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Veröffentlicht am 26.05.2025

Familien- und Fluchtgeschichte

Wir Ostpreußen
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Wie lange hallt Vergangenheit, insbesondere ein Trauma aus der Vergangenheit, nach? Vor allem dann, wenn noch lebendige Erinnerung an unmittelbar Betroffene vorhanden ist, erhält sie sicher eine persönliche ...

Wie lange hallt Vergangenheit, insbesondere ein Trauma aus der Vergangenheit, nach? Vor allem dann, wenn noch lebendige Erinnerung an unmittelbar Betroffene vorhanden ist, erhält sie sicher eine persönliche Note. Das ist mir beim Lesen von "Wir Ostpreußen" von Jochen Buchsteiner deutlich geworden. Das Buch ist sowohl eine Familiengeschichte als auch die Geschichte der Flucht mit einem Treck aus Ostpreußen, über das Haff, beispielhaft für das Schicksal von 14 Millionen Menschen aus den früheren deutschen Ostgebieten am Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach.

Buchsteiners Großmutter, die aus einer Gutsbesitzerfamilie stammte, hatte kurz vor ihrem 90. Geburtstag die Geschichte ihrer Flucht für die Enkel aufgeschrieben - Jahre später machte sich Buchsteiner zusammen mit seinem Vater und seinem ältesten Sohn selbst auf den Weg, diese verlorene Heimat kennenzulernen und auf umgekehrtem Weg der Route der Großmutter zu folgen. Gleichzeitig erzählt er die Lebensgeschichte seiner Großeltern und die Wurzeln der Familie. Es ist ein persönlicher Blick, mit manchem Sentiment, aber unsentimental.

Nicht alles, was er sehen wollte, war erreichbar: Das historische Ostpreußen gehört mittlerweile teils zur russischen Exklave Kaliningrad - das frühere Königsberg, andere Teile sind heute polnisch oder litauisch. Und während eine Reise in die EU-Staaten Polen und Litauen unproblematisch ist, ist ein Besuch im russischen Gebiet auch schon vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine mit viel komplizierter Bürokratie verbunden. Insofern ist mancher Sehnsuchtsort für Buchsteiner unerreichbar.

Und ein Sehnsuchtsort ist Ostpreußen für den Autor wohl bis in die Gegenwart - nicht im Sinne revanchistischer Ansprüche, sondern in einem verklärten Bild eines geheimnisvollen Landes voller Schönheit, mit einem weiten Himmel und ländlicher Idylle. Das ist vielleicht auch der Herkunft geschuldet. Das Leben einer Gutsbesitzerfamilie sah anders aus als das ihrer Landarbeiter, oder eines schlesischen Bauern oder der Stahlarbeiter oder Bergleute in Oberschlesien. Für die einen war die Fallhöhe besonders groß, weil sie viel mehr Wohlstand und angenehmen Lebensstil zu verlieren hatten, aber am Ende waren sie alle entwurzelt und als Flüchtlinge in einem zerstörten Land, in dem sie nicht unbedingt als willkommene Landleute galten.

Dass die Geschichte weitergegangen ist, ist bei der Reise der Erinnerung für den Autor mitunter bedauerlich: Statt ländlicher Alleen eine Schnellstraße, riesige Werbeplakate am Straßenrand, Fertighaussiedlungen und Verkehrskreuze. "Polen umarmt das Neue mit der grimmigen Entschlossenheit des Erben, der Abstand zur Vergangenheit schaffen will", schreibt Buchsteiner, sehnt sich ein bißchen nach dem schäbigen Idyll, das Ralph Giordano bei einer Jahre 30 Jahre zuvor beschrieb, "Etwas Banales hat sich eingeschlichen, die Banalität der Globalisierung, die man mit dem mythischen Ostpreußen nicht recht in Verbindung bringen will."

Das erinnert an die Enttäuschung der Nachkommen deutscher Auswanderer, die Deutschland nur aus Familienüberlieferungen kennen und bei einem Besuch erstaunt sind, statt der erwarteten Fachwerkidylle ein ganz anderes und deutlich internationaleres Land vorzufinden. Gespräche mit den heutigen Einwohnern bleiben an der Oberfläche, oder scheinen der Beschreibung zufolge ein wenig verkrampft. Insofern bleibt es ein deutscher Blick auf Ostpreußen. Schade eigentlich, denn in den vergangenen 20 bis 30 Jahren haben sich in Polen viele Initiativen in den Gebieten gegründet, die "poniemieckie" sind, wo früher Deutsche lebten. Und junge Menschen, die dort längst ihre Wurzeln haben, arbeiten die Geschichte über das Erbe derjenigen auf, die dort einst lebten.

