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Veröffentlicht am 17.01.2021

Streitbar par excellence

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Das Setting ist ein sehr traditionell anmutendes galizisches Dorf. Die raue, stets alkoholisierte Männerwelt bestimmt das Leben auf dem Land. Zu den Mahlzeiten trifft Man(n) sich bei Álvaro in der Kneipe, ...

Das Setting ist ein sehr traditionell anmutendes galizisches Dorf. Die raue, stets alkoholisierte Männerwelt bestimmt das Leben auf dem Land. Zu den Mahlzeiten trifft Man(n) sich bei Álvaro in der Kneipe, regelt seine Probleme mit der Faust. Erst abends nach der Arbeit kehrt man heim. Frauen dagegen führen ein Leben im Hintergrund, treten kaum in Erscheinung.

Auf ihrem Weg zum Meer kommt Suiza in diese für sie unwirtliche Gegend. Die Männer halten dem Atem an. Mit ihren rotblonden Haaren, ihrem blaßen Teint, ihrer Zartheit verdreht Suiza, ohne es zu wollen, sofort allen den Kopf. Der Großbauer Tomás kann sich überhaupt nicht bremsen. Er fragt nicht, er flirtet nicht, er nimmt sie einfach. Die Gewalt, die dabei im Spiel ist, stößt mich ab. Gleichzeitig ist die Geschichte wie ein Sog. Ich kann nicht ganz einordnen, woran das liegt, vermutlich weil Suiza nicht bei erster Gelegenheit wegrennt. Was lässt sie bei ihm bleiben, obwohl sie doch ans Meer wollte?

Im weiteren Verlauf nähern sich Tomás und Suiza einander an, ein gewisser Ausgleich findet statt. Trotzdem verharrt Tomás in seiner patriarchalen Welt und ordnet Suiza in diese ein. Auch die Gewalt beim Sex bleibt erhalten. Selbst in Situationen, wo Suiza ihn zu sexuellen Handlungen animiert, bestimmt Tomás auf brutale Weise das Geschehen. Suiza lässt es geschehen, scheint sogar Gefallen daran zu finden.

Es ist eine amour fou. Wie ein Drogensüchtiger ist Tomás darauf angewiesen, seine unbändige Lust auszuleben, seine Gier nach ihr zu stillen. Suiza gibt sich Tomás körperlich hin, ist häuslich, tut alles, um ihrem Mann zu dienen. Sie betet ihn förmlich an. Ist es eine Liebe, die unterschiedliche Schwerpunkte setzt, die emanzipierte Erwartungen ignoriert oder ist es ein Abhängigkeitsverhältnis? Das muss letztlich jede(r) Leser*in selbst entscheiden.

Wenngleich ich manch beschriebene Handlung ablehne, hat mir der Roman selbst doch sehr gut gefallen. Die durchgehend geschürte Hoffnung auf ein anderes Ansehen Suiza’s im Dorf und ihre Besserstellung in der Beziehung zu Tomás hatten eine äußerst anziehende Wirkung auf mich. Ergänzt wird das Vergnügen durch eine ganz wunderbar bildhafte Sprache, die sich sogar den einzelnen Blättern des Waldes widmet.

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Veröffentlicht am 04.01.2021

Literarisch verpackter Thriller

Glasflügel
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Mit dem „Glasflügel“ habe ich nunmehr den dritten Fall von unserem Underdock-Ermittler Jeppe Kørner verfolgt. Da sich seine Kollegin Anette Werner ihrem Baby widmen muss, ermittelt Kørner jetzt mit Falck, ...

Mit dem „Glasflügel“ habe ich nunmehr den dritten Fall von unserem Underdock-Ermittler Jeppe Kørner verfolgt. Da sich seine Kollegin Anette Werner ihrem Baby widmen muss, ermittelt Kørner jetzt mit Falck, der eine ganz anderen Schlag Mensch verkörpert. Dementsprechend holprig beginnen die Ermittlungen.

Spektakulär sind wie schon in den ersten beiden Teilen die Morde sowie der mutmaßliche Tathergang. Kurz nacheinander werden mehrere Leichen mit identischen tödlichen Verletzungen in städtischen Springbrunnen gefunden. Die Kreativität der Autorin bei der Inszenierung der Todesumstände finde ich faszinierend. Das Mord-Szenario bildet jeweils einen engem Zusammenhang mit dem übergreifenden gesellschaftlichen Setting. Der aktuelle Fall setzt sich mit dem kostenoptimierten Gesundheitssystem und falsch verstandener Fürsorge auseinander.

Falck und Kørner kommen hier bis zum Showdown nicht so gut weg. Kørner wirkt wie im ersten Teil der Serie überfordert vom Leben, drückt sich im Privaten vor der Auseinandersetzung mit seinen Lieben, lässt unangenehme Zustände quälend vor sich hin schwelen. Dementsprechend schlecht konzentriert ist er bei den Ermittlungen. Die ein oder andere Spitze von Anette hätte ihm bestimmt gut getan. Über Falck erfährt der Leser nicht wirklich viel. Er ist behäbig und langsam.

