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Veröffentlicht am 02.02.2026

Intrigen aus der Downing Street

Bad Actors
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So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ...

So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ist daher alles anderes als amused, als sich vor einem scheinbar harmlosen Fest der russischen Botschaft herausstellt, dass ihr russischer Amtskollege seit mehr als 24 Stunden unerkannt in London unterwegs sind, weil einige der "boys and girls" der MI5-Zentrale beim Monitoring der anreisenden Russen leider gepennt haben.

Doch noch etwas anderes gibt Rätsel aus: Die Schweizer Superforecasterin, die ein Sonderberater des Premierministers angeheuert hat, ist verschwunden. Und Jack Sparrow, besagter Sonderberater, ist nicht nur ein gewaltiger Intrigant, sondern gewissermaßen die graue Eminenz in der Downing Street, der ausgerechnet Taverners Vorgänger, den glücklosen Claude Whelan, damit beauftragt, zum Verbleib seiner Mitarbeiterin zu recherchieren. Ihr letzter Anruf, so stellt sich heraus, ging an die Nummer von Jackson Lamb, den exzentrischen Chef des "Slough House" für abgehalfterte Spione.

Mit "Bad Actors" lässt Mick Herron zum achten Mal die "slow horses" los. Mit Jack Sparrow hat er einen Intriganten geschaffen, der in den Spielchen, die man zwischen Taverner und Lamb kennt, durchaus ebenbürtig ist.

Die zuletzt entstandenen Lücken in Slough House wurden mit der neuen Mitarbeiterin Ashley Singh aufgefüllt, die zugleich für einen gewissen Generationswechsel steht, ist sie doch relativ frisch aus der Ausbildung und ähnelt auch in ihrem Verhalten eher einem spätpubertären Teenager. Shirley Danders wiederum, bekannt für Koks und Krawall, ist gerade in einem Zwangsurlaub in einem "Sanatorium" des Service, um ihre Aggressionsimpulse besser unter Kontrolle zu bekommen. Dass ihre Schlagkräftigkeit dort mal gefragt sein könnte, hätte sie sich vermutlich nicht träumen können.

Auch in "Bad Actors" liefert Herron einmal mehr tiefschwarzen britischen Humor, boshafte Dialoge und das übliche Sparring zwischen Lamb und Taverner. Kalter Krieg und eine neue Generation von Spionen, Machtspiele zwischen Downing Street und Regent Park, das Chaos, das unausweichlich scheint, wenn die "lahmen Gäule" galoppieren - es macht einfach Spaß, den Abenteuern der MI5-Outcasts zu folgen.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Zeitreisende Detektive

Manche Schuld vergeht nie
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Der Titel von Elly Griffiths Kriminalroman "Manche Schuld vergeht nie" könnte auch der Motto der geheimen Ermittlungsarbeit sein, in der Alison Dawson arbeitet. Sie klären nicht nur cold cases auf, sie ...

Der Titel von Elly Griffiths Kriminalroman "Manche Schuld vergeht nie" könnte auch der Motto der geheimen Ermittlungsarbeit sein, in der Alison Dawson arbeitet. Sie klären nicht nur cold cases auf, sie reisen dafür sogar in die Vergangenheit, dank der Erfindung einer exzentrisch-genialen italienischen Wissenschaftlerin. Und auch das Team selbst entspricht nicht so ganz der üblichen Zusammensetzung eines normalen Polizeireviers - Hacker, ein trockener Alkoholiker, und eben Alison, die mit 18 die Schule abbrach, mit 19 schwanger wurde, als Putzfrau arbeitete, schließlich doch studierte und zur Polizei ging.

Sohn Finn arbeitet zum Leidwesen seiner linken Mutter als persönlicher Assistent bei dem Tory-Justizminister Templeton, der die Einheit und speziell Alison gewissermaßen in eigener Sache anfordert: War sein Urgroßvater ein Frauenmörder und der Collectors Club, dem er angehörte, eine höchst sinistre Organisation?

