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Veröffentlicht am 01.03.2026

Es gibt Traumata, die niemals vergessen werden

Immergrün
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Die Mutter der Ich-Erzählerin Ruth war die jüngere Schwester eines talentierten Jungen. Sie litt sehr darunter, dass ihr Bruder bei der Mutter stets an erster Stelle stand. Ihr Vater wollte einer verfolgten ...

Die Mutter der Ich-Erzählerin Ruth war die jüngere Schwester eines talentierten Jungen. Sie litt sehr darunter, dass ihr Bruder bei der Mutter stets an erster Stelle stand. Ihr Vater wollte einer verfolgten jüdischen Familie helfen und landete im KZ. Als er zurück kam, war er ein gebrochener Mann. Er erhängte sich auf der Toilette eines Krankenhauses. Vorher erwartete er von seiner Tochter, dass sie ihn vor seinen Verfolgern beschützt. Die gab es allerdings nur in seiner Fantasie.

Nach dem Tod der Mutter fährt die Tochter mit zwei Urnen in die Heimat von Mutter und Großmutter. Das hat sie ihnen versprochen. Sie sollen im Grab ihres toten Sohnes und Bruders beigesetzt werden. Auf dem Weg nach Litauen denkt Ruth an die Zeit ihrer Kindheit zurück. Für sie galt es, etliche Hürden zu überwinden. Wie gut ihr das gelang, zeigt ihre Laufbahn bis zum heutigen Tag.

Die Erzählung wechselt von den Ereignissen während der Fahrt nach Litauen und den Erinnerungen an die Kindheit der Autorin. Die Zeitsprünge sind nicht immer klar und dadurch wird das Lesen zuweilen anstrengend. Was mich aber beeindruckte, das war die Stärke des Kindes. Wie sie ihrer Mutter half und sich stets gegen das Auseinanderbrechen der Familie wehrte. Ein lesenswerter Roman, der sehr gut die Spätfolgen von Traumata darstellt.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Das Land der erfundenen Biografien

Landschaft ohne Zeugen
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Sie war 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal den Ort des Verderbens besuchte: Buchenwald. Damals noch das stotternde Kind, welches das Wort Katze kaum aussprechen konnte. Ines Geipel, die Autorin von "Landschaft ...

Sie war 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal den Ort des Verderbens besuchte: Buchenwald. Damals noch das stotternde Kind, welches das Wort Katze kaum aussprechen konnte. Ines Geipel, die Autorin von "Landschaft ohne Zeugen" wuchs in der DDR auf. Als sie sich näher mit den Verbrechen während des zweiten Weltkriegs befasst kommt sie zu dem Schluss, dass zu viele Ereignisse am liebsten vergessen werden. Das Bemühen der Aufarbeitung fand zwar im Westen statt, es blieb aber leider nur bei einem Bemühen. Zu viele Täter wurden nach dem Krieg mit hohen Positionen in Politik und Öffentlichkeitsarbeit „belohnt“.

Frau Geipel besuchte etliche Archive und las unendlich viele Zeitzeugenberichte. Danach war für sie klar, dass eine umfangreiche Aufarbeitung nie gewünscht war. Im Osten noch weniger als im Westen. Sie erläutert das unter anderem an dem Buch „Nackt unter Wölfen“. Aber auch die Einweihung des Erinnerungsortes Buchenwald stößt bitter auf. Außenstehende sahen viele Menschen und es schien ihnen, dass dort ein Volksfest stattfand. Heute heißt es wohl „Katastrophentourismus“, was damals dort ablief.

Das Buch ist für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Für mich ein sehr gutes Sachbuch das eindringlich über die Morde während des Krieges aufklärt. Nach jedem Kapitel gibt es exakte Quellenangaben zu den hier dargestellten Taten. Das sind unter anderem Befragungen, die während einer Inhaftierung geführt wurden. Dieses Werk von Frau Geipel, in dem sie übrigens auch die Handlungen innerhalb ihrer Familie thematisierte, ist ein wichtiges Zeugnis unserer Geschichte. Auch wenn es nicht allen Deutschen gefällt und sie einen Schlussstrich ziehen möchten. Das darf niemals geschehen und Bücher wie dieses gehören auf alle Bestsellerlisten.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Ein Buch, das lange nachhallt

Zugwind
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Nein, es war nicht der Krieg, der Mira Zehmann nach Deutschland führte. Schon etliche Jahre vorher fassten sie und ihr Mann den Entschluss, der Ukraine den Rücken zu kehren. Dann kam der Einmarsch der ...

Nein, es war nicht der Krieg, der Mira Zehmann nach Deutschland führte. Schon etliche Jahre vorher fassten sie und ihr Mann den Entschluss, der Ukraine den Rücken zu kehren. Dann kam der Einmarsch der Russen. Wie gut, dass Mira sich auskennt, so dachten viele ihrer Landsleute. Sie erwarten von ihr, dass sie zuhört und Verständnis für die Lage der Überfallenen zeigt. Doch, wie kann sie damit umgehen? Und ja, sie fühlt sich schuldig, weil sie vor Jahren ihre Heimat verließ und in den sicheren Westen zog.

So viele Menschen kommen in dem Buch "Zugwind" zu Wort. Die Autorin gibt jedem eine Stimme und zeigt gleichzeitig, wie zerrissen die Ärztin ist. Weil sie sich das Schicksal der Vertriebenen anhört. Dazu gehören Menschen, die traumatisiert sind und bei jedem lauten Geräusch zusammenzucken. Oder jene, die sich nach ihrer Heimat verzehren und nicht realisieren können, was dort geschieht.

