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Veröffentlicht am 15.03.2026

Highlight!

Die Schwarzgeherin
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Schon lange hat kein Buch mehr dafür gesorgt, dass
- ich bereits auf den ersten Seiten weinen musste,
- ich am liebsten die halbe, ach was sag ich, die ganze Nacht durchgelesen hätte,
- ich aber gleichzeitig ...

Schon lange hat kein Buch mehr dafür gesorgt, dass
- ich bereits auf den ersten Seiten weinen musste,
- ich am liebsten die halbe, ach was sag ich, die ganze Nacht durchgelesen hätte,
- ich aber gleichzeitig nicht weiterlesen wollte, weil so schreckliche Dinge passiert sind
- und ich nicht wollte, dass das Buch endet.

In "Die Schwarzgeherin" begleiten wir Theres, die auf einem der großen Höfe in Tirol aufwächst. Das Leben der Dorfgemeinschaft wird bestimmt von harter Arbeit, Fleiß und Sparsamkeit, außerdem von (Aber-) Glauben und Traditionen. Wie zu dieser Zeit üblich, wird von den Töchtern erwartet, angemessen zu heiraten, Kinder zu bekommen und sie großzuziehen sowie sich um Haus und Hof zu kümmern. Dabei wird die Wahl des Ehegatten nicht etwa der Liebe wegen von den Töchtern selbst getroffen, sondern von deren Vätern, die sich lukrative Verbindungen für die Zukunft versprechen.

Doch dieses von Männern vorbestimmte Leben ist nichts für Theres. Schon früh steht fest:
"Niemals würde sie heiraten, niemals würde sie sich in die Ehe zwingen lassen und Mutter werden. Ihr eigener Weg sollte ein anderer werden." (S. 33)

Als der Fremde Xaver im Dorf aufkreuzt und die beiden sich näher kommen, sieht Theres ihre Chance gekommen, aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen und es zukünftig nach ihren Vorstellungen zu führen. Doch es sollte alles anders kommen. Theres lebt zwar fernab des Dorfes, jedoch ganz auf sich allein gestellt. Ihr einziger Halt ist ihre Tochter Maria.

Wir begleiten Theres und Maria durch die harten und einsamen Jahre. Theres mochte ich sehr, auch wenn sie durch ihre schroffe Art auf den ersten Blick nicht sympathisch wirkt. Aber ihre Stärke, ihr Wille, ihr Gerechtigkeitssinn machen aus ihr eine interessante Frau.

Der Schreibstil der Autorin ist großartig. Die Verwendung der österreichischen Sprache bei den Dialogen macht die Protagonisten viel nahbarer und authentischer. Die gesamte Geschichte ist atmosphärisch und teilweise düster, wodurch durchgehend eine gewisse Spannung gegeben ist.

Die Zwischenkapitel, die sich mit dem Leben der Raubvögel auseinandersetzen, sind sehr gelungen und haben thematisch immer zum Geschehen in der Menschenwelt gepasst. Eine tolle Ergänzung und Verbindung zwischen beiden Welten.

Ganz große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Starker Familienroman

Alle glücklich
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"Alle glücklich" so lautet der neue Roman von Kira Mohn, in dem es um eine vermeintliche Vorzeigefamilie geht.
Alexander, Familienoberhaupt und Hauptverdiener, scheint mehr mit seinem Job als Oberarzt ...

"Alle glücklich" so lautet der neue Roman von Kira Mohn, in dem es um eine vermeintliche Vorzeigefamilie geht.
Alexander, Familienoberhaupt und Hauptverdiener, scheint mehr mit seinem Job als Oberarzt verheiratet zu sein als mit seiner Frau Nina. Nina hat ihre Karriere zu Gunsten der Kinder Ben und Emilia zurückgestellt und geht einem Halbtagsjob nach. Der 19-jährige Ben verbringt seine Freizeit außerhalb der Uni meist in seinem Zimmer vor seinem PC und die 16-jährige Emilia erlebt gerade ihre erste große Liebe.

