Abenteuer Ödland
Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das ÖdlandEine Reise von Peking nach Moskau ist schon allein durch die Entfernung ein Abenteuer, wenn es dann aber auch noch durch eine lebensfeindliche Ödnis geht und nur die Wände des Zuges den Reisenden vor den ...
Eine Reise von Peking nach Moskau ist schon allein durch die Entfernung ein Abenteuer, wenn es dann aber auch noch durch eine lebensfeindliche Ödnis geht und nur die Wände des Zuges den Reisenden vor den lauernden Gefahren draußen schützen, wird es ein noch Größeres. Im Zug eine interessante Mischung aus Passagieren und Personal, eine junge Frau auf der Suche nach der Wahrheit, ein alternder Professor, ein manischer Forscher, ein blinder Passagier, eine Zugwaise, die allgegenwärtigen Vertreter der Kompanie und nicht zuletzt der Captain, die die Verantwortung dafür trägt, das der Zug sicher durch das Ödland kommt.
Der Schreibstil von Sarah Brooks hat mich vom ersten Satz an gefangen. In der Szene zu Beginn, am Bahnhof habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass Hercule Poirot um die Ecke kommt um den Mord im Orientexpress aufzuklären. Diese ganze Stimmung, die beschriebene Szenerie hat mich total daran erinnert und das fand ich nicht unbedingt schlecht. Im Verlauf der Geschichte wandelt sich diese Stimmung vom Anfang dann sehr und nimmt eine komplett andere Richtung, die vielleicht nicht jeder Leser mag und erwartet hat. Am ehesten fühlte ich mich jetzt an den Film und die Serie Snowpiercer, oder auch Shadow and Bone erinnert, viele Beschreibungen nehmen hier, fast etwas zu plakativ, Bezug. Wenn etwa beschrieben wird wie Weiwei, das im Zug geborene Mädchen durch ihre Größe überall reinpasst und dadurch Arbeiten an unzugänglichen Stellen erledigen konnte, wenn man ihr durch die verschiedenen Waggons folgt, oder bei der Beschreibung des Ödlandes an sich. Hier kommen doch einige Parallelen zum Vorschein. An sich mag ich es durchaus, wenn man beim Lesen Anklänge erkennt und die Inspiration des Autors/der Autorin durchscheint, hier war es aber manchmal etwas zu viel.
Trotzdem hat mich diese fantastische Geschichte erreicht, bei der Beschreibung der Gefahren des Ödlandes hat die Autorin aus dem Vollen geschöpft und auch die Stimmung im Zug konnte mich überzeugen, die bangen Erwartungen, die Ängste angesichts der Vorkommnisse auf der letzten Durchquerung, die allmähliche Entspannung die sich einstellt, das Gefühl einer trügerischen Sicherheit gestützt auf die verstärkte Metallhülle des Zuges. Die Figuren sind vielschichtig, bleiben bis auf Weiwei und Maria aber eher blass, so erschließt sich dem Leser nicht unbedingt die Manie, mit der der Naturforscher unbedingt seinen Ruf wiederherstellen will und dafür sogar sein Leben riskiert und auch der Captain spielt eher eine Nebenrolle, obwohl sie für das Leben aller Insassen verantwortlich ist. Mysteriös und verschwommen bleibt auch Weiweis blinder Passagier, hier allerdings mit voller Absicht.
Die Durchquerung des Ödlandes ist etwas auf das sich der Leser einlassen muss, ungeachtet der Gefahren, die hinter den Zugfenstern lauern. Das fantastische an der Geschichte ist dabei nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen und könnte manchen Leser vergraulen, mir hat es unglaublich gut gefallen und so sehe ich auch über ein paar klitzekleine Längen im Mittelteil hinweg. Was mich tatsächlich etwas mit dem Buch hadern lässt (meckern auf hohem Niveau) ist, dass ich leider nicht ganz hinter die Botschaft, die Moral der Geschichte komme. Am ehesten ist dies wohl - das Leben findet einen Weg, oder das der Mensch, allein durch seine Anwesenheit, seine Umgebung verändert, das eine Erforschung ohne Einflussnahme nicht möglich ist, oder ich interpretiere hier etwas hinein, das gar nicht da ist. Wer weiss, vielleicht erbarmt sich ja mal ein angesehener Literaturprofessor und analysiert das Buch. Bis dahin empfehle ich es gern weiter, denn durch seinen Genremix aus Fantasy, Dystopie, Reisebericht und Steampunk, angereichert mit ein paar Gruselelementen und ein wenig Klimathematik, ist das Buch sehr facettenreich und spannend.