Ich habe "Kleine Kratzer" bereits gelesen und auch, wenn das keines meiner Lieblingsbücher war, fand ich die moralisch grauen Figuren darin sehr interessant. Deshalb wollte ich auch gern den Roman der ...
Ich habe "Kleine Kratzer" bereits gelesen und auch, wenn das keines meiner Lieblingsbücher war, fand ich die moralisch grauen Figuren darin sehr interessant. Deshalb wollte ich auch gern den Roman der Autorin lesen, bleibe aber angestrengt und irgendwie gleichgültig nach der Lektüre zurück.
Grundsätzlich fand ich den Aufhänger der Geschichte spannend und hätte da viel Potenzial für eine Familiengeschichte voller Ambivalenz gesehen. Doch vor allem der Schreibstil hat bei mir dafür gesorgt, dass ich die Lektüre fast ausschließlich anstrengend fand. Es ist meiner Meinung nach deutlich spürbar, dass Jane Campbell selbst Psychoanalytikerin war, denn die Gedanken der drei Hauptfiguren sind von langatmigen, analytischen und philosophischen Sequenzen geprägt. Und obwohl sie durch einen Schicksalsschlag miteinander verbunden und sich grundsätzlich liebevoll gesinnt sind, habe ich wenig Gefühl für ihre Emotionen bekommen.
Ich hatte insgesamt den Eindruck, dass sich Vieles in der Geschichte wiederholt und zu keinem klaren Ende kommt. Was ich allerdings wieder stark fand, ist Campbells Talent für moralisch fragwürdige und ambivalente Figuren. Das finde ich zwar auch herausfordernd, aber eben in der richtigen Stimmung wirklich spannend. Doch darüber hinaus habe ich mich leider wirklich ziemlich durch das Buch gequält.
Wer Lust hat auf eine sehr anspruchsvolle, philosophische und gedankengetriebene Sprache, wird hier vielleicht ein gutes Leseerlebnis haben. Ich brauche in Geschichten vor allem emotionale Tiefe und zwar gern auch ambivalente Figuren, doch wenn ersteres gänzlich fehlt, tue ich mich schwer.
Liv Strömquist hat hier wieder eine gut recherchierte und vielfältige Graphic Novel geliefert, die mit dem typisch trockenen Strömquist-Humor daherkommt. Mir dröhnte nach der Lektüre ein wenig der Kopf, ...
Liv Strömquist hat hier wieder eine gut recherchierte und vielfältige Graphic Novel geliefert, die mit dem typisch trockenen Strömquist-Humor daherkommt. Mir dröhnte nach der Lektüre ein wenig der Kopf, aber das spricht nur für die Dichte des Buches. Außerdem fühlte ich mich wiederholt bestätigt und motiviert. Inhaltlich kann ich also kaum etwas Negatives sagen.
In sieben Abschnitten widmet sich die Autorin dem Selbstoptimierungsdruck unserer neoliberalen Gesellschaft und argumentiert im Kern antikapitalistisch. So beleuchtet sie die milliardenschwere Wellnessbranche, welche Spaß und Glück kommodifiziert und kaufbar gemacht hat, während diese genau durch diese Nutzbarmachung quasi unerreichbar werden; ebenso wie den menschlichen Versuch, den Tod als absolut unkontrollierbares und dadurch zutiefst beängstigendes Ereignis durch unzählige Selfcare-Elemente doch kontrollieren zu wollen. Spannend fand ich die Darstellung der zunehmenden Unfähigkeit unserer Gesellschaft, Raum zu lassen für unangenehme Gefühle (Enttäuschung, Trauer, ...). Diese resultiert in einem individualisierten Druck, alle Probleme zu lösen bzw. sich selbst zu heilen - wobei die zwanghafte Vermeidung von Schmerz schlussendlich zu weniger Lebendigkeit führt.
