Was im Verborgenen wächst
The ArtistIn „The Artist – Die Farben des Lichts“ erzählt Lucy Steeds von Joseph, der für ein englisches Kunstmagazin schreibt und in die Provence reist, um einen Artikel über den bekannten und erfolgreichen Maler ...
In „The Artist – Die Farben des Lichts“ erzählt Lucy Steeds von Joseph, der für ein englisches Kunstmagazin schreibt und in die Provence reist, um einen Artikel über den bekannten und erfolgreichen Maler Édouard Tartuffe zu verfassen. Tartuffe ist ein egozentrischer Künstler, der mit seiner Nichte Sylvette – genannt Ettie – zusammenlebt, die ihm den Haushalt führt und ihm bei seiner Arbeit zur Hand geht. Joseph darf für ein Gemälde Modell stehen und den Maler bei seiner Arbeit beobachten. Sein Aufenthalt bei „Tata“, wie Tartuffe genannt wird, bildet dabei ebenso wie das, was sich zwischen ihm und Ettie entwickelt, den Rahmen der Handlung. Dabei lebt Ettie scheinbar unauffällig im Schatten ihres dominanten Onkels – doch schnell wird deutlich, dass mehr in ihr steckt, als es auf den ersten Blick scheint.
Der Einstieg in den Roman fiel mir nicht ganz leicht, doch mit der Zeit entwickelt die Geschichte eine immer stärkere Sogwirkung. Die Kapitel sind abwechselnd aus der Perspektive von Joseph und Ettie erzählt. Sie sind meist eher kurz gehalten, wodurch sich die Geschichte gut lesen lässt. Dazwischen finden sich jedoch auch längere Abschnitte, in denen beide auf ihr früheres Leben zurückblicken und ihre Hintergründe ausführlicher beleuchtet werden.
Die Atmosphäre ist dabei von Anfang an etwas eigenwillig und spiegelt die exzentrischen Künstlerkreise der 1920er Jahre wider. Im Verlauf der Geschichte verschiebt sich der Fokus zunehmend: Während Tartuffe anfangs klar im Mittelpunkt steht, rückt Ettie immer stärker in den Vordergrund, bis sich die Handlung schließlich fast ganz auf sie konzentriert. Gleichzeitig zeigt Ettie Seiten, die zunächst kaum zu dem Bild passen, das man von ihr hat. Diese Momente wirken fast wie ein Gegenentwurf zu ihrer sonst so zurückgenommenen Art und verleihen ihrer Figur eine überraschende, stellenweise auch irritierende Spannung.
Durch die Perspektivwechsel zwischen Joseph und Ettie entsteht nach und nach ein vielschichtiges Bild von Abhängigkeit, Selbstbestimmung und künstlerischem Ausdruck. Ohne zu viel vorwegzunehmen, entwickelt sich die Geschichte in eine klare Richtung, deren Konsequenzen sich im Verlauf immer deutlicher zeigen und gerade dadurch ihren Reiz ausmachen.
Auch der Titel „The Artist“ erweist sich dabei als treffend gewählt, da er bewusst offen bleibt und verschiedene Deutungen zulässt.
Insgesamt ist es ein Roman, der sich Zeit nimmt, seine Figuren auszuleuchten und dessen Wirkung sich erst allmählich erschließt – am Ende jedoch umso deutlicher. Lucy Steeds hat mich damit sehr überzeugt und mir ein besonderes Leseerlebnis beschert.