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Veröffentlicht am 29.04.2019

Emotionales Buch, das mich aber nicht komplett überzeugen konnte

Wenn Donner und Licht sich berühren
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Wenn Donner und Licht sich berühren war mein erstes Buch von Brittainy C. Cherry und wird als Auftakt einer Reihe namens Music Street geführt. Das Cover hat mich verzaubert und ich hoffte, dass es die ...

Wenn Donner und Licht sich berühren war mein erstes Buch von Brittainy C. Cherry und wird als Auftakt einer Reihe namens Music Street geführt. Das Cover hat mich verzaubert und ich hoffte, dass es die Geschichte auch tut. Was sie tat – aber nicht uneingeschränkt.

Cherrys Schreibstil ist sehr einnehmend und flüssig zu lesen. Sie schildert detailliert und liebevoll und vermittelt dadurch eine ganz besondere Stimmung. Kleine und große Gesten der Charaktere werden so emotional dargestellt, dass man sie einfach nur toll finden kann und „Hach, wie schön“ denkt. Was für mich am meisten herausgestochen ist, waren die Gespräche der Charaktere über Musik. Die Ehrfurcht und Freude, die sie dabei empfinden, die tiefgehenden Gefühle und die Poesie sind von der Autorin so unglaublich gut beschrieben, dass es mir mein Herz zerreißt. Auch ich liebe Musik und die Emotionen, die sie hervorrufen kann, fände aber nie die Worte, um sie auszudrücken.

Jasmine und Elliott sind beide 16 Jahre alt. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Bei Jasmine haben sich die glücklichsten Augenblicke ihres Lebens in einem Schulgebäude zugetragen, bei Elliott die schrecklichsten. Dadurch wird schon zu Beginn der Geschichte sehr gut betont, wie unterschiedlich die Leben der beiden Protagonisten sind. Die eine möchte so gern auf die Schule gehen und tut alles dafür, dort zu bleiben. Elliott hingegen zählt die Tage bis zu seinem Abschluss. Jasmine ist beliebt, Elliott stottert und wird gemobbt. Jasmine hat kein besonders glückliches Familienleben, Elliott hingegen harmoniert sehr mit seiner Mutter und seiner Schwester. Doch beide sind auf ihre Weise einsam.

Jasmine ist ein außergewöhnlicher Charakter, im Sinne von „nicht alltäglich“. Denn es ist ihre zugedachte Aufgabe, den Traum ihrer Mutter Heather zu verwirklichen: Den vom Erfolg. Dieser blieb nämlich aus, als Heather sich, noch sehr jung, um ihre Tochter kümmern musste. Ja, diese Thematik finde ich ungemein reizvoll. Immer mal wieder stolpert man über die Schicksale solcher Kinder, welche von ihren Eltern immer nur gepusht werden, die es ihnen aber nie recht machen können, die sie zu Stars machen und zu den Karrieren verhelfen wollen, die den Eltern selbst womöglich verwehrt geblieben sind. Dabei vergessen die Eltern zu oft, dass die Kinder das meist keineswegs möchten, aber sie zu ehrgeizig und engstirnig sind, um das zu erkennen. Ein für mich durchwegs amerikanisches Phänomen, das es aufgrund der Befremdlichkeit umso interessanter macht.
Es hätte also durchaus Entwicklungspotential für Jasmine gegeben, vor allem nach der im Klappentext beschrieben Trennungszeit. Doch als Leser bekommt man nicht nur nicht mit, was Jasmine alles wiederfahren ist, nein, sie kommt auch zurück, ohne großartig charakterlich gewachsen zu sein. Das finde ich sehr schade, mich hätte schon allein wegen der Nähe zur Figur interessiert, wie es ihr ergangen ist. So blieb Jasmine mir ab da fremd und ich musste einfach hinnehmen, dass sie harte Zeiten hinter sich hatte.

