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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.06.2020

Ein sehr gelungener klassischer Whodunit

Halligmord
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Schon lange nicht mehr hat mir ein Kriminalroman so viel Spaß gemacht wie dieser hier. Intensiv wie ein Kammerspiel, auf kleinstem Raum spielend und perfekt inszeniert, entwickelt sich die Suche nach ...


Schon lange nicht mehr hat mir ein Kriminalroman so viel Spaß gemacht wie dieser hier. Intensiv wie ein Kammerspiel, auf kleinstem Raum spielend und perfekt inszeniert, entwickelt sich die Suche nach dem Schuldigen vor den Augen des rätselnden Lesers.

Die Szenerie könnte nicht besser gewählt sein. Auf einer Nordsee-Hallig spült das Meer menschliche Knochen frei, ein Skelett, das schon viele, viele Jahre im Boden gelegen haben muss. Aber wer ist der Tote? Minke van Hoorn, ursprünglich Meeresbiologin, ist in ihre friesische Heimat zurückgekehrt und als Kommissarin in die Fußstapfen ihres verstorbenen Vaters getreten. Doch dieser erste Fall ist alles andere als einfach für sie. Der einzige Kollege ist ausschließlich beschäftigt mit den Festvorbereitungen für seinen Renteneintritt, die zwei alteingesessenen Familien auf Nekpen sind überaus schweigsam, und dann verschwindet auch noch der Sohn des alten Deichgrafen. Minke gerät schwer unter Druck, denn ein gewaltiger Herbststurm rollt auf die Hallig zu…

Von der ersten Seite an zieht die Autorin den Leser in ihren Bann, was zu einem ganz großen Teil daran liegt, dass sie außerordentlich intensiv die spezielle Atmosphäre einer Nordsee-Hallig zu schildern versteht. Man hat beim Lesen ständig das Gefühl, die würzig-salzige Meeresluft zu atmen, den Wind auf der Haut zu spüren, die Weite des Horizonts und die Begrenztheit der Hallig vor Augen. Dazu kommt auch die Nähe, die der Leser zu Minke von Hoorn aufbaut, denn ihre verhaltene Trauer um ihren Vater und ihr gelassenes, nachdenkliches Wesen machen sie überaus sympathisch. Überhaupt werden die Menschen auf der Hallig sehr vielschichtig und einfühlsam geschildert, kantig, geradeaus, ein wenig wunderlich. In relativ kurzen Kapiteln, dennoch folgerichtig, mit leisem Humor gewürzt, durchweg spannend erzählt Christa Henning die Geschichte. Wohldosiert, in ganz kleinen Häppchen, bekommt der Leser Informationen, die ihn zum Miträtseln animieren. Wie ein klassisch gestrickter Kriminalroman nach englischem Muster erfolgt in einer eindrücklichen letzten Szene die überraschende Aufklärung. Ein Lesegenuss!

  • Cover
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  • Handlung
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Veröffentlicht am 20.06.2020

Zuviel des Guten

Die Eishexe
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Dieses Buch habe ich mehrmals begonnen, dann wieder abgebrochen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder begonnen und jetzt erst bis zum Ende durchgehalten. Denn ich hatte einen spannenden Krimi erwartet in ...


Dieses Buch habe ich mehrmals begonnen, dann wieder abgebrochen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder begonnen und jetzt erst bis zum Ende durchgehalten. Denn ich hatte einen spannenden Krimi erwartet in der Qualität der früher erschienenen Bände. Doch dieses Mal hatte ich leider keine ungetrübte Freude beim Lesen.

In Fjällbacka, einem beschaulichen Küstenort, ist ein kleines Mädchen verschwunden. Genau wie es schon einmal vor 30 Jahren passiert war. Damals war das Kind tot aufgefunden worden. Die Tat blieb bis heute ungeklärt. Verständlich, dass Hauptkommissar Patrik Hedström mehr als beunruhigt ist. Seine Frau, die Schriftstellerin Erica Falck, recherchiert schon seit längerer Zeit in dem alten Fall. Gibt es einen Zusammenhang mit dem jetzt verschwundenen Kind? Was hat es mit der alten Legende aus dem 17. Jahrhundert auf sich? Oder was ist mit den Flüchtlingen vor Ort?

