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Veröffentlicht am 10.08.2025

Ein Werk in gewohntem Stil, aber schwächer als seine Vorgänger

Say You’ll Remember Me
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Ich bin leidenschaftlicher Fan von Jimenez’ Romanen, weil ich ihren Humor und die starke Verhaftung im alltäglichen Leben schätze. Auch hier habe ich beides erfüllt gesehen und doch fand ich diesen Roman ...

Ich bin leidenschaftlicher Fan von Jimenez’ Romanen, weil ich ihren Humor und die starke Verhaftung im alltäglichen Leben schätze. Auch hier habe ich beides erfüllt gesehen und doch fand ich diesen Roman deutlich schwächer als die vorherigen.

Die beiden Protas sind wieder einmal vielschichtig und respektvoll miteinander. Und doch hat an der Stelle für mich dieses Mal einfach nicht alles gepasst. Einerseits finde ich es immer ausdrücklich gut, dass die männlichen Protagonisten der Autorin vulnerable Seiten haben - das trifft auch auf Xavier zu. Aber im Vergleich zu Samantha rutscht er mir viel zu stark in dieses „Ich muss mich aufopfern und alles für sie tun“-Gehabe ab, das mir ziemlich auf die Nerven geht. Genau diese Seite an ihm wird mir auch einmal zu oft betont. Er rettet Samantha vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne, aber in Jimenez’ früheren Werken waren mir die beiden Hauptfiguren deutlich mehr auf Augenhöhe unterwegs.

Dass sich das Drama der Geschichte nicht aus den sonst so üblichen Missverständnissen und Kommunikationsschwächen speist, sondern aus der herausfordernden Lebensrealität, finde ich wieder gut gewählt. Ich muss aber auch hier sagen, dass es mir zwischen den beiden zu glatt lief und es streckenweise fast etwas zäh war. Gleichzeitig finde ich die Repräsentation von Demenzkranken und deren familiärer Pflege ganz toll. Auch interessant gezeichnete Nebenfiguren sind nach wie vor eine klare Stärke der Autorin.

Wie gewohnt und gehofft, ist der Humor der Geschichte toll geschrieben und trifft einfach meinen Geschmack. Er ist subtil, alltagsbezogen und in einem guten Maß eingebunden. Spice nimmt kaum Raum ein, aber auch das bin ich von Jimenez gewohnt. Dahingehend bin ich also auch gar nicht enttäuscht.

Schon nach den ersten paar Seiten war ich zudem begeistert von dem Tierarzt-Trope. Sanftheit gegenüber Tieren ist mein absoluter soft spot und darüber hinaus fand ich die Einblicke in den Job toll. ABER: Mir wird es nie in den Kopf gehen, wie Menschen einerseits so klar den Wert des Haustierlebens erkennen und sich dann zu jeder Mahlzeit ein totes Tier einverleiben können. Tiere zu essen ist ja leider, leider absoluter Standard in unserer Gesellschaft und damit eben auch in Büchern. Aber bei diesem Thema erwarte ich einfach ein ganz anderes Level an Sensibilität und Konsistenz. Das hat mich schon herb enttäuscht.

Super streng bewerte ich dennoch nicht, weil die Autorin ihrem Stil hier treu geblieben ist und Fernbeziehungen als Trope glaube einfach nicht mein persönlicher Fall sind. Die ernsten Themen finde ich wieder lobenswert eingebunden, sodass ich den Roman für Fans der Autorin in jedem Fall empfehle. Wer sie noch nicht kennt, sollte vielleicht eher zu einem früheren Werk greifen.

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Veröffentlicht am 10.08.2025

Für Fans von Mariana Leky, mir aber leider zu langweilig

Happiness Forever
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Ich liebe das Cover und auch der Klappentext hat mir gut gefallen. Zu Beginn fand ich diese leichte Obsession mit der Therapeutin sowie das Therapiesetting generell auch interessant. Doch im weiteren Verlauf ...