Elliott (oder Elliot? Der Klappentext verwendet eine andere Schreibweise als das Buch selbst..) ist so erfrischend anders als die Jungen, von denen man sonst so gerne in diesem Genre liest. Er ist dünn, liebt Musik, stottert, und wird deshalb zur Zielscheibe von wirklich üblen Mobbingattacken, die mir beim Lesen teilweise eine Gänsehaut bereitet haben vor lauter Grausamkeit. Ein einschneidendes Erlebnis jedoch verändert seinen Charakter. Und das sind auch gleichzeitig eine meiner größten Kritikpunkte an diesem Buch: das Erlebnis, welches Elliott so prägt, hat mich nicht berührt. So emotional der Schreibstil Cherrys in anderen Situationen ist, so distanziert und wenig intensiv wirkt er auf mich in dieser Schlüsselsituation. Elliotts Verarbeitung des Vorfalls wandelt seinen Charakter dermaßen, dass er nichts mehr mit dem liebenswerten Jungen von Beginn der Geschichte zu tun hat. Und das finde ich so schade. Denn gerade dieser Junge war es, der mich denken ließ: endlich mal kein gutaussehender Typ mit tollem Body und goldgesprenkelten Augen. Ab da war mein Lesevergnügen ziemlich getrübt und ich hatte eigentlich keine große Lust mehr weiterzulesen.

Und dann.. Ich hätte tatsächlich nicht gedacht, dass mich die Autorin gegen Ende nochmal so packen könnte. Wenn ich mich einmal daran „festgebissen“ habe, dass mir ein Buch nicht gefällt, bin ich tatsächlich auch ein bißchen engstirnig und wenig empfänglich dafür, dass es vielleicht nur ein Abschnitt war, der mir so missfällt. Doch Cherry hat es geschafft und mich von meiner - ja, schon fast Ignoranz – abbringen können. Und das hat mir unglaublich gut gefallen!

Fazit: Wenn Donner und Licht sich berühren ist ein sehr emotionales Buch mit großartigem Schreibstil, das mich aber nicht komplett überzeugen konnte. Vor allem die Figurenentwicklung hat mir einmal gefehlt und einmal nicht gefallen, das wurde aber durch gefühlvolle Szenen und tollen Worten fast wieder wettgemacht. Ich denke, dass ich es nochmal mit einem Buch der Autorin versuchen werde. 3,5 Sterne.

Veröffentlicht am 11.01.2019

Eine vielschichtige und interessante Protagonistin in einer einzigartigen Welt macht dieses Buch zu einem Jahreshighlight

Waffenschwestern
1

Waffenschwestern von Mark Lawrence ist mein erstes Buch des Autors. Dementsprechend war ich gespannt auf den Auftakt der Trilogie, zumal mich der Verlag mit seinem Programm noch nie enttäuscht hatte.
Das ...