Zwar ist der Krimi, was den Schreibstil der Autorin betrifft, gewohnt angenehm und flüssig zu lesen, die Beschreibungen sind knapp gehalten, aber sehr plastisch. Was ist also an diesem Buch anders als bei den vorherigen, was macht es für den Leser so sperrig? Mir kommt es so vor, als wollte Camilla Läckberg in dieses Buch viel zu viel hineinpacken. Damit gerät der eigentlich vom Leser erwartete Fokus auf den Fall ins Hintertreffen und recht viel der Spannung ging verloren. Die verschiedenen Handlungsstränge finden letztlich nicht zueinander. Wozu also das Ganze? Wozu auch die irgendwie kitschig wirkende Behandlung des Themas rund um die syrischen Flüchtlinge? Und warum wird auch noch das Thema Mobbing oben drauf gepackt? Als wäre das nicht genug, bekommen wir es auch noch mit Hexenverfolgung zu tun. Nein, das war mir schlichtweg zu viel des Guten.

  • Cover
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  • Handlung
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Veröffentlicht am 19.06.2020

Eltern, bitte lest dieses Buch mit eueren Kindern!

Expedition Natur: WILD! Der Steinkauz
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Wie oft musste ich schon beobachten, wie Kinder gefühllos durch Blumenbeete trampeln und bei jedem Käferchen „iiiiih“ aufschreien, wie oft musste ich also erkennen, wie wenig diesen Kindern Achtung vor ...


Wie oft musste ich schon beobachten, wie Kinder gefühllos durch Blumenbeete trampeln und bei jedem Käferchen „iiiiih“ aufschreien, wie oft musste ich also erkennen, wie wenig diesen Kindern Achtung vor der Natur und Wertschätzung für die Natur beigebracht wird. Umso glücklicher bin ich über das vorliegende Buch, das in Zusammenarbeit mit dem BUND entstand. Besser kann man ein solches Buch, das uns einen winzigen Ausschnitt aus dem Zusammenspiel der Natur näher bringt, nicht machen!

Die beiden Autorinnen lassen uns in diesem Band den Steinkauz näher kennenlernen, einen Eulenvogel, dessen Population bedroht ist, weil ihm die Lebensräume mehr und mehr genommen wurden. Zunächst begleiten wir ein Steinkauz-Pärchen durch das Jahr. Sehr, sehr anschaulich, anrührend und stellenweise atemlos spannend wird deren Leben erzählt. Die anstrengende Aufzucht der Jungen, die täglich überall lauernden Gefahren erleben wir mit. Im zweiten sachlichen Teil des Buches erfahren wir alles Wissenswerte über das Tier, über seine Lebensweise und seine Bedürfnisse. Vor allen Dingen aber erfahren wir auch, was wir ganz persönlich tun können, um dem Steinkauz zu helfen!

Doch nicht nur die hervorragenden Texte überzeugen. Die Gesamtgestaltung ist ganz großartig gelungen. Der erzählende Teil ist meisterhaft illustriert durch Bente Schlick. Die Zeichnungen sind so fein und exakt fast wie Fotos, richtig kleine Kunstwerke. Der Sachbuch-Teil enthält neben weiteren Zeichnungen von Bente Schlick viele Fotos, die zum Beispiel den Bewegungsablauf beim Fliegen zeigen oder einzelne Entwicklungsstadien. So werden die umfassenden Informationen durch die großzügige Bebilderung zusätzlich auf anschauliche Weise vertieft. Besser geht es nicht.
Eltern, bitte lest dieses Buch mit eueren Kindern!

  • Cover
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Veröffentlicht am 18.06.2020

Gelungener Spagat zwischen Historie und Fiktion

Unter den Linden 6
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Es empfiehlt sich sehr, das Nachwort der Autorin vorab zu lesen. Denn erst dann versteht man die eigentliche Leistung von Ann-Sophie Kaiser, in einem Spagat zwischen historischer Korrektheit, romanhafter ...


Es empfiehlt sich sehr, das Nachwort der Autorin vorab zu lesen. Denn erst dann versteht man die eigentliche Leistung von Ann-Sophie Kaiser, in einem Spagat zwischen historischer Korrektheit, romanhafter Fantasie und sehr viel Fachwissen und Recherchearbeit ein Buch entstehen zu lassen, das gleichermaßen unterhaltsam und informativ ist.

Drei Frauen begegnen sich im Berlin der Jahrhundertwende. Lise (Meitner) will an der Universität bei Max Planck weiter forschen. Hedwig erreicht mit einer Unterschriftenfälschung die Möglichkeit, die Universität zu besuchen. Anni, das Dienstmädchen, liest sich heimlich durch das Bücherregal ihres Dienstherren. Alle drei Frauen, so unterschiedlich sie auch sind, finden eng zusammen im Kampf um ihr ureigenstes Recht auf Wissen und Bildung.

