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Veröffentlicht am 21.08.2025

Starker Anfang, schwaches Ende

Ungebetene Gäste
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Eigentlich ist es ein kleines Kind, das die Hauptrolle in Ayelet Gundar-Goshens neuem Roman „Ungebetene Gäste“ spielt. Der Junge wirft einen Hammer vom Balkon, den ein Handwerker dort liegengelassen hat. ...

Eigentlich ist es ein kleines Kind, das die Hauptrolle in Ayelet Gundar-Goshens neuem Roman „Ungebetene Gäste“ spielt. Der Junge wirft einen Hammer vom Balkon, den ein Handwerker dort liegengelassen hat. Das klingt zunächst nicht weiter dramatisch. Doch der Hammer trifft den Sohn des Gemüsehändlers um die Ecke. Und der stirbt.

Im Chaos, das danach entsteht, gehen die Nachbarn davon aus, dass der Handwerker den Hammer heruntergeworfen hat. Von einem Terrorakt ist schnell die Rede, denn der Handwerker ist ein Araber und das Ganze spielt in Israel. Die Polizei verhaftet den Mann.

Nur die Mutter weiß, was tatsächlich geschehen ist. Und die schweigt. Drei Tage lang. Dann erst geht sie mit ihrem Mann zur Polizei.

Wer hat aber nun schuld am Tod des jungen Mannes auf der Straße? Der Gerichtsprozess, der nur am Rande erwähnt ist, sieht die Schuld eindeutig beim Handwerker, der sorgfältiger hätte sein müssen. Die Eltern des Kindes leisteten sich einen guten Anwalt, der es so hingebogen bekommt. Die Schuld ist abgewälzt. Der Araber wird zu einer Haftstrafe verurteilt. Schreiende Ungerechtigkeit – gespeist vom alltäglichen Rassismus Israels.

Die Eltern verlasen mit ihrem Kind das Land, doch die Schulgefühle bleiben auch in Nigeria, wo sie jetzt wohnen. Auch, weil der älteste Sohn des Handwerkers sie immer wieder anruft und Wiedergutmachung in Form von Geld fordert. Recht bekommen und Gerechtigkeit können eben zwei unterschiedliche Paar Stiefel sein.

Im ersten Teil bietet „Ungebetene Gäste“ einen spannenden Plot und wirft moralische Fragen auf. Allerdings verläuft sich die Handlung mit dem Wegzug aus Israel in vielen Nebenhandlungen. Das Ende wirkt – so viel sei verraten – wie die Auflösung eines Kriminalfalls – der aber erst am Schluss überhaupt aufkommen. Immerhin: Ein versöhnliches Ende ist angedeutet.

Fazit: Mich hat „Ungebetene Gäste“ nicht wirklich überzeugt. Nach einem starken Beginn kommt nicht mehr viel. Die Figuren sind vielschichtig angelegt, aber auch sehr schwammig.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Empfehlenswert!

Thomas Mann
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Thomas Manns 150. Geburtstag hat eine ordentliche Menge an Neuerscheinungen auf den Plan gerufen. eine sticht dabei besonders positiv hervor: Tilmann Lahmes Buch „Thomas Mann. Ein Leben„. Lahme nimmt dabei ...

Thomas Manns 150. Geburtstag hat eine ordentliche Menge an Neuerscheinungen auf den Plan gerufen. eine sticht dabei besonders positiv hervor: Tilmann Lahmes Buch „Thomas Mann. Ein Leben„. Lahme nimmt dabei die Freundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff ins Visier. Alles andere gerät dabei in den Hintergrund. Das ist freilich nicht schlimm, denn das meiste hat man schon einmal gehört und gelesen. Mit der Veröffentlichung seines Tagebuchs wurde Thomas Mann quasi zum offenen Buch.

Unter die Räder kam aber dennoch die Kindheitsfreundschaft zwischen Thomas Mann und Otto Grautoff. Und das hat ganz unterschiedliche Gründe. Einmal ist das Tagebuch Thomas Manns zunächst mit vielen Auslassungen veröffentlicht worden. Das gilt auch für den Briefwechsel zwischen Thoms Mann und Otto Grautoff, der bis heute nicht vollständig veröffentlicht war. Irgendwie war der der Thomas-Mann-Forschung zu suspekt. Denn zum einen zeigt sich Thomas Mann immer wieder zutiefst herablassend und kaum wie ein echter Freund, zum anderen unterhalten sich die beiden so offen über ihre Homosexualität, dass zumindest biederen Thomas Mann-Forschern die Ohren schlotterten. Glücklicherweise hat sich Otto Grautoff nicht an das Diktum Thomas Manns gehalten, die Briefe zu vernichten. Freilich hat er „intimere“ Stellen mit der Schere entfernt.

Von „Jugendsünden“ sprach man früher in der Thomas Mann-Forschung. Tilmann Lahme gelingt es hingegen in seinem Werk, das Gegenteil zu beweisen. Schlüssig legt er dar, dass sich Thomas Mann an die so genannte Konversionstherapie Zeit seines Lebens hielt. Und dass die so erfolgte Unterdrückung seiner Sexualität mithilfe des Tagebuchs – neben anderem wie der Ernährung oder Hypnose – für Thomas Mann von großer Bedeutung war. Es half ihm im Einüben seiner „Selbstzucht“.

