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Veröffentlicht am 14.08.2020

Ein toller Finalband, der den Abschied von der Reihe erschwert

Im Schatten des Drachen
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Mit ‚Im Schatten des Drachen‘ endet eine Reihe, die sich in meinen Augen von Band zu Band verbessert hat. Mochte ich Yumeko und das japanische Setting schon von Anfang an, hat sich die Geschichte langsam ...

Mit ‚Im Schatten des Drachen‘ endet eine Reihe, die sich in meinen Augen von Band zu Band verbessert hat. Mochte ich Yumeko und das japanische Setting schon von Anfang an, hat sich die Geschichte langsam entwickelt um im Finalband richtig zu fesseln. Da es sich also um die Rezension zum dritten und letzten Band handelt, sind Spoiler nicht zu vermeiden. Es sei nur vorab so viel gesagt: Wenn du japanische Mythologie magst, asiatische Settings und eine außergewöhnliche Geschichte, dann möchte ich dir Julie Kagawas ‚Shadow of the Fox‘-Reihe unbedingt ans Herz legen.
Die Reihe war meine erste von Julie Kagawa. Sie schreibt sehr detailreich und ausführlich, das kann schon mal zu etwas langatmigeren Passagen führen. Wie sie die japanischen Begrifflichkeiten in ihre Geschichte einwebt fand ich hingegen unglaublich toll. Das schafft eine ganz besondere Atmosphäre und wirkt sehr authentisch. Ich musste zwar immer mal wieder hinten im Glossar nachschlagen, was denn nun schon wieder Yokai bedeutet oder was gleich nochmal ein Kami war, aber irgendwann saßen die gängigsten Begriffe und haben den Lesefluss nicht mehr gestört.
Yumeko ist mir im Laufe der drei Bände sehr ans Herz gewachsen. Aus dem kleinen Bauernmädchen ist eine mächtige Kitsune geworden, die mich mit ihrem Kitsune-bi (dem Fuchsfeuer), ihrer Fuchsmagie und den Illusionen, die sie damit schafft, sehr fasziniert hat. Sie hat das Herz am rechten Fleck und würde für ihre Freunde sterben. Die Kapitel aus ihrer Sicht mochte ich schon immer am liebsten, das ist auch so geblieben. Vor allem, da sie nun mit ihrer Herkunft konfrontiert wird, die für einige Überraschungen sorgt, mit denen ich auf keinen Fall gerechnet hatte. Das finde ich immer genial, zeigt es doch, dass die Autorin im Hintergrund einen großen Plan hatte, dessen Fäden nun alle zusammenführen – und im besten Fall zu einem großen Aaaah! führen. Yumeko kämpft tapfer und wirkt dabei aber nicht wie die große Überkämpferin. Solche unbesiegbaren Charaktere stören mich in anderen Büchern oft, denn es ist so unspannend, wenn alles klappt wie am Schnürchen. Yumeko bekommt viel Hilfe, auch unerwartet, denn nichts weniger als das Schicksal des Kaiserreichs steht auf dem Spiel. Dafür kann man Zwistigkeiten schon mal hintan stellen.
Zweite Sichtweise der Kapitel ist wieder die von Tatsumi, der erfolgreich gegen Hakaimono ankämpft. Als dieser die Oberhand hatte, trugen die Kapitelüberschriften seinen Namen. Dass nun wieder Tatsumi über den Kapiteln steht, zeigt, mit wem Yumeko und ich als Leserin es nun zu tun haben. Er hat sich auch sehr gewandelt im Laufe der Geschichte, von einer nichts fühlenden Kampfmaschine zu einem mitfühlenden jungen Mann, der für sein Fuchsmädchen sterben würde. Hach, die beiden sind so süß und werden aber trotzdem von einem anderen süßen Paar übertrumpft, das ich fast noch mehr feiere. Aber ich möchte nicht zu viel verraten, obwohl es in Band 2 schon mit den beiden anfängt.
Sukis Sichtweise ist der dritte Erzähltstrang, der teilweise unabhängig von Yumekos und Tatsumis handelt. Hier ist für mich vor allem Lord Seigetsu mit seinen Zukunftsvisionen der große Unbekannte, den ich bis zum Schluss nicht einschätzen konnte. Welches Spiel spielt er? Auf wessen Seite steht er? So viel sei verraten: Er sorgt für einige Überraschungen.
Am Ende des zweiten Bandes ‚Im Schatten des Schwertes‘ ist Genno mit allen drei Schriftrollen auf und davon. Für unsere Freunde ist klar, dass sie ihn aufhalten müssen, um Iwagoto nicht ins Unglück zu stürzen. Ihr Weg führt sie wieder durch’s halbe Reich, ins Land des Mondclans. Dabei wissen sie nicht, was auf sie zukommen wird. Und das ist so einiges. Somit sind wir auch schon beim für mich größten Kritikpunkt des Buchs angekommen. Es ist zu viel. Zu viele Gegner, zu viele Endkämpfe. Hier ein Drache, da ein Gott, viele, viele Untote. Klar, das sorgt für Spannung und Action, war mir persönlich aber zu viel. Vor allem, da viele Kämpfe viele Opfer bedeuten und es schwer fällt, sich von liebgewonnen Charakteren zu verabschieden.. Der Vorteil vieler Gegner ist jedoch, dass die Autorin eine Vielfalt an Wesen und Figuren auferstehen lassen konnte. Ein Ideenreichtum, der mich beeindruckt hat. Bestimmt ist vieles an die japanische Mythologie angelehnt, aber die detailreichen Beschreibungen machen die Wesen dann doch zu Kagawas Unikaten.
So nehme ich schweren Herzens Abschied von einer tollen Reihe, die mich wirklich sehr unterhalten und wieder mal bestätigt hat, dass ich fremdländische Settings, wie hier das japanische, sehr gerne mag. Es ist ein bißchen wie gedanklich in fremde Länder reisen, mit einer tollen und fantastischen Geschichte und mit Charakteren, die man mit der Zeit immer besser kennenlernt und dadurch umso mehr mag. 4 Sterne für den Finalband.