Im Weiteren geht es um Menschen, in der Öffentlichkeit oder nicht, die anderen ungefragte Ratschläge geben - und dass das nicht aus einem vermeintlichen Altruismus heraus passiert, sondern weil sich das Beratschlagen so gut anfühlt. Zudem wird die These dargestellt, dass es vielleicht gar kein "authentisches Selbst" gibt, weil das immer in Relation zu anderen Menschen (ent-)steht, und dass das von spirituellen Influencer:innen/Autor:innen gepredigte "Folgen der inneren Wahrheit als einzige moralische Instanz" genauso brandgefährlich ist, wie es für mich klingt - weil dann grundlegende Moralfragen einfach individualisiert übergangen werden können (erinnert mich an Spiris, die nach jahrelangem Veganismus auf "körperliches Drängen" hin doch wieder Fisch essen mussten). Dass die Startbedingungen im Kapitalismus vor allem von Glück bestimmt sind und eben nicht alle die gleichen Chancen haben, wussten wir schon. Interessant fand ich hier aber den Vergleich von Religion und Selbsthilfe insofern, dass in beiden Fällen Priviligierte ihre Position zu legitimieren versuchen ("von Gott so gewollt" vs. "hart erarbeitet, verdient"). Und dass wir, statt unser eigenes, gar nicht mal so beinflussbares Leben kontrollieren zu wollen, unsere Kapazitäten lieber gemeinsam darauf verwenden sollten, die ungerechten Systeme umzubauen - denn die sollten ja gerade die angeborenen Ungleichheiten auffangen und sie nicht verschärfen. Und abschließend gibt es zu lernen, dass Selbsthilfelektüre sowie entsprechende Coachings uns versprechen, alle Lebensbereiche optimieren zu können, wobei durch die erneute Kommodifizierung das Leben zu einem einzigen Leistungsbereich wird, in welchem wir aufgrund unzähliger Optionen und angesichts der Möglichkeit eines ständigen Scheiterns nur unglücklich sein können. Also ganz klar: Finger weg von Heils- und Optimierungsversprechen, stattdessen Ärmel hoch für die Schaffung gerechter Utopien.
Nun zum Negativen: Nicht ganz passend fand ich den Klappentext, laut welchem sieben Influencer:innen dieser Branche in den Fokus genommen werden sollten. Das habe ich so nicht als zentrales oder leitendes Element wahrgenommen. Gestört haben mich außerdem die englischsprachigen Textauszüge. Ich selbst kann sie zwar übersetzen, aber so wird meiner Meinung nach die Zugänglichkeit reduziert. Und das Ende kam mir ein wenig abrupt vor, da hätte ich mir irgendwie einen runderen Schluss gewünscht. Aber vielleicht ist auch genau das der Punkt - schließlich soll ja auch Raum sein für Enttäuschung und offene Fragen. 😉
Eine klare Empfehlung für alle, die sich philosophische Positionen und wissenschaftliche Erkenntnisse rund um Selfcare/Selbsthilfe auf kompaktem, aber dennoch anspruchsvollem Weg zu Gemüte führen wollen.
Mia Raben hat hier ein vielschichtiges und unterhaltsames Debüt geschrieben, welches sich ganz besonders mit der Ausbeutung polnischer Arbeiterinnen in der Pflege beschäftigt.
Jola reist zum wiederholten ...
Mia Raben hat hier ein vielschichtiges und unterhaltsames Debüt geschrieben, welches sich ganz besonders mit der Ausbeutung polnischer Arbeiterinnen in der Pflege beschäftigt.
Jola reist zum wiederholten Male nach Deutschland, um dort nun für die wohlhabende Seniorin Uschi zu arbeiten. Da ihre Tätigkeiten so vielfältig sind und sich in kein Berufsfeld so richtig einordnen lassen, bezeichnet sie sich selbst als Betreuerin. Und als eine solche hat sie, ebenfalls in Deutschland, eine so traumatische Erfahrung gemacht, dass sie vorübergehend arbeitsunfähig war. Dies brachte sie in eine schwierige Situation mit ihrer Tochter Magda, zu der sie seither keinen Kontakt hat.
