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Veröffentlicht am 03.02.2025

Eiskalter Thriller am Abgrund

Die Schanze
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„Die Schanze“, das Thrillerdebut von Lars Menz, ist ein packender Pageturner, in dem die Eiseskälte nicht nur im Schnee an der Sprungschanze herrscht. Ein Highlight die Buchgestaltung, ein wirklich geniales ...

„Die Schanze“, das Thrillerdebut von Lars Menz, ist ein packender Pageturner, in dem die Eiseskälte nicht nur im Schnee an der Sprungschanze herrscht. Ein Highlight die Buchgestaltung, ein wirklich geniales Cover, ein neongrüner Farbschnitt, glänzend schwarze Buchstaben, eine irre Perspektive, eine wirklich großartige Gestaltung auch im inneren des Buches, einfach 10 von 5 Sternen dafür.
Zur Story kann natürlich nicht zu viel verraten werden: Die Ärztin Ellen kehrt nach Studium und Arbeit im Krankenhaus in Hamburg nach einer Trennung zurück in ihre Heimat, ein 10.000-Seelen-Kaff in Süddeutschland, und übernimmt dort die örtliche Hausarztpraxis von dem Arzt, der sie selbst noch in ihrer Kindheit und Jugendzeit behandelte. Genau am Tag ihrer Rückkehr geschieht dort ein Mord – und schnell wird klar, dass Ellens Vergangenheit und der Grund für ihren Wegzug mit diesem Mord und der weiteren Handlung eng verknüpft sind. Dabei ist es schwer, Freund und Feind auseinanderzuhalten, während Ellen versucht, Fuß als Ärztin zu fassen und ihr Trauma zu bewältigen.
Menz schreibt knackig und dynamisch, die Atmosphäre eines eiskalten Winters voller Schnee in den Bergen ist so spürbar, dass ich mir beim Lesen eine Decke geholt habe. Die Charaktere werden lebendig beschrieben und das Personal ist angenehm überschaubar, so dass man lesend jederzeit mit der Handlung mithalten kann. Irgendwann sind einfach alle verdächtig und auch wenn ich die Lösung sehr früh erahnt habe, lag das eher am Verständnis für Dramaturgie als an Offenkundigkeit. Das Tempo ist hoch, die Handlung drängt sich in wenige Tage – und ich habe tatsächlich diesen 300-Seiten-Thriller in gerade mal einem verschlungen.
Ein gelungenes Debut also, bei dem ich mir nur vielleicht doch noch ein paar Irrpfade mehr und eine Triggerwarnung zum Thema Selbstverletzung gewünscht hätte, die für einige Lesende viel wert sein dürfte. Auf jeden Fall aber weist Menz deutlich Talent für dieses Genre auf und lässt hoffentlich weitere Thriller folgen.

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Veröffentlicht am 12.01.2025

Zünde an dein Feuer

Offene See
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Benjamin Myers Erfolgsroman „Offene See“, erschienen bei DuMont, ich habe die 5. Auflage gelesen von 2022, hat mich erst einmal ein bisschen herausgefordert. Die Sprache ist eigangs sehr überladen, Natur, ...

