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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.06.2026

Die Lücke, die sie hinterließ

Weil sie lügt
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Dieses Buch hat mich direkt gepackt. Die Kapitel sind kurz und leicht zu lesen. Sie wechseln sich ab und sind mal aus der Sicht von Anna, der Schwester der verschwundenen Juli, und mal aus Sicht von Katharina, ...

Dieses Buch hat mich direkt gepackt. Die Kapitel sind kurz und leicht zu lesen. Sie wechseln sich ab und sind mal aus der Sicht von Anna, der Schwester der verschwundenen Juli, und mal aus Sicht von Katharina, der Ermittlerin, erzählt. So entsteht ein ausgewogenes Bild zwischen emotionaler Betroffenheit und polizeilicher Ermittlungsarbeit. Beiden Protagonistinnen kommt man hierdurch nah, und sie wirken authentisch.

Besonders interessant ist zudem, dass die Handlung erst eineinhalb Jahre nach Julis Verschwinden einsetzt. Dadurch bleibt im Dunkeln, welche Erkenntnisse die bisherigen Ermittlungen gebracht haben und welche Beweise tatsächlich gegen den Vater von Juli vorliegen. Für die Handlung spielt das allerdings auch nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist die dadurch entstandene Familiensituation für Anna, eine Situation, die einen sofort mit ihr mitfühlen lässt. Sie ist eine äußerst starke Persönlichkeit, droht aber an der Last der Verantwortung, den Verdächtigungen der Polizei und dem ungewissen Schicksal ihrer Schwester zu zerbrechen.

Auch der Titel ist perfekt gewählt. Er wirft sofort die Frage auf, wer „sie“ ist? Ständig ging mir dies beim Lesen durch den Kopf, und ich habe versucht herauszufinden, auf wen sich der Titel beziehen könnte. Ist es Anna, oder Katharina, oder jemand Drittes? Wer hat hier etwas zu verbergen? Und hat diese Lüge etwas mit dem Verschwinden von Juli zu tun?

Natürlich hebt sich die Autorin wichtige Sachverhalte bis zum Schluss auf, um uns Leser bis dahin in die Irre führen zu können. Aber der Weg zur Auflösung ist spannend und unvorhersehbar, was durch die Perspektivwechsel verstärkt wird. Der Autorin gelingt es hervorragend, mehrere Personen in ein fragwürdiges Licht zu rücken und suspekt dastehen zu lassen. Es gibt nicht die großen einschneidenden Wendungen, aber die kleinen Aspekte, die bisher geglaubtes Wissen in neues Licht rücken und an vermeintlichen Zusammenhängen zweifeln lassen. Und obwohl ich zwischenzeitlich die richtige Person in Verdacht hatte, dass sie etwas Entscheidendes verbirgt, bin ich später wieder von ihr abgewichen.

Ich bin mit dem Ende und der Auflösung zufrieden, da die ganz großen offenen Fragen aufgeklärt werden. Natürlich hätte man zeitliche Abläufe genauer beschreiben können, um es schlüssiger erscheinen zu lassen. Ich denke jedoch, dass dies zu Lasten der Spannung gegangen wäre.

Fazit: Genauso wünsche ich mir einen Thriller. Kein Blutbad, kein überzeichneter Serienkiller und trotzdem einfach fesselnd und wendungsreich. Man wird als Leser perfekt in die Irre geführt, was mit Juli passiert ist.

Veröffentlicht am 09.06.2026

Drei Monate!

Eine Liebe ohne Sommer
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Obwohl das Cover mich nicht sofort angesprochen hat, weckten Titel und spätestens der Klappentext mein Interesse. Gerade das Versprechen, keine gewöhnliche Liebesgeschichte in den Händen zu halten, hat ...

Obwohl das Cover mich nicht sofort angesprochen hat, weckten Titel und spätestens der Klappentext mein Interesse. Gerade das Versprechen, keine gewöhnliche Liebesgeschichte in den Händen zu halten, hat mich neugierig gemacht, und das Versprechen wurde auch größtenteils eingelöst.

