Profilbild von lielo99

lielo99

Lesejury Star
offline

lielo99 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit lielo99 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.03.2026

Kein Buch für Zwischendurch

Mischka
0

So viele Jahre musste "Mischka" in der Verbannung leben. Und trotzdem brachte sie nach ihrer Freilassung so viele Menschen zusammen. Die Autorin Barbara Honigmann sagt, dass sie unter anderem durch den ...

So viele Jahre musste "Mischka" in der Verbannung leben. Und trotzdem brachte sie nach ihrer Freilassung so viele Menschen zusammen. Die Autorin Barbara Honigmann sagt, dass sie unter anderem durch den Krieg in der Ukraine erkannte, dass die Vergangenheit eine neue Aktualität erhielt. Sie dachte zurück an die Zeit in Moskau als dort der Zusammenbruch des riesigen Sowjetreichs spürbar war. Sie erinnert an ihre Freunde, die sich gegen das Regime wehrten und sogar den Verlust ihrer Freiheit in Kauf nahmen.

Es waren Freunde ihrer Eltern, die Frau Honigmann in diesem Buch porträtiert. Obwohl sie sowohl Verluste als auch Verfolgung erduldeten, ihren Humor behielten sie. Nein, nicht alle. Und das macht dieses Buch so einzigartig. Es berichtet auch von Menschen, die mit den geerbten Traumata nicht leben konnten. Auf welche Weise leiden Kriegskinder und -enkel bis heute unter den Verletzungen ihrer Vorfahren? Es ist unglaublich und doch so realistisch, wenn man das Buch aufmerksam liest.

Nein, es ist keine Lektüre für Zwischendurch. Dieses Werk verdient Aufmerksamkeit. Vielleicht muss es auch ein zweites oder drittes Mal gelesen werden, um seinen Wert zu erkennen. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle, die auch vor tiefgreifender Lektüre nicht haltmachen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.03.2026

Ein Buch, das lange nachhallt

Genau so fängt es an
0

Sie war erst zwei Jahre alt, als sie eine Nummer auf den Arm tätowiert bekam. Nur durch unglaubliches Glück überlebte sie Auschwitz. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die mit der kleinen Schwester schwanger ...

Sie war erst zwei Jahre alt, als sie eine Nummer auf den Arm tätowiert bekam. Nur durch unglaubliches Glück überlebte sie Auschwitz. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die mit der kleinen Schwester schwanger war. Die Nazis sprengten nämlich alle Gasöfen, weil sie den Rettern keine Spuren ihrer Gräueltaten hinterlassen wollten. Das geschah kurz vor der Ankunft Eva Umlaufs. Niemand kann nachvollziehen, mit welchen Erinnerungen diese Frau seitdem lebt. Was mag in ihr vorgehen wenn sie sieht, dass erneut eine rechtsextreme Partei im Deutschen Bundestag sitzt.

In einem Punkt muss ich der Autorin des Buches "Genau so fängt es an" widersprechen. Nein, leider ist diese zeit nicht seit 80 Jahren Unterrichtsstoff. Die Aufarbeitung fand erst später statt und ich bin überzeugt davon, dass es in Deutschland keine adäquate Entnazifizierung gab. Welche Gelegenheiten ließen die Lehrpläne aus? Warum wurde erst Jahre später das „Dritte Reich“ in den Schulen thematisiert? Bei uns endete der Geschichtsunterricht kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Zufall? Ich denke nicht.

Frau Umlauf zeigt ihn ihrem Buch auf, wo die Wurzeln des Antisemitismus liegen. Bereits im römischen Reich wurden Juden verfolgt und getötet. Warum hält diese Unart bis heute an? Warum wird ihr Leid bis heute verharmlost? Selbst von Menschen, die sie kennt und schätzt gibt es nur Klagen über ihr Los. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben und das war schlimm. Aber mal ehrlich, wo lag denn die Ursache der Vertreibung? Mit Sicherheit nicht bei den Juden. Wer jubelte denn dem Führer so richtig enthusiastisch zu?

Ein Zitat des F.J. Strauß darf in dieser Rezension nicht fehlen. Im Jahr 1987, also kurz vor seinem Tod, sagte er: „Rechst neben der CDU/CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben“. Bis heute denkt Frau Umlauf mit Schrecken und Abscheu an den 29. Januar 2025 zurück. Was Herr Merz damals veranstaltete, werde auch ich niemals vergessen. Gemeinsam mit der AfD brachte er einen Antrag ins Rollen, der Zurückweisungen und konsequente Abschiebungen von Hilfesuchenden legitimierte. Und dieser Mann wurde später Kanzler der BRD.

Noch ein Gedanke aus dem Buch beschäftigt mich. Das ist die Frage, warum nicht zwischen Regierung und der Bevölkerung Israels unterschieden wird. So viele Menschen gehen dort auf die Straße und protestieren gegen Netanjahu und seine Koalitionspartner. Juden, die in der Diaspora also in Deutschland leben, werden angegriffen? Warum?

Welch ein berührendes Buch. Bemerkenswert auch, dass Frau Umlauf am 29.Januar 2025 einen Brandbrief an Herrn Merz schrieb. Darin formulierte sie ihre Sorge um den Rechtsdruck im Parlament. Leider hatte Herr Merz keine Zeit, diesen Brief zu beantworten. Wurde er für seinen Wahlkampf über die Maßen beansprucht?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.03.2026

Es gibt Traumata, die niemals vergessen werden

Immergrün
0

Die Mutter der Ich-Erzählerin Ruth war die jüngere Schwester eines talentierten Jungen. Sie litt sehr darunter, dass ihr Bruder bei der Mutter stets an erster Stelle stand. Ihr Vater wollte einer verfolgten ...

