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Veröffentlicht am 22.02.2026

Toxische Männer und Frauen voller Geheimnisse

Zuflucht
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Lügen, Stehlen, Betrügen - das hat Grace, die früher mal Anita hieß, von früher Jugend an gelernt. In Pflegefamilien aufgewachsen, hat ein korrupter Polizist sie zur Meisterdiebin gegroomt - und sie von ...

Lügen, Stehlen, Betrügen - das hat Grace, die früher mal Anita hieß, von früher Jugend an gelernt. In Pflegefamilien aufgewachsen, hat ein korrupter Polizist sie zur Meisterdiebin gegroomt - und sie von ihren früheren Pflegebruder Adam entfremdet. Der hat mittlerweile eine Rechnung mit ihr offen. Kein Wunder also, dass Graces Fluchtinstinkt schlagartig einsetzt, als sie bei einem neuen geplanten Beutezug auf ihn trifft und das macht, was sie in solchen Krisen stets macht - schleunigster Orts- und Identitätswechsel.

Eine australische Kleinstadt und der neue Job als Aushilfe in einem Antiquitätenladen scheinen da vielversprechend. In Garry Dishers Kriminalroman "Zuflucht" ist Grace als entwurzelte junge Frau zwischen der Sehnsucht nach Normalität und der Suche nach Kick und dem nächsten Coup zu erleben. Ihre zurückgezogen lebende neue Chefin Erin stellt wenig Fragen und überlässt der neuen Mitarbeiterin zunehmend mehr Selbständigkeit. Die Leserinnen ahnen früh - auch Erin hat so ihre Geheimnisse.

"Zuflucht" ist actionreich und mit immer neuen Wendungen, denn ein Polizist kurz vor der Pensionierung, der noch seinen letzten Fall lösen will, und Beziehungen zu toxischen Männern sind ein Risiko für Graces neues Leben. Mal ganz abgesehen von der Versuchung, die der Gedanke an den letzten großen Bruch auslöst. Doch bietet der die materiellen Grundlagen für die ersehnte Stabilität in Graces Leben, oder muss sie erneut die Flucht antreten?

Rache, toxische Beziehungen und weibliche Solidarität sind hier zu einem spannenden und doppelbödigen Kriminalroman verbunden. Disher lässt seinen Leser
innen einige Informationen zukommen, die Schlussfolgerungen und Vermutungen zu den Geheimnissen von Grace und Erin ermöglichen, ohne dabei allzu viel zu verraten. Die Figur der Grace als Berufsbetrügerin nicht ganz ohne Gewissen ist mehrdimensional und bei aller krimineller Energie sympathisch.

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Ein eigenwilliges Ermittlungsteam und ein vertrackter Fall

Die Witwe
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Erst zögerte ich ein wenig, mit "Die Witwe" von M.W. Craven mitten in eine existierende Serie einzusteigen, ohne die Vorgängerbände zu kennen. Nun bin ich aber sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe. ...

Erst zögerte ich ein wenig, mit "Die Witwe" von M.W. Craven mitten in eine existierende Serie einzusteigen, ohne die Vorgängerbände zu kennen. Nun bin ich aber sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe. Der Kontext in die Vergangenheit wird immer wieder mal erklärt, ohne den Erzählfluss zu stören. Vor allem aber begeistert mich die Mischung aus Spannung, einem bissigen Humor und einem eigenwillig-exzentrischen Ermittlerteam, das ein bißchen an das literarische Personal von Mick Herron erinnert mit seiner Eigensinnigkeit, seinen Sprüchen und einem wunderbaren Individualismus. Ganz nebenbei machen die literarischen Anspielungen im Text einfach Spaß.

Tilly Bradshaw und Washington Poe sind jedenfalls ein Team, das ich mir merke: Die hochintelligente Tilly, die sich hinter so ziemlich jede Firewall hacken kann, einschließlich die des Geheimdienstes, deren soziale Intelligenz aber ein bißchen hinterherhinkt. Und Poe, der sich wie ein Terrier in einen Fall verbeißt, Anordnungen von Vorgesetzten konsequent ignoriert, wenn er sie für Quatsch hält und sich Autoritäten schlicht verweigert. Kein Teamspieler außerhalb des eigenen Teams, in dem freilich höchste Loyalität und enges Vertrauen herrschen.

Und doch wird dieses Duo ausgerechnet vom britischen Inlandsgeheimdienst angefordert, als es kurz vor einem hochrangigen Wirtschaftsgipfel einen Mord aufzuklären gibt. Ebenfalls mit dabei: Eine beobachtende FBI-Ermittlerin, die Poe und Tilly aus einem vergangenen Fall kennen und eine ehrgeizige MI5-Frau, der das Duo nicht traut - und die wiederum angesichts Poes despektierlicher Art rot sieht.