Der Prolog spielt kurz nach dem Tod von Nikolas. Rosa wirkte hier auf mich ein bisschen abgeklärt, fast schon distanziert. Das hat mir den Zugang zu ihr zunächst erschwert. Erst mit dem Wissen um die Geschichte von Nikolas und Rosa versteht man ihre Gefühlslage besser.

Der Roman ist in zwei Abschnitte geteilt. Die erste Hälfte ist durchaus eine „normale“ Liebesgeschichte, denn wir begleiten Rosa und Nikolas bei ihrem Kennenlernen und den folgenden gemeinsamen Momenten. Erst die zweite Hälfte bekommt einen komplett neuen Touch, denn sie spielt nach dem Tod von Nikolas. Es ist wie ein zweites Kennenlernen. Die hinterlassenen Lücken und Fragen sind Grund genug für Rosa, sich stärker mit seiner Persönlichkeit und seinen bisher unsichtbaren Seiten auseinanderzusetzen.

Durch den Klappentext hätte ich erwartet, dass sich das Buch stärker auf diesen zweiten Teil konzentriert. Und mit dem Prolog im Hinterkopf habe ich darauf „gewartet“, dass Nikolas Tod deutlich früher im Buch eintritt. So empfand ich diese zweite Hälfte um einiges vielschichtiger und tiefgründiger. Hier wird der Frage nachgegangen, wer Niklas wirklich war und ob Rosa ihn hätte lieben können. Auch werden verschiedene Facetten der Trauer beleuchtet, und Fragen nach der Liebe auf den ersten Blick oder wie man die ganz große Liebe erkennt, werden aufgegriffen. Und es zeigt sich, dass es nicht die eine richtige Antwort darauf gibt.

Gelungen war die Mischung aus Leichtigkeit und Tiefgang. Das Buch ist nicht kitschig, sondern ehrlich und hinterfragt. Es bleibt dabei aber angenehm unaufgeregt. Trotz des auch schweren Themas, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten, eignet es sich, um schöne und positive Stunden zu verbringen.

Fazit: Besonders in der zweiten Hälfte ist dies eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die weniger von romantischen Klischees lebt als von der Frage, wie gut wir den Menschen kennen, den wir lieben. Gerne hätte der Teil der gemeinsamen Zeit gerafft werden können. Denn viel lieber hätte ich mehr darüber erfahren, welche Folgen die Antwort, ob Nikolas Rosas große Liebe war, auf ihr weiteres Leben hat.

Veröffentlicht am 03.06.2026

Vertraut und Verraten

Das letzte Buch von Marceau Miller
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Der Roman spielt geschickt mit der Idee eines Buches im Buch. Ein Konzept, das sich bereits durch den fehlenden Autorennamen auf dem Cover andeutet und die Frage aufkommen lässt, warum dieses letzte Buch ...

Der Roman spielt geschickt mit der Idee eines Buches im Buch. Ein Konzept, das sich bereits durch den fehlenden Autorennamen auf dem Cover andeutet und die Frage aufkommen lässt, warum dieses letzte Buch überhaupt geschrieben wurde. Hatte Marceau Miller auf diese Weise Vorkehrungen getroffen? Aber worauf begründen sich seine Ahnungen?

Marceau Miller ist tot. Am Boden einer Felswand liegend, wird er gefunden. Bereits im Prolog erfahren wir, dass er nicht abgestürzt ist, sondern getötet wurde. Und auch seine Frau glaubt nicht an einen Unfall.

Im Zentrum der nun folgenden Handlung steht Sarah, die Ehefrau des toten Autors. Gemeinsam mit ihr begibt man sich auf Spurensuche, während ihr Leben durch den Tod von Marceau komplett aus den Fugen gerät. Und so verhält sie sich manchmal auch. Zwar voller Schmerz und Trauer, aber auch völlig unberechenbar, sprunghaft und starrköpfig. Ich würde fast sagen, sie wütet sich durch die Handlung, was andere Ereignisse überlagert und manche ihrer Reaktionen extrem und schwer nachvollziehbar wirken lässt. Die angedeuteten Sonderbarkeiten der Geschichte gingen für mich dadurch fast unter. Sie wurden schlicht von Sarahs Dominanz überdeckt, und ich konnte nicht einschätzen, ob sie überreagiert oder ihr Verhalten und ihre Zweifel begründet sind. Trotz ihres intensiven Charakters blieb sie mir persönlich seltsam fremd. Auch die Ich-Perspektive schaffte es nicht, sie mir näherzubringen und ihren Schmerz nachfühlen zu können.