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Veröffentlicht am 07.06.2020

Leider so aktuell wie zum Erscheinungstag. Lest es!

The Hate U Give
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Kann ein Buch die Welt verändern?

Als Angie Thomas ‚The Hate U Give‘ 2017 veröffentlicht hat, wurde der Roman für seine Aktualität gelobt, für seine so authentische Wiedergabe der amerikanischen Gesellschaft. ...

Kann ein Buch die Welt verändern?

Als Angie Thomas ‚The Hate U Give‘ 2017 veröffentlicht hat, wurde der Roman für seine Aktualität gelobt, für seine so authentische Wiedergabe der amerikanischen Gesellschaft. Die Autorin hat sich dabei von zwei Ereignissen inspirieren lassen. Als Kind wurde sie Zeugin einer Schießerei zwischen Drogendealern und als der 22jährige Oscar Grant an Neujahr 2009 von Polizisten getötet wurde, hat sich Angie Thomas hingesetzt und ihre Wut und ihre Frustration von der Seele geschrieben. Sie schreibt über Khalil, der ein bißchen wie Oscar ist. Und über Starr, die ein bißchen wie sie selbst ist. Über die Jahre, die zeigten, dass Oscar Grant kein Einzelfall ist und inspriert von der ‚Black Lives Matter‘-Bewegung hat sie ihre ursprünglich als Short Story angelegte Geschichte zu einem Roman ausgebaut. Und dieser ist leider auch elf Jahre nach Oscar Grants Tod immer noch traurige Wahrheit und so aktuell wie zum Erscheinungstermin.

Angie Thomas erzählt die Geschichte der 16jährigen Starr, die in zwei Welten aufwächst, die unterschiedlicher nicht sein können. Sie lebt in einem schwarzen Viertel, in dem Gangs das Sagen haben und Drogendeals an der Tagesordnung stehen. Durch ein prägendes Erlebnis in Starrs Kindheit werden sie und ihre Geschwister auf eine Privatschule geschickt, die überwiegend weiße Schüler besuchen. Als Khalil, ihr bester Freund aus Kindheitstagen, von einem Polizisten erschossen wird, steht sie vor der Entscheidung: hat sie den Mut, für ihren Freund die Stimme zu erheben? Hat sie den Mut für alle Schwarzen, die ungerecht behandelt, gedemütigt und wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, aufzustehen und zu kämpfen?

