Dichte Erzählung und Charakterstudie mit hintergründigem Spannungsaufbau
Das NestEin kleiner Ort an der englischen Küste. Hier wohnt Fran seit zwei Jahren mit ihrem Mann Dom und dem 11 Jährigen Bruno und betreibt einen kleinen Trailerpark für Feriengäste. Seit einigen Monaten lebt ...
Ein kleiner Ort an der englischen Küste. Hier wohnt Fran seit zwei Jahren mit ihrem Mann Dom und dem 11 Jährigen Bruno und betreibt einen kleinen Trailerpark für Feriengäste. Seit einigen Monaten lebt auch ihre Schwester Ros in einem der Trailer, gemeinsam mit ihrem alkoholkranken Mann Ellis und Tochter Sadie, in einem ähnlichen Alter wie ihr Cousin Bruno. Fran hat die Familie nach Ellis Entzug aufgenommen und sorgt sich noch immer um ihre Schwester. Frans Passion sind die (Küsten)Vögel, für deren Beobachtung sie extra ein Haus in den Dünen hat errichten lassen. Als eines Tages Bewegung auf dem gegenüberliegenden Feld des Trailerparks einzieht, sorgt dies nicht nur bei Fran zunächst für Irritation. Eine Romafamilie lässt sich dort nieder. Teil davon ist Tad, ein älterer Mann, der nach dem Tod seiner Frau allein für seine Tochter Jade verantwortlich ist.
Seltsame Dinge passieren fortan in dem kleinen Küstenort, immer wieder tauchen leblose Vogelkörper auf, die offensichtlich gewaltsam zu Tode gekommen sind, die neue Dorflehrerin verschwindet plötzlich. Und dies just zum selben Zeitpunkt, in dem auch Frans Schwager Ellis scheinbar das Weite gesucht hat. Was hat es damit auf sich? Gibt es einen Zusammenhang oder sind wir Zeugen von unglücklichen Zufällen?
Die Entwicklungen in dem kleinen Küstenort und hier speziell der Familien Frans und Tads verfolgen wir alternierende aus deren Perspektiven als jeweilige(m) Ich-Erzähler(in). Was daraus erwächst, ist kein (klassischer) Krimi, im Mittelpunkt stehen nicht Ermittlungen, sondern (psycho)soziale Dynamiken und die Charakterentwicklung, fast eine Art Psychogramm, Frans. Gekonnt verbindet die Autorin das Spiel mit Vorurteilen mit einem Spannungsaufbau bei dem die Leserin immer wieder zu einer möglichen Erklärung und Verdächtigung geführt wird, die sich unter Umständen jedoch wieder zerschlägt. Dem zuträglich sind die zwei isolierten Perspektiven aus denen wir die Handlung lose begleiten. So wird uns immer wieder ein Bild und Verständnis der Geschehnisse suggeriert, während die Einsichten jedoch völlig subjektiv und situativ sind.
Beeindruckt hat mich, wie atmosphärisch die Autorin schreibt. Ohne viele Worte gelingt es ihr Stimmungen zu erzeugen und Gefühle authentisch zu transportieren. Es sind oft ganz kurze, auch einfache Sätze, die in ihrer Gesamtheit ein stimmiges, dichtes Bild erzeugen. Die Erwachsenen im Roman wirken durchweg seltsam atomisiert. Es gibt kaum echte Nähe oder Freundschaften. So entsteht eine Geschichte, wie in einem Nebel, der sich immer nur ausschnittsweise in den Perspektiven Frans und Tads zu lichten scheint.
Ich habe mich von dem Roman unglaublich gut unterhalten gefühlt und ihn auch fast in einem Rutsch durchgelesen, da insbesondere die letzten 100 Seiten so spannend waren. Für mich war es die Mischung aus einer sehr besonderen, dichten Stimmung, den Perspektivwechseln und der hintergründige Spannungsaufbau, die mich vollkommen für die Geschichte eingenommen haben. Die Handlung aus zwei Perspektiven als Schlaglichter auf die Erzählung trägt zum Spannungsaufbau bei und lässt viel Interpretationsspielraum. Ob die Auflösung am Ende letztlich überzeugen kann, muss jede Leserin für sich entscheiden. Mir hat der Roman, mit ganz kleinen Abstrichen, sehr gut gefallen und dafür gebe ich gern 4,5 Punkte!