Von außen könnte man meinen, es handele sich um eine perfekte Familie. Doch blickt man hinter die Fassade, in die Gedanken- und Gefühlswelt der einzelnen Protagonisten, zeigt sich sehr schnell, dass der Schein trügt. Aus den Perspektiven von Nina, Alex, Emilia und Ben erfahren wir, was sie bewegt und welche Probleme sie haben. Dabei wird deutlich, dass sie aneinander vorbei leben und gegenseitig nichts von ihren Sorgen wissen. Fehlende Kommunikation, Schweigen, unausgesprochene Vorwürfe, fehlendes Vertrauen und Verständnis bestimmen ihr Familienleben. Die Konsequenzen daraus sind unausweichlich und mit großer Tragweite.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Zwei Außenseiter, die sich in dein Herz bohren

Der andere Arthur
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Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp lebt zurückgezogen in seinem Elternhaus in Brooklyn. Aus Scham wegen seines enormen Gewichtes, das er sich in den letzten Jahren angefuttert hat, hat er sich ...

Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp lebt zurückgezogen in seinem Elternhaus in Brooklyn. Aus Scham wegen seines enormen Gewichtes, das er sich in den letzten Jahren angefuttert hat, hat er sich von der Außenwelt abgeschottet. Einzig zu den Menschen der verschiedenen Lieferdienste hat er Kontakt. Ein unerwarteter Anruf seiner ehemaligen Studentin Charlene, mit der er viele Jahre im Briefkontakt stand, bringt Arthur dazu, sich aus seiner Komfortzone zu wagen. Doch nicht nur Arthurs Leben steht vor Veränderungen. Auch der 17-jährige Kel sieht sich nach dem Suizid seiner Mutter gezwungen, zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen.

Als ich mit dem Buch begonnen habe, dachte ich, der Großteil der Geschichte würde sich um Arthur drehen. Deshalb habe ich mich lange Zeit gewundert, warum Kels Geschichte so viel Raum einnimmt. Was überhaupt nicht negativ gemeint ist, da ich Kel sehr gern begleitet habe. Wie er sich in einer neuen gehobeneren Schule zurechtfinden muss, wie er Freunde findet und einen Platz im Baseballteam bekommt. Auf der anderen Seite das Leben ohne Vater und nur mit seiner alkoholkranken Mutter, das er vor seinen neuen Freunden verheimlicht. Kel bleibt lange beim Training und verbringt viel Zeit bei Freunden, nur um nicht nach Hause zu müssen. Dennoch liebt er seine Mutter, umsorgt sie, verwaltet das wenige Geld, das sie haben, bezahlt die Stromrechnung, kauft Lebensmittel ein. Für seine Mutter würde Kel sogar aufs College verzichten, nur um bei ihr bleiben zu können. Auch wenn sein großer Traum ein Sportstipendium ist.

Ich habe in vielen Situationen mit Kel mitgelitten. Vor allem nach dem Suizid seiner Mutter, der ihn total aus der Bahn geworfen hat, hätte ich ihn gern in den Arm genommen, ihn unterstützt, aber auch geschüttelt und angeschrien, dass er gerade seine Zukunft als Baseballer gefährdet, weil er so blöde Aktionen startet.

Aber auch Arthurs Geschichte hat mir gut gefallen. Wie er sich aufgrund eines Ereignisses in die Einsamkeit zurückzieht, die er durch Essen zu füllen versucht. Dabei geht ihm seine Hilfsbereitschaft und Empathie für andere Menschen nicht verloren. Sogar für Menschen, die er noch nicht lange kennt, überwindet er seine Bedenken und Ängste und wagt sich langsam aus seinem Schneckenhaus.

Die Autorin hat mit Arthur und Kel zwei ganz liebenswürdige Außenseiter geschaffen, deren Gedanken- und Gefühlswelt ich sehr gut nachvollziehen konnte, wodurch sie mir sehr nah waren. Ein ruhiger und etwas melancholischer, aber dennoch intensiver Roman, der aus meiner Sicht mit einem sehr passenden Ende aufwartet: offen, aber mit einem positiven Blick in die Zukunft.