Die ersten paar Seiten hatte ich ein paar Probleme mit der Umgangssprache, die verwendet wird. Im Buch selbst wird sie als „Ghetto-Slang“ bezeichnet, den Starr nur in ihrer „Hood“ benutzt. Denn um in ihrer Schule nicht als „Ghetto-Bitch“ abgestempelt zu werden, achtet sie dort sehr auf ihre Worte und deren Aussprache. Doch mit der Zeit gewöhne ich mich an die vielen jugendlichen Ausdrücke, haben es doch einige auch in die Sprache deutscher „Kids“ geschafft.

Und auch wenn ich mir schon von Anfang an gedacht habe, in welche Richtung das Buch gehen wird, hat es mich so unglaublich gefesselt, berührt und bewegt. Ich habe die Ohnmacht gespürt, die Starr und ihre Familie fühlten, als über die Ermordung Khalils Lügen erzählt wurden, als die Wahrheit so verdreht wurde, dass Khalil nicht mehr das unschuldige Opfer ist, das er war. Ich habe den Atem angehalten, als Polizisten gegenüber Starrs Vater ihre Macht demonstrieren. Und ich habe traurig den Kopf geschüttelt, als die Entscheidung des Geschworenengerichts verkündet wird.

‚The Hate U Give‘ ist aber nicht nur ein Buch über einen Mord an einem jungen Mann und die Ungerechtigkeit, die daraus resultiert. Es ist auch die Geschichte einer jungen Frau, die erwachsen wird und für ihre Ideale und Überzeugungen eintritt. Die mehr denn je merkt, wie ungerecht das Leben ist, wie unfair und schwierig. Aber auch, dass ihre Stimme eine Waffe ist und sie sich nicht für ihre Herkunft schämen muss.

Und es ist ein Buch, das den Alltag in einer Familie zeigt, deren Mitglieder gerne rappen, singen und tanzen, Basketball und Videospiele spielen, albern sind, sich streiten und wieder versöhnen, Scheiße bauen und sich dafür entschuldigen, blöde Sprüche reißen und eifersüchtig sind, Zukunftsträume haben und auch mal fluchen. Ganz normal also oder?

Ich verstehe nun noch besser, warum Menschen auf die Straße gehen. Warum sie mit solcher Vehemenz darauf aufmerksam machen, dass schwarze Leben zählen. Denn es ist nötig. Nicht nur in den USA, auch bei uns in Deutschland werden Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, aber auch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion beschimpft, geschlagen, getötet. Und ich frage mich: Wie kann das sein? Wie kommt man auf die Idee, andere Menschen als minderwertig zu betrachten? Wer hat ihnen das eingeredet? Wer hat ihnen gesagt, dass sie andere Menschen so behandeln dürfen? Fragen, die ich nie werde beantworten können. Aber was ich tun kann, ist darauf aufmerksam machen. Was ich tun kann ist, zu sagen: Lest dieses Buch. Es wird zwar nicht die Welt verändern. Aber vielleicht kann es zum richtigen Zeitpunkt zum Nachdenken anregen und dadurch die Welt ein bißchen besser machen. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 07.06.2020

Unterhaltsam, spannend und zum Nachdenken anregend: wer entscheidet, dass manche mehr wert sind als andere?

Uprising (Die Legende der Assassinen 1)
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Es ist der 19. Mai 2020. Ich schlendere gerade durch Regensburg und erhalte eine Nachricht von Amy Erin Thyndal, ob ich denn auch Rezensionsexemplare annehme und eines ihrer Bücher rezensieren würde? Was ...

Es ist der 19. Mai 2020. Ich schlendere gerade durch Regensburg und erhalte eine Nachricht von Amy Erin Thyndal, ob ich denn auch Rezensionsexemplare annehme und eines ihrer Bücher rezensieren würde? Was für eine Frage: Ja klar! Ich kann es immer noch nicht fassen, dass eine Autorin möchte, dass ich ihr Buch lese. Was für eine Ehre, die mir durch Amy zum allerersten Mal zuteil wurde.
Ich habe mich aber nicht nur deswegen sehr auf ‚Uprising – Die Legende der Assassinen 1‘ gefreut, der Klappentext verspricht nämlich ein dystopisches Setting im New York der Zukunft. Und ich liebe New York! ‚Uprising‘ ist der Auftakt zu einer Dilogie und ich kann schon so viel verraten: Ich will unbedingt weiterlesen!


