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Veröffentlicht am 29.08.2022

Der Meister der Bindungslosigkeit

People Person
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Cyril Pennington stammt aus Jamaica und lebt seit seinem 15. Lebensjahr in London, wohin er seiner Mutter folgte, die ihn als Kleinkind zurückgelassen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ihm niemand gesagt, ...

Cyril Pennington stammt aus Jamaica und lebt seit seinem 15. Lebensjahr in London, wohin er seiner Mutter folgte, die ihn als Kleinkind zurückgelassen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ihm niemand gesagt, dass die Menschen, die ihn aufzogen, nicht seine Eltern waren. In London hat er später fünf Kinder mit vier Frauen, die er im Alter von 9 bis 19 in einem Park zusammenbringt, damit sie sich kennenlernen. Anfangs funktioniert das nicht, aber Jahre später bittet Influencerin Dimple ihre ältere Schwester Nikisha in einer schwierigen persönlichen Situation um Hilfe. Dimples Ex-Freund bedroht und erpresst sie und will sie im Netz bloßstellen. Nikisha informiert die Geschwister, die sich nicht alle als hilfsbereit erweisen.
Der insgesamt recht handlungsarme Roman stellt dem Leser die Mütter und andere Verwandte vor und zeigt, wie sich im Lauf vieler Jahre engere verwandtschaftliche Beziehungen herausbilden. Die Geschwister müssen nicht nur miteinander zurechtkommen, sondern auch mit der Tatsache, dass sie einen Vater haben, der nie Verantwortung übernommen hat - auch nicht wirklich für sein eigenes Leben. Er arbeitet als Busfahrer, stellt den Frauen nach, spielt Domino und verliert sein bisschen Geld in Wettbüros. Nie hat er die vier alleinerziehenden Mütter in irgendeiner Weise unterstützt. Er hat nicht nur keinen Penny Unterhalt gezahlt, sondern versucht sogar bei jedem Treffen mit seinen Kindern, sie wegen einer vorgetäuschten Notlage anzupumpen. Er ist zwar gesellig, immer gut gelaunt und extrovertiert, eine People Person eben, aber er will einfach nicht Vater sein. Er hatte vielleicht gute Absichten, aber er kann es nicht. Er ist, wie er ist. Das müssen die fünf Kinder akzeptieren, als sie ihn gegen Ende seines Lebens zur Rede stellen. Nur so können sie ihren Frieden mit ihrer familiären Situation machen.
Ich habe den Roman trotz einiger Längen ganz gern gelesen, weil er zeigt, wie sehr uns Familie prägt und unser ganzes Leben beeinflusst.

Veröffentlicht am 29.08.2022

Kind oder Abtreibung?

Sanfte Einführung ins Chaos
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Marta und Daniel, Anfang 30, sind seit zwei Jahren ein Paar und leben seit einem Jahr zusammen mit ihrem Hund Rufus in einer kleinen Mietwohnung in Barcelona. Sie ist Fotojournalistin, er schreibt Drehbücher ...

Marta und Daniel, Anfang 30, sind seit zwei Jahren ein Paar und leben seit einem Jahr zusammen mit ihrem Hund Rufus in einer kleinen Mietwohnung in Barcelona. Sie ist Fotojournalistin, er schreibt Drehbücher für Serien. Obwohl sie studiert haben, finden sie keine Jobs, die angemessen bezahlt werden. Beide warten immer noch auf den großen beruflichen Durchbruch, aber sie wissen, dass ihnen inzwischen die Zeit davonläuft. Eines Tages teilt Marta ihrem Freund mit, dass sie schwanger ist, aber das Kind nicht bekommen will. Den Termin für die Abtreibung hat sie bereits vereinbart. Sie haben nie über die Zukunft gesprochen, schon gar nicht über einen möglichen Kinderwunsch. Sie lieben sich, aber ihre Beziehung ist irgendwie unverbindlich geblieben. Dennoch ist Daniel schockiert, dass Marta es nicht für nötig gehalten hat, mit ihm über die Schwangerschaft zu sprechen und ihn an dieser wichtigen Entscheidung zu beteiligen. Daniel quält sich mit Erinnerungen an den eigenen früh verstorbenen Vater, von dem er sich im Stich gelassen fühlte und an sein damaliges Versprechen, dies niemals seinem eigenen Kind anzutun. Von einem Tag auf den anderen ist das Leben von Marta und Daniel aus den Fugen geraten. Der Leser begleitet sie in der Krise während der sechs Tage bis zum Termin für den Schwangerschaftsabbruch. Wie wird die Entscheidung ausfallen? Ist für Marta ihr berufliches Fortkommen – eventuell ein neuer Job in Berlin - wichtiger als ein Kind? Die Erinnerung an diese Phase ihres Lebens und an das, was hätte sein können, aber nicht wahr wurde, wird ihnen für immer bleiben.
Die Autorin berichtet über einen Zeitraum von sechs Tagen. Es ist die individuelle Geschichte eines Paares und zugleich das Porträt einer Generation in einer Zeit von politischen, ökonomischen und sozialen Krisen, eine Zeit, in der die Menschen von Unsicherheit, Ängsten und Zweifeln gequält werden. Wer hätte gedacht, dass das Leben nur wenig später durch Pandemie und Krieg noch viel chaotischer werden würde? Mir hat der interessante, gut lesbare Roman gefallen.

