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Veröffentlicht am 12.07.2024

Hinter den Masken

Was der See birgt
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Lenz Koppelstätter ist als Autor der Reihe um den Südtiroler Kommissar und Teilzeitbauer Grauner bekannt. Mit "Was der See birgt" startet er eine neue Serie um die ehrgeizige Polizeireporterin Gianna ...

Lenz Koppelstätter ist als Autor der Reihe um den Südtiroler Kommissar und Teilzeitbauer Grauner bekannt. Mit "Was der See birgt" startet er eine neue Serie um die ehrgeizige Polizeireporterin Gianna Pitti. Schauplatz ist nun nicht Südtirol, sondern der Gardasee, wo Pitti bei einer Lokalzeitung arbeitet und für eine gute Story auch schon mal zu unsauberen Methoden greift. Insgeheim strebt sie ihrem von einem Jahr spurlos verschwundenem Vater, einem investigativen Journalisten nach - auch wenn die Fälle, über die sie normalerweise berichtet, nicht unbedingt die ganz große Nummer sind.

Als sie noch vor Dienstbeginn sieht, wie eine Leiche aus dem See geborgen wird, hofft sie auf einen Knüller - und muss feststellen, dass sie den Toten, einen Kollegen aus Mailand, kannte und noch den vergangenen Abend mit ihm verbracht hatte. Der junge Journalist träumte von einer investigativen Karriere - war er einer großen Geschichte auf der Spur?

Giannas Neugier ist geweckt, sie beginnt eigene Ermittlungen , nur um von ihrer Chefredakteurin und ihrem adeligen Onkel gebremst zu werden. Sie wollen keine Geschichte verhindern, sondern verraten Gianna, dass es Zusammenhänge mit ihren eigenen Recherchen nach dem Verschwinden von Giannas Vater geben könnte.

Schon bald ist klar - es gibt geheime Umtriebe am See, die sich auf die Villa des exzentrischen Dichters D´Annunzio zu konzentrieren scheinen. Eine junge Frau berichtet von geheimnisvollen Festen, die zum Exzess ausarten, von Umtrieben, aus denen niemand aussteigen kann und die sich durch einflussreiche Kreise zu ziehen scheinen. Wem können Gianna und ihr Team überhaupt noch trauen? Ist der Staatsanwalt Freund oder Feind? Verflechtungen einer Krake, so zeigt sich, gibt es nicht nur in Sizilien oder Neapel. Spannend geschrieben mit einem Cliffhanger-Ende, das neugierig auf den nächsten Band macht.

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Veröffentlicht am 09.07.2024

Frau. Berge. Freiheit.

Das Flüstern im Eis
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Von wegen Vollblutpolizist: Commissario Grauner ist zwar Mordermittler in Bozen, sein Herz hängt aber am Nebenerwerb als Viechbauer, an seinen 16 Kühen, dem Hof, und dem ruhigen ländlichen Leben. Lieber ...

Von wegen Vollblutpolizist: Commissario Grauner ist zwar Mordermittler in Bozen, sein Herz hängt aber am Nebenerwerb als Viechbauer, an seinen 16 Kühen, dem Hof, und dem ruhigen ländlichen Leben. Lieber früher als später will er in den vorgezogenen Ruhestand gehen, den Hof an die Tochter übergeben und sich mit seiner geliebten Alba auf die Alm verziehen. Doch Grauner kommt gar nicht dazu, dem Staatsanwalt seine diesbezüglichen Wünsche mitzuteilen in Lenz Koppelstätters "Das Flüstern im Eis". Es gilt, einen Mord zu ermitteln, seinen letzten Fall, so hofft Grauner.

Immerhin muss er dazu nicht in die verhasste Stadt, sondern in ein Südtiroler Dörfchen am Fuße des Ortlers. Der Leiter der dortigen Bergwacht ist dort tot aufgefunden worden, und die Mistgabel in der Brust macht es schwer, hier einen natürlichen Todesfall zu vermuten. Um sein Team zusammenzurufen, braucht Grauner nicht lange: Seine Mitarbeiter Tappeiner und Saltapepe sind bereits vor Ort, auf einer Hütte, um den Wettbewerb zweier Eiskletterinnen auf der Ortler-Nordwand zu verfolgen. Schließlich will Südtirolerin Tappeiner ihrem neapolitanischen Freund und Kollegen die Bergwelt schmackhaft machen.