Amy Erin Thyndal weiß, wie man den Leser ans Buch fesselt. Der Schreibstil ist flüssig, einnehmend und zumindest am Anfang sehr auf Tempo bedacht. Wir werden ziemlich schnell in die Situation geführt, die im Klappentext beschrieben wird: Die Rebellion der Assets, genmodifizierte Menschen, die eigentlich dazu da sind, den Menschen zu dienen und sie zu beschützen. Dadurch sind sie sehr gewaltbereit, stark, erhöht aggressiv, sehr loyal und angeblich auch vermindert intelligent. Doch was, wenn sie merken, dass sie eigentlich die überlegene Art sind?


Vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Proteste gegen Rassismus kann man dieses Buch mit anderen Augen lesen und auf die Menschheit übertragen. Welche Unterschiede gibt es zwischen Menschen und Assets, die der gleichen Art angehören, jedoch nie die gleichen Möglichkeiten hatten? Warum meint die eine Art, die andere beherrschend zu dürfen, sie für Tests zu missbrauchen und zu versklaven? Wer gibt den Menschen das Recht, andere zu degradieren, nur weil sie anders sind? Die Assets zumindest sehen sich als den Menschen sehr ähnlich, da sie menschlich geboren werden und nur ihre Gene verändert wurden. Spannend ist es dabei, an den Gedanken von Protagonistin Esme teilzuhaben, einem Menschen, die von einem Asset gefangen gehalten wird. Sie lernt die vermeintlich böse Seite kennen, lebt unter den Assets und merkt, dass nicht alles nur schwarz und weiß ist, dass es auf beiden Seiten Gut und Böse gibt.


Wir als Leser folgen Esme, die aus der Ich-Perspektive erzählt, erleben ihre Gefangenschaft, ihre Zerrissenheit, aber auch ihre Naivität, mit der sie bisher durch die Welt gegangen ist und immer noch geht. Die Assets, auch „ihr“ Assets Astair, haben Menschen getötet, um die Herrschaft an sich zu reißen. Doch Astair passt nicht in das Bild, das Esme sich von den Assets zurecht gelegt hat. Er ist beschützend, einfühlsam und verständnisvoll. Doch wie kann sie anderes als Hass für ihn empfinden? Hier komme ich auch zu einem kleinen Kritikpunkt: Die erste Hälfte des Buches hat Esme sich eigentlich nur mit Astairs Bauchmuskeln beschäftigt und damit, wie hübsch er doch ist. Sex und sexuelle Anziehung bzw. Attraktivität standen so im Vordergrund, dass es mir etwas zu viel war. Denn auch wenn ich weiß, dass das Imprint für romantische Fantasygeschichten steht, wäre es schade gewesen, ‚Uprising‘ lediglich darauf zu reduzieren. Doch Gott sei Dank ist das nicht der Fall, die Handlung nimmt wieder Fahrt auf und wir erhalten noch mehr Einblick in die Kluft zwischen Menschen und Assets und stehen vor der Frage, was einen Menschen eigentlich menschlich macht. So blieb mir eine Stelle im Gedächtnis, an der man gemerkt hat, wie man Esme und natürlich auch den anderen Menschen von Kindesbeinen an eingetrichtert hat, dass die Menschen den Assets in vielerlei Hinsicht überlegen sind und die Assets nichts wert. Denn als es um ein Krebsforschungszentrum geht und darum, dass Assets dort für Experimente gehalten werden, muss ich hart schlucken über Esmes naive und grauenvolle Gedanken: „Laborratte oder Asset – wo liegt der Unterschied?“ Und das schlimmste dabei: Es gibt tatsächlich Menschen, die diese Einstellung haben, diese Zwei-Klassen-Denke, dieses „Wir sind mehr wert“. Eigentlich unglaublich, aber leider traurige Wahrheit.