Als Gegenpol lernt der Leser Anette in ihrer noch zu findenden Rolle als Mutter kennen. Die taffe Polizistin liebt ihren Job, vielleicht sogar die darin wohnende Gefahr. Jetzt hat sie fast rund um die Uhr in der Nähe des Babys zu bleiben. Die Akzeptanz dessen stellt sich nur mühsam ein. Die innere Zerrissenheit einer gewordenen Mutter, die auch ihre Arbeit liebt, wurde sehr gut transportiert.

Ihrem beschreibenden Stil bleibt Katrine Engberg treu. Ich hatte jederzeit eine gute optische Vorstellung von den Orten und dem Habitus der Charaktere. Ebenfalls beibehalten wurden die vielen Handlungsstränge, die mit diversen Personen besetzt sind, später im Verlauf logisch ineinandergreifen. Diese Vorgehensweise gefällt mir grundsätzlich richtig gut, für meinen Geschmack waren hier ein zwei Personen aus dem Pflegeheim-/Krankenhausumfeld zu viel beteiligt. So musste ich, obwohl ich die wiederkehrenden Charaktere schon kannte, mehr Aufmerksamkeit walten lassen, um den Gesamtüberblick, wer in welche Zeit und an welchen Ort gehört, nicht zu verlieren.

Mein Lesevergnügen musste ich mir so mit etwas mehr Anstrengung verdienen. Dennoch oder gerade deswegen werde ich der Serie treu bleiben. Am besten gefällt mir die geschickte Verknüpfung einer Thrillerhandlung mit kluger Gesellschaftskritik, ergänzt um einen historischen Ausflug. Zudem konnte mich wieder einmal die Herleitung des Titels begeistern.

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Veröffentlicht am 30.12.2020

Ein Erinnerungsbuch - kein Roman

Wir wollten das Leben ändern
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Ich habe mir dieses Erinnerungsbuch als Vertiefungsliteratur zum Deutschen Buchpreis 2020 vorgenommen, wollte mir den persönlichen Blickwinkel der Protagonistin nicht entgehen lassen.

Anne Beaumanoir ...

Ich habe mir dieses Erinnerungsbuch als Vertiefungsliteratur zum Deutschen Buchpreis 2020 vorgenommen, wollte mir den persönlichen Blickwinkel der Protagonistin nicht entgehen lassen.

Anne Beaumanoir erzählt aus ihrem Leben beginnend mit ihrer Kindheit und die wichtigsten Personen darin, übergehend in ihre Jugend mit dem Einstieg in den französischen Widerstand. Diesen ersten Teil ihrer Erinnerungen schließt sie mit ihrem langsamen Aufstieg in der KP und ihrer Forschungsarbeit in Moskau.

Recht leidenschaftlich beschreibt die Autorin ihre Frustration und Enttäuschungen über die eigene Bedeutungslosigkeit im Widerstand als kleines Zahnrädchen im großen Ganzen sowie die mangelnde Qualität der sowjetischen Forschung durch untersagte Forschungsdiskussion, ungerecht zur Verfügung Forschungsgrundlagen und insgesamt miserable Ausstattung.

Für den Leser entsteht ein Eindruck, was es überhaupt bedeutet, im Widerstand zu sein. Mein Bild darüber wurde durch die Lektüre ordentlich korrigiert.

Etwas kritisch betrachte ich diesen ersten Teil von „Wir wollten das Leben ändern“ trotzdem. Er ist literarisch gesehen ganz schön holprig. Es wirkt als hätte die Autorin ihre Erinnerungen eher für sich selbst als für andere aufgeschrieben. Möglicherweise ist auch die Übersetzung nicht ganz perfekt. Für mich war es jedenfalls schwierig, den Gesamtüberblick nicht zu verlieren. Dennoch werde ich auch den zweiten Teil lesen, da mich insbesondere ihre Gefühlswelt im Exil interessiert.

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Veröffentlicht am 30.12.2020

Mein bisher spannendster Fall von Nyström und Forss

Die Taten der Toten
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Seit dreißig Jahren ist der Mord am streitbaren Regierungschef, Olof Palme, ein nationales Trauma für Schweden. Der größte Kriminalfall der schwedischen Geschichte konnte trotz unzähliger Hinweise und ...

Seit dreißig Jahren ist der Mord am streitbaren Regierungschef, Olof Palme, ein nationales Trauma für Schweden. Der größte Kriminalfall der schwedischen Geschichte konnte trotz unzähliger Hinweise und Ermittlungsakten nicht geklärt werden. Nun haben die bereits aus den vorherigen Fällen bekannten Ermittlerinnen Nyström und Forss eine Spur aufgetan. Da es für ihren Anfangsverdacht noch keine belastbaren Beweise gibt, ermitteln sie unter dem Radar. Schweren Herzens zieht Nyström alle Kollegen ihres Teams in die Sache mit hinein.

Schnell wird deutlich, dass nicht alle Kollegen mit gleichem Elan an den Fall herangehen. Je nach Herkunft und gesammelter Lebenserfahrung gibt es Palme-Fans unter ihnen wie auch Kritiker. Damit spiegeln sie so ungefähr auch die Haltung in der schwedischen Gesellschaft wider. Denn obwohl Olof Palme allgemein recht beliebt war, hatte er ebenso erbitterte Gegner.