Drama allerdings auch am Gletscher, denn die iranische Kletterin, die sich mit einer italienischen Konkurrentin den Wettkampf geliefert hat, ist zwar als erste am Gipfel, erreicht aber nicht die Talstation. Nur einer ihrer Eispickel wird nahe einer Gletscherspalte gefunden. Und nicht nur das - mit einem weiteren Toten schwillt die dörfliche Mordrate gewaltig an. Immerhin: Grauners landwirtschaftliches Know-How kommt unerwartete gelegen, den Kreis der Verdächtigen einzuengen. Saltapepe muss sich unterdessen Höhenangst, Felsen und ewigem Eis stellen, um Zeugen zu vernehmen. Immerhin kann der Hüttenwirt einen verdammt guten Espresso zubereiten.

Worum es bei dem Plot geht, ließ sich zumindest teilweise früh erahnen. Das machte allerdings gar nichts und tat weder Spannung noch Lesevergnügen Abbruch, denn sowohl der unorthodoxe Grauner als auch der seinem süditalienischen Element enthobene Saltapepe sind sympathische und sehr menschelnde Ermittler. Koppelstätter schreibt flüssig und lebendig und es macht Spaß, seinen Protagonisten buchstäblich durch Berg und Tal zu folgen.

Nicht zuletzt sind es die Naturbeschreibungen und die Faszination Bergsteigen, die in diesem Buch eine Rolle spielen, zusammen mit kernigen Bergführern, Schicksalsgemeinschaften auf sturmumtösten Hütten und Freundschaften, die Raum und Zeit überwinden. Mit dem Blick auf die Situation junger Frauen im Iran und die blutige Unterdrückung der Proteste - zuletzt mit dem Motto "Frau. Frieden. Freiheit" hat "Das Flüstern im Eis" auch einen unerwartet aktuellen Bezug.

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Veröffentlicht am 09.07.2024

Diplomatie und Ermittlungen in Maputo

Der Tote im Pool
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Aurel Timescu ist ein eher untypischer Diplomat. Zum einen steht er trotz rumänischer Herkunft als Konsul im Dienst Frankreichs, zum anderen zeichnet er sich durch den vollkommenen Mangel an Ehrgeiz aus. ...

Aurel Timescu ist ein eher untypischer Diplomat. Zum einen steht er trotz rumänischer Herkunft als Konsul im Dienst Frankreichs, zum anderen zeichnet er sich durch den vollkommenen Mangel an Ehrgeiz aus. Statt Ambitionen auf einen chicen Botschafterposten zu entwickeln, verweigert er sich konsequent und mit viel kreativen Ausreden der Arbeit und ständigen Erreichbarkeit, auf die seine Vorgesetzten Wert legen. Er lebt mehr für weißweinhaltige Nächte am Klavier in seiner Wohnung in Maputo als für das diplomatische Parkett der mosambiquischen Hauptstadt.

Aus der üblichen phlegmatischen Lebensweise erwacht Timescu in Jena-Christophe Rufins Diplomaten-Krimi "Der Tote im Pool" erst, als im Pool eines heruntergekommenen Hotels die Leiche des französischen Ministers gefunden wird und dessen ebenfalls französische Ehefrau wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft landet.

Sich um Landsleute im Gefängnis zu kümmern gehört zu den Aufgaben der Konsularabteilung, doch das allein wäre für Timescu kein Grund, plötzlich Elan zu zeigen. Doch er sieht die Chance, den Mord aufzuklären - und da wird er plötzlich höchst aktiv, setzt auch Intuition und ist gar nicht erfreut, dass auch sein junger Chef Detektiv spielen will. Wie gut, dass der sich auch um eine Umweltdelegation kümmern muss!