Die Autorin möchte ganz klar Einblicke geben in die Welt der vor allem osteuropäischen „betrojerinki“ und das gelingt ihr eindrücklich. Lesende lernen etwas über erpresserische Agenturen, die sich an den Pflegerinnen bereichern. Und über wohlhabende Deutsche, die bei fehlenden Arbeitsverträgen nur zu gern wegschauen. Dabei schafft Mia Raben es jedoch, Uschi nicht zu einer eindimensionalen Ausbeuterin werden zu lassen und gibt ihr stattdessen eine lange nur angedeutete, gewichtige Vergangenheit.
Getragen wird die Geschichte vor allem von einer sehr authentischen Jola, die sich selbst zu behaupten weiß und im Laufe der Handlung trotzdem noch weiter wächst. Sie ist gleichermaßen sanft wie stark und ich wünsche mir deutlich mehr Wertschätzung (und Geld) für genau diese Menschen in der Pflege. Sprachlich ist die Protagonistin so echt, dass sie beim Lesen nahezu neben mir saß. Ganz besonders die polnischen Einsprengsel haben mich begeistert, weil sie so natürlich daherkommen und stets ohne Übersetzung verständlich waren.
Ich mochte Jola und Uschi sehr gern, da beide Figuren ihre Makel haben und in Konflikte geraten, sich dabei jedoch stets mit einem Grundmaß an Respekt begegnen. Durch Uschis Öffnen und Jolas Selbstbehauptung kann die Beziehung der beiden wachsen. Ich hätte jedoch gern einen viel größeren Fokus auf diese Dynamik gehabt, zumal laut Klappentext auch jene besondere Freundschaft im Zentrum stehen sollte. Im letzten Drittel driftet mir die Handlung leider zu sehr ab. Jola besucht da nämlich ihre Tochter Magda, doch die konnte ich emotional gar nicht fassen, weshalb ich die Geschichte an diesen Stellen etwas banal fand. Und auch die Enthüllung von Uschis Geheimnis kam mir am Ende zu plötzlich, obwohl es in meinen Augen ein doch nicht unwichtiges Element ist und der Figur weitere Tiefe gegeben hätte.
Grundlegend ein unterhaltsam-ernster Roman rund um Care Arbeit und die Ausbeutungsstrukturen darin, der mit einer äußerst sympathischen Protagonistin überzeugt. Die Freundinnenschaft hätte ich gern noch ausführlicher genossen, denn die Beziehung ist auf eine gute Art besonders. Trotz kleiner Schwächen am Ende habe ich „Unter Dojczen“ sehr gern gelesen.
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CN: physischer und psychischer Missbrauch in Anstellungsverhältnissen, Obdachlosigkeit
Meine Erwartungen an „Liebewesen“ wurden nicht enttäuscht, im Gegenteil. Dieser Roman hat mich von Seite 1 an gefesselt, obwohl es ein eher leiser Roman ist, der viel mit Beobachtungen arbeitet. Doch das ...
Meine Erwartungen an „Liebewesen“ wurden nicht enttäuscht, im Gegenteil. Dieser Roman hat mich von Seite 1 an gefesselt, obwohl es ein eher leiser Roman ist, der viel mit Beobachtungen arbeitet. Doch das macht ihn überraschenderweise nicht weniger mitreißend.
Irgendwie ist das hier ein Liebesroman, ohne ein solcher zu sein. Er setzt eine romantische Beziehung zwar in den Mittelpunkt der Handlung, doch klassische Romantik sucht mensch beim Lesen vergeblich. Die Beziehung von Lio und Max ist besonders. Sie ist nicht laut, sondern leise, von Zärtlichkeit geprägt und trotzdem von Verletzungen begleitet. Beide bringen ihre eigenen Traumata mit in die Beziehung ein und versuchen, sich von ihnen zu lösen.
