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Veröffentlicht am 10.09.2025

Vom Tennisstar zum Häftling

Inside
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Bobele – ein Name, der nicht nur Tennisfans ein Begriff ist. Mit 17 Jahren eroberte Boris Becker Wimbledon, später folgten Olympiagold im Doppel, Weltruhm und schließlich der tiefe Fall: Gefängnis wegen ...

Bobele – ein Name, der nicht nur Tennisfans ein Begriff ist. Mit 17 Jahren eroberte Boris Becker Wimbledon, später folgten Olympiagold im Doppel, Weltruhm und schließlich der tiefe Fall: Gefängnis wegen Steuerhinterziehung. Gerade dieser letzte Abschnitt seines Lebens weckte mein Interesse, denn der Klappentext versprach Einblicke in „die härtesten Gefängnisse Englands“ und Lektionen in Resilienz.

Beim Lesen stellte sich jedoch Ernüchterung ein. Zwar beschreibt Becker eindrücklich die Isolation von bis zu 22 Stunden täglich in der Zelle und die damit verbundenen mentalen Belastungen, insgesamt wirkt seine Haft aber deutlich gemäßigter, als es der Klappentext suggeriert. Durch seine Berühmtheit hatte er sicher einige Vorteile, auch wenn er kalkulieren musste und Gefahren allgegenwärtig blieben. Der Stoiker-Kurs, an dem er teilnahm, vermittelt grundlegende Strategien der Resilienz. Verwundert war ich, dass er diese Erkenntnisse erst mit Mitte 50 verinnerlichte. „Besser spät als nie“ könnte man sagen.

Spannend sind die Einblicke in seine Naivität als junger Millionär: Verantwortung übernahm er ungern, falsche Freunde sammelte er zuhauf. Befremdlich bleibt, dass Becker diese Lektionen erst so spät im Leben lernte – Erfahrungen, die viele bereits in ihren Zwanzigern machen. Ein Preis des frühen Ruhms, bei dem ihm vieles abgenommen wurde.

Der Schreibstil selbst enthält viele Wiederholungen, die in mir das Gefühl weckten, Becker wolle seine Sichtweise beim Leser unbedingt verankern. Authentisch vielleicht, aber oft erzeugte es Déjà-vus und wirkte eher ermüdend.

Positiv hervorzuheben sind die Fotos, Briefe aus dem Gefängnis sowie die Rückblicke auf seine sportliche Karriere. Für Becker-Einsteiger bietet das Buch interessante Facetten seines Lebens. Wer jedoch auf tiefgründige Resilienzlektionen oder schonungslose Einblicke in das Gefängnisleben hofft, könnte enttäuscht zurückbleiben.

Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass das Gefängnis und die vielen neuen Lektionen, die Becker gelernt hat, sein Leben stark verändert haben, und ich wünsche ihm das Allerbeste für seine weitere Zukunft.

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Fehlender Tiefgang

Das glückliche Leben
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Der französische Bestseller "Das glückliche Leben" beschäftigt sich mit dem Tod. Nicht mit dem endgültigen, sondern mit jenem, nach dem man den Sargdeckel wieder öffnet und weiterlebt.

Éric Kherson ist ...

Der französische Bestseller "Das glückliche Leben" beschäftigt sich mit dem Tod. Nicht mit dem endgültigen, sondern mit jenem, nach dem man den Sargdeckel wieder öffnet und weiterlebt.

Éric Kherson ist ein Hustler. Er hat sich nach oben gekämpft, liefert in seinem Job Spitzenleistung – und auch in der Regierung, wo ihn eine Freundin unterbringt, brilliert er. Für ein Buch von knapp 220 Seiten nimmt dieser Lebensabschnitt erstaunlich viel Raum ein, sodass der eigentliche Kern erst spät einsetzt. Denn auf einer Geschäftsreise nach Seoul begegnet Éric dem Tod – seinem eigenen.

Bekannt ist, dass die Koreaner für außergewöhnliche Ideen und Erfindungen offen sind. Ihr Mindset unterscheidet sich stark von unserem. So faszinierend wie fragwürdig wirkt daher das Konzept, Menschen ihren Tod „durchleben“ zu lassen, um sie mit den wirklich wichtigen Fragen zu konfrontieren. Was wünschen sich diejenigen, die in ihren eigenen Sarg steigen, vom Leben? Ist es tatsächlich der Job, der zählt? Das Geld auf dem Konto? Dass Nahtoderfahrungen Denkweisen verändern können, ist bekannt – aber dass man dieses Gefühl künstlich erzeugen kann, war auch für mich neu.

