In der Stille und Einsamkeit vermag man seine innere Stimme am lautesten zu vernehmen. (Dieter Uecker)
Lass den Tag nicht vorübergehenTheodor kann den Lärm des Alltags nicht ertragen - seine Zuflucht ist die weiße Leinwand, die er mit seinen außergeöhnlichen Bildern zum Leben erweckt. Denn was noch niemand weiß - Stille kann sprechen, ...
Theodor kann den Lärm des Alltags nicht ertragen - seine Zuflucht ist die weiße Leinwand, die er mit seinen außergeöhnlichen Bildern zum Leben erweckt. Denn was noch niemand weiß - Stille kann sprechen, ohne Worte zu verwenden. Theodor gelingt mit seinen Bildern das auszudrücken, wonach er sich sehnt. Reinheit, Sanftheit, Stille und innerer Einklang. Der Zufall will es, dass aus dem unbekannten Maler aus dem Malerkeller bald ein gefeierter Künstler wird. Doch je lauter die Stimmen der Kunstszene werden, desto leiser wird Theodor. Kann er die inneren Stürme mit einem neuen Bild zum Ausdrück bringen ?
Wow, was für ein Brett ! Dieses Buch passt in keine Nische, hebt sich vom Mainstream ab und geht tief unter die Haut. Frank Wilmes erzählt in leisen unaufgregten Tönen von den vielen Facetten der Stille: ohrenbetäubend, kreativ, niederschmetternd, emotionsgeladen, köstlich, hungrig, satt, gehaltvoll...diese Liste ließe sich noch ewig fortführen, denn für jede/n Leser:in hat, genau wie für Theodor, Stille eine ganz eigene Bedeutung.
Während sich die männliche Hauptfigur regelrecht freischwimmt, gelingt Wiles etwas ganz Besonderes. Er lässt die Leserschaft Teil der Emotionen und Gedanken werden, die zum Schaffensprozees eines Bildes beitragen. Auch werden sie zu Weggefährt:innen, die nicht nur Sir Walter, Herr Jäger und auch Birgit kennenlernen, sondern tief in ihr Innerstes blicken.
Wilmes ist ein Wortpoet, malt mit Eloquenz ein wunderbar stilles Kopfkino, das beim Lesen auch "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgski als leise musikalische Untermalung erklingen lässt. Der Werdegang von Theodor ist mit vielen Begegnungen behaftet, die ihn unweigerlich an seine großes Ziel führen: Seine Kunst wird geachtet, geschätzt, gekauft, gesammelt.
Doch genau dieser Erfolg ist es, der Theoder alles nimmt, für was er eigentlich steht - Stille, Ruhe, Abgeschiedenheit. Der Roman ist tiefsinnig, sinnlich erlebbar und zeigt auf, dass alles im Leben seinen Preis hat. Ganz gleich, ob monetär oder emotional. Eine feinsinnige Erzählung über das Leben selbst, über Sehnsüchte, Verlust, Freundschaft und der Gewissheit, dass in der Stille auch immer eine ganz eindringliche Aufforderung steckt, die der Buchtitel wiedergibt: "Lass den Tag nicht vorübergehen", denn jeder Tag ist (d)ein ganz persönliches Geschenk.