Ich liebe das Cover und auch der Klappentext hat mir gut gefallen. Zu Beginn fand ich diese leichte Obsession mit der Therapeutin sowie das Therapiesetting generell auch interessant. Doch im weiteren Verlauf musste ich trotz der wirklich liebenswerten Figuren feststellen, dass es mir einfach zu langweilig war.

Was ich dem Roman positiv anrechne, sind die Figuren. Sie erinnern mich recht stark an die von Mariana Leky - irgendwie besonders, vielleicht ein wenig naiv, aber so herzensgut und freundlich, dass es mich wirklich berührt. So schön ich diese Nettigkeit bei Figuren aber auch finde, bin ich kein riesiger Fan davon, weil es mir oft nicht tief genug geht. Von Sylvie erfahren wir im Laufe der Therapie zumindest einige Hintergründe, aber ihre Figur blieb mir dennoch recht blass. Dass die Therapeutin in ihrer professionellen Rolle auch den Lesenden gegenüber distanziert bleibt, finde ich authentisch geschrieben. Chloe wiederum ist eine ganz tolle, unterstützende Freundin für Sylvie, aber über sie erfahren wir mehr oder weniger nichts.

Und wenn es sich so extrem um eine Figur dreht, die im Laufe der Handlung nur wenig an Tiefe gewinnt sowie für mein Empfinden kaum Entwicklung durchläuft, bin ich leider irgendwann gelangweilt. Ich habe die Lektüre bis zum Ende durchgezogen, aber es war wirklich ein kleiner Kampf. Therapieerfahrung hab ich selbst viel und vielleicht ist das auch ein Teil des Problems. Obwohl mich manche Referenzen schon auch zum Schmunzeln gebracht haben, ist mir diese festhängende und den Umständen scheinbar ausgelieferte Protagonistin einfach zu anstrengend. Das meine ich nicht abwertend, denn Sylvies Vergangenheit macht mich auch betroffen. Aber es ist literarisch in dieser Intensität eben nicht mein Fall.

Mir fällt es daher auch schwer, zu definieren, wer hier eine bessere Zielgruppe ist. Vielleicht Menschen, die sich gern intensiv in die kreisenden Gedanken einer Figur einarbeiten und langsame Handlungen mit freundlichen Figuren mögen. Dass mit dem Schlagwort LGBTQIA+ geworben wird, finde ich nicht passend, weil es als Teil von Sylvies Identität eigentlich keine Rolle spielt - auch da waren meine Erwartungen abweichend.

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Veröffentlicht am 07.08.2025

Ein äußerst würdiger zweiter Roman der Autorin

Before we were innocent
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Ella Berman hat bereits in ihrem Debüt gezeigt, dass sie ein Händchen hat für die subtile Wirkweise von Macht und Abhängigkeit. Auch in ihrem neuen Roman untermalt sie auf ein Neues, dass sie meisterinnenhaft ...

Ella Berman hat bereits in ihrem Debüt gezeigt, dass sie ein Händchen hat für die subtile Wirkweise von Macht und Abhängigkeit. Auch in ihrem neuen Roman untermalt sie auf ein Neues, dass sie meisterinnenhaft unklar machen kann, wer Opfer und wer Täter*in ist. Hier geht es zwar weniger um Machtmissbrauch und doch sehe ich gewisse Parallelen zwischen den beiden Büchern.

Die Freundinnenschaft der drei ist gleichermaßen greifbar wie mir fremd. Sie sind irgendwie alle auf verschiedene Weise wohlhabend und enorm privilegiert. Und doch sind sie ebenso unsicher und eben Teenagerinnen/junge Erwachsene wie ich auch mal eine war.

Wiederholt flicht die Autorin thrillerhafte Elemente ein, die immer wieder die Spannung heben, ohne dass wir hier einen Thriller vor uns hätten. Als sensible Person ist mir dieses Maß immer genau recht, denn spannende Geschichten mag ich schon und eine solche haben wir hier in jedem Fall. Was genau passiert ist und wer für Vergangenes bzw. Aktuelles tatsächlich Schuld trägt, wird in einem guten Tempo enthüllt. Streckenweise fand ich die Handlung etwas zäh, aber insgesamt war ich überwiegend wie gebannt.

Der Roman hatte für mich auf jeden Fall auch deutlich weniger Längen als ihr Debüt, wodurch er noch einmal eine merkliche Steigerung zu ihrem Erstling ist. Die Autorin zeichnet auch hier wieder keine moralisch eindeutigen Figuren und das finde ich gut. Denn unser Mitgefühl sollte optimalerweise nicht vom Lebensstil der Betroffenen abhängig sein, sondern situationsbezogen gelten. So verdienen auch reiche, unsympathische Menschen unsere Solidarität, wenn ihnen Gewalt widerfährt.

Wie schon in ihrem Debüt thematisiert Berman die Rolle der Presse und legt nochmal eine deutliche Schippe drauf. Die Verzerrung und Obsession seitens der Medien ist klar zu verurteilen und ich finde es wichtig, sich das immer wieder bewusst zu machen. Wir sind wohl alle nicht gefeit vor den großen Storylines und umso stärker sollten wir uns daran erinnern, dass echte und vielschichtige Menschen dahinter stecken.

Ein gelungenes zweites Werk der Autorin, die ich auf jeden Fall weiter verfolgen werde.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Ein Werk mit sanfter Unterhaltung und klugen Gedanken

Ja, nein, vielleicht
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Ich mochte „Die Nachricht“ von Doris Knecht richtig gerne und auch ihr neues Werk reiht sich stilistisch gut ein, wenngleich es auch weniger auf Spannungsmomente und mehr auf persönliche Elemente baut.

Knecht ...

Ich mochte „Die Nachricht“ von Doris Knecht richtig gerne und auch ihr neues Werk reiht sich stilistisch gut ein, wenngleich es auch weniger auf Spannungsmomente und mehr auf persönliche Elemente baut.

Knecht zeigt hier, dass sie eine Meisterin der Autofiktion ist. „Das Leben mit der Erfindung vermischt“ schreibt die Autorin (oder die Protagonistin?) selbst im Text und das trifft es auf den Kopf. Immer wieder streut sie Überlegungen zu den Figuren ein, über die ein Absatz weiter oben noch ganz normal geschrieben wurde. Was Figur und was Autorin ist, verschwimmt bis zur Unkenntlichkeit. Ich finde das irritierend, aber auf eine gute Art.

Der Text plätschert zwar schon vor sich hin, strotzt aber auch nur so vor kluger Gedanken. Ich bin zwar deutlich jünger als die Protagonistin, finde es aber bereichernd, von einer solchen Figur zu lesen. Einen besonderen Fokus legt die Autorin in ihrem aktuellen Werk auf die Stellung romantischer Paarbeziehungen. Warum richten sich selbst absolut unabhängige, im Leben stehende Frauen in Bezug auf Aussehen und Verhalten plötzlich wieder so stark auf einen Mann ein, der in ihr Leben tritt? Warum gilt die monogame Zweierbeziehung als die unantastbare Königin aller Beziehungen? Und welchen Wert haben andere Lebensentwürfe?

Ich habe die Gedanken als sehr fundiert empfunden. Sie entspringen einem individuellem Umstand, das strukturelle Problem dahinter wird aber stets klar. Nebenbei geht es auch um Themen wie Machtmissbrauch, Sexismus und MeToo. Das Ende der Handlung hat mich sehr zufrieden hinterlassen und ich wünsche mir mehr Bücher wie dieses.

Ein wenig oft wurde mir das Wort „triggern“ abseits seiner eigentlichen Bedeutung verwendet. Das Hörbuch ist sehr passend eingesprochen von Nina Petri, die stimmlich perfekt zur Protagonistin passt. Für mich hätte es noch ein wenig lebhafter sein können und die Abgrenzung zu den anderen Figuren war nicht immer so klar, aber insgesamt empfehle ich auch das Hörbuch.