Érics Leben nimmt dadurch eine Wende, und er kehrt nach Paris zurück, um die Idee zu importieren. Als Gegengewicht tritt Amélie auf, jene Freundin, die ihn einst in die Regierung holte. Auch sie lebt für die Arbeit und bildet damit einen starken Kontrast zu Éric. Durch diese Gegenüberstellung bleibt der gesellschaftliche Bezug erhalten: Neue Ideen stoßen selten sofort auf offene Arme, sie müssen sich erst durchsetzen.

Allerdings hätte ich mir mehr Reflexion von Éric gewünscht. Zwar gibt es zwei Schlüsselmomente, in denen seine Wandlung sichtbar wird, doch ein tieferes Nachdenken über Gesellschaft und Werte fehlt. Auch ein direkter Vergleich mit Südkorea hätte dem Buch gutgetan. Spannend waren immerhin die Einblicke in Suizidraten und Arbeitsmoral des Landes.

Ein eher stilles Buch. Interessant, aber ohne Erleuchtung.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Am Zahn der Zeit

All Better Now
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Neil Shusterman hat sich bereits mit anderen Büchern, wie der "Scythe"-Reihe einen große Namen gemacht. In seinen Welten ist er gesellschaftskritisch und taucht auf psychologischer Ebene in die Köpfe der ...

Neil Shusterman hat sich bereits mit anderen Büchern, wie der "Scythe"-Reihe einen große Namen gemacht. In seinen Welten ist er gesellschaftskritisch und taucht auf psychologischer Ebene in die Köpfe der Menschen ein. In seiner neusten Dilogie "All better now" begibt sich Shusterman auf brüchiges Terrain: Der Corona-Pandemie. Fünf Jahre nach dem ersten Lockdown bringt er einen Roman aus, der sich damit beschäftigt, was ein Virus in Menschen auslöst, welche Fraktionen es gibt und was wäre eigentlich, wenn der Virus uns alle sorgenlos werden lässt? Ich fand die Wahl mutig. Nach den Lockdowns, nach den Impfungen, nach den ganzen Auflagen, war die Menschheit dem Thema überdrüssig. Viele konnten es nicht mehr hören. Gibt es dazu überhaupt die eine richtige Meinung? Doch Shusterman stellt sich den spannenden und wichtigen Frage: Was wäre, wenn die Pandemie uns entschleunigt hat? In seinem Buch gibt es die Genesenen, die plötzlich einen komplett andere Blick auf die Welt haben. Materieller Wert ist nicht mehr wichtig. Im Vordergrund steht es, den Mitmenschen zu helfen und Gutes zu tun. Die Genesenen sind mit wenig zufrieden. Sie sind glücklich. All happy, oder nicht?
Natürlich gibt es noch die Gegenpartei. Sie sehen das Virus als Bedrohung und wollen es stoppen. Der Leser bekommt Einblicke in Machtspielchen, Geldtransfere und den großen moralischen Fragen, die man sich im Labor so stellt. Der Roman fühlt sich dystopisch und doch so real an. Es ist kaum zu leugnen, dass Corona die Gesellschaft damals gespalten hat und die Meinungen waren relativ unverrückbar. In "All better now" wird nun unter die Lupe genommen, wo wir mit der Selbstverwirklichung, die sich in dieser entschleunigten Lockdown-Zeit entwickelt hat, hinkommen. Ist es wirklich gut, wenn alle in Positivität leben? Oder gehen uns dadurch unsere Instinkte verloren? Ein hoch-moralisches Buch. Geschrieben in einem klaren und spannenden Schreibstil und einem rasanten Tempo.
Das Ende war leider ein kleiner Cliffhanger. Ich bin kein Freund dieser Methode, doch natürlich sorgt es dafür, dass ich unbedingt weiterlesen möchte. Klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Ein Werk kabarettistischer Art

Dr. No
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Mit Respekt ging ich an dieses Buch ran. Das Nichts erklären? Wie soll das funktionieren? Wie soll man über etwas, was nicht greifbar ist, schreiben? Wie wissenschaftlich wird es werden?

Die Fragen hätte ...

Mit Respekt ging ich an dieses Buch ran. Das Nichts erklären? Wie soll das funktionieren? Wie soll man über etwas, was nicht greifbar ist, schreiben? Wie wissenschaftlich wird es werden?

Die Fragen hätte ich mir wohl sparen können, denn diese zu stellen beantwortet die Frage bereits: Das Thema ist klug und aberwitzig zu gleich.

