Das radikale Potenzial der Geschichte blieb leider unausgeschöpft
Fast Abend, immer noch hellDie Autorin und auch der Klappentext versprachen mir eine aufregende Geschichte rund um Beziehungsdynamiken und verschiedene Lebensformen. Und angelegt waren die Figuren auch entsprechend: ein trans Mann ...
Die Autorin und auch der Klappentext versprachen mir eine aufregende Geschichte rund um Beziehungsdynamiken und verschiedene Lebensformen. Und angelegt waren die Figuren auch entsprechend: ein trans Mann auf der Suche nach einem Umgang mit herkömmlicher Männlichkeitsdefinition, ein lesbisches Paar mit unterschiedlichen Wünschen an die Beziehungsform und zwei hetero Paare mit eigenen Herausforderungen.
Das Aufeinandertreffen der Freundesgruppe machte mir Hoffnung auf Diskussionen, Reibung und das Ausloten neuer Möglichkeiten. Aber bekommen habe ich eher eine Aneinanderreihung innerer Gedankenprozesse von einzelnen Figuren und äußerst wenig Interaktion miteinander. Dabei sind die Ideen durchaus revolutionär und ich stimme einigem in Bezug auf den Status von heteronormativer Monogamie auch zu - ich denke, dass aus ihm nicht wenig Leid entsteht.
Aber warum reden die Freund*innen so wenig miteinander?! Erst nach 160 Seiten kommt es langsam zu einer echten Interaktion, die dann auch noch viel zu schnell unterbrochen wird. Ich finde das unglaublich schade und habe zwischenzeitlich an einen Abbruch gedacht, weil mich die ewig kreisenden Monologe wirklich gelangweilt haben. Zudem fand ich die Sprache oft nicht gerade zugänglich, ziemlich intellektualisiert und mit viel zu vielen Bildern für meinen Geschmack.
Die letzten 60 Seiten haben für mich noch mal echt was rausreißen können, sodass ich nun besser bewerte als anfangs gedacht. Da entlädt sich auf erhoffte, aber unerwartete Weise nämlich die Spannung der Geschichte. Die Szenen sind wirklich toll und ästhetisch geschrieben, aber ich bedaure total, dass sie erst so spät kamen. Wenn das der Ausgangspunkt gewesen wäre und ich die Reaktion der Figuren darauf hätte begleiten können, wäre ich wahrscheinlich überaus zufrieden gewesen. So bleibt das Buch leider weit hinter meinen Erwartungen zurück.