Benjamin Myers Erfolgsroman „Offene See“, erschienen bei DuMont, ich habe die 5. Auflage gelesen von 2022, hat mich erst einmal ein bisschen herausgefordert. Die Sprache ist eigangs sehr überladen, Natur, Häuser, See, alles wird personifiziert, der kleine Mensch Robert durchwandert seitenlang die Landschaft und es passiert: Nichts. Die Ausgangsfrage „Wo ist das Leben geblieben?“ passte da schon fast zu gut, ich habe mich das auch gefragt, Myers, wo bleibt das Leben? Aber zum Glück taucht auf Seite 35 Dulcie auf und hat mich aus dem Leseabbruch, der kurz bevorstand, gerettet, denn kaum ist sie da, wird alles lebendig und es gibt auf einmal sogar Humor der feinen Sorte. Dulcie ist ein ganz wunderbarer Charakter, trocken, ehrlich, zupackend, dem Leben zugewandt, eine famose Figur. Robert dagegen, von seinem Zuhause geflohen, um der bevorstehenden Ausbildung in der Zeche zum Bergarbeiter zu entkommen, steckt noch sehr in sich fest, auch er erlebt, was viele Menschen im Leben herausfinden: Von etwas wegzugehen heißt noch nicht, irgendwo anzukommen. Die See ist sein Ziel, seine Vorstellung von ihr bar jeder Romantik, eher brachial, kalt, mächtig, wie die See um Großbritannien herum auch oft ist. Dass er sein Leben nicht unter Tage verbringen möchte, absolut nachvollziehbar. Dass der 2. Weltkrieg, der gerade beendet ist, und seine Folgen ihn nachhaltig geprägt haben, obwohl er nicht in ihm aktiv sein musste: Erst recht nachvollziehbar. Myers, selbst 1976 geboren und vom Krieg dadurch so weit entfernt wie ich, findet verblüffend gute Gedanken in diesem ersten Teil zum Thema Krieg und zu den Emotionen, die Menschen damit verbinden. „Krieg dauert an, lange nachdem die Schlachten geendet haben, und damals fühlte sich die Welt an, als wäre sie voller Löcher.“ (S. 15) Oder, ebenda: „Denn niemand gewinnt einen Krieg wirklich; manche verlieren bloß ein bisschen weniger als andere.“ Oder „Krieg ist Krieg: Er wird von wenigen angezettelt und von vielen geführt, und am Ende verlieren alle.“ (S. 48) Wie vielen Herrschenden möchte man das aktuell hinter die Ohren tackern!!!
Die Sprache ist mir zu viel, die vielen unnötigen Adjektive und Nebensätze, nicht ein Satz geht grade raus. Ich bin ein Fan von bildhafter Sprache, aber man kann es auch übertreiben, was teilweise auch unnötige Stilblüten erzeugt, die einfach unangemessen sind, der Vergleich einer dichten Hecke mit den Stacheldrahtrollen von Bergen-Belsen trug in dem Moment weder zur Handlung noch sinnvoll zur Atmosphäre bei, das muss nicht sein, damit wird viel Leid bagatellisiert. (S. 22)
Robert trifft auf seiner Reise zur See wie gesagt auf Dulcie, die zurückgezogen in einem Cottage lebt und ihm anbietet, sich bei ihr etwas von den Reisestrapazen zu erholen. Ich fand es sehr berührend, wie Robert ganz langsam eine zarte Beziehung zu Butler und Dulcie aufbaut. Die Konversationen zwischen den beiden sind zauberhaft, viel wird aneinander vorbeigeredet, viel aber auch aufeinander eingegangen, dabei sind die zwei so unterschiedlich, Robert mit seiner Vorsicht und Dulcie mit ihrer Direktheit.