Veröffentlicht am 23.05.2025

Anwältin ermittelt in eigener Sache

Winter's Game
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Ihr Beruf als Rechtsanwältin und Strafverteidigerin scheint der Frankfurter Juristin Carla Winter irgendwie vernachlässigenswert zu sein. In "Winter´s Game" von Lukas Erler ist Aktenstudium weniger gefragt ...

Ihr Beruf als Rechtsanwältin und Strafverteidigerin scheint der Frankfurter Juristin Carla Winter irgendwie vernachlässigenswert zu sein. In "Winter´s Game" von Lukas Erler ist Aktenstudium weniger gefragt als Action und eine gewisse Haudrauf-Mentalität mehr als juristische Analyse. Dass sie an einem Tag gleich zwei Angriffen entgeht - gut, das löst vermutlich bei jedem ein paar fight or flight-Reflexe aus.

In Erlers Buch ist Winter aber jederzeit gerne dabei, Mandantentermine verschieben zu lassen, auch die Arbeit an einem Plädoyer scheint sie eher zu langweilen - beim Lesen fragte ich mich wiederholt, warum der Autor seine Protagonistin zur Anwältin machte. Denn ihren Verstand schaltet sie bei manchen Konfrontationen auch mal aus, beziehungsweise geht Risiken ein, über die sie nicht gerade rational nachgedacht hat. Kennt man von Berufsjuristen normalerweise anders, auch und gerade, wenn Strafprozesse ihr Alltag sind.

Jedenfalls empfinde ich die Protagonistin eher als leichtsinnig und unüberlegt als tough, während sie sich mal mit tschetschenischen Gangs anlegt, mal mit einem Kinderhändlerring. Vieles in "Winter´s Game" ist einfach zu plakativ, zu unglaubwürdig. Klar, ein Kriminalroman ist Fiktion und ein Autor hat dichterische Freiheit. Aber wenn die Figuren eines Buches eher an Actionfilm erinnern als an Menschen aus dem richtigen Leben, trübt das zumindest für mich das Lesevergnügen. Schade, denn das Buch spricht durchaus einige Themen an, die eine etwas subtilere Herangehensweise vertragen hätten.

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Veröffentlicht am 22.05.2025

Tödliches Paradies

The Island - Auf der Flucht
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Krimis/Thriller an schönen und exotischen Schauplätzen scheinen gerade im Trend zu liegen. Vorzugsweise mit einem Schauplatz auf einer Insel, die bei Sturm dramaturgisch-praktisch von der Außenwelt abgeschlossen ...

Krimis/Thriller an schönen und exotischen Schauplätzen scheinen gerade im Trend zu liegen. Vorzugsweise mit einem Schauplatz auf einer Insel, die bei Sturm dramaturgisch-praktisch von der Außenwelt abgeschlossen sein kann. Locked room mystery mit Strand eben. Auch "The Island - Auf der Flucht" von Nicola Martin reiht sich in dieses Genre ein. Protagonistin ist Hospitality-Spezialistin Lola, die als Ich-Erzählerin durch die Handlung führt.

Lola hat in einem Hotel in Hongkong gearbeitet, doch nun muss sie die Stadt fluchtartig verlassen. Wie gut, dass Hotelkollegen international vernetzt sind. Und wie gut, dass ihr früherer Kollege Moxham einen passenden Job zu vergeben hat in einem Luxusresort auf der privaten Insel des Milliardärs Kip. Lola denkt nicht lange nach, den Luxus kann sie sich nicht leisten. Mit reichlich Jet lag findet sie sich an einem Traumstrand wieder. Doch das Paradies hat Tücken.

Da ist zum einen das Gästeklientel - superreich, superprivilegiert, super anstrengend. Menschen, die sich alles leisten können, fallen nicht unbedingt durch Empathie und Verständnis auf - wir kennen das von Trump und seinen Milliardärs-Freunden. Zwar ist die erfahrene Lola an anstrengende und anspruchsvolle Gäste gewöhnt, aber nicht jeder ist so hart im Nehmen, und so muss sie immer wieder ihre neuen Mitarbeiter, allen voran die dünnhäutige und nicht besonders leistungsfreudige part time-Influencerin Tessa, vor manchem Nervenzusammenbruch bewahren und gleichzeitig den Laden am Laufen halten.

Das ist umso schwerer, als Moxham, schon immer ein eher windiger Geselle, sein eigenes Süppchen unter den Schönen und Reichen zu kochen scheint, bei dem nur wenig legal sein dürfte. Noch ehe ein klärendes Gespräch möglich ist, ist Moxham tot - angeblich ein Unfall. Doch Lola kommen immer mehr Zweifel, vor allem, als sie mehr zu Moxhams Machenschaften herausfindet. Inselbesitzer Kip wischt alle Einwände beiseite - bis hin zur Vertuschung? Überhaupt scheint der alte Mann so manches Geheimnis zu haben. Lola fragt sich, ob der Tod seiner Frau vor einigen Jahren ein Unfall, Selbstmord oder gar ein Mord war. Doch alle anderen auf der Insel, vom Chef bis zu den Kollegen, halten an Verharmlosung, womöglich Vertuschung fest. Lola aber will nicht aufgeben....

"The Island" zeigt das Oben und Unten im Luxusressort - hier die Villen mit Designer-Einrichtung und Stil, da die Mehrbettzimmer der Angestellten, die stets ein strahlendes Lächeln zu zeigen haben. Geheimnisse könnte es hier wie dort geben. Auf ihrer Suche nach der Wahrheit muss sich Lola fragen, ob sie mehr riskiert als nur die eigene Karriere.

"The Island" bedient ein paar Klischees, ist aber eingängig zu lesen und bietet mit einer karibischen Insel eine traumhafte Kulisse - auch wenn der Aufenthalt für Lola zunehmend zum Alptraum wird. Die Autorin liefert den Leser*innen reichlich mögliche Verdächtige und manchen "red herring". Sowohl als Strand- und Pool-Lektüre wie auch zum Schüren von Fernweh geeignet.

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Veröffentlicht am 22.05.2025

SAchlicher und analytischer Blick auf den Nahostkonflikt

Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza
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Wenn über den Gaza-Krieg diskutiert wird, verlaufen die Gesprächslinien zunehmend emotional, verhärtet und konfrontativ. Da tut es immer gut, wenn ein sachlicher Ton die Hitze aus der Debatte nimmt und ...

Wenn über den Gaza-Krieg diskutiert wird, verlaufen die Gesprächslinien zunehmend emotional, verhärtet und konfrontativ. Da tut es immer gut, wenn ein sachlicher Ton die Hitze aus der Debatte nimmt und zum Nachdenken anregt. "Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza" von Muriel Asseburg ist so ein Beitrag zur Debatte - einordnend, erklärend, den historischen und politischen Hintergrund aufzeigend wie auch die jeweilige internationale Vernetzung der Konfliktparteien und die interessierten Seiten, die den Krieg als proxy für eigene Ziele nutzen.

Die Autorin ist Politikwissenschaftlerin, arbeitet und forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört der Nahe Osten. Da liegt es nahe, nicht einfach die Parolen der einen oder anderen Seite nachzubeten, sondern einen kühlen und sachlichen Blick auf den Konflikt und die Region. Asseburg erklärt Hintergründe, ordnet ein, zeigt bei aller Analyse auch Empathie für die Menschen auf beiden Seiten des Konflikts.

Schon im Vorwort wünscht sie sich, dass ihre Einschätzung der Lage falsch ist und es einen optimistischen Ausblick geben kann. Doch zugleich ist sie realistisch genug, dass so wohl die Brutalität beim Terrorangriff am 7. Oktober wie auch das anhaltende Leid der Zivilbevölkerung in Gaza tiefe Wunden gerissen hat und die Menschen mehrheitlich den Blick auf das eigene Leid werfen und das der anderen Seite übersehen oder ignorieren. "Der Weg aus der Gewalt wird zusätzlich dadurch erschwert, dass sowohl die israelische als auch die palästinensische Gesellschaft schwer traumatisiert sind", schreibt sie etwa. "Die kollektiven Traumata der Shoa und der Nakba verstärken die aktuellen Leiderfahrungen und lassen kaum Raum für Empathie mit der anderen Seite. ... In dieser Situation steht nicht die Suche nach Friedensregelungen im Vordergrund, sondern es dominieren die Sprache der Gewalt und der Entmenschlichung sowie der Ruf nach Vergeltung... Es ist zu befürchten, dass die Leiderfahrungen über Generationen nachwirken und zu einer weiteren Verstärkung des Nullsummendenkens statt zu Kompromissbereitschaft führen."

Für alle, die jenseits des aktuellen Konflikts an Hintergründen interessiert sind, skizziert die Autorin sowohl die Geschichte der Hamas und ihrer wichtigsten Protagonisten wie auch den Konflikt mit der palästinensischen Autonomiebehörde. Auch die übrigen staatlichen wie nichtstaatlichen Player - Iran, Syrien, Libanon einerseits, Hisbollah und Huthi-Milizen andererseits werden in den allgemeinen Kontext einbezogen. Ein Buch zur Zeit, für alle, die an einer sachlichen Debatte interessiert sind und mehr über die nahöstliche Thematik erfahren wollen.

Veröffentlicht am 21.05.2025

Ein Mädchen verschwindet

Moonlight Mile
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Der neue Fall des Bostoner Privatdetektivs Patrick Kenzie ist zugleich einer, der ihn und seine Ehefrau Angela Gennaro in die Vergangenheit führt: Vor Jahren haben sie ein entführtes vierjähriges Mädchen ...

Der neue Fall des Bostoner Privatdetektivs Patrick Kenzie ist zugleich einer, der ihn und seine Ehefrau Angela Gennaro in die Vergangenheit führt: Vor Jahren haben sie ein entführtes vierjähriges Mädchen nach monatelanger Suche wiedergefunden und zu seiner Mutter zurückgebracht. Nun ist das Mädchen wieder verschwunden, wie ihre Tante berichtet - im Gegensatz zu der drogen- und alkoholkranken Mutter, die so tut, als sei alles in Ordnung. Amanda, das entführte Mädchen von einst, ist inzwischen 16 Jahre alt, und je mehr Kenzie über ihr Leben herausfindet, desto mehr wachsen die Zweifel, ob er sich vor zwölf Jahren richtig entschieden hat. Mit "Moonlight Mile" hat Dennis Lehane abermals einen düsteren, stellenweise brutalen, aber immer spannenden Boston Noir-Krimi geschrieben.

Denn Amandas Mutter kann noch nicht einmal für sich selbst richtig sorgen, bei der Wahl ihrer Lebensgefährten hat sie zuverlässig ein schlechtes Händchen. Der aktuelle Lebensgefährte ist vorbestraft wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen. Das sind alles andere als gute Verhältnisse, in denen Amanda aufwächst. Trotz dieser Umstände scheint sich Amanda zu einem äußerst zielstrebigen Teenager entwickelt zu haben - sie hat bereits mit zehn Jahren dafür gesorgt, mit einem Stipendium auf eine Eliteschule gehen zu können erzielt Bestnoten und hat gute Chancen, in Harvard oder Yale zugelassen zu werden. Gleichzeitig scheint sie sich bestens mit Identitätsdiebstahl auszukennen.

Dass auch Amandas einzige Freundin verschwunden ist, kann da doch kein Zufall sein? Doch während Patrick versucht, Hinweise auf Amanda zu finden, merkt er schnell, dass er mit seiner Suche in ein Wespennest gestochen hat. Russische Gangster bedrohen ihn und seine Familie und haben selbst größtes Interesse an Amanda. Wird er das Mädchen finden, ehe es zu spät ist - und welchen Preis muss er für seine Suche zahlen?

Zusammen mit Patrick lässt Lehane seine Leser*innen rätseln, wer hier die Fäden zusammenzieht, was hinter Amandas Verschwinden steckt und ob es angesichts zunehmender Eskalation noch einen heilen Ausweg gibt. Vor allem Amanda gibt Rätsel auf - das Mädchen ist hochintelligent, wirkt aber emotional überhaupt nicht fassbar. Welche Rolle sie spielt und was ihre eigentlichen Ziele sind, erschließt sich erst in einem dramatischen Finale.

Dass es sich bei "Moonlight Mile" bereits um den sechsten Band über Kenzie/Gennaro handelt, war mir vorher nicht klar. Das Lesevergnügen wird aber nicht gemindert, wenn man wie ich die vorangegangenen Bände nicht kennt. Zugleich wirft Lehane einen scharfen Blick auf die amerikanische Gegenwart, corporate money und die Ungleichbehandlung von Arm und Reich. Auch mit diesem Buch überzeugt der Autor von "Mystic River".

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