Waffenschwestern von Mark Lawrence ist mein erstes Buch des Autors. Dementsprechend war ich gespannt auf den Auftakt der Trilogie, zumal mich der Verlag mit seinem Programm noch nie enttäuscht hatte.
Das Buch startet mit einem sehr spannenden Prolog, der einen ratlos zurücklässt, vor allem mit der Frage im Kopf, wie er sich in die Geschichte einfügen wird. In diesem Buch wird der Prolog vor dem zweiten Teil des Buches und als Epilog weitergeführt, bildet also einen tollen Rahmen zur Haupthandlung. Ich liebe es, wenn sich im Laufe des Buches der Sinn, der Zusammenhang und die zeitliche Einordnung eines Prologs ergeben. Das gelingt dem Autor hier sehr gut, er schafft es, mich total zu überrumpeln. Im Präsens verfasst, heben sich Prolog, Zwischenteil und Epilog deutlich von den eigentlichen Kapiteln im Präteritum ab.
Das Buch ist dabei aus Sicht eines unbeteiligten Dritten geschrieben. Diese Erzählperspektive wurde vom Autor laut eigener Aussage zum ersten Mal gewählt und ist gut gelungen. Der personale Erzähler schildert das Geschehen aus der Sicht der Protagonistin Nona. Dabei verzichtet der Autor jedoch auf einen linearen Aufbau, die Erlebnisse Nonas werden durch sie selbst erzählt oder als Erinnerung vermittelt. Das schafft einen ungestörten Lesefluss, man erfährt jedoch nur häppchenweise, was alles geschehen ist. Denn mit ihren acht Jahren hat Nona mehr erlebt und erlitten als man sich vorstellen kann. Wir erfahren von ihrer Zeit im Käfig eines Menschenhändlers, wie sie sich als Ringkämpferin in einer Kampfhalle durchschlägt und wie es zu dem Schlüsselereignis kommt, auf das der Klappentext hinweist: der begangene Mord. Schließlich, gerettet vor ihrem frühen Ende am Galgen, landet sie im Kloster zur süßen Gnade, in dem die dort aufgenommenen Schülerinnen, genannt Novizinnen, zu Nonnen ausgebildet werden. Wer hier allerdings an die klassische Nonne denkt, ist völlig fehl am Platz. Lawrence‘ Nonnen sind Kämpferinnen, Magierinnen, Giftmischerinnen. Neben dieser tollen Idee, schaffen auch der Aufbau der Welt und ihrer Magie, die Strukturen des Klosters, der Ablauf der Ausbildung der Novizinnen und die unterschiedlichen Stämme der Menschen eine unglaublich komplexe Szenerie, die sich erst im Laufe des Buches erschließt. Anfangs sind die Begrifflichkeiten etwas verwirrend, man erhält aber relativ schnell einen guten Durchblick, wobei das Glossar am Ende des Buches wirklich eine gute Hilfestellung leistet.

„Menschen lügen, Nona, sie stehlen, sie betrügen, sie sind treulos. Menschen verletzen dich, lassen dich im Stich. Sie verkaufen dich.“

Nona ist eine starke Protagonistin, die einerseits sehr naiv ist, sich aber andererseits für Ungerechtigkeiten einsetzt und für ihre Meinung einsteht. Dabei ist sie oft vorlaut und redet, ohne nachzudenken. Bei solchen Gelegenheiten merkt man, dass sie noch ein Kind ist. Denn genau das vergisst man beim Lesen schnell, auch wenn man aufgrund ihrer Unwissenheit, die definitiv dem Alter geschuldet ist, doch oft daran erinnert wird. Ich kann mich nicht entsinnen, je ein Buch mit einer so jungen Hauptfigur gelesen zu haben. Und mit einer derart interessanten und vielschichtigen Hauptfigur noch dazu, die eine große Entwicklung durchläuft und sich dem Leser nie vollkommen erschließt. Entrissen aus ihrem Zuhause, findet sie im Kloster Freunde, Verbündete, Feinde – und eine neue Heimat. Erst dort lernt sie, dass nicht alle Menschen so sind wie sie und selbst ihre Freundinnen ein Rätsel für sie bleiben. Selbst wenn sie dachte, sie zu kennen. Ja, Freundschaft, Loyalität und auch Verrat sind große Themen im ersten Buch des Ahnen, doch selbst Religion und Politik machen keinen Halt vor dem Kloster und stellen die Novizinnen und Nonnen vor große Herausforderungen.
Doch nicht nur Nona ist ein ungemein fesselnder Charakter, auch einige ihrer Mitschülerinnen und vor allem die Nonnen sind vom Autor außerordentlich reizvoll gezeichnet worden. Deshalb ist Waffenschwestern eines der besten Bücher, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Weil die Details so atemberaubend sind, so intensiv und in jede Figur so viel Arbeit gesteckt wurde, um sie dem Leser zu präsentieren. Weil die Welt einzigartig ist, die Geschichte spannend, brutal und düster. Anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Ich freue mich unglaublich auf den zweiten Teil Klingentänzer, der am 26. Juni 2019 erscheinen wird.