Um Dulcie rankt sich ein tragisches Geheimnis, das Robert mit der Zeit ergründen kann, Robert wiederum ist relativ orientierungslos in seinem Leben und Dulcie schafft es, ihn mit der Nase auf Kultur zu stoßen, was Robert eine ganz neue Weite eröffnet, eine, die vielleicht noch größer und mächtiger ist als die Offene See, die er sucht.
Wunderschöne Gedanken über Dichtung schenkt uns Myers: „Dichtung ist eine Trittleiter zwischen den Jahrhunderten, vom antiken Griechenland zu morgen Nachmittag.“ Ja verdammt, 100 Prozent! Dann noch ein paar Leseempfehlungen im Buch un ein Buch im Buch, herrlich.
Myers findet immer wieder Bilder für die See, die ich so noch nicht gelesen habe, was ja gerade beim Topos Meer nicht leicht ist. Das Bild vom Meer als einer Sanduhr, die sich immer mit den Gezeiten wieder dreht, das ist eine wirklich starke Schöpfung von ihm. Mit den Kreisbewegungen hat er es, wie die Gezeiten pendelt auch Robert zwischen Meer und Dulcie und kommt aber immer wieder bei ihr an. Irgendwann stellen sie es beide einfach nicht mehr in Frage, wie die Zeit anfängt zu verschwimmen und irrelevant zu werden, wie die Möglichkeit, dass Robert weiterreist, einfach verschwindet und er immer mehr Teil von Dulcies Kosmos wird. Es hat etwas Heilendes. Robert repariert nicht nur die Hütte auf Dulcies Grundstück.
Wach ist Myers auch für die Strömungen unserer Zeit: Seine Spekulation über den 3. Weltkrieg macht mich einfach nur fertig. Das Buch ist ursprünglich von 2019 – da ist Myers ganz schön hellsichtig, vieles, was er beschreibt und durchdenkt, ist leider so 2024/25... „und zu gegebener Zeit wird es wieder einen wütenden kleinen Mann geben“ – gerade gibt es diverse, und das ist einfach schrecklich. Da brauchen wir alle einen Robert und eine Dulcie, um zwischendurch mal abtauchen zu können.
Im Finale des Buches überzieht Myers für mich das Happy End, für Robert: Ein irgendwie möglicher Lebensweg, den er da findet, aber auch ein wirklich sehr unwahrscheinlicher, zumal zu der Zeit. Mich verstimmt so etwas immer, dieses „alles ist möglich“, weil es für so viele Menschen einfach nicht möglich ist, diese Geschichten gaukeln ihnen und denen, die eigentlich ermöglichen sollten, etwas vor, was nicht ist und unter Umständen dann verhindert, dass wir endlich tun, damit solche Lebenswege wirklich und immer möglich sind und nicht nur im Reich der Literatur. Bildungsdurchlässigkeit ist ein Mythos, noch immer. Robert heilt Dulcie, indem er sie zurück zur Kultur uns den Menschen bringt. Für mich hätte das an positivem Kitsch gereicht, er hätte Reisender werden können oder Seefahrer oder Lehrer, all diese Dinge, nicht aber das, was ich jetzt nicht spoilern möchte, auch wenn ich den Kreisschluss verstehe. Die offene See wurde irgendwann im Buch verloren auf den letzten Metern, das fand ich auch ein bisschen schade.
Insgesamt mochte ich die Geschichte um die beiden aber sehr, sie hat mir das Herz gewärmt und die Trockenheit, die sich durch diese zwei etwas sperrigen Charaktere durch das Buch zog, hat mich wirklich erheitert. Die Sprache bei den vielen Naturbetrachtungen war mir bis zum Ende zu opulent. Es ist ein Buch, das viele Themen streift, das größte dabei ist vielleicht das Hinschauen, Chancen geben, Geduld haben, offen sein, was unsere Zeit gerade sehr brauchen kann. Mancher Funke ist tief verborgen. Es ist wichtig, Zeit und Luft zu geben, damit ein Feuer brennen kann.