Lise Meitner, die bekannte Physikerin, wurde zwar die erste deutsche Physik-Professorin und entdeckte die Kernspaltung, dennoch blieben ihr die ihr eigentlich zustehenden Würdigungen verwehrt. Sie ist die historische Person in dem Roman. Hedwig, verheiratete Fabrikantentochter, und Anni, das Dienstmädchen, sind fiktive Figuren. Drei Gesellschaftsschichten, drei Einzelschicksale, drei Frauen, denen allen in einer von Männern beherrschten Welt auf unterschiedliche Weise, aber dennoch einschneidend Diskriminierung und mangelnde Wertschätzung widerfährt und die Zusammenhalt darin finden, für die Rechte der Frauen zu kämpfen, insbesondere für das Recht der Frauen auf Bildung. Der Autorin ist es sehr gut gelungen, die Persönlichkeiten der drei Frauen differenziert und psychologisch nachvollziehbar darzustellen. Atmosphärisch dicht erlebt man als Leser die Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts im pulsierenden Berlin und spürt geradezu schmerzhaft all die Einschränkungen, denen Frauen zu dieser Zeit ausgesetzt waren. Durch die Erzählweise der wechselnden Perspektiven bringt die Autorin geschickt und sehr anschaulich die jeweilige Persönlichkeit der drei Protagonistinnen dem Leser nahe. Streckenweise wurde mir die Lektüre zwar etwas langatmig durch die Detailfreude der Autorin, aber insgesamt fand ich den Roman doch sehr unterhaltsam, informativ und atmosphärisch dicht erzählt.

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Veröffentlicht am 17.06.2020

Gekonnt geschriebener Thriller mit kleiner Einschränkung

Der Fahrer
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Winkelmann ist zweifellos ein Könner seines Faches. Das haben seine früher erschienenen Bücher von Mal zu Mal überzeugend bewiesen. Insofern hatte ich sehr hohe Erwartungen an „Der Fahrer“. Was vielleicht ...


Winkelmann ist zweifellos ein Könner seines Faches. Das haben seine früher erschienenen Bücher von Mal zu Mal überzeugend bewiesen. Insofern hatte ich sehr hohe Erwartungen an „Der Fahrer“. Was vielleicht ein Fehler war. Denn gekonnt konstruiert und in Szene gesetzt ist „Der Fahrer“ auf jeden Fall, spannend zu lesen ist er auch. Und doch erscheint mir der Thriller ein wenig schwächer als die früher erschienenen Titel, zumindest was die erwartete angstauslösende Intensität betrifft.

Im Hamburger Stadtpark wird eine Tote gefunden, das Gesicht mit einer fluoreszierenden Farbe angemalt. Kommissar Jens Kerner und seine Kollegin Rebecca Oswald stehen vor einem Rätsel, auch nachdem sich herausstellt, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben, der junge Frauen auf perfide Art tötet und mit Leuchtfarbe bemalt zur Schau stellt. Scheinbar wahllos ausgesuchte Opfer, die nachts unterwegs gewesen waren. Die an vielen Orten auftauchenden Hashtags #findemich lassen mehr und mehr erkennen, dass diese Botschaften Jens Kerner persönlich betreffen. Doch nicht nur das: Beide Ermittler haben auch privat allerlei zu bewältigen…

Es gibt in diesem Thriller geniale Szenen, mehrheitlich die, in denen der Täter sich selbst, seine Sicht der Dinge, sein persönliches Erleben schildert. Es sind Sequenzen, die den Leser mitten hinein in die Gedanken- und Gefühlswelt des Mörders führen und eine gruselige Nähe zu ihm aufbauen. Das ist ja die besondere Stärke von Andreas Winkelmann, dieses geschickte Spiel mit Szenen, die dunkle Ängste auslösen und somit den Leser unmittelbar persönlich packen. Auch wieder genial gelöst ist der Aufbau einer sich steigernden Spannung aus wechselnden Perspektiven heraus mittels einer raffinierten überraschungsreichen Geschichte. Und doch blieb ich ein klein wenig enttäuscht zurück. Mag sein, dass ich in diesem Thriller weniger Zugang zu den beiden Ermittlern fand. Gerade weil dem persönlichen Hintergrund von Jens Kerner dieses Mal so viel Raum gegeben wurde. Ebenso dem komplizierten Hin und Her zwischen Rebecca und Jens, jenseits des Beruflichen. Das hätte ich nicht gebraucht, denn die teilweise trivial anmutenden Sequenzen rauben dem Thriller ein wenig die bei Winkelmann gewohnte schaudernde Intensität.

Fazit: Wieder ein raffinierter, sehr spannender, gekonnt geschriebener Thriller, jedoch nicht ganz so stark wie seine Vorgängerbände.

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