Ein Toter in einem illegalen Bordell, ein cold case um einen toten Einbrecher, ein tödlicher Vorfall in Afghanistan und die ganz besondere Klientel ehemaliger Berufssoldaten - all das verbindet sich in diesem Kriminalroman zu einem komplizierten Geflecht mit immer neuen Twists. Craven überrascht seine Leser:innen fast bis zur letzten Seite. Kaum etwas ist hier so, wie es auf den ersten Blick erscheint, und ähnlich wie bei einer russischen Matrjoschka-Puppe folgt auf jede freigelegte Informationsschicht ein neues Geheimnis. Intelligent, bei aller Spannung immer wieder auch mit bissigem Witz und sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Trautes Heim, Glück allein?

Tödliches Angebot
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Wer in attraktiven Großstädten mit einem recht hohen betuchten Bevölkerungsanteil in jüngster Zeit auf Wohnungssuche war, weiß - das ist Psychostress pur. Wie die Suche nach einer eigenen Immobilie ist, ...

Wer in attraktiven Großstädten mit einem recht hohen betuchten Bevölkerungsanteil in jüngster Zeit auf Wohnungssuche war, weiß - das ist Psychostress pur. Wie die Suche nach einer eigenen Immobilie ist, kann ich mir da nur vorstellen. In Marisa Kashinos Psychothriller "Tödliches Angebot" hat dieser Stress, wie der Titel bereits verrät, fatale Folgen.

Ich-Erzählerin Margo hat klare Vorstellungen von der Zukunft mit Ehemann Ian: Ein harmonisches Familienleben im Eigenheim in einem der guten Vororte Washingtons, mit Zugang zu guten Schulen. Ein Leben, wie sie es in ihrer eigenen Kindheit nicht hatte. Für diesen Traum ist sie bereit, notfalls über Leichen zu gehen. Und das ist keinesfalls symbolisch gemeint.

Seit 16 Monaten leben Margo und Ian in einer kleinen Mietwohnung, mehr als ein Dutzend mal sind sie im Bieterkrieg um Immobilien gescheitert. Die Enge in der Wohnung, die Enttäuschung nach jedem gescheiterten Gebot, die immer lauter tickende biologische Uhr der fast 38-jährigen Margo - das geht nicht spurlos an dem Paar vorbei. Doch dann erfährt Margo von einem Haus, das wie die Erfüllung all ihrer Träume erscheint. Für sie ist klar - sie muss es haben.

Margo lässt jegliche Skrupel fahren, stalkt die Besitzer, schnüffelt in ihrer Vergangenheit herum, ein bißchen Erpressung muss sein. Kein Wunder, dass bei so viel Ablenkung die Arbeit in einer PR-Agentur leidet. Steht Margo demnächst ohne Job und ohne Traumhaus da, womöglich auch ohne Ehemann, der, wie der Fund eines heimlichen Zweithandies verrät, eine Geliebte hat? Zugegeben, Ian geht Margo gerade gewaltig auf die Nerven, aber sie möchte doch nicht ihre wunderbaren Schwiegereltern verlieren?

Margo ist eine Frau, die von einem normalen Leben in immer tiefere Abgründe abdriftet und kein Nein als Antwort akzeptiert. Ihr Kampf um das Traumhaus schlägt jede erfolgreiche PR-Kampagne und wird mit harten Bandagen geführt. Doch hat sich Margo mit ihren Plänen in eine Sackgasse verrannt, oder wird ihr erträumter Lebensentwurf gelingen? Das soll hier natürlich nicht verraten werden, aber als künftige Immobilienbesitzerin am Rande des totalen Zusammenbruchs ist "Tödliches Angebot" nicht nur eine spannend-unterhaltsame Ablenkung für alle, die gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind. Zur Nachahmung nicht empfohlen!

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Meinung oder Nachricht?

Erzählen, was ist
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Mit dem Titel ihres Buches "Erzählen, was ist" hat Karin Eigendorf ja ein bißchen das Spiegel-Motto abgekupfert. Sei´s drum - ich war neugierig auf das Buch, bin vielleicht mit einer anderen Erwartungshaltung ...

Mit dem Titel ihres Buches "Erzählen, was ist" hat Karin Eigendorf ja ein bißchen das Spiegel-Motto abgekupfert. Sei´s drum - ich war neugierig auf das Buch, bin vielleicht mit einer anderen Erwartungshaltung rangegangen als andere Leser*innen. Mich hätte etwa interessiert, wie es ist, "nur Krise" zu machen statt die gesamte journalistische Themenvielfalt, die Journalisten etwa als Korrespondenten in einem Land oder einer Region abdecken. Oder - sie hat ja den Vergleich aus dem eigenen Berufsleben - eine Überlegung über die Unterschiede, die sich aus der Arbeit als Auslandskorrespondentin versus "Fallschirmjournalistin" ergeben - also immer dann einfliegen, wenn plötzlich geballtes Interesse an einem Land ist, dort aber nicht den Alltag zu leben.

