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Veröffentlicht am 22.03.2023

Herrliche Zeit- und Urlaubsreise

Goldene Zeiten im Inselsalon
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führt den Leser von Sylvia Lotts Roman „Goldene Zeiten im Inselsalon“ auf die Insel Norderney und in das Berlin der 20er Jahre. Die Geschichten um den Friseursalon Fisser gehen weiter. Diesmal steht Friedas ...

führt den Leser von Sylvia Lotts Roman „Goldene Zeiten im Inselsalon“ auf die Insel Norderney und in das Berlin der 20er Jahre. Die Geschichten um den Friseursalon Fisser gehen weiter. Diesmal steht Friedas Tochter Lissy im Mittelpunkt, die sich aus der engen Inselwelt in die große Weltstadt Berlin träumt und dann dort tatsächlich eine Anstellung in einem Friseur- und Schönheitssalon findet. Sie stürzt sich in das illustre Treiben der Großstadt und lernt den Bankierssohn Ivo kennen, der sie in die Welt der Reichen und Schönen einführt. Doch, wie die Geschichte zeigt, steht das Sündenbabel Berlin auf tönernen Füßen wie auch das Glück der jungen Lissy.
Mit viel Charme und großer Kenntnis von Insel- und Stadthistorie entwirft die Autorin ein illustres Bild der Insel Norderney und der Großstadt Berlin in den 20er Jahren. Dass der Roman an zwei so unterschiedlichen Schauplätzen spielt, verspricht dem Leser eine Menge Abwechslung. Die Charakterköpfe des Inselvölkchens mit Namen wie Dodo, Bonno oder Sübo und die liebevoll geschilderte friesische Lebensart bezaubern den Leser und versetzen ihn in Urlaubsstimmung. Das schillernde Leben in Berlin auf der anderen Seite ersteht so lebendig vor seinen Augen, dass er sich beim Lesen ganz beschwingt mit hineinziehen lässt in diese Welt vor hundert Jahren. Die sympathischen Hauptfiguren und ihre Schicksale, die immer neue spannende Wendungen nehmen – eine Friseurmeisterschaft, ungeplante Schwangerschaften, alkoholsüchtige Schwiegermütter, hunderte erholungsbedürftige Kinder aus dem besetzten Ruhrgebiet, Inflation und ein konkurrierender Friseursalon, ein durch Eis und Schnee von der Welt abgeschnittenes Norderney – lassen den Leser nicht mehr los und bereiten ein Lesevergnügen bis zur letzten Seite mit der schönen Aussicht, dass ein vierter Band schon angekündigt ist. Wer keine Zeit für Urlaub hat, kann mit diesem Buch für ein paar Stunde auf Zeit- und Urlaubsreise gehen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.03.2023

Böser Zauber in den Karpaten

Tod in Siebenbürgen
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Paul Schwartzmüllers Tante stirbt und vererbt ihm ihren Hof in Siebenbürgen, auf dem er die schönste Zeit seiner Kindheit verbracht hat, bevor er mit seinem Vater Rumänien bei Nacht und Nebel verlassen ...

Paul Schwartzmüllers Tante stirbt und vererbt ihm ihren Hof in Siebenbürgen, auf dem er die schönste Zeit seiner Kindheit verbracht hat, bevor er mit seinem Vater Rumänien bei Nacht und Nebel verlassen musste. Nun macht er sich auf in die Karpaten, um sich sein Erbe anzuschauen. Dabei begegnet er seinem Jugendfreund Sorin wieder, den man kurz darauf wegen Mordverdachts verhaftet. Paul, von Berufs wegen Investigativjournalist, macht sich kurzerhand auf die Suche nach dem wahren Täter und stößt dabei auf Unglaubliches.
Zunächst einmal beeindrucken den Leser die Landschaftsdarstellungen der Karpaten. Spricht diese umwerfende Landschaft schon für sich, so gelingt es der Autorin auf wunderbare Weise, diese Schönheit vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. Gekonnt flicht sie in die Handlung die Geschichte Siebenbürgens ein, lokale Speisen, aber auch Spukgeschichten um Dracula und bösen Zauber, sodass der Leser sich immer wieder fragen muss, ob er es bei dem Täter wirklich mit einem menschlichen Bösewicht zu tun hat. Neben aller spannenden Historie entwickelt sich eine dramatische Tätersuche, die auch Paul fast um den Verstand zu bringen droht, den als Starjournalist eigentlich nichts um seine Professionalität bringen kann. Bis zum Schluss verfolgt der Leser mit ihm viele mögliche Fährten, bis es Paul und Leser am Ende wie Schuppen von den Augen fällt. Absolut unvorhersehbar und mitreißend. Toll geschrieben. Nette Figuren.
Kleines Manko: Unsere große Spürnase Tom kommt das ein oder andere Mal dann doch zu naseweis und naiv daher. Und ganz am Ende ist es doch etwas mehr Dracula-Schauder- als Kriminalroman.
Aber auf jeden Fall auch für Sonst-Nicht-Unbedingt-Krimileser ein vielseitiger Spaß mit Bildung inklusive!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 17.03.2023

Rasant und vielschichtig

Die stille Mörderin
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Kommissar Tom Simon ermittelt im Mordfall des Rechtspopulisten Krambach. Feinde hatte der polarisierende Autor sowohl unter den Linken als auch unter den Rechten. Doch Tom kommt die Ahnung, dass dieser ...