Der Tote, das wird schnell klar, war kein besonders netter Mensch und hatte sich bereits in mehreren Ländern Afrikas unbeliebt gemacht. Eine Schwäche hatte er bis zuletzt für Frauen - mit der zweiten, einheimischen Ehefrau lebt er in Scheidung, die 19 Jahre alte Geliebte erwartet ein Kind von ihm. Liegt das Mordmotiv in Eifersucht und Gier? Oder hatte der Tote im Pool noch andere Geheimnisse?

Der Spannungsbogen des Buches ist eher gering, mehr geht es um den an Hercule Poirot erinnernden Hobby-Ermittler, der immer ein wenig lächerlich wirkt, sich aber auf seine weingeschwängerte Intuition verlassen kann. Die Schilderung der postkolonialen Expat-Szene und der diplomatischen Eitelkeiten wie auch afrikanischer Vetternwirtschaft sind amüsant zu lesen. Insofern eher ein Cozy im tropischen Ambiente mit einem Protagonisten, der in seiner Exzentrik für heitere Momente sorgt.

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Veröffentlicht am 08.07.2024

Geheimnis der Unsterblichkeit

Relight My Fire
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Wenn C. K. McDonnell die Redaktion der "Stranger Times" in Manchester auf einen neuen Fall loslässt, steht eines von vornherein fest: Die bunte und trotz aller Gegensätze aufeinander eingespielte Gruppe ...

Wenn C. K. McDonnell die Redaktion der "Stranger Times" in Manchester auf einen neuen Fall loslässt, steht eines von vornherein fest: Die bunte und trotz aller Gegensätze aufeinander eingespielte Gruppe hat es mit übernatürlichen Gegnern zu tun. Nach Vampiren müssen sie sich in "Relight my Fire" einer Armee von Zombies stellen, nachdem eine durchgeknallte Wissenschaftlerin das Geheimnis der Unsterblichkeit lüften will. Und es ist einmal mehr eine echte Herausforderung für das Redaktionsteams, ihr jüngstes Mitglied (wobei das niemand so recht weiß) Stella vor der Neugier der auf jeden Fall unsterblichen Begründer und anderer finsterer Gestalten zu schützen. Zumal Stella als Studentin den sicheren Zufluchtsort der Redaktion verlässt - das Küken wird flügge.

Clubbing, studentische Trinkrituale und wokes Bewusstsein sind für Stella, die an das schräge Team der Redaktionskolleg*innen gewohnt ist, noch einmal eine ganz neue Herausforderung. Immerhin - während sich im Nachtleben von Manchester übernatürliche Phänomene häufen, ist sie vielleicht nicht mehr ganz so außergewöhnlich?

Doch die Stranger Times Crew treibt sich diesmal weniger in Nachtklubs als auf Friedhöfen um, während der gewohnt cholerische Chefredakteur Vince Banecraft alles tun will, um nicht binnen weniger Tage in einer ziemlich unangenehmen Hölle zu landen. Seine Stellvertreterin Hannah wiederum trifft auf einen Schwarm ihrer Jugend und gerät dabei vorübergehend aus dem Gleichgewicht. Krisenmanagement schafft sie natürlich trotzdem.

McDonnell präsentiert einmal mehr ein Sammelsurium exzentrischer und schräger Gestalten, von denen nur ein Teil übernatürlich ist. Turbulent, gewalttätig, und gewohnt unberechenbar geht es auch in diesem Band um die Abenteuer der Stranger Times Crew zu, sehr britisch und überdreht-witzig.

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Veröffentlicht am 08.07.2024

Auswandererschicksal zwischen Irland und New York

Brooklyn
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Eilish Lacey lebt mit ihrer verwitweten Mutter und der älteren Schwester Rose in einem kleinen Städtchen nahe der irischen Ostküste. Auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts durchlebt die Familie die für ...