Als Leser wechseln wir zwischen den Ermittlern hin und her, beobachten mal die beiden Hauptpersonen Nyström und Forss, aber auch Delgado, Hultin und den sehr sympathischen Knutsson. Lasse Knutsson war zwar auch bei den anderen Fällen, die ich kenne, mit dabei, mir bisher allerdings noch nie so positiv ins Auge gefallen.
Durch das wechselseitige Beobachten lernen wir nicht nur die jeweilige politische Einstellung der Ermittler kennen, wir haben auch einen gewissen Ermittlungsvorsprung, weil wir die Einzelergebnisse schon miteinander kombinieren können. Etwas vermisst habe ich dieses Mal die Rechtsmedizinerin Ann-Vivika Kimsel, die nur kurz in die Handlung eintritt.

Natürlich ist es auch dieses Mal wieder richtig spannend. Die Spannung ist fast sofort da, steigt ein paar Kapitel steil an und bleibt dann bis zum Schluss auf ihrem hohen Niveau. Kein Hänger zwischendurch, keine Zeit zum Durchatmen. Vielleicht liegt es an der Mischung aus realen Ereignissen und Fiktion. So erscheint der ganze Fall extrem glaubwürdig. Möglicherweise ist die Ermittlung insgesamt noch gefährlicher, auf jeden Fall politisch brisant.

Mir hat dieser Fall bisher am besten gefallen. Die nachvollziehbaren realen Anteile erschienen mir hervorragend recherchiert. Etwas überrascht war ich von Ingrid Nyström und vom Ende. „Die Taten der Toten“ lässt mich begeistert zurück. Gern empfehle ich diesen Krimi weiter.

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Veröffentlicht am 23.12.2020

Wenn sich Geschichte reimt

Tschaikowskistraße 40
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Schon das Cover des Romans lässt ein bestimmtes Setting vermuten. Der einfache zweifarbige Druck auf rauhem Altpapier sowie die Schriftart erinnern mich optisch an alte Bücher aus dem Ostblock. Vom Klappentext ...

Schon das Cover des Romans lässt ein bestimmtes Setting vermuten. Der einfache zweifarbige Druck auf rauhem Altpapier sowie die Schriftart erinnern mich optisch an alte Bücher aus dem Ostblock. Vom Klappentext beeindruckt, hatte sich eine bestimmte Erwartungshaltung manifestiert. Doch wie so oft gingen meine Gedanken in eine andere Richtung. Letztlich wurde ich von Pieter Waterdrinker‘s Roman positiv überrascht.

Der Autor führt uns durch einzelne Abschnitte der sowjetischen bzw. russischen Geschichte. Dabei setzt er zwei Schwerpunkte. Der erste liegt auf der Oktoberrevolution 1917. Der zweite beschäftigt sich mit der Zeit des Zerfalls der Sowjetunion nach dem Mauerfall bis ins heute hinein. In diesen Zweiten tritt der Autor selbst als Protagonist in den Roman ein. Daneben sind seine Hauptakteure Zar Nikolaus II, Lenin und der Satrap. Zusätzlich führt er die Literaten an, die über ihr Werk, als Zeitzeugen erhalten geblieben sind, wie beispielsweise Sinaida Hippius. Mit diesem bunten Blumenstrauß an Charakteren begibt sich Waterdrinker, wenn auch indirekt in den gedanklichen Austausch. Er verknüpft seine eigene Biografie als Handelsreisender und touristischer Eventmanager, sein Leben zwischen den Niederlanden und der zerfallender Sowjetunion, seinen späteren Lebensmittelpunkt in der Tschaikowskistraße 40 von Sankt Petersburg mit der Historie. Ein beeindruckendes Unterfangen, das ich als sehr gelungen empfinde.

In diesem Rahmen thematisiert der Autor die in der glorifizierten Geburtsstunde der Sowjetunion begangenen Gräueltaten, Verbrechen der folgenden Phasen, aber auch die Betrügereien des aufkommende Kapitalismus. Er beschäftigt sich darüber hinaus mit den russischen Klischees und ich frage mich, wieviel davon tatsächlich nur ein Klischee ist. Mitten drin erlebt Waterdrinker eigene Abenteuer. Manche sind eher lustige Anekdoten, andere beängstigend und gefährlich.

Insgesamt hat Pieter Waterdrinker mit „Tschaikowskistraße 40“ eine Atmosphäre geschaffen, die sich der westliche Leser gut vorstellen kann. Durch die Einbindung seiner eigenen Biografie erscheint die Schilderung sehr glaubwürdig. Besonders gefallen hat mir der familiäre Zusammenhalt, die wiederkehrende Hilfe für seinen Schwager, die nicht viele Fragen stellt.

Gern empfehle ich den Roman weiter. Mich hat die Lektüre zu tiefergehender Auseinandersetzung animiert. Demnächst werde ich mich mit den Tagebüchern der Sinaida Hippius beschäftigen.

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