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Veröffentlicht am 27.01.2026

Unterhaltsame Lektüre

Wedding People (deutsche Ausgabe)
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Phoebe Stone, geschieden mit unerfülltem Kinderwunsch, will mit ihrem Leben abschließen. Dafür hat sie sich ausgerechnet das luxuriöse "Cornwall Inn" ausgesucht, in dem gerade Lilas Millionenhochzeit stattfindet. ...

Phoebe Stone, geschieden mit unerfülltem Kinderwunsch, will mit ihrem Leben abschließen. Dafür hat sie sich ausgerechnet das luxuriöse "Cornwall Inn" ausgesucht, in dem gerade Lilas Millionenhochzeit stattfindet. Als Phoebe und Lila aufeinandertreffen, will Lila unbedingt verhindern, dass ihre bis ins Detail geplante Hochzeitswoche von einem Suizid überschattet wird. Deshalb beschließt sie, Phoebe in das Hochzeitsgeschehen einzubinden. Dies hat nicht nur positive Auswirkungen auf Phoebe, sondern auch auf Lila. Nach und nach wird klar, dass die beiden Frauen, trotz ihres Altersunterschiedes und ihrer ganz unterschiedlichen Lebensstile, viel mehr gemeinsam haben, als gedacht.

Eine turbulente und witzige aber auch emotionale Geschichte, bei der ich einen Moment gebraucht habe, um mich an die Protagonistinnen zu gewöhnen. Den schnellen Sinneswandel von Phoebe konnte ich nicht so recht nachvollziehen, auch Lila blieb zu Beginn auf Distanz. Doch nach einer Weile, wenn ihre Ecken und Kanten, Sorgen und Nöte, offen da liegen, wachsen sie einem ans Herz. Ihre Entwicklung mitzuverfolgen, hat großen Spaß gemacht.

Der Schreibstil war flüssig und angenehm. Dennoch hätte das Buch auch gern ein paar Seiten kürzer sein dürfen.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Wenn die Natur zurückschlägt

Stammzellen
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Menschen entwickeln sich zu Bäumen. Dieses Phänomen, Dendrose genannt, tritt weltweit auf. Niemand weiß, was der Auslöser ist, welche Menschen eher davon betroffen sein können, ob es ansteckend ist und ...

Menschen entwickeln sich zu Bäumen. Dieses Phänomen, Dendrose genannt, tritt weltweit auf. Niemand weiß, was der Auslöser ist, welche Menschen eher davon betroffen sein können, ob es ansteckend ist und wie man sich davor schützen kann. die Symptome sind immer dieselben: "kribbelnde Zehenspitzen, steife Sprunggelenke, trockene, sich verfärbende Haut an den Füßen" (S. 10), dann Verholzung, Verwurzelung und die endgültige Verwandlung in Anthrodendren, die zum weiteren "Überleben" eingepflanzt werden müssen.

Ronja ist Ärztin, begeistert sich schon seit Kindheitstagen für Pflanzen und engagiert sich ehrenamtlich im Dendro-Team, welches sich um die Betreuung und Begleitung der Angehörigen Betroffener kümmert. Während einer Zugfahrt lernt sie Elio kennen, der im Ort das Haus seiner "verstorbenen" Tante herrichtet, um sich dort niederzulassen. Beide verlieben sich und beginnen eine Beziehung, deren Entwicklung ich gefühlsmäßig nicht ganz nachvollziehen konnte.

Viel spannender fand ich die Beschreibung der "Krankheit" Dendrose und den Umgang damit durch Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
Wie die Menschen nach Schuldigen suchen, lieber Gerüchten glauben, als sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, sich innerhalb der Familien aufgrund verschiedener Meinungen zerstreiten usw.
Wie die Politik bzw. die einzelnen Parteien das Thema für den Wahlkampf ausschlachten.
Wie einfallsreich Firmen werden, um neue Produkte und Dienstleistungen im Zusammenhang mit den zu Bäumen gewordenen Menschen zu entwickeln und zu vermarkten.

Dendrose - ein Thema, dass sich wunderbar auf andere politische und gesellschaftliche Themen übertragen lässt. Und irgendwie auch ein schöner Gedanke, dass die Natur zurückschlägt und ihren größten Widersacher in die Knie zwingt.

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