Eilish Lacey lebt mit ihrer verwitweten Mutter und der älteren Schwester Rose in einem kleinen Städtchen nahe der irischen Ostküste. Auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts durchlebt die Familie die für die Insel typischen Migrationsschicksale: Zu Hause gibt es keine Arbeit. Rose hat Arbeit als Sekretärin, doch für Eilish gibt es höchstens Gelegenheitsarbeiten. Die älteren Brüder sind schon in England, arbeiten in Fabriken in Birmingham. Mit Hilfe eines Priesters und unter gutem Zureden von Rose bekommt Eilish eine unbefristete Arbeitserlaubnis für die USA und eine Stelle als Verkäuferin in einem Kaufhaus in Brooklyn - das ist der Ausgangspunkt von Colm Toibins Roman "Brooklyn".

Es ist durchaus nicht Abenteuerlust, die Eilish auf die weite Reise führt. Ein wenig hat sie ein schlechtes Gewissen, denn sie weiß: Wenn sie weg geht, hat Rose, die ohnehin bereits 30 ist, die letzte Chance verpasst, eine eigene Familie zu gründen. Die Mutter und die Gemeinschaft werden von ihr erwarten, dass sie als letztes vor Ort verbliebenes Kind der Familie bei der Mutter bleibt und sich um sie kümmert, wenn sie im Alter auf Hilfe angewiesen ist. Ist das fair? Oder einfach der Tatsache geschuldet, dass Rose eine feste Arbeit hat, Eilish aber nicht?

Es sind durchaus zwiespältige Gefühle, mit denen Eilish in die Ferne aufbricht. Die Reise in der dritten Klasse bei stürmischer See entspricht so gar nicht dem glamoureusen Bild der Atlantiküberquerungen in modernen Kreuzfahrtkatalogen. Und auch die Ankunft ist nicht leicht, denn von großer Freiheit kann keine Rede sein: Eilish lebt in einem möblierten Zimmer bei einer irischen Witwe, die ein strenges Auge auf Eilish und ihre ebenfalls irischen Mitbewohnerinnen hat. Herrenbesuch wäre undenkbar. Die soziale Kontrolle funktioniert ähnlich wie in der Kleinstadtgesellschaft.

Auch die Arbeit als Verkäuferin füllt Eilish nicht wirklich aus. Sie beschließt, auf Abendcollege zu gehen, um Buchhaltung zu studieren. Das soziale Leben bewegt sich zwischen Kirche, Küche und Tanzsaal. Die ethnischen Communities sind weitgehend für sich, doch bei einer Tanzveranstaltung lernt Eilish den Italo-Amerikaner Tony kennen, die beiden werden ein Paar. Doch dann gibt es schreckliche Nachrichten aus Irland - Rose ist im Schlaf gestorben, sie hatte einen Herzfehler, von dem sie Mutter und Schwester nie erzählt hat.

Eilish ist mit ihrer Trauer allein, an der Beerdigung kann sie nicht teilnehmen - schließlich dauert die Ozeanüberquerung eine knappe Woche. Doch sie beschließt, für einen Monat unbezahlten Urlaub zu nehmen und in die Heimat zu reisen, um ihre Mutter in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Dass sie dort dem örtlichen Pub-Besitzer näherkommt, hätte sie nicht erwartet. Plötzlich steht Eilish zwischen zwei Männern - und hat niemanden, dem sie sich anvertrauen kann, denn nur Rose hatte sie von Tony erzählt.

Toibin nimmt die Leser*innen mit langsamer Erzählweise mit in die Auswanderungsgeschichte, von Katja Danowski als Sprecherin in der Hörbuchversion mit ebenfalls ruhigem Erzähltempo passend umgesetzt. Es sind die Beschreibungen der kleinen Dinge, der Menschen, die eine ganz andere Zeit entstehen lassen, die gerade mal zwei Generationen zurückliegen dürfte. Scheinbar ereignisloser, unaufgeregter, in einem entschleunigterem Tempo, aber nicht ohne innere Konflikte und schwere Entscheidungen. Es wird deutlich, wie anders das Leben war in einer Zeit, als nicht mals schnell ein Transkontinentalflug gebucht werden konnte, Briefe wochenlang unterwegs waren und selbst ein Telefongespräch mit hohem Aufwand und Kosten verbunden war.

"Brooklyn" ist der Auftakt einer Triologie, zu der auch der vor wenigen Monaten erschienene Band "Long Island" gehört.

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