Die Mutter der Ich-Erzählerin Ruth war die jüngere Schwester eines talentierten Jungen. Sie litt sehr darunter, dass ihr Bruder bei der Mutter stets an erster Stelle stand. Ihr Vater wollte einer verfolgten jüdischen Familie helfen und landete im KZ. Als er zurück kam, war er ein gebrochener Mann. Er erhängte sich auf der Toilette eines Krankenhauses. Vorher erwartete er von seiner Tochter, dass sie ihn vor seinen Verfolgern beschützt. Die gab es allerdings nur in seiner Fantasie.

Nach dem Tod der Mutter fährt die Tochter mit zwei Urnen in die Heimat von Mutter und Großmutter. Das hat sie ihnen versprochen. Sie sollen im Grab ihres toten Sohnes und Bruders beigesetzt werden. Auf dem Weg nach Litauen denkt Ruth an die Zeit ihrer Kindheit zurück. Für sie galt es, etliche Hürden zu überwinden. Wie gut ihr das gelang, zeigt ihre Laufbahn bis zum heutigen Tag.

Die Erzählung wechselt von den Ereignissen während der Fahrt nach Litauen und den Erinnerungen an die Kindheit der Autorin. Die Zeitsprünge sind nicht immer klar und dadurch wird das Lesen zuweilen anstrengend. Was mich aber beeindruckte, das war die Stärke des Kindes. Wie sie ihrer Mutter half und sich stets gegen das Auseinanderbrechen der Familie wehrte. Ein lesenswerter Roman, der sehr gut die Spätfolgen von Traumata darstellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.02.2026

Das Land der erfundenen Biografien

Landschaft ohne Zeugen
0

Sie war 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal den Ort des Verderbens besuchte: Buchenwald. Damals noch das stotternde Kind, welches das Wort Katze kaum aussprechen konnte. Ines Geipel, die Autorin von "Landschaft ...

Sie war 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal den Ort des Verderbens besuchte: Buchenwald. Damals noch das stotternde Kind, welches das Wort Katze kaum aussprechen konnte. Ines Geipel, die Autorin von "Landschaft ohne Zeugen" wuchs in der DDR auf. Als sie sich näher mit den Verbrechen während des zweiten Weltkriegs befasst kommt sie zu dem Schluss, dass zu viele Ereignisse am liebsten vergessen werden. Das Bemühen der Aufarbeitung fand zwar im Westen statt, es blieb aber leider nur bei einem Bemühen. Zu viele Täter wurden nach dem Krieg mit hohen Positionen in Politik und Öffentlichkeitsarbeit „belohnt“.

Frau Geipel besuchte etliche Archive und las unendlich viele Zeitzeugenberichte. Danach war für sie klar, dass eine umfangreiche Aufarbeitung nie gewünscht war. Im Osten noch weniger als im Westen. Sie erläutert das unter anderem an dem Buch „Nackt unter Wölfen“. Aber auch die Einweihung des Erinnerungsortes Buchenwald stößt bitter auf. Außenstehende sahen viele Menschen und es schien ihnen, dass dort ein Volksfest stattfand. Heute heißt es wohl „Katastrophentourismus“, was damals dort ablief.

Das Buch ist für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Für mich ein sehr gutes Sachbuch das eindringlich über die Morde während des Krieges aufklärt. Nach jedem Kapitel gibt es exakte Quellenangaben zu den hier dargestellten Taten. Das sind unter anderem Befragungen, die während einer Inhaftierung geführt wurden. Dieses Werk von Frau Geipel, in dem sie übrigens auch die Handlungen innerhalb ihrer Familie thematisierte, ist ein wichtiges Zeugnis unserer Geschichte. Auch wenn es nicht allen Deutschen gefällt und sie einen Schlussstrich ziehen möchten. Das darf niemals geschehen und Bücher wie dieses gehören auf alle Bestsellerlisten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.02.2026

Ein Buch, das lange nachhallt

Zugwind
0

Nein, es war nicht der Krieg, der Mira Zehmann nach Deutschland führte. Schon etliche Jahre vorher fassten sie und ihr Mann den Entschluss, der Ukraine den Rücken zu kehren. Dann kam der Einmarsch der ...

Nein, es war nicht der Krieg, der Mira Zehmann nach Deutschland führte. Schon etliche Jahre vorher fassten sie und ihr Mann den Entschluss, der Ukraine den Rücken zu kehren. Dann kam der Einmarsch der Russen. Wie gut, dass Mira sich auskennt, so dachten viele ihrer Landsleute. Sie erwarten von ihr, dass sie zuhört und Verständnis für die Lage der Überfallenen zeigt. Doch, wie kann sie damit umgehen? Und ja, sie fühlt sich schuldig, weil sie vor Jahren ihre Heimat verließ und in den sicheren Westen zog.

So viele Menschen kommen in dem Buch "Zugwind" zu Wort. Die Autorin gibt jedem eine Stimme und zeigt gleichzeitig, wie zerrissen die Ärztin ist. Weil sie sich das Schicksal der Vertriebenen anhört. Dazu gehören Menschen, die traumatisiert sind und bei jedem lauten Geräusch zusammenzucken. Oder jene, die sich nach ihrer Heimat verzehren und nicht realisieren können, was dort geschieht.

Ein Buch, das nachhallt. Die Schicksale der „Patienten“ sind so emotional geschrieben, dass ich mitfühlen konnte. Das lag auch an dem sehr guten Vortrag der Sprecherin Lisa Hrdina. Keine Frage, für mich das perfekte Buch für alle, die sich erdreisten, sich über Geflüchtete aus der Ukraine ein Urteil zu erlauben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere