Beeindruckend
Das Land der süßen EwigkeitIn "Das Land der süßen Ewigkeit" erscheinen erstmals mehrere bislang unveröffentlichte Erzählungen aus Harper Lees frühen Jahren, ergänzt durch Essays, die ihr Schreiben aus einer anderen Perspektive beleuchten. ...
In "Das Land der süßen Ewigkeit" erscheinen erstmals mehrere bislang unveröffentlichte Erzählungen aus Harper Lees frühen Jahren, ergänzt durch Essays, die ihr Schreiben aus einer anderen Perspektive beleuchten. Ich kannte die Autorin bisher nur durch "Wer die Nachtigall stört". Aber weil mir dieses Werk so nage gegangen war, wollte ich unbedingt mehr von ihr lesen. Und allein die Aufmachung des Buches hat es mir angetan.
Schon nach wenigen Seiten stellte sich bei mir dieses leise Gefühl des Wiedererkennens ein, das ich auf "Wer die Nachtigall stört" zurückführe – auch wenn es zunächst ungewohnt war, hier "nur" Kurzgeschichten zu lesen. Doch schon die erste Geschichte hat mich so berührt, und ein ganz besonderes Lebensgefühl vermittelt, dass ich vollkommen drin war. Markant ist neben den Inhalten auch ihre unverwechselbare Art zu erzählen: klar, präzise und mit einem feinen Gespür für die leisen Zwischentöne menschlicher Erfahrungen.
Inhaltlich ist der Band erstaunlich vielseitig. Lee schreibt über Kindheit und Erwachsenwerden, über familiäre Spannungen, Freundschaft und Liebe – aber auch über gesellschaftliche Fragen, Moral und Identität. Besonders die Geschichten, die im ländlichen Alabama spielen, haben mich beeindruckt: Sie wirken authentisch, atmosphärisch dicht und geben einen eindringlichen Einblick in eine Zeit und Lebenswelt, die gleichermaßen fremd und vertraut erscheint. Gleichzeitig zeigen die in New York angesiedelten Texte eine andere, reflektiertere Seite ihres Schreibens. Ich lese viele Bücher, die in Amerika spielen - und dabei besonders gerne aus den 50er - 80er Jahren. Daher haben die Rückblicke mir sehr gefallen.
Manche Geschichten haben mir besser gefallen als andere, das ist aus meiner Sicht aber absolut normal und hat meiner Lesefreude keinerlei Abbruch getan. Ich war einfach froh, die Autorin auf einer anderen, aber doch vertrauten Ebene besser kennenzulernen: gesellschaftskritisch, aufmerksam und zugleich zutiefst menschlich. Ich habe mir zwischen den einzelnen Geschichten bewusst Zeit gelassen, um reflektieren zu können - und das würde ich immer wieder so machen, weil die Themen teilweise wirklich "Raum brauchen".
Insgesamt ist "Das Land der süßen Ewigkeit" für mich ein sehr eindrucksvolles Buch, das mich gedanklich noch lange begleiten wird. Vor allem die stärksten Geschichten machen die Lektüre absolut lohnenswert – sie zeigen eindrucksvoll, welches Talent schon in Lees frühen Texten steckte. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!