Philosophische Fragestellungen eingebettet in eine bruchstückhafte Familiengeschichte
Das Haus an der KeizersgrachtBram Wenkstermann steht förmlich vor einem Schutthaufen seines Lebens: Sein Haus an der Keizersgracht in Amsterdam verrottet ihm unter den Füßen weg, seine Frau Veerle quält seit vielen Jahren eine starke ...
Bram Wenkstermann steht förmlich vor einem Schutthaufen seines Lebens: Sein Haus an der Keizersgracht in Amsterdam verrottet ihm unter den Füßen weg, seine Frau Veerle quält seit vielen Jahren eine starke Depression, sodass sie sich mittlerweile in einer psychiatrischen Klinik befindet und seine Tochter Amber wirft ihr Studium hin und kehrt wieder zu ihrem Vater nach Hause zurück. Mit diesem Hintergrund versucht Bram sein Leben ohne jegliche Aussicht auf Verbesserung zu meistern und von seinem reichen Schwiegervater Geld für die Renovierung seines Hauses zu erbitten. Dieser gewährt ihm aber nur das Geld, wenn er Amber in das bis jetzt wohl gehütete Familiengeheimnis einweiht.
Der Debütroman „Das Haus an der Keizersgracht“ von Rinske Hillen beschreibt die Familiengeschichte der Wenkstermanns. Innerhalb kürzester Zeit wird hier der Plot entwickelt bis hin zum eigentlichen Höhepunkt, dem Geburtstagsfest von Bram. Daneben gibt es immer wieder bruchstückenhafte Rückblicke bzw. Erinnerungen, die die Vorgeschichte zur eigentlichen Familiengeschichte charakterisieren. Es geht dabei um viele unausgesprochene Dinge, allem voran Schuldgefühle und nie bewältigte Trauer. Die Charaktere handeln dementsprechend und es fällt einem sehr schwer, sie ins Herz zu schließen bzw. sie besser kennen zu lernen. Die Geschichte bleibt oberflächlich, auch wenn sehr wichtige und schwerwiegende Themen, wie Depressionen angesprochen werden. Daneben werden viele philosophische Fragestellungen mit eingebunden. So geht es auch viel um das Sein und das Nicht-Sein. Das verrottende Haus ist dabei nur ein Symbol der beinahe in sich zusammenfallenden Familie. Leider erschließt sich aus der Geschichte auch nur teilweise ein Happy End. Die Charaktere, vor allem Bram, laufen mir persönlich viel zu sehr am Leben vorbei. Ob es nun dadurch geprägt ist, dass er auch nie seine Trauer bewältigt hat oder weil er sich viel mit Philosophie beschäftigt – ich kann dem insgesamt nichts abgewinnen. Amber dagegen ist komplett von Schuldgefühlen geprägt und geleitet und verhält sich dementsprechend auch sehr unausgewogen. Mir fiel es ehrlich gesagt ausgesprochen schwer, den Roman überhaupt zu Ende zu lesen bzw. stellenweise hab ich ihn einfach zur Seite gelegt, weil mir vieles zu abstrakt war, auch wenn die Sprache einfach ist und die Dinge prinzipiell erklärt werden. Dennoch, alles wirkt gehetzt, die Sätze sind zum Teil nur Bruchstücke ihrer selbst. Gedankenfragmente springen immer wieder dazwischen. Ich kann mit der Geschichte überhaupt nicht warm werden, vor allem weil ich mich nicht mit den Charakteren identifizieren kann. Für mich als bodenständiger Mensch sind philosophische Fragestellungen in dieser Größenordnung zuviel. Jeder Mensch beschäftigt sich sicher einmal öfter mit dem Sinn des Lebens und man reflektiert auch Gedanken und Gefühle, aber hier erscheint es mir extrem zu viel. Spannung gibt es meiner Meinung im Roman wenig, es ist ein Auf und Ab von Schuldgefühlen. Erst zum Ende hin wird es etwas spannend, was nun auf Bram‘s Geburtstagsparty passiert bzw. wie die gesamte Sache ausgeht. Das Familiengeheimnis wiegt schwer, selbstverständlich, und es gibt nicht viel Schlimmeres; und trotzdem ist es für mich nicht nachvollziehbar warum man so lange dazu schweigt und es nicht gemeinsam verarbeitet. Mein Lichtblick des Buches war der Großvater, in seiner absolut sympathisch auftretenden und bodenständigen Art.
Von mir gibt es daher nur eine bedingte Leseempfehlung. Insgesamt lobe ich die Idee Depressionen und die unausgesprochenen und unbewältigten Gefühle in den Mittelpunkt zu stellen. Aber es wird versucht in kurzer Zeit alles in das Buch hineinzupressen, unterbrochen von ständigen Bruchstücken aus Gefühlswelt und Vergangenheit. Meiner Meinung nach wird viel gesagt und doch wieder nichts gesagt. Es fehlt mir an Spannung und Bodenständigkeit.