Veröffentlicht am 29.08.2022

Frauen am Scheideweg

Die versteckte Apotheke
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In Sarah Penners Debütroman geht es einmal im ausgehenden 18. Jahrhundert um die Apothekerin Nella Clavinger, die nach dem Tod der Mutter die Apotheke übernommen, aber das Geschäftsmodell ein wenig verändert ...

In Sarah Penners Debütroman geht es einmal im ausgehenden 18. Jahrhundert um die Apothekerin Nella Clavinger, die nach dem Tod der Mutter die Apotheke übernommen, aber das Geschäftsmodell ein wenig verändert hat. Sie verkauft nicht nur Heilmittel, sondern mischt auch Gifte für Frauen, die sich anders nicht vor gewalttätigen Ehemännern oder übergriffigen männlichen Verwandten retten können. Das tut sie, seit ein Mann, den sie als junge Frau geliebt hat, sie verraten und ihr großen Schmerz zugefügt hat. Als die 12jährige Magd Eliza Fanning im Auftrag ihrer Herrin ein vorbereitetes Gift abholen will, ist dies der Anfang einer Freundschaft. Die Aktion geht allerdings schief und bringt Nella und Eliza in große Gefahr.
In einem zweiten Handlungsstrang in der Gegenwart fliegt Caroline Parcewell allein nach London, um ihr Leben neu zu ordnen. Eigentlich wollte Caroline mit ihrem Mann James mit dieser Reise ihren 10. Hochzeitstag feiern. Kurz zuvor hat sie jedoch erfahren, dass James sie seit Monaten betrügt. Am ersten Tag schließt sie sich einer mudlarking-Gruppe an, die im Uferschlamm der Themse auf Schatzsuche geht. Caroline findet ein altes Glasgefäß, das aus einer Apotheke stammt. Das Interesse der studierten Historikerin ist geweckt, und sie geht der Sache nach. Ihr wird bewusst, dass sie 10 Jahre lang ihre eigenen Wünsche und Ziele verdrängt und sich völlig den Vorstellungen ihres Mannes von ihrem beruflichen und privaten Leben angepasst hat. Statt ein Aufbaustudium in Cambridge zu absolvieren, macht sie langweilige Büroarbeit auf der Farm ihrer Eltern in Ohio. Beide waren in ihrer Ehe zwar nicht unglücklich, aber auch nicht erfüllt.
Auf zwei Zeitebenen und aus drei Perspektiven erzählt Penner die Geschichte von Nella, Caroline und Eliza, wobei sich das Genre des historischen Romans mit der Emanzipationsgeschichte mischt und Themen wie Vertrauen und Verrat, Mutterschaft und das Leben als Frau zur Sprache kommen. Dabei ist mir als Leserin auch die mordende Apothekerin sympathisch, denn ihr Motiv ist sehr gut nachvollziehbar, und ihre über zwei Jahrhunderte hinter einer Regalwand versteckte Apotheke war der einzige Zufluchtsort, an dem die Frauen ihrer Zeit Hilfe fanden. Ein schöner Roman mit Märchenelementen.

Veröffentlicht am 29.08.2022

Im Auge des Hurrikans

Todesspiel. Die Nordseite des Herzens
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In Dolores Redondos neuem Roman “Todesspiel“ nimmt die spanische Ermittlerin Amaia Salazar im Rahmen eines Austauschprogramms an Seminaren in der FBI-Zentrale in Quantico teil. Die Teilnehmer haben die ...