Kommissar Tom Simon ermittelt im Mordfall des Rechtspopulisten Krambach. Feinde hatte der polarisierende Autor sowohl unter den Linken als auch unter den Rechten. Doch Tom kommt die Ahnung, dass dieser Fall etwas mit der Vergewaltigung und Ermordung von Sonny, der Freundin seines Bruders, etliche Jahre zuvor zu tun haben könnte. Sein Zwilling Marco ist als Angehöriger eines bolivianischen Drogenkartells und möglicher Tatverdächtiger der Ermordung eines V-Mannes schon ins Visier der Hamburger Polizei geraten. Könnte er auch der Mörder im Falle Krambach sein?
Simon und seine neue Partnerin ermitteln in der rechten Szene, in der Welt der illegalen bare knuckle Boxkämpfe, aber auch unter der gehobenen Klasse der rechtskonservativen Eliten in Hamburg. Auf eigene Faust macht sich Simon parallel dazu auf die Suche nach seinem Bruder und trifft im Hamburger Nachtleben dabei auf eine Reihe alter Bekannter. Wem davon kann er noch trauen? Mehr als einmal geraten er und seine Partnerin bei der Ermittlung an ihren Grenzen – auch an ihre physischen.
Ein packender, vielschichtiger Krimi, der den Namen Pageturner in vollem Umfang mehr als verdient hat. Die Charaktere sind extrem, das Ermittlerduo in all ihren Schattenseiten umso menschlicher. Die Handlung schlägt immer wieder neue Haken, nimmt stets neue Verläufe. Alles ist möglich. Bis zum Schluss eröffnen sich dem Leser neue Zusammenhänge. Und mit atemloser Spannung folgt er dem Autor, der gekonnt konstruiert und dem es gelingt, noch im letzten Drittel neue Figurenkonstellationen einzuflechten, ohne jemals gekünstelt oder sprunghaft zu wirken. Neben der absolut überzeugenden Konzeption besticht der Autor mit einer bildhaft packenden Sprache, bei der der Leser den Eindruck gewinnt, die Handlung vor dem inneren Auge ablaufen zu sehen. Dabei eröffnet Thorsten Kirves dem Leser so viele spannende wie differenzierte Einblicke in die Ideenwelt rechtskonservativer Politiker- und intellektueller Bürgerkreise, aber auch das Geflecht rechter Polizeigruppen bis hin zu neonationalen Schlägertruppen, die sich am Rande der illegalen Boxkämpfe bewegen, ohne dabei jemals ins Klischee zu verfallen. Die Handlungsmotive der verschiedenen Akteure sind erschreckend nachvollziehbar, wenn auch nicht immer gutzuheißen oder entschuldbar.
Einzige Einschränkung: Wer nicht die Zeit hat, die 560 Seiten gefühlt in einem Rutsch zu verschlingen, könnte ein Problem mit Anschlussterminen bekommen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.03.2023

Der lange Arm der Gerechtigkeit

Frisch ermittelt: Der Fall Kaltwasser
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…. muss nicht immer die Justiz sein. Das wird deutlich im Fall Kaltwasser. Der Richter wird auf seltsame Art auf einem Friedhof ermordet. Die Verdächtigen stehen Schlange: die Ehefrau, weil er ein langjähriges ...

…. muss nicht immer die Justiz sein. Das wird deutlich im Fall Kaltwasser. Der Richter wird auf seltsame Art auf einem Friedhof ermordet. Die Verdächtigen stehen Schlange: die Ehefrau, weil er ein langjähriges Verhältnisse hatte, die Söhne, weil er ein Despot war, eine seiner weiblichen Angestellten, weil er ein grabschender Chef war, ein ehemaliger Verurteilter, weil er sich rächen will, oder ein Politischer, weil der Richter in der NS-Vergangenheit Dreck am Stecken hatte. Als ein zweiter Mord geschieht mischen sich alle Karten wieder neu, nur die Mordwaffe ist dieselbe und so somit scheint eine Verbindung mehr als logisch.
Die Polizei wird auch in diesem Fall tatkräftig unterstützt von Martha Frisch, Inhaberin der Heißmangel, in der alle Informationsfäden des Dorfes zusammenlaufen. Martha ist eine sympathische, aufmerksame, mutige Figur, die sich manchmal ein wenig zu weit aus dem Fenster lehnt. Aber zum Glück ist ihr Neffe bei der Polizei und kann ihr aus der Patsche helfen, wenn es brenzlig wird. Und das wird es am Ende der Ermittlungen in einem fulminanten Finale!
Neben der spannenden Story und den interessanten Dorffiguren, von denen jeder jeden kennt, besticht der Krimi zum einen durch seine historischen Bezüge, die die Handlung noch spannender machen, und zum anderen durch das Lokalkolorit, das die Autorin wunderbar einfließen lässt, sodass der Leser sich sehr heimisch fühlt in dem kleinen Friesenstädtchen.
Sehr sympahtisch gelesen, ein unterhaltsames und abwechslungsreiches Hörvergnügen!