Die übrigen Charaktere empfand ich gleichermaßen als schwer greifbar. Hier lag es jedoch daran, dass sie zumeist im Hintergrund blieben und dadurch so schemenhaft waren, dass man sich keinen Eindruck von der Person machen konnte.

Der Lesefluss war für mich wechselhaft. Während ich mich durch große Teile der ersten zwei Drittel eher durchringen musste, fand ich das letzte Drittel schließlich am packendsten. Hier zog die Geschichte an, wurde klarer und schlüssiger.
Beworben als Spannungsroman versucht das Buch, sich vom klassischen Roman zu lösen und Elemente eines Krimis einzubinden. Für mich gelingt jedoch beides nur bedingt. Für einen Roman fehlte mir die Emotionalität, und für einen Krimi entwickelte es nicht genug Spannung.

Fazit: Trotz des über weite Teile dramatischen Untertons konnte ich diesen nicht nachempfinden, da ich die Hauptperson zumeist als anstrengend empfunden habe.

Veröffentlicht am 26.05.2026

Die Stille vor der Wahrheit

Home Before Dark
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Das Buch überzeugt bereits durch den Prolog mit einem ungewöhnlichen Einstieg. Statt einer klassischen Szene beginnt die Handlung mit einem Traum bzw. dem Gefühl, nach einem Traum aufzuwachen. Dies wirkt ...

Das Buch überzeugt bereits durch den Prolog mit einem ungewöhnlichen Einstieg. Statt einer klassischen Szene beginnt die Handlung mit einem Traum bzw. dem Gefühl, nach einem Traum aufzuwachen. Dies wirkt direkt beklemmend, da man nicht weiß, welche Begebenheit sich dahinter verbirgt und ob es mehr ist als nur ein Traum.

Auch die folgenden Seiten lesen sich sehr spannend und sorgen für eine Reihe an Fragen. Zentrales Thema ist das ungeklärte Verschwinden von Stina, Marsibels Schwester. Nun, viele Jahre später, traut sich Marsibel, dieser Frage aktiv nachzugehen und sich ihren Schuldgefühlen zu stellen.

Die parallelen Erzählstränge, Stina im Jahr 1967 und Marsibel 1977, sind klar voneinander abgegrenzt und durch unterschiedliche Zeitformen zusätzlich markiert. Die Ich-Perspektive bei beiden Strängen sorgt für Nähe und das Gefühl, den Szenen beizuwohnen, während Rückblenden und Erinnerungen die Handlung sinnvoll ergänzen.

Es gibt keine neuen technischen oder polizeilichen Erkenntnisse. Die Story beruht alleine auf den privaten Nachforschungen von Marsibel und ist somit von Erinnerungen und Gesprächen mit Freunden und Bekannten geprägt. Dadurch entsteht ein schmaler Spagat zwischen dem Gefühl, dass nichts Nennenswertes passiert, und gleichzeitig dem Spiel mit Andeutungen und klitzekleinen Ungereimtheiten, welche die Handlung dennoch Schritt für Schritt voranbringen. Aber genau dieses subtile Spiel mit Andeutungen hat mir in diesem Buch besonders gut gefallen. Es ist der Fantasie des Lesers überlassen, damit umzugehen. Denn einerseits ist klar, dass die eingestreuten Informationen aus dem Zusammenhang gerissen sind und einen völlig harmlosen Hintergrund haben können. Gleichzeitig ist man als Leser auf der Hut, um keine Ungereimtheit zu verpassen, denn natürlich könnte sich auch etwas Größeres dahinter verbergen. Es ist also diese Unsicherheit, die die Autorin geschickt einzusetzen weiß und ausnutzt. So ist es auch kein Wunder, dass hier etliche Personen ins Visier geraten und potenziell etwas mit dem Verschwinden von Stina zu tun haben könnten.

