mit leisem Humor über ernste Themen, emotional und dennoch mit bewundernswerter Leichtigkeit, und sie vermittelt Zuversicht.

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Veröffentlicht am 13.01.2025

Von Beginn an spannender, rasanter Krimi

Der Seher
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Kriminaloberkommissar Arne Stiller mit dem Schwerpunkt Kryptologie hat zunächst keine Anhaltspunkte, um das Rätsel von geheimnisvollen Zeichen auf einer Zeitkapsel, die den Leichnam eines Säuglings enthält, ...

Kriminaloberkommissar Arne Stiller mit dem Schwerpunkt Kryptologie hat zunächst keine Anhaltspunkte, um das Rätsel von geheimnisvollen Zeichen auf einer Zeitkapsel, die den Leichnam eines Säuglings enthält, zu lösen. Untersuchungen ergeben, dass es sich um den vor 17 Jahren verschwundenen Jan Köpke handelt, für den damals eine ebenfalls verschlüsselte Todesanzeige auftauchte. Stiller hat den Code noch nicht entschlüsselt, als ein weiterer Säugling entführt wird und es wieder eine codierte Todesanzeige gibt.
Stiller steht unter Zeitdruck und zu allem Überfluss wird er wiederholt von einem sehr von sich überzeugten Seher kontaktiert, der seine Hilfe aufdrängt.

Ich hatte keine Probleme, auch ohne Kenntnis der Vorgängerbände in Stillers siebten Fall einzusteigen. Arnes Kollegin Inge ist in den Ruhestand getreten und die zukünftige Kommissaranwärterin Sandy Rosenberg wird Stiller als Praktikantin zur Seite gestellt. Mit Sandy zusammen lerne ich den grantigen und eigenwilligen Kryptologen kennen. Anders als von Stiller befürchtet erweist sich Sandy als hilfreich, sie ist geübt im Recherchieren und hat gute Ideen.
Die mühsamen Ermittlungen erscheinen mir authentisch, hier macht sich die berufliche Erfahrung des Autors bemerkbar.
Die in den Fokus der polizeilichen Untersuchung geratenen Figuren sind interessante, auch skurrile Charaktere, die einfallsreich und unterhaltsam beschrieben werden, bei den Ermittlern hätte ich mir mehr Informationen aus dem Privatleben, eine detailliertere Figurenzeichnung, insgesamt mehr Tiefe gewünscht. Hier fehlen mir vielleicht Kenntnisse aus den Vorgängerbänden.
Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven und auch mit Rückblicken, die Geschichte ist von Beginn an und durchgehend spannend, kurzweilig, rasant und überrascht mit unerwarteten Wendungen. Elias Hallers Schreibstil ist klar und angenehm zu lesen und lässt bei manchen Gedanken oder Gesprächen Stillers auch schmunzeln. Auch das Dresdner Lokalkolorit hat mir gefallen.
Ich habe 'Der Seher' gern gelesen, mich hat der Krimi mit seinem farblich und gestalterisch zur Reihe passenden Cover gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 10.01.2025

Elektrisierende Geschichte, großartig erzählt

Wackelkontakt
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Das Cover von Wolf Haas' neustem Roman ist anstrengend für die Augen, aber passt perfekt zu Titel und Geschichte.
Während Trauerredner und passionierter Puzzlefan Franz Escher auf den Elektriker wartet, ...

Das Cover von Wolf Haas' neustem Roman ist anstrengend für die Augen, aber passt perfekt zu Titel und Geschichte.
Während Trauerredner und passionierter Puzzlefan Franz Escher auf den Elektriker wartet, der einen Wackelkontakt reparieren soll, liest er ein Buch über Elio Russo, einen Mafioso, der in der Haft auf den Beginn seines Zeugenschutzprogramms wartet und zum Deutsch lernen ein Buch liest über Franz Escher, der auf den Elektriker wartet.

Wann immer einer der beiden Protagonisten zum Buch greift, wechselt die Erzählperspektive unvermittelt, mit Leichtigkeit erzählt Wolf Haas von einigen Tagen im Leben des grüblerischen, kontaktscheuen Franz Escher und von zwei Jahrzehnten des Elio Rosso, der sich als Marko Steiner tatkräftig und kreativ ein Leben aufbaut. Die beiden Geschichten haben erst nur Berührungspunkte und verweben sich dann umeinander. So wie Franz Escher Fakten nur als Grundlage für eine mögliche Version eines Leben betrachtet, über das er als Trauerredner spricht, bringt auch Wolf Haas Realitäten auf eine Metaebene und erzählt so eine Geschichte, wie ich sie noch nicht gelesen habe.
Am Ende finden alle Puzzleteil ihren Platz, aber das Buch beschäftigt mich auch nach Beenden weiter.

'Wackelkontakt' ist angenehm zu lesen, die Figurenzeichnung ist gelungen, selbst die Nebencharaktere sind glaubhaft und die Protagonisten haben Tiefe. Wolf Haas schreibt auf den Punkt, auch humorvoll, mit Sprachwitz und Spitzen in verschiedene Richtungen und verblüfft mit zwei Erzählebenen, die mit unerwarteten Wendungen überraschen, mitunter skurril sind und immer spannender werden. Mich hat der Roman bestens unterhalten und ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen.

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