Allison wird, in passender Kleidung und mit historischen Münzen ins Jahr 1850 geschickt. Bei den bisherigen Zeitreisen waren sie und ihre Kollegen stets nur kurz unterwegs und für die Menschen vor Ort nicht sichtbar. Doch dank der Fortentwicklung der Wissenschaftlerin wird sich Alison nun auch körperlich materialisieren und soll einen ganzen Tag lang in der Vergangenheit bleiben.

Tatsächlich trifft Alison gleich nach ihrer Ankunft nicht nur auf Templetons Vorfahren, sondern auch auf eine Leiche. Der Mörder steht allerdings schon fest und ist auf der Flucht. Mit dem praktischen Vorteil für Alison, dass ein Zimmer in dem Haus, das Templeton als Pension an Künstler vermietet, frei ist. Das viktorianische Zeitalter ist für Alison ein Schock: Keine Heizung und kein Bad, dafür aber ein Nachttopf, der morgens in der Latrine im Hof entleert werden muss! Die Mitbewohner exzentrisch, teils auch verdächtig und das Essen stark gewöhnungsbedürftig. Einen Tag ließe sich das ja noch durchhalten, doch als Alison nach 24 Stunden durch die Pforte treten will, wie die Zeitreisen im Team genant werden, ist diese verschlossen.

Alison hängt in der Vergangenheit fest, doch in der Gegenwart ist es nicht weniger dramatisch: Finn steht unter Mordverdacht und braucht nicht nur mütterliche Unterstützung, sondern auch die Ermittlungsfähigkeiten seiner Mutter, da die Polizei nicht nach weiteren Tatverdächtigen zu suchen scheint.

Elly Griffith hat einen Krimi der etwas anderen Art mit exzentrisch-sympathischen Protagonisten und einer guten Portion britischen Humors geschrieben. Alison macht überraschende Entdeckungen, die eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen und die Frage aufwerfen, ob nicht noch weitere Zeitreise-Ermittlungen folgen könnten.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Schatten der Vergangenheit

Die weiße Nacht
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Dass Anne Stern historische Romane um starke Frauenfiguren und mit einer ordentlichen Würze Spannung kann, hat sie mit ihrer Reihe um die Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre bewiesen. Berlin ...

Dass Anne Stern historische Romane um starke Frauenfiguren und mit einer ordentlichen Würze Spannung kann, hat sie mit ihrer Reihe um die Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre bewiesen. Berlin ist auch die Kulisse einer neuen historischen Krimireihe, deren Auftaktband "Die weiße Nacht" ist. Diesmal führt Stern ihre Leser*innen allerdings in die Berliner Trümmerlandschaft des Jahres 1946.

Lou Faber, eine junge Fotografin, sucht die Ästhetik inmitten der Zerstörung. Wenn sie Glück hat, kann sie auch das eine oder andere Bild an eine Frauenzeitschrift verkaufen, aber wovon die - ursprünglich wohl großbürgerliche - junge Frau eigentlich ihr Einkommen bestreitet, bleibt letztlich unklar. Bei einer ihrer Fotorecherchen findet sie auf einem Trümmergrundstück die Leiche einer jungen Frau.

Die Tote ist ein Fall Kommissar Alfred König der Berliner Polizei, der in seinem beruflichen Umfeld teils mit Dilettanten, die im Schnellkurs zu Polizisten gemacht werden, zu tun hat, oder aber mit Beamten, die auch schon in Nazi-Deutschland bei der Polizei - und nur allzu oft auch in der NSDAP - waren. Auch König hat lange mitgemacht. Doch als er als Mitglied eines Polizeiregiments in Belarus an Massakern teilnehmen sollte, verweigerte er den Befehl und kam in Lagerhaft.