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Veröffentlicht am 05.01.2025

Frauenpower meets Flowerpower

Women Living Deliciously
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„Women living deliciously“, die Nachfolgerin zu „Frauen schulden dir gar nichts“, von Florence Given, erschienen 2024 bei KiWi, ist ein wundervoll empowerndes Buch, dessen großer bunter Blumenstrauß an ...

„Women living deliciously“, die Nachfolgerin zu „Frauen schulden dir gar nichts“, von Florence Given, erschienen 2024 bei KiWi, ist ein wundervoll empowerndes Buch, dessen großer bunter Blumenstrauß an Gedanken und Ratschlägen durchaus auch für Männer lesenswert ist, und wir wissen es ja eh: Vom Feminismus profitieren nicht nur weiblich gelesene Menschen!
Aufgemacht in besten Flowerpower-Look in knalligen Farben mit viel Pink und jeder Menge großartig ehrlicher Illustrationen von natürlich Florence Given selbst, macht dieses Buch einfach auf jeder Seite mega gute Laune und Hoffnung. Given unterteilt ihren Lebensretter in drei Abschnitte: Jäten, Pflanzen und Blühen. Es geht also ums Aufräumen, es geht ums Neue Wege Beschreiten und ums Wachsen und Ernten. Die Kapitel innerhalb der einzelnen Abschnitte sind kurz genug gehalten, um als Snack genossen zu werden, wann auch immer frau dafür Zeit findet.
Florence Given schafft es in ihrem Buch, die Wut, die viele Frauen so sehr zu Recht empfinden umzuwandeln in eine liebende und sich selbst gebende und gönnende Haltung, die das Leben umarmt. Es gibt zu viele kluge Sätze und Gedanken in diesem Werk, um sie alle aufzuzählen – aber das würde ja auch das Selbstlesen verhindern und selbst lesen: Sollte frau hier schon unbedingt! Vor allem das Kapitel „Kein Opfer“, in dem Given nachdrücklich klar macht, warum wir uns, gerne auch mit Angst, selbst durchweg an das Steuerrad unseres Lebensgefährts setzen sollten.
Einziges Manko ist die teilweise doch sehr pathetische Sprache und die Redundanz, wir folgen ein bisschen Givens Bewusstseinsstrom, was mich auf Dauer etwas ermüdet hat. Darum empfehle ich, das Buch snackend zu genießen in kleinen Happen, dann trägt die Redundanz wahrscheinlich nicht so auf. Given würde wahrscheinlich sagen „Ich bin halt viel und darf das sein!“ Recht hat sie! Ich habe viel mitgenommen auf der bunten Lesereise und fühle mich sehr gestärkt in meinen Gedanken. Das Buch bekommt auf jeden Fall seinen festen Platz in meinem feministischen Regalabschnitt.

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Veröffentlicht am 04.01.2025

Eine bewegendes Frauenleben aus der Vergessenheit geholt

Die Komponistin von Köln
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Mit „Die Komponistin von Köln“, erschienen 2024 im Emons Verlag, legt Hanka Meves ihren ersten historischen Roman vor und lässt die Lesenden auf etwas unter 300 Seiten teilhaben am erstaunlichen Leben ...

Mit „Die Komponistin von Köln“, erschienen 2024 im Emons Verlag, legt Hanka Meves ihren ersten historischen Roman vor und lässt die Lesenden auf etwas unter 300 Seiten teilhaben am erstaunlichen Leben der Komponistin Maria Herz, die vollkommen zu Recht von Meves hier wieder ins Gedächtnis gerückt wird.

Hanka Meves beschreibt lebendig die Biographie und die großen Schwierigkeiten einer Frau in der Kunst im ausgehenden 19. Jahrhundert und hinein ins 20. und fängt dabei sehr gut die Stimmung und die Ereignisse dieser großen Umbruchszeit ein, eine Umbruchszeit für die Frauenbewegung, aber auch für die ganze Welt, denn natürlich kommen wir hier an den Weltkriegen und ihren Auswirkungen nicht vorbei, auch wenn Meves diesen Ereignissen keinen Schwerpunkt gibt. Sie fokussiert sich ganz auf das Leben und Erleben von Maria Herz und ihrer guten Freundin Franziska, zwei Frauen, wie sie von Kindheit an unterschiedlicher nicht sein könnten und doch verbunden im Kampf um Selbstsuche und Autonomie. Dicht arbeitet die Autorin die besondere Position der Frau in der Kunst heraus, das immer wieder verzweifelte Erarbeiten von einem Platz und Geltung, die bis heute unfaire Bewertung und Betrachtung von Kritik und Öffentlichkeit, die vielen Umwege, die Frauen gehen mussten und müssen, nicht zu vergessen der Faktor Care-Arbeit und Mental Load, der hier überdeutlich im Raum steht. Klug gewählt der Sidekick der Freundin Franziska, die ein ähnliches Leid auch in ihrem Leben erfährt, das deutlich angepasster und bürgerlicher ausfällt mit einer angestrebten Lehrerinnenkarriere, die dann doch lange ausmanövriert wird, da bis 1919 das Lehrerinnenzölibat gilt (kaum Auszudenken) und Franziska so erst ganz spät zu ihrer gefühlten Bestimmung finden kann – selbst da noch immer verunsichert durch die Männer, die gegenhalten gegen diesen neumodischen Kram, obwohl durch den Krieg ein Lehrermangel allerorten herrscht.