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Veröffentlicht am 25.02.2023

Wenn weder das Leben noch der Tod es gut mit einem meinen

Kollektorgang
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Der 13jährige Erzähler der Geschichte hat ein markantes Merkmal. Er ist tot. Und er erzählt von seinem Grabstein aus, wie es dazu kam. Er lebt mit Mutter und ab und an auch Vater in einem Plattenbau. Der ...

Der 13jährige Erzähler der Geschichte hat ein markantes Merkmal. Er ist tot. Und er erzählt von seinem Grabstein aus, wie es dazu kam. Er lebt mit Mutter und ab und an auch Vater in einem Plattenbau. Der Hof ist Kampfplatz für Gangs von Halbstarken, die die jüngeren, ängstlicheren, schwächeren Kinder drangsalieren und ausnehmen. Und auch die ausländischen Kinder, wie den Jungen Rajko und seine Schwester Ema, mit denen sich der Erzähler im Laufe der Zeit anfreundet: Rajko bewundert er für seinen Mut, und in Ema verliebt er sich. Dramatisch spitzen sich die Ereignisse zu, als die drei mit einem weiteren vermeintlichen Freund einen Kollektorgang entdecken, einen Schacht für die Versorgungskanäle der Häuserblocks, über den man in die verschiedenen Höfe gelangt. Das ist Nicki, furchteinflößender Boss über die Höfe, ein Dorn im Auge. Sowieso gilt es, den mutigen Rajko in die Schranken zu weisen, und dafür ist Nicki jedes Mittel recht.
Der Autor erzeugt in seinem Jugendroman ein bedrohliche Atmosphäre von Willkür, Gewalt und Brutalität. Schon darum ist er sicherlich nicht für alle Leser geeignet. Da helfen auch die locker ironischen Kommentare des (un)toten Erzählers nicht, der mit seinem Grabnachbarn über das Leben und den Tod sowie das Leben der Lebenden philosophiert. Sowohl in diesen Passagen als auch in der Erzählung der Vorgänge, die aus den Augen des 13jährigen Mario geschildert werden, hat man weder vom Denk- noch vom Sprachduktus her das Gefühl, man habe es mit einem ängstlichen Jungen zu tun, der mit der Möglichkeit, ab dem nächsten Schuljahr aufs Gymnasium zu gehen, den gewalttätigen Wohnblocks entkommen könnte. Dafür sind Gedanken und Worte zu erwachsen, abgeklärt, bisweilen poetisch-philosophisch überhöht.
Dafür bleiben die Figuren, bisweilen auch die Handlung, und ihre Hintergründe zu schemenhaft und vage, wie die Schatten in dem Kollektorgang. Über niemand erfährt der Leser etwas Genaueres, lediglich ein paar klischeehafte Äußerlichkeiten und eine Nummer für den Block, in dem der jeweilige lebt.
Was nimmt der Leser mit aus der Geschichte? Wo liegt der Sinn eines Lebens, das so sinnlos endet? Kann Freundschaft etwas ausrichten gegenüber dem Recht des Stärkeren, auch wenn seine Stärke auf Einschüchterng beruht? Rettet die Liebe vor dem Tod? Gibt es eine Linie, die eventuell einen Übergang in ein ewiges Leben zu markieren scheint? Und ist ein ewiges Leben überhaupt erstrebenswert, wenn das Leben nach dem Tod auf dem Friedhof schon so wenig lebenswert erscheint? Die Lebenden führen ihr Leben weiter, scheinbar, ohne etwas gelernt zu haben. Von den Freunden erscheint keiner mehr an Marios Grab. Hat sich in ihrem Leben etwas verändert?
Das Buch ist keine leichte Kost. Müssen Bücher ja auch nicht immer sein. Aber mir fehlt hier etwas, das über die Sinnlosigkeit des Lebens und des Todes hinaus verweist, gerade wenn es sich an so junge Menschen richtet, wie Mario, die das Leben eigentlich noch vor sich haben.

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