In Dolores Redondos neuem Roman “Todesspiel“ nimmt die spanische Ermittlerin Amaia Salazar im Rahmen eines Austauschprogramms an Seminaren in der FBI-Zentrale in Quantico teil. Die Teilnehmer haben die Aufgabe das Profil eines Serienkillers zu erstellen, der immer wieder während Naturkatastrophen ganze Familien ermordet. Dupree, der Leiter der Gruppe, nimmt sie in sein Team auf. Aufgrund ihrer traumatischen Kindheitserfahrungen hat sie ein besonderes Gespür für Täter. Seit ihrer Geburt trachtet ihr ihre psychische kranke Mutter nach dem Leben. Nach einer letzten, fast tödlichen Attacke wächst sie bei ihrer Tante Engrasi auf. Ständig wiederkehrende Albträume beweisen, dass sie die Traumata nicht überwunden hat.
Die Ermittler finden heraus, dass der unbekannte Mörder 18 Jahre zuvor seine Familie umgebracht hat und dann spurlos verschwand. In den letzten 8 Monaten sind mehrere Familien – Eltern, drei Kinder und die Großmutter – nach dem gleichen Muster ermordet worden, immer im Zusammenhang mit einer Naturkatastrophe. Die Leichen liegen nebeneinander nach Norden ausgerichtet, und am völlig verwüsteten Tatort findet sich eine Geige. Das FBI kann den Fall schließlich auf Grund von Amaias Hinweisen lösen.
Im Zuge der Ermittlungen kommen auch andere ungelöste Verbrechen zur Sprache, hinter denen ein dämonischer Täter namens Samedi steckt. Dupree wurde 10 Jahre zuvor von seinen Vorgesetzten daran gehindert, den Fall abzuschließen und sucht noch immer ohne offizielle Erlaubnis nach dem Täter.
Der mit 624 Seiten sehr umfangreiche Roman ist nicht frei von Längen, punktet aber andererseits mit eindrucksvollen Beschreibungen von Hurrikan Katrina, der im August 2005 New Orleans und die ganze Region verwüstete und zahlreiche Menschenleben forderte. Sie schildert das Ausmaß der Zerstörungen sowie die materiellen und psychischen Auswirkungen auf die Menschen, die alles verloren und sich in Chaos und gefährlicher Anarchie wiederfanden. Amaia als Protagonistin hat mir gut gefallen, während wir über Aloisius Dupree nicht viel erfahren. Ich hatte das Gefühl, dass „Todesspiel“ nicht nur in personeller und inhaltlicher Beziehung zu der Baztan-Trilogie steht, sondern dass Redondo eine Fortsetzung mit Dupree plant. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, dass Mythen und Legenden, Dämonen und Geister sowie Voodoo eine so zentrale Rolle spielen. Dennoch ist es ein durchaus lohnendes Buch.

Veröffentlicht am 03.08.2022

Immigrantenschicksale

Eine Feder auf dem Atem Gottes
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In ihrem im Original schon 1995 erschienenen autobiografisch gefärbten Debütroman erzählt Sigrid Nunez die Geschichte einer Immigrantenfamilie. Der Vater hat chinesische Wurzeln und stammt aus Panama. ...

In ihrem im Original schon 1995 erschienenen autobiografisch gefärbten Debütroman erzählt Sigrid Nunez die Geschichte einer Immigrantenfamilie. Der Vater hat chinesische Wurzeln und stammt aus Panama. Während seiner Zeit als Soldat in Deutschland lernt er seine deutsche Frau Christa kennen. Sie wandern in die USA aus und leben in Brooklyn. Die namenlose Ich-Erzählerin widmet ihm den ersten Abschnitt ihres Buches unter dem Titel Chang, denn so hieß er, bis er in den 30ern den spanischen Namen seiner Mutter annahm. Die Erzählerin kannte ihren Vater nicht wirklich, denn er hat immer nur gearbeitet und bis zu seinem Tod nie richtig Englisch gelernt. Im zweiten Abschnitt lernen wir die Mutter kennen, eine hübsche mal fröhliche, mal sehr traurige Frau, die zu unkontrollierbaren Wutanfällen neigte und teilweise recht rabiat mit ihren Töchtern umging. Sie hatte ihr Leben lang Heimweh nach Deutschland, fuhr aber nur noch selten in die Heimat. Sie war unglücklich in ihrer Ehe, ließ sich aber trotzdem nicht scheiden. Im dritten Abschnitt geht es um die Liebe der Protagonistin zum Ballett. Sie nimmt vom 12. Lebensjahr an Ballettstunden, muss aber bald einsehen, dass das du spät ist, um eine Ballerina zu werden. Sie hat große Schmerzen beim Training, besonders bei dem Versuch, den Spitzentanz zu beherrschen. Im vierten Teil geht es um ihre Liebesbeziehung zu dem Russen Vadim aus Odessa, der anfangs Schüler in ihrem Englischkurs ist. Je besser sein Englisch wird, desto mehr erfährt sie aus seiner schlimmen Vergangenheit, so dass er ihr am Ende nur noch Angst macht.
Nunez beschreibt eindrucksvoll, was Entwurzelung und der Verlust von Heimat und Sprache mit den Menschen machen, welche besondere Verbindung zwischen Liebe und Sprache besteht und welche Macht Familie über unser Leben hat. Mir hat dieser Roman gut gefallen und ich empfehle ihn ohne Einschränkung.