Dass Meves in Köln lebt, merkt man dem Buch an, souverän fängt sie das Lokalkolorit ein und kann die gewählten Orte detailliert beschreiben. Die Reise durch die zwei Jahrhunderte macht auch Station in England, Paris und Berlin, denn Maria Herz musste sich auch räumlich gekoppelt an ihren Ehemann viel bewegen. Wie sie bei all dem Reisen, Verändern und Unterstützen und unterbrochen von vielen Rückschlägen doch geschafft hat, ihren Lebenstraum Komponistin und Musikerin zumindest in Teilen zu verwirklichen, nötigt einem viel Respekt ab. Glaubwürdig schildert Meves die Anstrengung und die Zweifel, aber auch den notwendigen Egoismus und einen Blick, der nicht so weit über den doch auch privilegierten Tellerrand geht, was die Figur nicht immer sympathisch macht, aber ohne diese Egozentrik wäre sie auch kaum so weit gekommen. Im Kontrast dazu Franziska, die fast schon zu gutmütig, zu sehr bereit ist, sich um andere zu kümmern und ihre Interessen hintenanzustellen, so dass frau ihr aus dem 21. Jahrhundert laut zurufen möchte: Wach auf, kümmere dich um dich, du musst das nicht tun! Gut eingewoben die Babysteps, die Frauen Richtung Gleichberechtigung in dieser Zeit gehen, Berufsrechte, Wahlrecht, Entscheidungsfreiheit über kleine Dinge. Wir vergessen zu schnell, wie neu unsere selbstverständlichen Rechte noch immer sind, wie hart sie errungen wurden. Gut gezeichnet auch die dräuende Ankündigung des NS-Regimes und die zögerliche Anerkennung der Wahrheit, die Schwierigkeit zu handeln.

Die letzten Lebensjahre werden nur noch gestreift, hier hätte ich mir noch etwas Ausführlichkeit gewünscht, so kommt das Ende des Romans doch etwas abrupt. Und auch die Ehemänner erhalten nicht viel Tiefe, einerseits verständlich in einem Roman, der auf die Frauen fokussiert, andererseits wird so ihr Verhalten, das die Frauen zwar irgendwie machen lässt, sie aber auch nicht wirklich ernst nimmt und unterstützt, wenig nachvollziehbar. Wahrscheinlich gab die Datenlage nicht mehr her, aber hier hätte dann vielleicht etwas schriftstellerische Freiheit dem Roman noch etwas mehr Zug und Ambivalenz verleihen können.

Insgesamt liegt hier aber ein starker, gut recherchierter historischer Roman vor uns, der Maria Herz, ihr Leben, ihre Kompositionen und die vielen Frauen dieser Zeit wieder ins Leben und in die Erinnerung holt. Absolut lesenswert.

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Veröffentlicht am 27.12.2024

Brillanter Psychothriller-Pageturner mit Tiefgrund

Die blaue Stunde
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„Die blaue Stunde“, nach dem unglaublich erfolgreichen Bestseller „Girl on the Train“ der neue Roman von Paula Hawkins, erschienen Anfang 2025 bei dtv, ist ein packender psychologischer Thriller, der die ...