Fasziniert folgt man Lahmes chronologisch angelegten Ausführungen, die Verbindungen zum Werk Thomas Manns herstellen. Losgelöst voneinander könne man sich Manns Homosexualität und Werk nicht vorstellen. Nur so lasse sich etwa verstehen, weshalb im gesamten frühen Erzählwerk Thomas Manns die Liebe stets in den Untergang führe. Allzu sehr verwundert es nicht, dass es kein Hochzeitsfoto von Thomas und Katia Mann gibt.

Zugleich kommt man Thomas Mann als Person unglaublich nah. Seine Widersprüchlichkeit und Unbedarftheit in politischen Dingen macht Lahme deutlich, seinen Narzissmus und seine Eitelkeit, seine Neigung, Freunde auch fallen zu lassen, seine fehlende Kritikfähigkeit bei sich selbst, seine ungehobelte Unfreundlichkeit im Urteil über andere. Ja, Thomas Mann kann ein Arschloch sein. Auch das zeigt Tilmann Lahme.

Den Schwerpunkt seines Buches setzt Lahme in Manns Jugendjahren, wo er seine Entscheidung, die Ehe als Therapie anzustreben, verortet. Wenn einzelne Briefpassagen ausführlichst gedeutet werden, kann man sich als Leser sicher sein: Unbedeutendes ist hier nicht angesprochen. Allenfalls die Ausführlichkeit, mit der Susan Sontags Begegnung mit Thomas Mann als 16-Jährige thematisiert wird, wirkt wie ein Fremdkörper.

Fazit: Tilmann Lahmes Thomas-Mann-Biographie ist gut lesbar, bringt Thomas Manns Charakter nahe, zeigt seine inneren Kämpfe und verknüpft sie mit den damit verbundenen literarischen Erfolgen. Zugleich räumt er mit manch verstaubter Thomas Mann-Forschung auf.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

KI kindgerecht aufbereitet

KI und du
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KI dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Daher ist es gut, dass der Ravensburger-Verlag mit zwei renommierten Verfasserinnen ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche herausbringt. Titel: KI und DU. ...

KI dringt immer tiefer in unseren Alltag ein. Daher ist es gut, dass der Ravensburger-Verlag mit zwei renommierten Verfasserinnen ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche herausbringt. Titel: KI und DU. Diana Knodel und Hannah Lesch gelingt es, in kurzen, leicht verständlichen Texten die Möglichkeiten und Gefahren der Künstlichen Intelligenz darzustellen. 

So erklären die beiden Autorinnen, wie die KI bei Hausaufgaben helfen kann - ohne dass sie diese für einen einfach nur erledigt. Ebenso werden die Gefahren beleuchtet - zum Beispiel, dass eine KI eben auch falsche Informationen liefern kann und "halluziniert". 

Über zahlreiche QR-Codes gelangt man zu praktischen Übungen und Beispielen, die die Funktionsweise der KI erklären. So kann man eine KI selbst programmieren und eben auch falsch programmieren, mit der KI Musik machen oder Bilder im Stil berühmter Maler erstellen lassen. Auch wird klar gezeigt, dass eine KI mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet. 

Wie nützlich die KI-Einschätzung darüber ist, welche Berufe zukünftig von ihr übernommen werden können, darüber lässt sich sicherlich streiten. Auch ist das Programm zur Erstellung von Musik sehr einfach gestaltet, Geräusche werden einfach miteinander verbunden, von Melodien kann keine Rede sein. 

Schade ist, dass die QR-Codes zu Interviews mit KI-Profis nicht funktionieren - aber man kann davon ausgehen, dass der Ravensburger-Verlag das noch korrigieren wird. 

Insgesamt ist "KI und DU" eine gut gemachte & verständliche Erklärung für Kinder und jüngere Jugendliche zu Chancen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz. Die Texte sind knapp gehalten und inhaltlich ausgewogen - die Autorinnen warnen vor Gefahren, ohne dass die Chancen der KI kleingeredet werden. Auch die Sammlung von Fachbegriffen am Schluss des Buches bietet gut verständliche Erklärungen. 

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Keine auserzählte Geschichte

Die Geschichte des Klangs
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Ben Shattuck kann erzählen. Keine Frage. Schade, dass er das in „Die Geschichte des Klangs“ nicht tut. In diesem Band sind letztlich nur zwei kurze Erzählungen zu finden, inhaltlich miteinander verknüpft. ...

Ben Shattuck kann erzählen. Keine Frage. Schade, dass er das in „Die Geschichte des Klangs“ nicht tut. In diesem Band sind letztlich nur zwei kurze Erzählungen zu finden, inhaltlich miteinander verknüpft. 100 Seiten mit doppeltem Zeilenabstand – das macht nicht viel her. Und leider muss man sagen: von der Geschichte des Klangs erfährt man auch nicht viel.