Doch bei all den Verdächtigen bleiben über weite Strecken die zentralen Fragen bestehen, ob Stina oder Marsi das Ziel war und ob Stina nicht vielleicht doch freiwillig verschwunden ist.

Fazit: Ein leiser und ruhiger Thriller, der mir sehr gut gefallen hat. Er kommt ohne Brutalität aus, weiß aber mit dem Spiel der Möglichkeiten zu überzeugen. Er vermittelt permanent das Gefühl, völlig im Dunkeln zu tappen, und ist wunderbar geeignet, um mitzurätseln, gespannt zu verfolgen, was ans Licht kommt, und sich von der Auflösung überraschen zu lassen.

Veröffentlicht am 20.05.2026

Eine Entscheidung, die alles verändert

Die Namen
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Der Roman geht der spannenden Frage nach, was ein Name über eine Person aussagt und wie er das Leben beeinflussen kann. Und ganz sicher kennen werdende Eltern diese Frage nur zu gut und wollen ihrem Kind ...

Der Roman geht der spannenden Frage nach, was ein Name über eine Person aussagt und wie er das Leben beeinflussen kann. Und ganz sicher kennen werdende Eltern diese Frage nur zu gut und wollen ihrem Kind mit dem Namen etwas mit auf den Weg geben. Und so steht Cora vor der wegweisenden Frage, welchen Namen sie ihrem Jungen geben soll. Soll sie sich für Bear, Julian oder Gordon entscheiden? Welche Assoziationen verbindet sie mit ihrer Wahl und wie prägt der Name das spätere Leben des Jungen? Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise der ersten 35 Jahre dieses Jungen und zeigt uns drei ganz unterschiedliche Biografien auf.

Zugleich steht die Namenswahl in diesem Buch auch für den Mut der Mutter und ist ein Ausdruck dafür, inwieweit sie sich dem Willen des Vaters beugt bzw. widersetzt. Es wird deutlich, wie sehr ihre Entscheidung nicht nur den Weg des Kindes beeinflusst, sondern auch ihren eigenen, den der gesamten Familie und ihres Umfelds. Und so unterschiedlich wie die Namen sind, so unterschiedlich sind auch die Lebenswege. Für meinen Geschmack vielleicht sogar ein bisschen zu verschieden, da sich ganz unterschiedliche Interessen und persönliche Eigenschaften des Jungen herausbilden.

Der Beginn des Buches ist stark von Szenen häuslicher Gewalt geprägt, deren Lektüre schwer auszuhalten ist. Dennoch halte ich eine Warnung nicht für notwendig, da sich diese Beschreibungen im weiteren Verlauf legen. Der Autorin gelingt es wunderbar, die Gewalt des Vaters spürbar zu machen, ohne aktiv davon erzählen zu müssen. Denn natürlich zieht sie sich wie ein roter Faden durch das Leben der gesamten Familie und prägt alle drei Lebenswege nachhaltig.

Die Lebenswege werden in Zeitsprüngen von 7 Jahren erzählt. Man ist nicht bei allen wichtigen Entwicklungen dabei und erfährt vieles erst im Rückblick. Somit erschließt sich zu Beginn eines Kapitels nicht sofort, welche Weichenstellungen in den vergangenen Jahren prägend waren. Man ist als Leser gefordert, aufmerksam zu bleiben. Denn nach und nach erfährt man, was in den Zwischenräumen passiert ist, und die Puzzleteile fügen sich stimmig zusammen.

Der eindringliche und direkte Schreibstil hat mich sehr angesprochen, dennoch hätte ich mir insgesamt etwas mehr Emotionalität gewünscht. Eine stärkere emotionale Nähe zu den Figuren hätte die Geschichte für mich noch greifbarer gemacht und mich mehr mitfühlen lassen.

Fazit: Spannendes Gedankenexperiment, wie eine einzige Entscheidung die Zukunft prägen und wie unterschiedlich diese ausfallen kann.