Auch Lou Faber, die einer der Weißen Rose nachempfundenen Widerstandsgruppe angehörte, wurde während des Krieges verfolgt. Doch anders als die meisten ihrer Freunde hat sie überlebt. König traut sie zunächst nicht, doch trotz gegenseitigen Widerwillens diskutieren sie den Fall, tauschen Hinweise aus und ermitteln gewissermaßen gemeinsam. Dabei kommt Lou der Wahrheit schneller näher, als sie ahnt.

Die Autorin hat wie bei ihren anderen Romanen wieder ausgiebig recherchiert - das Buch enthält zahlreiche historische Details und spiegelt die Atmosphäre eines bitterkalten Winters zwischen schnell verdrängter Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Beim Lesen ahnt man früher als die Ermittler die Zusammenhänge zwischen Nazi-Verbrechen und einer Rache an damals Verantwortlichen.

Angesichts der vielen Mitläufer, Wegschauenden und Opportunisten im nationalsozialistischen Deutschland scheint es allerdings fast schon unglaubwürdig, dass sich hier gleich zwei Lichtgestalten zusammenfinden, die "Nein" gesagt haben. Die ganz überwiegende Mehrheit der Deutschen im Dritten Reich waren nun einmal keine Scholls oder von Moltkes. Und beim Umgang mit dem Thema Schuld, Verdrängung und Aufklärung hätte es vielleicht nicht geschadet, eine Hauptfigur mit mehr Ambiguität zu haben, auch wenn sie nicht die Sympathiepunkte eines Protagonisten aus dem Widerstand hat.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Südtiroler Wintersportkrimi

Am Hang des Todes
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Ein wenig passt Lenz Koppelstätters neuer Südtirol-Krimi mit seinem Protagonisten Commissario Grauner ja als Begleitlektüre zur Winterolympiade. Denn der Wintersport, Ehrgeiz und Leistung um jeden Preis ...

Ein wenig passt Lenz Koppelstätters neuer Südtirol-Krimi mit seinem Protagonisten Commissario Grauner ja als Begleitlektüre zur Winterolympiade. Denn der Wintersport, Ehrgeiz und Leistung um jeden Preis spielen auch hier eine Rolle. Ein romantisches Hütten-Wochenende des Ehepaares Tappeiner/Saltapepe bekommt schnell eine neue Wendung, als bei einem wichtigen Abfahrtslauf ein Skitalent ums Leben kommt. Schnell stellt sich heraus - kein Sturz, sondern ein Schuss war die Todesursache. Also Ermitteln statt Hütten-Idylle.

Der Dorfklatsch scheint durchaus hilfreich, denn so lernen Grauner - frisch von seiner Weltreise zurück - und seine Kollegen über eine schon seit langem bestehende Fehde zwischen den Eltern des Toten, die eine Skihütte betreiben, und dem Betreiber eines Ökobauernhofs, dessen Wald gegen dessen Willen für die Abfahrtstrecke abgeholzt wurde. Und dessen Sohn, ein großes Skitalent, nach einer positiven Dopingprobe die Hoffnungen auf einen Platz im Nationalteam aufgeben musste. Dadurch hatte das jetzige Mordopfer Chancen, zum Stern am Skihimmel aufzusteigen.

Doch ist wirklich alles so einfach? Natürlich nicht. Grauner und Co müssen sicher geglaubte Annahmen revidieren, es bleibt nicht bei einem Toten. Und überhaupt ist alles ganz anders, als es auf den ersten Blick erscheint.

Im Südtiroler Team grummelt es ein wenig, unausgesprochenes Konkurrenzdenken macht sich vor allem zwischen Grauner und Saltapepe breit. Überhaupt, das Reisen hat den Commissario verändert. so sehr er das Wiedersehen mit den geliebten Kühen genießt. Die Mentalitäts- und Temperamentsunterschiede des Ermittlerteams sorgen wie in den Vorgängerbänden für eine humorige Note.