Ganz besonders steht Lio als Erzählerin im Fokus. Ihre Vergangenheit offenbart sich den Lesenden im Laufe der Handlung und ist schlicht herzzerreißend. Beginnend mit einer gewaltvollen und emotional abwesenden Mutter sowie einem sanften und doch überforderten Vater, endend mit einer Vergew@ltigung - all das trägt Lio in sich. Als sie von Max schwanger wird, folgen wir ihr im Gleichtakt der Schwangerschaftswochen - bis zur Entscheidung in SSW 12.
Ich finde diesen Roman wirklich absolut rund. Er geht unter die Haut, thematisiert unbegreiflich schlimme Dinge und wird immer wieder gesellschaftskritisch, ohne dabei zu schwer zu sein. Er legt mit seinem leichten Zynismus und Lios trockenen Beobachtungen den Finger in die Wunde - oft habe ich zustimmend genickt. Außerdem weigert sich Caroline Schmitt, ihre Figuren klar einzuordnen. Max ist sanft und trotzdem manchmal mindestens unsensibel, Lio ist offen und verschlossen gleichermaßen. Ich wollte sowohl Max als auch Lio an mehreren Stellen gerne schütteln und konnte sie dann doch wieder verstehen.
Die beiden zusammen funktionieren auf eine schwer zu beschreibende Weise, eine klassische Romance bekommen wir hier aber trotzdem keinesfalls. Und dann ist das auch nicht das einzige Duo des Romans, denn die Freundinnenschaft zu Mariam bildet ein ausgleichendes und so wichtiges Element in einer von romantischer Liebe geprägten Welt.
Ein schonungslos ehrliches Buch mit unglaublich viel Tiefgang, das mich emotional sehr berührt hat. Es zeugt von großer Authentizität in Bezug auf Beziehungen, den eigenen Körper und die Auswirkungen von Traumata. Und am Ende ist es eine Geschichte über Befreiung in einem sehr greifbaren, menschlichen Sinne.
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TW: Gewalt gegen Kinder, Vergew@ltigung, Abtreibung, Tod, Komplikationen nach einer OP
Ich habe viel Gutes über dieses Buch gehört und es mir nun extra in der Vorweihnachtszeit vorgenommen. Phasenweise habe ich das von der Autorin selbst eingesprochene Hörbuch gehört, das hat mir besser ...
Ich habe viel Gutes über dieses Buch gehört und es mir nun extra in der Vorweihnachtszeit vorgenommen. Phasenweise habe ich das von der Autorin selbst eingesprochene Hörbuch gehört, das hat mir besser gefallen als die Lektüre. Denn auch, wenn das Buch tiefgründige Themen anspricht und kurzweilig ist, konnte es mich nicht so recht nachhaltig beeindrucken.
Ein Knackpunkt für mich ist dabei sicherlich, dass die Kurzgeschichte ohne direkten Dialog auskommt und auch sprachlich eher schörkelhaft-poetisch daherkommt. Das ist nicht unbedingt mein Lieblingsschreibstil, ich fand es dafür aber noch ganz gut. Trotzdem merke ich beim Lesen, dass ich dann einfach nicht so gut dranbleiben kann.
Phasenweise hat mich der Roman emotional sehr bewegt. Der Verlust der Beziehungsperson wird greifbar gemacht, ohne dabei zu sehr in eine Schwere zu kippen. Dabei behilflich ist vor allem die zentrale Freundinnenschaft zwischen der Protagonistin und Lilli, welche eine so liebevolle Unterstützung ist, dass es sich wie eine warme Umarmung anfühlt. Auch andere Figuren des Buchs sind kleine Hoffnungsbringer*innen, wie etwa Bill, der endlich die Fertigstellung des titelgebenden Hauses auf den Weg bringt.
Die Stimmung ist winterlich-weihnachtlich, das hat mir gut gefallen. Aufgrund der Kürze des Textes konnte ich mich aber nicht ganz in die Handlung fallen lassen, da die Charaktere nur selten tiefgründig betrachtet werden. Menschen, die poetische Sprache mögen und sich auf die Suche nach den kleinen Hoffnungssymbolen im Text begeben wollen, können hier aber auf jeden Fall Freude finden.