„Aber sei gewarnt, junge Nona: Ein Buch ist genauso gefährlich wie jede Reise, auf die du dich begibst. Die Person, die es nach der letzten Seite schließt, ist womöglich nicht mehr dieselbe, die es aufgeschlagen hat.“

Veröffentlicht am 17.09.2018

Zu viele Sichtweisen, die Ruby und James in den Hintergrund drängen

Save Us
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So, das war sie nun, die Maxton-Hall-Trilogie. Leider konnte mich der finale Band nicht so überzeugen. Schade, denn die Reihe begann für mich sehr vielversprechend. Save Me habe ich regelrecht verschlungen, ...

So, das war sie nun, die Maxton-Hall-Trilogie. Leider konnte mich der finale Band nicht so überzeugen. Schade, denn die Reihe begann für mich sehr vielversprechend. Save Me habe ich regelrecht verschlungen, Save You war fast genau so gut. Doch bei diesem dritten Band verspürte ich nicht den dringenden Wunsch, unbedingt weiterlesen zu wollen. Warum? Das verrate ich euch hier:


Zu allererst: dass ich den dritten Teil nicht mehr so gut fand, liegt keinesfalls an Mona Kastens Schreibstil. Denn dieser ist auch diesmal wirklich unglaublich gut. Die Autorin schreibt so einfühlsam, mich zerreißt es fast vor lauter Mitgefühl, Liebe und Hass. Sie schafft es, jede Emotion genau richtig zu übermitteln. Ich bin sehr froh, dass ich aufgrund dieser Reihe auf diese tolle Autorin gestoßen bin. Gott sei Dank gibt es noch ein paar Bücher von ihr, die ich noch nicht kenne. Allen voran die Begin Again-Reihe, bei der das Konzept wohl anders ist, als bei der Maxton-Hall-Trilogie, denn bei dieser Reihe hat jeder Band ein anderes Paar als Hauptcharaktere.

Und da komme ich auch schon zu meinem größten Kritikpunkt an Save Us: ich hatte einen finalen Band um Ruby und James erwartet, bekommen habe ich eine Geschichte, in der mein Lieblingspaar fast schon im Hintergrund verschwindet ob all der Geschichten, die Mona Kasten auf einmal erzählt. Wie auch in den Vorgängerbänden bekommen Ember und Lydia wieder eigene Kapitel, auch Graham und Alistair schildern aus ihrer Sichtweise, erzählen von ihren Träumen und Wünschen, Sorgen und Nöten, wobei letztere sich so schnell auflösen, dass nur wenig Spannung aufgekommen ist. Kapitel aus deren Sichtweisen mögen auch hier und da interessant gewesen sein, sie sind aber nicht das was ich erwartet hatte und lesen wollte. Ich wollte Ruby und James, wie sie sich durchsetzen gegen die Vorwürfe des Rektors, gegen Mortimer Beaufort und wie sie ihren zukünftigen Weg zusammen gehen. Das wurde zwar alles abgehandelt, aber nicht in der Intensität, die ich mir gewünscht hätte. Klar, das Leben und auch ein Buch sind kein Wunschkonzert, aber da weder der Klappentext noch die Vorgängerbände verraten, dass Ruby und James so wenig Raum bekommen, war ich in der Hinsicht wirklich enttäuscht von Save Us.

Und dann das Ende.. Ohne zu spoilern möchte ich nur loswerden, dass der Schluss zu glatt und hoppladihopp verlief, und mir persönlich (unglaublicherweise) zu emotionslos war. Ausgerechnet hier, wo viele meiner Fragen als Leser durch Mona Kasten beantwortet hätten werden können, ist der Schluss schneller vorbei, als mir lieb ist. Schade, dass meine Reise mit Ruby und James so zu Ende gehen musste, durch diesen enttäuschenden dritten Band wurde für mich die ganze Reihe leider etwas abgewertet. 3 Sterne für Save Us, da meine Erwartungen nach den beiden unglaublich tollen Vorgängerbänden leider nicht erfüllt wurden.

Veröffentlicht am 26.08.2018

Ich bin begeistert von dieser Welt und ihrer Magie!

Children of Blood and Bone
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Children of Blood and Bone – Goldener Zorn ist der Auftakt einer Trilogie. Es handelt sich zwar um das Debüt der Autorin Tomi Adeyemi, aber da die Filmrechte bereits ein Jahr vor Erscheinung des Buches ...

Children of Blood and Bone – Goldener Zorn ist der Auftakt einer Trilogie. Es handelt sich zwar um das Debüt der Autorin Tomi Adeyemi, aber da die Filmrechte bereits ein Jahr vor Erscheinung des Buches an FOX 2000 verkauft wurden, war die Spannung auf dieses Fantasywerk trotz ihrer Unbekanntheit groß. Da es zudem stark von den nigerianischen Wurzeln der Autorin beeinflusst wurde, hat es ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, das Aufmerksamkeit auf sich zog. Ob der Hype gerechtfertigt ist? Lasst es uns (mit kleinen Spoilern) herausfinden.

Eines konnte ich gleich auf den ersten Seiten feststellen: Ich liebe die Welt, die Tomi Adeyemi mit ihren Worten erbaut hat. Die Idee, ihr nigerianisches Erbe in diese Welt einfließen zu lassen, erschafft etwas, das für mich einzigartig ist. Ich stelle mir diese Welt sehr eindrucksvoll vor: prächtig, voller Leben und orientalischer Düfte. Zur besseren Vorstellung der Welt ist eine Karte von Orïsha Teil des Buches, wobei ich keine Karte gebraucht hätte. Adeyemis bildhafter Stil lässt den königlichen Palast, lässt Ilorin, lässt ganz Orïsha vor meinen Augen auferstehen.

„Damit die Magie für immer verschwand, mussten alle Maji sterben.“

Der Aufbau der Magie in Orïsha ist der Autorin ganz besonders gut gelungen. Die Namen klingen so fremd und mystisch, und haben dadurch einen ganz eigenen Zauber. Bevor die Magie aus Orïsha verschwand, konnten die so genannten Maji Magie wirken – pulsierende, bunte und strahlende Magie. Diese hatten sie als Gabe von den Göttern erhalten und als Zeichen dafür wurden die Maji mit weißem Haar geboren. Bevor die Kräfte mit Vollendung des 13. Lebensjahres erwachten, wurden die Maji als Divînés bezeichnet (wie die Protagonistin Zélie). Je nachdem, welche Magie sie wirken konnten, waren sie einem der zehn Clans der Maji zugeordnet. Eine Übersicht der Clans ist zu Beginn des Buches aufgelistet und gibt einen schönen Überblick und eine gute Einführung in die Geschichte.
Da der König jedoch die Magie als Gefahr und als die Wurzel allen Übels ansah, wurden in der Blutnacht alle Maji getötet – einzig die noch nicht magisch begabten Divînés wurden als ungefährlich angesehen und durften leben. In der neu geschaffenen Ordnung Orïshas jedoch werden die Divînés als Maden angesehen und erniedrigt, ausgegrenzt und gedemütigt.

„Sie töteten meine Mutter.
Sie raubten uns die Magie.
Sie zwangen uns in den Staub.
Jetzt erheben wir uns.“


Dies ist die Ausgangssituation der Geschichte, die aus der Ich-Perspektive dreier Personen beschrieben wird, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Das gefiel mir außerordentlich gut, denn dadurch sind wir als Leser völlig eingebunden in die Gefühlswelt der Handelnden und das macht die Geschichte noch greifbarer und emotionaler.

„Die Wahrheit ist das schärfste Messer, das ich je gespürt habe.
Egal, was ich tue, ich werde immer Angst haben.“


Zélie ist eine Divîné, deren Mutter in der Blutnacht von Soldaten des Königs ermordet wurde. Wir erleben als Leser, wie sie sich mit dem Rest ihrer Familie durchkämpft: mutig und etwas aufmüpfig. Eine, die erst handelt und dann denkt, aber ständig mit der Angst lebt, dass ihr jemand Schmerzen zufügen oder sie anderweitig verletzen möchte. Ich fand ihre Perspektive am Interessantesten, konnte man doch hautnah spüren, was es bedeutet, Opfer von Rassismus, Vorurteilen, Demütigungen und Hass zu sein. Sie selbst ist aufgrund des Verlustes ihrer Mutter vom Hass auf den König und seiner Familie getrieben und wird im Laufe des Buches vor die Frage gestellt, ob man Kinder für die Fehler ihrer Eltern verurteilen darf und ob sie ihre eigenen Entscheidungen, losgelöst von der Meinung ihrer Eltern, treffen können.

„Ich denke an das Leben im Palast zurück, als meine Fesseln aus goldenen Ketten bestanden. Damals hätte ich dagegen kämpfen sollen wie jetzt.“

Amari ist die Prinzessin von Orïsha, ruhig, in sich gekehrt und brav. Ihre Mutter bestimmt ihr Leben und diktiert ihr ihre Gedanken. Bis eine Situation verlangt, dass sie so viel Mut zeigt wie noch nie in ihrem Leben: der Ausbruch aus ihrem goldenen Käfig. Trotz ihrer Weltfremdheit hat sie ein großes Herz und sieht das Gute im Menschen – vor allem in ihrem Bruder Inan. Ihre Entwicklung im Laufe der Geschichte hat mir sehr gut gefallen, sie kämpft wie eine Löwin für ihre Freunde und stellt sich damit gegen alles, was sie gelernt hat. Und zeigt schließlich mehr Mut als man jemals von ihr erwartet hatte.

„Ich werde dir zeigen, was für ein König ich sein könnte.“

Inan ist Kronprinz von Orïsha und Ehre und Pflichterfüllung durch und durch. Ganz so wie sein Vater, der König, es will. Dieser lehrte ihn den Hass auf die Magie – bis eine kleine Berührung das Leben, das er kannte, auf den Kopf stellt und er sich entscheiden muss, welche Seite die Richtige ist und für was es sich zu kämpfen lohnt: für die Anerkennung seines Vaters und Krieg oder aber für ein Miteinander von Maji und Kosidán, den Magielosen, mit der Hoffnung auf Frieden?

„Wir können nicht gewinnen. Wir können nicht überleben.
Wir hatten nie eine Chance.“


Die Botschaft des Buches, die so gelobt wird.. Ich kann ihr nur zustimmen. Sie IST wichtig. Vor allem wenn man bedenkt, dass das Zielalter ab 14 Jahre ist. Gerade in diesem Alter ist man dabei, sich eine eigene Meinung zu bilden. Man hat vorher womöglich die Ansichten der Eltern geteilt, da man es ja nicht anders kennt. Und diese Ansichten sind vielleicht mir allerlei Vorurteilen behaftet, denen man auf diesem Wege entgegentreten kann. Indem man aufzeigt, welche Konsequenzen Rassismus haben kann. Wie sich Menschen fühlen, die nicht akzeptiert werden. Wie es ist, als Menschen zweiter Klasse angesehen zu werden. Wie es ist, erniedrigt und gedemütigt zu werden. Ja, vor allem auch in Hinblick auf die vielen Menschen, die aus ihrer Heimat zu uns geflüchtet sind, ist es wichtig, Rassismus in einem Jugendbuch zu thematisieren. Eine Situation, die uns vor die Herausforderung stellt, fremde Kulturen willkommen zu heißen, erfordert viel Mut, offene Arme und ein offenes Herz.