Gleichzeitig scheint es ein wenig, als hetze der Autor ein wenig durch den Fall, nehme sich etwas weniger Zeit für die Befindlichkeiten zwischen Kuhstall und Polizeirevier - vielleicht, weil mit dem nunmer elften Band nicht nur vieles auserzählt ist, sondern auch die Lust auf den Viechbauer-Commissario nicht mehr so groß? Zumal Koppelstetter ja schon längst eine zweite Reihe begonnen hat? Im Vergleich zu den Vorgängerbänden scheint mir dieser Grauner ein wenig abzufallen. Ein lesenswerter Südtirol-Krimi ist das Buch trotzdem

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Coming of Age im Kalifat

Der letzte Sommer der Tauben
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Abbas Khider beeindruckt immer wieder. Mit seiner poetischen Sprache, mit Sätzen, die wie leicht dahingeworfen aussehen und nachhallen, wie er große Umwälzungen in privates Leben verpackt. Sein neues Buch ...

Abbas Khider beeindruckt immer wieder. Mit seiner poetischen Sprache, mit Sätzen, die wie leicht dahingeworfen aussehen und nachhallen, wie er große Umwälzungen in privates Leben verpackt. Sein neues Buch "Der letzte Sommer der Tauben" bildet da keine Ausnahme.

Ich-Erzähler Noah ist ein 14-jähriger Iraker, der Vater hat ein Textilgeschäft, gleich nebenan wohnt der Onkel, mit dem Noah die Leidenschaft fürs Taubenzüchten teilt. Doch der beschauliche Alltag einer harmonisch existierenden Familie wird zerstört, als der Daesh, der Islamische Staat, auch in seiner Heimatstadt in alle Lebensbereiche eindringt. Bunter Kleider und Stoffe dürfen im Laden von Noahs Laden nun nicht mehr verkauft werden. Selbst Verpackungen müssen verbrannt oder zumindest geschwärzt werden, wenn dort das Gesicht oder der Körper einer Frau zu sehen ist.

Die dramatischsten Auswirkungen betreffen natürlich Noahs Mutter und erwachsene, schwangere Schwester, die nach der Verhaftung ihres Mannes wieder ins Elternhaus gezogen ist. Ohne männliche Begleitung dürfen sie nicht mehr auf die Straße, sie können nicht mehr berufstätig sein, müssen in der Öffenlichkeit mit ihrer Kleidung den strengen Sitten der Religionspolizei gerecht werden. Indoktrination, Festnahmen, Gewalt und Gerüchte über das, was die Islamisten mit ihren Gegnern machen, schaffen eine Atmosphäre des Terrors. Auch in der Schule bemerkt Noah die Veränderungen.

Die Tauben werden für Noah eine Art Rückzugsort. Auf dem Dach, wo sich der Taubenschlag befindet, hat er ein Stückchen Freiheit und kann ausblenden, was um ihn herum geschieht. Doch der aufgeweckte junge ahnt, dass sein Onkel und andere der Taubenzüchter in der Nachbarschaft ein paar Geheimnisse haben, gefährliche Geheimnisse. Seine besten Freunde dagegen geraten immer mehr in den Sog der neuen Ideologie. Selbst die Taubenzucht erregt plötzlich Anstoß. Noah und seine Familie müssen zunehmend abwägen, wo die Grenzen zwischen Anpassung und Eigenständigkeit liegen und wie angesichts der Umstände Würde und eigenes Denken bewahrt werden.

"Der letzte Sommer der Tauben" macht auf feinfühlige Art nachvollziehbar, was das Leben in einer Diktatur bedeutet. Auch ohne große Dramatik, überwiegend ohne drastische Gewaltschilderungen wird die Atmosphäre zunehmend beklemmender. Die Tauben, die Noah so liebevoll beschreibt, werden zum Symbol der Sehnsucht nach Freiheit. Abbas Khider hat ein beeindruckendes Buch geschrieben.

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