Die ersten Seiten gilt es mit völliger Konzentration zu lesen, um zu entschlüsseln, was für den Protagonisten Nichts ist. Nichts ist nichts. Nichts ist aber nicht nichts. Sich diese Denkweise anzueignen hat erstaunlich schnell funktioniert. Der Knoten im Kopf wird immer dicker und regelmäßig musste ich über die Definitionen schmunzeln und verzweifelt den Kopf schütteln. Dies lockerte das Buch ungemein auf.

An der Spitze der Welt sitzen die Milliardäre. Und diesen kann bekanntlich schonmal so langweilig werden, dass sie absurden Tätigkeiten nachgehen. So möchte Milliardär John Sill gerne die Macht über Nichts haben. Er vermutet diesen mächtigen Schatz in Fort Knox und bezieht die Hilfe des Professors Dr. No ein. Er gab sich den Namen Wala Kitu. Übersetzt: Nichts nichts. Der Leser erkennt, was sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht.

Dr. No merkt schnell, dass er und eine Kollegin in üble Machenschaften verwickelt wurde und versucht daraufhin die Welt zu retten. Wovor? Vor dem Nichts. Hier bekommt der Roman seine Wendung zum Kriminalroman, der wirklich einem James Bond-Abenteuer gleicht.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Der Autor ist gewieft. Die Wortwitze on point. Die Verwirrung in einer perfekten Dosis. Nach der anfänglichen Einarbeitung liest sich das Buch sehr angenehm. Hier mischt sich Wahn und Genie, wie wir es aus dem Sprichwort kennen. Der Roman unterscheidet sich stark von anderen. Der Inhalt kam sehr unerwartet, was mich fasziniert zurück lässt. Ein Werk kabarettistischer Art der Extraklasse und eine klare Empfehlung.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Meinungsmache im Wandel

Aufsteiger
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Manchmal gibt es Videos, die einen ganz klaren Sachverhalt völlig verkehrt herum darstellen. Ich schaue den Inhalt und denke mir: Das fühlt sich völlig falsch an. Beispielsweise werden Frauen oft gecatcalled, ...

Manchmal gibt es Videos, die einen ganz klaren Sachverhalt völlig verkehrt herum darstellen. Ich schaue den Inhalt und denke mir: Das fühlt sich völlig falsch an. Beispielsweise werden Frauen oft gecatcalled, doch dann schaue ich ein Video, wie ein Mann gecatcalled wird. Es soll aufweisen, wie unnatürlich sich eine Situation anfühlt, die man jahrelang auf eine bestimmte Weise getan hat. Und genau so hat sich Peter Huths Roman für mich angefühlt. Da kommt eine schwarze Frau an die Spitze eines Verlags und der weiße Mann klagt. Er klagt wegen ungerechter Behandlung. Er klagt, weil er nur wegen seiner Hautfarbe und seines Alters nicht an die Spitze befördert wurde. Sollte darüber überhaupt debattiert werden? Ehrlich gesagt, bin ich am Ende des Buches nicht schlauer.

Huth bringt Diskussionen wie "Diskriminierung" und "Transsexualität" mit klaren Worten auf den Punkt und versucht dies auch mit anderen gesellschaftskritischen Themen. Dabei fehlte mir die Aktualität des Buches, denn auch "Klimakleber", "Indianer" und "Windräder" nahmen viel Platz im Buch ein. Dies mag 2022 - in dem Jahr spielt das Buch - noch aktuell gewesen sein, aber in 2025 sind wir über die Themen weit hinaus.

Huth bringt viele Meinungsmacher in sein Buch ein. Wie wir es aus dem Internet gewöhnt sind, will jeder davon seine Sichtweise durchbringen. Gerade die Feministin Zoe Rauch - neue Chefredakteurin - stößt auf sehr viel Gegenwind und scheint mit ihrer "woken" Art anzuecken. Ein ewiger Kampf. (Hallo Milram-Käse). Der Roman zeigt klug auf, welche Parteien kämpfen und wie Stimmungsmache funktioniert.

Letzten Endes bin ich mir jedoch unsicher, ob Huth selbst für oder gegen Veränderung ist. Sein Roman hat mich oft zum Überdenken einiger heutiger Meinungen gebracht. Das Buch zu beenden lies mich etwas leer zurück. Ich musste erst überdenken, was die Botschaft ist. Ob ich gerade einen gewaltigen Epos oder ein standardisiertes weißes Gedankengut gelesen habe. Der Inhalt war spannend, flüssig zu lesen und ich spreche eine Empfehlung dafür aus - einfach um sich und das gesellschaftliche Denken zu reflektieren.

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