"Gibt Frauen, die musst du nicht treffen, um sie zu lieben."
SpiegellandIch habe im Januar "Stromlinien" gelesen und war absolut begeistert von diesem Roman. Seitdem stand "Spiegelland" ganz oben auf meiner Wunschliste. Nun kann ich sagen: Rebekka Franks neuester Roman steht ...
Ich habe im Januar "Stromlinien" gelesen und war absolut begeistert von diesem Roman. Seitdem stand "Spiegelland" ganz oben auf meiner Wunschliste. Nun kann ich sagen: Rebekka Franks neuester Roman steht "Stromlinien" in nichts nach! Auch "Spiegelland" konnte mich absolut begeistern.
Es gibt drei verschiedene Erzählstränge, die im steten Wechsel erzählt werden. Da gibt es zunächst den um Cato (und ihre Tochter Kira) im Jahr 1999, den um Kiras Sohn Elias im Jahr 2025 - und den Erzählstrang, in dessen Mittepunkt eine Vorfahrin aller steht und der sogar bis ins Jahr 1756 zurückreicht! Natürlich hat man innerhalb dieser Erzählstränge solche, die man mehr mag und solche, die man weniger mag - doch alle drei sind einfach sehr gut! Sie machen den Leser neugierig, sorgen für offene Fragen, erzeugen eine starke Sogwirkung, die dazu führt, dass man das Buch kaum noch aus der Hand legen kann. Insbesondere beim Prolog und den kursiv gedruckten Passagen, die immer wieder auftauchen, hat man lange keine Ahnung, um wen es sich bei dieser Frau und diesem Mann handelt, kann miträtseln, kommt immer wieder ins Zweifeln, verwirft seine bisherige Theorie, stellt neue Vermutungen auf ... erst ganz am Ende gibt es eine Auflösung. Überhaupt gelingt es Rebekka Frank meisterhaft, die einzelnen Erzählstränge ineinander übergehen zu lassen und miteinander zu verweben. Sie tut dies Stück für Stück und doch auf höchst harmonische Art und Weise, ohne Brüche. Langsam und Stück für Stück setzt sich alles zusammen, bevor es am Ende ein großes Bild ergibt.
"Spiegelland" ist wie schon "Stromlinien" extrem gut geschrieben und erzählt; schon dies macht den Roman zu einem Genuss; die Geschichte ist extrem bildhaft und atmosphärisch. Nahezu alle Figuren sind der Autorin perfekt gelungen, es gibt kaum eine, die nicht ganz überzeugt. Auch die Nebenfiguren, etwa Dola, sind großartig. Man baut wirklich eine Beziehung zu den Figuren auf.
Die Idee, das Moor als Kulisse zu nehmen, ist genial - es ist pure Natur, verkörpert Harmonie, Zuflucht - aber auch Gefahr. So ist auch diese Geschichte - sie ist einerseits so schön, andererseits aber auch immer wieder spannend, gefährlich, bedrohlich, düster. Im Moor kann man auch sein Leben verlieren - und etwa und v.a. im Fall von Cato bleibt sehr lange unklar, wie diese Geschichte für sie ausgehen wird, ob sie ihrem Exmann und der Gefahr, die von ihm ausgeht, lebend entkommen wird.
Es sind eine Kulisse und eine Handlung, in die man völlig eintauchen kann; man fühlt sich wirklich in diesen Roman und ins Moor sowie in die verschiedenen Zeiten und Erzählstränge versetzt.
Gut gefallen haben mir auch die wichtigen Botschaften, die der Roman vermittelt, etwa Misogynie, das Patriarchat und den Schutz vor diesen unfassbar alten gesellschaftlichen Strukturen, die nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer schädlich und gefährlich sind, betreffend.
Daneben geht es in Catos Handlungsstrang durch den Streit zwischen Cato und Sven um die gemeinsame Tochter und alles, was vorfiel, auch um das Familien- und Strafrecht, um eine Auseinandersetzung vor Gericht. Auch diesbezüglich hat Rebekka Frank sehr gut recherchiert und geschrieben - auch für mich als Juristin war das sehr interessant zu lesen und lehrreich.
Es geht in "Spiegelland" um Natur und Naturschutz, Familie, verschiedene Generationen, überaus gefährliche, jahrhundertealte gesellschaftliche Strukturen, um Misogynie, das Patriarchat, um ein Umdenken und Umlernen und den Schutz vor diesen Dingen. Es geht aber auch und zudem auch sehr stark um häusliche Gewalt, um psychische und physische Gewalt gegen Frauen, um einen Narzissten, wie er im Buche steht, um psychische Probleme, um Suizid, um gestörte Männlichkeit und ihre Folgen und Gefahren für Frauen.
Und das führt mich zu meinem einzigen Kritikpunkt: dieser Roman geht selbst Lesern, die nichts mit solchen Dingen zu tun haben, an die Substanz, lässt sie nicht unberührt. Vorne steht nur ganz klein auf einer Seite ganz oben: "Hinweise zum Inhalt finden Sie am Ende des Buches." Dieser Satz ist so klein und so dezentral, dass man ihn sehr leicht überliest. Ganz am Ende folgt dann ein "Inhaltshinweis", in dem u.a. gesagt wird, dass es u.a. um Gewalt an Frauen und Suizid geht. Positiv ist immerhin, dass darunter Betroffene Anlaufstellen und Telefonnummern finden, an die sie sich wenden und bei denen sie Hilfe bekommen können. Da der Roman aber schon für nicht betroffene Personen teilweise heftig zu lesen ist, wäre es wirklich besser gewesen, vorne und zentral und groß genug eine Triggerwarnung anzubringen. Denn ich denke, dass betroffene Personen durchaus sehr getriggert werden können.
Das Ende versöhnt, wobei es der Autorin hier auch gelingt, dieses Ende harmonisch und glaubhaft zu gestalten; es wirkt kein bisschen übereilt und konstruiert.
Ich freue mich schon jetzt auf Rebekka Franks nächsten Roman.
Insgesamt ist "Spiegelland" ein sehr guter und auch sehr wichtiger Roman. Leseempfehlung!