„Die blaue Stunde“, nach dem unglaublich erfolgreichen Bestseller „Girl on the Train“ der neue Roman von Paula Hawkins, erschienen Anfang 2025 bei dtv, ist ein packender psychologischer Thriller, der die Spannung untergründig durchführt und sich neben den Abgründen, die in Menschen wohnen, auch mit der Rolle der Künstlerin in der heutigen Zeit beschäftigt, was der Story eine größere Dimension verleiht.

Auf der Oberfläche der Handlung geht es um einen Erbschaftsstreit: Die Künstlerin Vanessa Chapman, an Krebs verstorben, hinterlässt ihr gesamtes Werk überraschend der Fairburn Stiftung, überraschend deshalb, weil sie mit dieser zuletzt zerstritten war und alle Verbindungen gekappt hatte. Ihre Freundin und Nachlassverwalterin Grace gibt sich zögerlich beim Zusenden aller Werke sowie Notizen und Tagebüchern. Als nun in einem der skulpturalen Werke von Chapman ein menschlicher Knochen auftaucht, kommt eine Lawine ins Rollen, die weit flächendeckender ist als am Anfang erahnt.

Hawkins nutzt viele formale Mittel, um die Chronologie der Ereignisse aufzubrechen, Rückblenden, Zeitungsartikel, Briefe, Tagebucheinträge, E-Mails, Ausstellungskataloge bringen den Handlungsstrang immer wieder gelungen in Diskontinuität, so dass sich erst nach und nach ein Puzzle aus Vergangenheit und Jetzt-Zeit zusammensetzt. Die Schreibe ist gewohnt flüssig und dynamisch, Hawkins schreibt lebendig und detailreich, ohne je zu überfrachten. Die Charaktere sind greifbar und konkret, die Atmosphäre ist dicht gewoben, die Kargheit und Einsamkeit der Insel Eris, der Haupthandlungsort, ist jederzeit spürbar, genauso wie das Grollen von Eifersucht und Ehrgeiz, das unter der Handlung liegt und sich immer wieder in Unwettern, auch ganz realen, entlädt. Das Ende ist irgendwann einerseits erahnbar, in seinem Ausmaß dann aber doch sehr verblüffend.

Ein großer Pluspunkt ist die feministische Perspektive, die Hawkins bei der Betrachtung der Kunstwelt und auch der Welt generell einnimmt. Immer wieder webt sie geschickt und plausibel Anmerkungen in die Erzählung ein, die mehr als deutlich machen, wie sehr weiblich gelesene Menschen in der (Kunst-)welt noch immer viel härter um Erfolg kämpfen müssen als ihre männlich gelesenen Kollegen. Auch analysiert sie treffend die Überinterpretation von Kunstwerken, die manchmal schlicht aus einer Notwendigkeit geboren werden. Damit verleiht Hawkins diesem packenden Roman eine größere Dimension als sie sonst oft in Suspense-Prosa zu finden ist.

Unter allem wohnt auch eine große Liebe zu den einsamen Menschen dieser Welt, den vielleicht etwas skurrilen Menschen, die es nicht schaffen, einen Mainstream zu bedienen oder das vielleicht auch gar nicht wolle, den Verletzten, sozial ausgegrenzten, für die unsere Gesellschaft kaum Aufmerksamkeit übrighat. Hawkins verurteilt nicht, sie konstruiert ein folgerichtiges System des verletzten Hassens, in dem eine große indirekte Solidarität unter Frauen herrscht, die jede auf ihre Art gegen Misogynie kämpfen.

Ein Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite begeistert und verdient erneut zum Bestseller werden wird. Volle Punktzahl für ein mehr als spannendes Leseerlebnis, das das Jahr 2025 perfekt eröffnet und die Messlatte hoch setzt.

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