Ein Buch, das nachhallt. Die Schicksale der „Patienten“ sind so emotional geschrieben, dass ich mitfühlen konnte. Das lag auch an dem sehr guten Vortrag der Sprecherin Lisa Hrdina. Keine Frage, für mich das perfekte Buch für alle, die sich erdreisten, sich über Geflüchtete aus der Ukraine ein Urteil zu erlauben.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Wunderschön und einfühlsam geschrieben

Eine Maus namens Merlin
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Helen Cartwright ist Witwe und lebte 60 Jahre in Australien. Jetzt kehrt sie in ihre Heimat zurück. Helen erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben. Sie hofft tatsächlich, dass sie bald sterben darf. Eines ...

Helen Cartwright ist Witwe und lebte 60 Jahre in Australien. Jetzt kehrt sie in ihre Heimat zurück. Helen erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben. Sie hofft tatsächlich, dass sie bald sterben darf. Eines Abends schaut sie aus dem Fenster und sieht einen Mann, der Sperrmüll an die Straße stellt. Obwohl im Nachthemd, eilt sie über die Straße und schaut sich die Sachen an. Kurz entschlossen nimmt sie einen Teil davon unter den Arm und geht damit zurück in ihr Haus. Was sie nicht erwartet ist die Tatsache, dass sie ab sofort einen Untermieter hat

So eine rührende Geschichte. Mit dem Sperrmüll des Nachbarn landet völlig unverhofft eine kleine Maus bei Helen. Zunächst ist sie nicht gerade erfreut. Nein, sie geht sogar in die Stadt kauft eine Falle. Denn mal ehrlich, was soll sie mit dem Tierchen, wenn sie eh nur noch wenige Tage zu leben hat? Die Idee mit der Falle stellt sich aber als Schnapsidee heraus und Helen freundet sich mit dem Kleinen an. Sie nennt ihn Merlin.

Ganz langsam wird aus einer Zufallsbekanntschaft echte Freundschaft. Der Autor schreibt das mit so viel Humor, dass ich immer wieder laut lachen musste. Dabei hat der Roman einen sehr ernsten Hintergrund und ist das Gegenteil einer oberflächlichen Geschichte. Nicht nur für Helen gilt es, dass Schwierigkeiten gemeistert werden müssen und sie merkt, wie wichtig soziale Kontakte sind. Ein richtig gutes Buch, das ich sehr gerne empfehle.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein unglaublich aufwühlendes Buch

Die Apotheke der Hoffnung
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Zosia ist glücklich. Heute wurde sie Frau Lewandowska und sie liebt ihren Ehemann so sehr. Auf dem Weg zur Wohnung treffen die Frischvermählten die kleine Hania. Sie ist Jüdin und wünscht dem jungen Paar ...

Zosia ist glücklich. Heute wurde sie Frau Lewandowska und sie liebt ihren Ehemann so sehr. Auf dem Weg zur Wohnung treffen die Frischvermählten die kleine Hania. Sie ist Jüdin und wünscht dem jungen Paar viel Glück. Dass es bald das letzte Mal ist, dass Hania und Zosia sich unbeschwert begegnen können, ahnen die drei noch nicht. Keine zwei Jahre später stirbt Zosias Ehemann in Sachsenhausen. Hania und ihre Lieben müssen die Wohnung räumen und ins Ghetto von Krakau umsiedeln. Das Grauen nimmt seinen Anfang.

Hania Silbermanns Vater ist Arzt. Dass er künftig mit seiner Ehefrau und den drei Kindern in einem Raum leben muss, ist für ihn unbegreiflich. Aber wie die meisten Juden nehmen sie ihr Schicksal klaglos an. Ein wenig Erleichterung verschafft ihnen hin und wieder die Polin Lewandowska. Sie bekam eine Stelle in der Apotheke, die auf dem Gelände des Ghettos steht. Der Inhaber Tadeusz Pankiewicz gehört heute zu den „Gerechten unter den Völkern“ und warum das so ist, wird in dem Buch "Die Apotheke der Hoffnung" erläutert.

Das Buch lässt mich nicht los. So intensiv schreibt die Autorin über das Leid, die Demütigungen und Willkür der Deutschen. So unvorstellbar grausam behandelten sie die Menschen, welche lediglich einen anderen Glauben hatten. Sie machten nicht vor Kindern, Senioren und Behinderten halt. Das Buch beschreibt die Zustände im Ghetto von Krakau und dem nahegelegenen Konzentrationslager Plaszow. Dann auch noch das Lager Auschwitz Birkenau und Bergen Belsen. Es wird aus zwei Perspektiven in der Ich-Form berichtet. Das ist einmal die Polin Zosia und dann Hania. Beide erleben das Geschehen so unterschiedlich.

Ich musste mich immer wieder aufraffen weiterzulesen. So lebendig beschreibt die Autorin die Grausamkeiten. Nicht nur einmal weinte ich um die vielen Vergessenen und ja, ich schäme mich, dass meine Landsleute so grausam waren. Und heute? Viele denken, dass doch endlich ein Schlussstrich gezogen werden müsse. Nein, das darf nicht sein. Allen die meinen, es wäre genug Erinnerung, die sollten dieses Buch lesen. „Nie wieder“ darf keine Floskel sondern ernster Wunsch aller Menschen sein.

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