Und um nun die Eingangsfrage zu beantworten: Ich denke, der Hype ist durchaus gerechtfertigt. Abgesehen von einigen Logikbrüchen und altbekannten Elementen, hat Adeyemi eine Geschichte geschrieben, die mich von Beginn an gefesselt und überzeugt hat – auch wenn man vielleicht wusste, wo die Reise hingehen mag. Freundschaft, Loyalität, Liebe und Hoffnung spielen genauso eine Rolle wie Hass, Rassismus und Angst. Sie erzählt auch von dem Mut, sich von seinen eigenen Vorurteilen zu lösen, einen Ausbruch aus seinem bisherigen Leben zu wagen und sich dabei gegen die eigene Familie zu stellen. Sie erzählt von dem Mut, die Aufgabe anzunehmen, die Hoffnung für ein ganzes Volk zu sein und dabei sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Und von dem Mut, sich zu verlieben, über alle Grenzen und Hindernisse hinweg.

Veröffentlicht am 19.08.2018

Roman über eine geheimnisvolle Dorfgemeinschaft mitten im Wald

Das verlorene Dorf
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Höllenmensch, Schattenmensch, Nachtmensch – so muss sich Rosalie nennen lassen, die in einem Waisenhaus in Augsburg aufwächst. Ein Kind, welches an Leukopenie, einem Mangel an weißen Blutkörperchen, leidet ...

Höllenmensch, Schattenmensch, Nachtmensch – so muss sich Rosalie nennen lassen, die in einem Waisenhaus in Augsburg aufwächst. Ein Kind, welches an Leukopenie, einem Mangel an weißen Blutkörperchen, leidet und noch dazu Bilder von Siechtum und Tod zeichnet, um den Verlust ihrer Eltern zu verarbeiten.

Nachdem ihre Mentorin Agnes verstirbt, wird Rosalie Ende 1843 in ein Waisenhaus nach Schongau im Ostallgäu gebracht. Dort als Hilfsköchin beschäftigt lernt sie Romar kennen, einen Waldmann aus Haberatshofen. Schon beim ersten Rendezvous zeigt sich, dass die Warnungen der Schongauer vor den Waldmenschen berechtigt sein könnten…

Die Autorin nahm die regionale Legende der Weißen Frau und eine bis 1845 real existierende Siedlung als Vorlage und hat auf dieser Basis einen geheimnis- und stimmungsvollen Roman geschaffen. Die bildhaften Beschreibungen alltäglich wahrgenommener Gegenstände, Situationen und vor allem des Waldes waren ein wahrer Genuss für mich.

Auch der Spannungsaufbau ist meiner Meinung nach perfekt gelungen. Die Abgeschiedenheit des Dorfes, das unergründliche Verhalten der Bewohner und ihre Kunst, Fragen zu ignorieren, tragen dazu ebenso bei wie die ständigen Lügen und Ausflüchte. Rosalie selbst unterstützt diese Spannung durch ihre Naivität, die so weit geht, dass ich sie am liebsten geschüttelt hätte: Glaub doch nicht alles, was man dir auftischt! Hinterfrage weiter! Nimm das doch nicht so hin!

Also hatte mich der Roman schon bald gefesselt und ich war begierig darauf zu wissen, worin das alles endet. Meine dahingehende Vermutung hat sich schlussendlich bestätigt, was aber der Spannung keinen Abbruch tat.

Einzig die Liebesgeschichte zwischen Rosalie und Romar hat mich nicht überzeugt. Zwar waren die Beschreibungen ihrer Beziehung mitnichten ohne Gefühl oder ließen liebevolle Gesten vermissen; der Funke jedoch ist einfach nicht übergesprungen und ich konnte nicht mit den beiden mitfühlen.

4 Sterne für eine gruselige Geschichte, die den nächsten Wald ein bisschen unheimlicher macht.