Der Roman ist ein Plädoyer fürs Alleinsein bei gleichzeitiger Gemeinschaft, die wiederum viel größer gedacht wird als romantische Paarbeziehungen. Eine Versicherung, dass Männer keinesfalls ein Heilversprechen sind und es doch auch okay ist, dass wir den patriarchalen Strukturen zumindest gedanklich manchmal nachgeben. Der Text liefert keine fertigen Antworten zu diesem Thema, ich konnte für mich aber klare Schlussfolgerungen mitnehmen.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Eine unglaublich gut konstruierte Geschichte mit geschickter Spannung und viel Menschlichkeit

Das Geschenk des Meeres
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Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch ...

Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch abbildet, das Werk aber sprachlich sehr greifbar belässt. Außerdem ist die Bildsprache des Romans eine, die ihresgleichen sucht.

Ganz zentral für diesen Meeresroman ist seine Stimmung. Gefühlt spielt sich alles im eisigen, chaotischen Winter ab, sodass die Atmosphäre ebenso bedrohlich wie dicht ist. Bemerkenswert fand ich außerdem die Figurenzeichnung: einerseits für die damalige Zeit auf frustrierende Art authentisch (Aus heutiger Sicht sind so einige Handlungen der Frauen wirklich zum Haare raufen!), andererseits mit ganz viel Liebe und Tiefgang. Selbst die kleinste Nebenfigur erhält Vielschichtigkeit, was es den Lesenden unmöglich macht, klare Urteile zu fällen.

Besonders gut gelungen ist meiner Meinung nach die tragende Hauptfigur. Dorothy ist phasenweise eine etwas unzuverlässige Erzählerin (womit ich üblicherweise meine Probleme habe), doch das wird am Ende sehr einfühlsam und glaubwürdig aufgelöst. Ich war durchgängig absolut bei ihr und habe ihr jede Erzählung geglaubt - damit war ich dann manchmal auch ebenso überrascht wie sie selbst. Die Entwicklung der Figur ist makellos, während trotzdem auch nicht alles auserzählt wird. Sie wird keine moralisch perfekte Protagonistin, sondern eine Figur mit Schmerz und Freude gleichermaßen. Sie überwindet durch einen neuen Schmerz einen noch viel größeren und das war schlicht beeindruckend geschrieben. Ich habe sie unglaublich gern begleitet.

Der Verbund der Dorfgemeinschaft ist in seiner Dynamik außerdem äußerst reizvoll. Dank geschickter Rückblenden baut die Autorin nicht nur eine Spannung auf, die für einen tollen Lesesog sorgt, sondern entwickelt auch das glaubwürdige Bild einer solchen Gemeinschaft. Dabei sind die grundlegenden Aussagen des Romans absolut zeitgemäß: Wenig ist so, wie es scheint und wir sollten miteinander ins Gespräch kommen, statt uns auf unserem ersten Urteil über andere auszuruhen.

Die Autorin schafft es, auch mit wenigen Worten viel zu sagen. Immer wieder webt sie geschickt kleine Details ein, die in ihrer Tragweite für die Figuren enorm sind. Es macht richtig Spaß, gerade auch im Austausch mit anderen, diese Suche nach Handlungssegmenten zu starten. Ich bin völlig geflasht von der Vielzahl der Themen, die die Autorin dadurch in diese zu Beginn einfach erscheinende Geschichte einbaut.

Eine klare Empfehlung für dieses Buch, das in irgendeiner Form ein Familienroman ist, wenn auch nicht auf die typische Weise. Fans von vielschichtigen Figuren und einer melancholischen Bildsprache werden hier sicher auf ihre Kosten kommen. Die Handlung driftet bei allem Drama nie ins Überladene ab und sorgte bei mir gerade zum Ende hin für einen echten Kloß im Hals.

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