tragische Familiengeschichte über unausgesprochene Geheimnisse
Karl steht kurz vor seinem 80. Geburtstag, zu dem die Familie zusammenkommen soll. Als seine Enkelin Mona einige Tage früher anreist, stellt sich jedoch heraus, dass Karls Ehefrau Annemie spurlos verschwunden ...
Karl steht kurz vor seinem 80. Geburtstag, zu dem die Familie zusammenkommen soll. Als seine Enkelin Mona einige Tage früher anreist, stellt sich jedoch heraus, dass Karls Ehefrau Annemie spurlos verschwunden ist. Während Mona dieses Verschwinden zutiefst beunruhigt, scheint Karl selbst keinerlei Sorge zu zeigen. Schnell entsteht innerhalb der Familie der Eindruck, dass er mehr weiß, als er zugibt. Zwar wird die Polizei eingeschaltet, doch da die Ermittlungen zunächst ohne greifbare Ergebnisse bleiben, wird die Geburtstagsfeier wie geplant vorbereitet. Die Organisation übernimmt Karls Schwiegertochter Janne, die nebenbei drei kleine Kinder zu versorgen hat. Annemie bleibt weiterhin verschwunden.
Der Roman entfaltet seine Handlung in mehreren Erzählsträngen. Rückblickend erfahren wir Annemies Lebensgeschichte, begleiten Mona in ihrer Gegenwartsperspektive und erhalten zugleich Einblicke in Jannes Alltag, der zunehmend von dem Druck geprägt ist, sämtlichen modernen Erziehungsansprüchen gerecht werden zu wollen. In einem weiteren Erzählstrang lernen wir zudem Freya kennen. Wie diese verschiedenen Lebensgeschichten miteinander verwoben sind und welche Rolle Annemies Verschwinden dabei spielt, fügt sich erst zum Ende hin vollständig zusammen.
Annemie ist innerlich an ihrer Vergangenheit zerbrochen, während Janne mit den Erwartungen an Mütter in der heutigen Zeit ringt. So werden zwei sehr unterschiedliche Frauen- und Mutterleben erzählt, deren Erfahrungen sich deutlich auf die nachfolgende Generation auswirken – insbesondere auf Enkelin Mona, deren Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter stark belastet ist. In beiden Fällen wird deutlich, welchen Anteil gesellschaftliche Erwartungen am Leid der Frauen haben. Auch Karl ist vielschichtig gezeichnet: ein Mann seiner Generation, in der für Gefühle kaum Raum vorgesehen war und dessen zunehmende Sturheit im Alter die familiären Spannungen zusätzlich verstärkt.
Am Rande greift der Roman weitere Themen auf, etwa gleichgeschlechtliche Liebe oder die Perspektive älterer Männer auf junge Frauen in der Gegenwart. Diese Aspekte werden unaufdringlich und ohne moralisierenden Unterton in die Handlung eingebettet und fügen sich in das Gesamtbild ein.
Das Flüstern der Marsch ist ein feinfühlig erzählter Roman, der sich durch große Nähe zu seinen Figuren, durch nachvollziehbare Alltagsprobleme und durch ein stimmiges Zeit- und Gesellschaftsbild auszeichnet. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen und empfehle es allen, die ruhige, vielschichtige Familiengeschichten schätzen. Mich hat die Geschichte sehr angesprochen und auch berührt. Insbesondere die Frau dieser Geschichte nehmen eine besondere Rolle ein.