Und während des Lesens stellt sich mir immer wieder die Frage: Ist gewaltsame Rebellion der richtige Weg? Gleiches mit gleichem zu vergelten und nicht besser zu sein als die Unterdrücker vor ihnen? Doch wie will man sich Gehör verschaffen, wenn die Menschen taub sind?
Ich muss an Esmes Worte denken, daran, ob die Assets nicht sehen, dass die neue Zivilisation, die sie aufbauen wollen, auf Blut und Tod basiert? Hier musste ich kurz auflachen ob der Naivität, denn auf was genau basiert denn unsere Zivilsation? Richtig, auf Blut und Tod der Jahrhunderte des Kolonialismus, der Kriege, der Sklaverei und Unterdrückung. 4 Sterne für ‚Uprising‘, das mich unterhalten und vor allem auch zum Nachdenken angeregt hat.

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Veröffentlicht am 18.05.2020

Spannende dystopische Welt, fesselnde Geschichte über ein Mädchen, das ihren Platz sucht.

Mentira 1: Stadt der Lügen
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Da ich mir vorgenommen habe, Bücher der AutorInnen zu kaufen, denen ich auf Instagram folge und sie so auch in der „echten Welt“ zu unterstützen, ist mein Augenmerk recht schnell auf den de Dilogieauftakt ...

Da ich mir vorgenommen habe, Bücher der AutorInnen zu kaufen, denen ich auf Instagram folge und sie so auch in der „echten Welt“ zu unterstützen, ist mein Augenmerk recht schnell auf den de Dilogieauftakt ‚Mentira – Stadt der Lügen‘ gefallen. Die Idee hinter der Geschichte, eine Stadt der Wahrheit, eine Stadt der Lügen finde ich so genial. Der Klappentext verrät nicht, dass es sich hier um eine Dystopie in einer postapokalyptischen Welt handelt. Doch gerade diese Welt hat das Buch ungemein spannend gemacht, ebenso das Versprechen auf fantastische Elemente. Ein toller Mix! Die Charaktere mochte ich eigentlich alle sehr und eine Liebesgeschichte ist zumindest in Teil 1 nicht wirklich Thema.

Melia wächst in Mentira auf, unter den Schwestern der Ruína. Diese Gemeinschaft, die nur aus Frauen besteht, hat sich der Wahrheit verplichtet, sie lügen nicht, sie betrügen nicht. Und doch merkt Melia, dass sie nicht dazugehört. Sie fühlt sich angezogen von der Fremde, die vor den Schlossmauern beginnt. Als sie den Auftrag bekommt, den Schlüssel zu einem uralten Buch zu finden, nutzt sie die Gelegenheit zur Flucht – um schließlich eine Wahrheit zu finden, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen wird.

Melia ist eine sehr sympathische Protagonistin, wenn auch sehr vertrauensselig. Wissbegierig und auch ein bißchen aufmüpfig hinterfragt sie die Regeln der Schwesternschaft und verstößt sogar gegen sie. Das wird natürlich nicht toleriert. Eigentlich. Denn Melia darf dennoch Teil der Ruína bleiben. Allerdings macht ihr danach ein Teil der Schwestern das Leben noch schwerer. Vor allem Kalyra, Mitglied des Rats, der die Geschicke in Mentira leitet, quält sie während der Unterrichtsstunden und lässt sie ihre Abneigung spüren. Trotz eines Fluchtversuchs Melias beißt sie sich anschließend durch. Bis sie die Chance ergreift nach Sombra zu entkommen, der Schattenstadt, der Stadt der Lügen und Intrigen. Man merkt jedoch schnell, dass es auch in der Stadt ohne Moral rechtschaffende und gute Menschen gibt, ebenso wie es in Mentira Intrigen und Listen gibt. Auf dem Weg nach Sombra trifft Melia schließlich Jaron. Und hier finde ich auch einen einzigen Kritikpunkt: Mir ging das zu schnell mit Jaron. Wie Melia fast schon ein bißchen naiv Vertrauen fasst, wie er ihr, ohne viel nachzufragen, hilft. Doch das ist Meckern auf höchstem Niveau.

Die Geschichte ist toll erzählt, Christina Hiemers Schreibstil einnehmend und flüssig. Ich weiß eigentlich bis zur großen Überraschung am Ende nicht, worauf alles hinauslaufen wird. Sowas mag ich sehr, es hält die Spannung aufrecht und fesselt ans Buch. Die Personen sind sehr vielschichtig und nicht nur schwarz oder weiß, selbst die Guten haben manchmal ein dunkle Vergangenheit, selbst die vermeintlich Bösen handeln teilweise aus Liebe oder haben einen Grund für ihre finstere Seite. Zu den meisten Charakteren kann ich eine Verbindung aufbauen, dabei hilft, dass man als Leser nicht nur Melias Sichtweise folgt, sondern auch Jarons und Kilians. Der personale Erzähler führt uns durch die Geschichte, durch die Welt und deren Geheimnisse.

Und so macht es unglaublich Spaß, die Welt um Mentira kennenzulernen. Es ist unsere Welt und doch ist sie es nicht. Die Geschichte spielt im Jahr 2352, 317 Jahre nach einer Katastrophe, in deren Folge die Alte Welt zu existieren aufgehört hat. Einzelne Relikte aus der Vergangenheit zeigen hier und da, dass es tatsächlich einmal unsere Welt war. Ein Bild, eine Speicherkarte. Warum die Menschen dort jedoch alles verlernt haben, keine Technik benutzen und wie im Mittelalter leben, bleibt (noch) ungeklärt. Nach und nach offenbart sich, was sich zugetragen haben muss (wobei ich auf noch mehr Details im zweiten Band hoffe), wie das Leben in den Städten pulsiert und floriert und wie trostlost und hart es außerhalb davon ist, zumal das Wetter teilweise in Extremen auftritt. Man bekommt einen kleinen Einblick in die Strukturen der Städte, in die Magie, die vorhanden sein muss und ich freue mich, dass es im zweiten Band mit Sicherheit noch mehr zu entdecken gibt. Und gut, dass ich vorgesorgt habe und die Fortsetzung schon griffbereit neben mir liegt. Das solltest du übrigens auch machen. Denn die Geschichte, die Welt und die Charaktere fesseln. Keine Lüge. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 15.05.2020

Nach Anfangsschwierigkeiten konnte ich diese außergewöhnliche Geschichte richtig genießen!

Schattengeister
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Mit historischer Fantasy bin ich bisher noch nicht oft in Berührung gekommen, umso mehr habe ich mich auf Frances Hardinges ‚Schattengeister‘ gefreut. Nach einer anfänglichen Durststrecke, die mich kurz ...

Mit historischer Fantasy bin ich bisher noch nicht oft in Berührung gekommen, umso mehr habe ich mich auf Frances Hardinges ‚Schattengeister‘ gefreut. Nach einer anfänglichen Durststrecke, die mich kurz vor die Entscheidung des Abbruchs gestellt hat, hat sich die Geschichte doch noch gemacht – und wie. Ich habe ein Jugendfantasybuch bekommen, wie ich es so noch nie gelesen habe. Atmosphärisch, außergewöhnlich und definitiv empfehlenswert!


Anfangs fand ich unglaublich schwer ins Buch. Wir folgen als Leser einem jungen Mädchen namens Makepeace. Und das ist glaube ich der ungewöhnlichste Name, den eine Protagonistin je hatte. Aber egal, man gewöhnt sich an alles, selbst an puritanische Namen. Man merkt also schon mit den ersten Seiten, dass wir uns im 17. Jahrhunderts befinden, als der Puritanismus in England Einzug hielt.
Makepeace wohnt zusammen mit ihrer Mutter in einer kleinen Stadt nahe London, in einer sehr gottesfürchtigen Gemeinde, in der Makepeace noch der harmloseste Name ist. Neben What-God-Will, Forsaken und Kill-Sin. Das war mir auch alles noch verständlich. Doch das Verstehen hat aufgehört, als Makepeace‘ Mutter sie über Nacht in einer Friedhofskapelle einsperrt um ihr ihre Albträume auszutreiben. Und damit sie sich gegen die Toten zur Wehr zu setzt. Und das nicht nur einmal. Im Nachhinein macht wirklich alles Sinn, doch während des Lesens dachte ich mir nur „Hä?“. Generell find ich das Handeln von Makepeace‘ Mutter ziemlich konfus und mir gefällt nicht wirklich, was ich lese. Selbst als sich der Schauplatz ändert und Makepeace zur Familie ihres Vaters, den sie nie kennengelernt hat, zieht, sträube ich mich immer noch gegen die Geschichte. Ich verstehe auch hier einfach nicht, um was es geht. Selten war bin ich so schlecht in ein Buch gestartet und ich weiß wirklich nicht, ob ich nicht abgebrochen hätte, hätte es sich nicht um ein Rezensionsexemplar gehandelt. Da andere Meinungen jedoch nicht von Einstiegsschwierigkeiten schreiben habe ich mich durchgebissen und es einfach mal auf mich zukommen lassen. Ahnungslos, aber voller Hoffnung quasi.