Kunstvoll angelegt ist die Handlung: Wir sind einmal im Jahr 1916, Lionel und David lernen sich kennen – und dann sind wir im Jahr 1984, von wo aus sich Lionel an die Zeit um 1916 erinnert. Es ist eine Liebesgeschichte, die mehr andeutet als dass „jener Sommer mit David“ erzählt wird. Und ja, dabei spielt der Klang, genauer gesagt: Lieder, eine Rolle. Denn die beiden sammeln Volkslieder, wie einst die Gebrüder Grimm Märchen sammelten, indem sie von Ort zu Ort ziehen. Aufgenommen werden die Lieder dann auf Wachswalzen für Phonographen.

Parallel dazu wird noch die Geschichte erzählt, wie eine Frau im neu erworbenen Haus diese Wachswalzen findet und dann Lionel zusendet. Dass auch die Beziehung zu ihrem Mann thematisiert wird, irritiert eher, es wirkt wie ein Nebenschauplatz, der kurz angespielt wird.

Letztlich ist in „Die Geschichte des Klangs“ nichts wirklich auserzählt. Die Liebesgeschichte bleibt undeutlich, die Bedeutung der Musik für Lionel und David nur bedingt in Blick auf das Liedersammeln ausgeführt, und erst recht ist keine Geschichte des Klangs erkennbar.

So bleibt „Die Geschichte des Klangs“ trotz ansprechender Szenen eine Enttäuschung.

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Amerika von unten

Der Kaiser der Freude
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„Der Kaiser der Freude„: Ocean Vuong macht sich in seinem zweiten Roman auf in eine kleine Stadt namens East Gladness.
Eine Stadt, an der man allenfalls vorbeifährt. Vergessen ist sie, führt ein Schattendasein. ...

„Der Kaiser der Freude„: Ocean Vuong macht sich in seinem zweiten Roman auf in eine kleine Stadt namens East Gladness.
Eine Stadt, an der man allenfalls vorbeifährt. Vergessen ist sie, führt ein Schattendasein. So wie der Protagonist des Romans: Hai. Er gehört zu denen, die den Sprung nicht geschafft haben. Sein Studium hat er geschmissen, weil er über den Tod seines Freundes nicht hinweggekommen ist. Seiner Mutter erzählt er, dass er in Boston Medizin studiere, obwohl er in Wirklichkeit sich selbst in eine Entzugsklinik eingewiesen hat.

Nach seiner Entlassung kommt er bei einer alten Dame unter, Grazina. Um sie, die ihm das Leben gerettet hat, kümmert er sich fortan. Und bei ihr wohnt er auch, schämt er sich doch, seiner Mutter zu gestehen, dass er sein Studium geschmissen hat. Um sie zu unterstützen, fängt Hai an, in einem Fast-Food-Restaurant zu arbeiten. Hier arbeitet bereits sein Cousin Sony, mit dem er lange keinen Kontakt hatte. Seine Mutter ist im Gefängnis. Sony und die anderen Mitarbeiter der „HomeMarket“-Filiale sind bald neben Grazina die einzigen Bezugspunkte in Hais Leben.

Was kann man vom Leben erwarten? Ocean Vuongs Figuren haben keine hochtrabenden Träume. „Ich weiß nicht,, wie das geht — zu leben“, sagt der 19-jährige Hai im Amerika des Jahres 2009. Und zu leben heißt für Hai zunächst einmal nur, das Leben auszuhalten: „Wie bleibt irgendjemand hier?“, fragt sich Hai, während er und seine Freunde Schweine schlachten.

Der Sinn des Lebens im Schlachthaus gesucht: Das gehört zu dem bitteren Humor von Ocean Vuong. Dazu gehört auch, dass Hai immer wieder mit der dementen Grazina Szenen aus dem Weltkrieg nachspielt.

Bereits der Anfang des Romans steckt voller Ironie, wenn die Landschaft ausladend beschrieben wird. So ist die Stadt so schön, dass die Geister nicht wegwollen, die schöne Kirschblüte ist der Gänsescheiße zu verdanken, die die Zugvögel abwerfen.

Freilich ist gerade zu Beginn die Sprache sehr pathetisch, die Farben an einem Schild etwa sind „zu österlichen Nuancen verblasst“, der Himmel senkt „seine Wolkenbrocken in den Horizont“. Und der Protagonist Hai ist mit seinen 19 Jahren „in er Mitternacht seiner Kindheit und noch ein ganzes Leben vom ersten Tageslicht entfernt“.

So sprachlich überbordend ist der Roman – glücklicherweise – nur selten, wenn das Leben der Underdogs, die im HomeMarket arbeiten, zum Thema wird. Es sind diese gescheiterten Existenzen, bei denen dem Leser das Herz aufgeht. Da verzeiht man auch eine etwas alberne Roadmovie-Einlage im Roman. Denn was, wenn nicht abstruse Pläne und Ideen, könnte ihnen noch Hoffnung geben?

Ocean Vuongs Roman habe ich gerne gelesen. An die literarische Dichte von seinem ersten Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ kommt er nicht heran. Aber das muss er vielleicht auch gar nicht.

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