Statt dessen ist neben Autobiographie auch ein gutes Stück Selbstrechtfertigung ihrer Art der Berichterstattung im Zentrum des Buches. Über ihr jüngeres Ich als Abiturientin schreibt Eigendorf, sie habe als Jugendliche ein gewisses Sendungsbewusstsein gehabt. Mein Eindruck beim Lesen: Das gilt nicht nur für die 18 oder 19 Jahre alte Eigendorf. Entsprechend zwiespältig mein Eindruck am Ende des Buches.

Natürlich ist es interessant, über Eigendorfs Arbeit und Selbstverständnis als Krisen- und Kriegsreporterin zu lesen. Es bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen und - bei aller Sicherheitsplanung - sich auf Ungewisses und Unabwägbares einzulassen. Es bedeutet Begegnungen mit Menschen in Extremsituationen, deren Sicherheit nach Sendung des Materials ebenfalls bedacht werden muss. Das wird gerade in den Artikeln zu Afghanistan eindrücklich gezeigt.

Zwischen Nahost und Afghanistan, Ukraine und Russland gerät die Schilderung der diversen Krisengebiete und -hintergründe naturgemäß oberflächlich. Ausführlich beschreibt Eigendorf, warum sie berichtet, wie sie berichtet - und da kommt dann der Teil, der sowohl Selbstrechtfertigung wie auch ein beißen Selbstgerechtigkeit enthält.

Jeder Journalistenschüler, jeder Volontär lernt gleich zu Beginn, wie wichtig die Trennung von Kommentar und Nachricht ist. Berichten was ist - das bedeutet eben nicht, die eigene Meinung in einem Nachrichtenbeitrag rauszustellen. Dafür ist der Kommentar als Meinungsbeitrag da.

Ihr werde ja regelmäßig Parteinahme, zu emotionale Berichterstattung vorgeworfen, tritt Eigendorf die Verteidigung nach vorn an. Und lässt sich ausführlich darüber aus, warum sie nicht an "neutrale" Berichterstattung glaubt. Die Gegenargumente - Fragen der Glaubwürdigkeit, gerade in einer Zeit daueraufgeregter Selbstdarstellungen in sozialen Medien, in denen es nur um Meinung und wenig um Fakten geht - kommen kaum vor.

Veröffentlicht am 02.02.2026

Intrigen aus der Downing Street

Bad Actors
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So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ...

So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ist daher alles anderes als amused, als sich vor einem scheinbar harmlosen Fest der russischen Botschaft herausstellt, dass ihr russischer Amtskollege seit mehr als 24 Stunden unerkannt in London unterwegs sind, weil einige der "boys and girls" der MI5-Zentrale beim Monitoring der anreisenden Russen leider gepennt haben.

Doch noch etwas anderes gibt Rätsel aus: Die Schweizer Superforecasterin, die ein Sonderberater des Premierministers angeheuert hat, ist verschwunden. Und Jack Sparrow, besagter Sonderberater, ist nicht nur ein gewaltiger Intrigant, sondern gewissermaßen die graue Eminenz in der Downing Street, der ausgerechnet Taverners Vorgänger, den glücklosen Claude Whelan, damit beauftragt, zum Verbleib seiner Mitarbeiterin zu recherchieren. Ihr letzter Anruf, so stellt sich heraus, ging an die Nummer von Jackson Lamb, den exzentrischen Chef des "Slough House" für abgehalfterte Spione.

Mit "Bad Actors" lässt Mick Herron zum achten Mal die "slow horses" los. Mit Jack Sparrow hat er einen Intriganten geschaffen, der in den Spielchen, die man zwischen Taverner und Lamb kennt, durchaus ebenbürtig ist.

Die zuletzt entstandenen Lücken in Slough House wurden mit der neuen Mitarbeiterin Ashley Singh aufgefüllt, die zugleich für einen gewissen Generationswechsel steht, ist sie doch relativ frisch aus der Ausbildung und ähnelt auch in ihrem Verhalten eher einem spätpubertären Teenager. Shirley Danders wiederum, bekannt für Koks und Krawall, ist gerade in einem Zwangsurlaub in einem "Sanatorium" des Service, um ihre Aggressionsimpulse besser unter Kontrolle zu bekommen. Dass ihre Schlagkräftigkeit dort mal gefragt sein könnte, hätte sie sich vermutlich nicht träumen können.

Auch in "Bad Actors" liefert Herron einmal mehr tiefschwarzen britischen Humor, boshafte Dialoge und das übliche Sparring zwischen Lamb und Taverner. Kalter Krieg und eine neue Generation von Spionen, Machtspiele zwischen Downing Street und Regent Park, das Chaos, das unausweichlich scheint, wenn die "lahmen Gäule" galoppieren - es macht einfach Spaß, den Abenteuern der MI5-Outcasts zu folgen.

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