Und siehe da, mit (weitem) Fortschreiten der Handlung eröffnet sich mir immer mehr, was vor sich geht und warum Makepeace‘ Mutter sich so verhalten hat, wie sie es getan hat. Und warum sie Makepeace von der Familie ihres Vaters fernhalten wollte. Und als ich dann soweit war und für mich alles einen Sinn ergab, ich alles richtig einordnen konnte, habe ich das Buch richtig genossen. Denn es ist ein sehr außergewöhnliches Buch.


Denn zum einen finde ich die Idee hinter dem Buch ziemlich toll. Geister von Toten suchen Zuflucht bei den Lebenden. Dabei ist die Interaktion der Geister mit den Besessenen so vielseitig wie es die Menschen selbst sind. Das hat mir gut gefallen und enorm viele Möglichkeiten eröffnet. Denn als Person, die Geister in sich aufnimmt, eignet sie sich deren Wissen an und kann sogar mit ihnen kommunizieren. Somit erreicht der Geist quasi Unsterblichkeit in einem fremden Körper. Und wenn man als Geist einmal davon profitiert hat, möchte man diese „Freiheit“ natürlich mit allen Mitteln verteidigen.


Zum anderen fand ich die Zeit, in der die Geschichte spielt, ungemein interessant. England während der Herrschaft des Stuart-Königs Karl I., der versucht hat, absolut zu regieren und das Parlament aufzulösen. Er sah seine Herrschaft als göttliches Recht an und ein Parlament störte dabei natürlich. Es kam zum Bürgerkrieg und Makepeace fand sich zwischen Königstreuen und Parlamentariern wieder, verlor ihre Mutter, schmuggelte sich durch Feindesgebiet, spielte eine Spionin, traf sogar den König.


Makepeace hat also nicht nur viele Abenteuer erlebt, sondern sich auch toll entwickelt. Anfangs war sie einfach ein kleines Mädchen, doch mit den Herausforderungen, denen sie sich stellen musste, ist sie gewachsen und hat sich zu einer Persönlichkeit entwickelt, die ich sehr mochte: neugierig, loyal, empathisch. Auch mit ihrer übersinnlichen Fähigkeit, Geister aufzunehmen, ging sie fast von Anfang an rational um, auch wenn sie natürlich zuerst versucht hat, gegen ihren ersten Bewohner, Bär, zu kämpfen. So wie ihre Mutter es ihr beigebracht hat. Doch als Bär und sie sich arrangiert hatten, gar Freunde wurden, hat Makepeace aus freiem Willen weitere Geister aufgenommen. Denn um in den von Kriegswirren zerrütteten England gegen eine mächtige Familie anzutreten, muss man jede Hilfe annehmen, die man bekommen kann. Und wieso sollte man den Feind nicht mit seinen eigenen Waffen schlagen?


So hat sich also aus einer wirren Geschichte etwas entfaltet, das ich sehr gerne gelesen habe. So gerne, dass ich die Anlaufschwierigkeiten fast vergessen konnte. Da diese aber an mir und meinem fehlenden Durchblick gelegen haben, möchte ich euch unbedingt ans Herz legen, es trotzdem mit dem Buch zu versuchen. Denn die Idee ist grandios, die historischen Begebenheiten sehr interessant und die Geschichte eigentlich auch. 4 Sterne.

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