4 ⭐
Kingdom of ShadowMit "Kingdom of Shadow – Der Schattenerbe" führt Becca S. Hale ihre Kingdom-Reihe in einer düsteren, vielschichtigen Fortsetzung weiter, die nicht nur bekannte Pfade vertieft, sondern auch neue thematische ...
Mit "Kingdom of Shadow – Der Schattenerbe" führt Becca S. Hale ihre Kingdom-Reihe in einer düsteren, vielschichtigen Fortsetzung weiter, die nicht nur bekannte Pfade vertieft, sondern auch neue thematische Räume eröffnet. Während der erste Band mit einem frischen Weltenentwurf und intensiven Charakterdynamiken überzeugte, wirkt der zweite Teil in manchen Passagen etwas langsamer, bleibt aber insgesamt ein bemerkenswerter Beitrag zur Romantasy, der sich deutlich von gängigen Klischees abhebt.
Besonders hervorzuheben ist das Worldbuilding, das in diesem Band noch stärker zur Geltung kommt. Mit Solas und Nyxia werden zwei Reiche gezeichnet, die nicht nur durch Licht und Schatten, sondern durch gänzlich unterschiedliche Werte- und Gesellschaftsstrukturen geprägt sind. Solas steht für Ordnung, Kontrolle und moralische Überlegenheit – aber auch für Unterdrückung, Manipulation und fanatisches Machtstreben. Nyxia hingegen, das vermeintlich "dunkle" Reich, entfaltet sich als ambivalenter Ort, der Raum für Zweifel, Emotionen und differenzierte Wahrheiten lässt. Hale gelingt es dabei, klassische Licht-Gut-/Schatten-Böse-Muster überzeugend zu hinterfragen und eine Welt zu erschaffen, die nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien funktioniert, sondern voller Grautöne steckt.
Im Zentrum stehen erneut Blaze und Lyn, deren Beziehung deutlich an Tiefe gewonnen hat. Blaze, der sich von einem loyalen General zu einem innerlich zerrissenen Antihelden entwickelt, überzeugt durch seine moralischen Konflikte und seine Verletzlichkeit. Der Verlust seines Bruders, seine Rolle im Krieg und die Beziehung zu Lyn fordern ihn in jeder Hinsicht heraus. Lyn wiederum ist keine makellose Protagonistin, sondern eine Figur mit Ecken, Zweifeln und einer bewegenden inneren Entwicklung. Ihre Stärke liegt gerade in ihrer Unsicherheit, in der Art, wie sie mit Schmerz, Verrat und wachsender Verantwortung ringt. Dass ihre Beziehung zu Blaze nicht romantisch verklärt, sondern von Misstrauen, emotionalen Konflikten und langsamer Annäherung geprägt ist, macht ihren Weg umso spannender.
Auch sprachlich bleibt Becca S. Hale ihrer Linie treu: Ihr Stil ist bildreich, emotional, oft fast lyrisch. Die Kapitel wirken stellenweise wie intensive innere Monologe, durchdrungen von Symbolik und dichter Atmosphäre. Das verlangt den Leser:innen einiges ab, belohnt dafür aber mit emotionaler Tiefe und einem ungewöhnlich starken Zugang zu den Figuren. Wer einen nüchternen, sachlichen Stil bevorzugt, könnte hier an Grenzen stoßen – wer sich jedoch gerne mitreißen lässt, wird gerade durch diese Sprachgewalt abgeholt.
Allerdings hat die Handlung in diesem Band auch ihre Längen. Der Großteil des Romans spielt sich auf der Reise zum Hof von Nyxia ab, die zwar durch Angriffe und Konflikte angereichert ist, sich in der Erzählweise aber mitunter zieht. Erst im letzten Drittel, mit der Ankunft am Hof, nimmt die Geschichte wieder deutlich Fahrt auf. Die Enthüllungen rund um Lyns Vergangenheit, den Tod ihrer Schwester und die Rolle von Blaze in all dem sind emotional bewegend und bringen wichtige Wendepunkte. Der Umgang mit der Prophezeiung hingegen wirkt etwas unausgereift – sie tritt spät in den Vordergrund und löst sich zu plötzlich, fast beiläufig auf. Auch der Cliffhanger kommt sehr abrupt und hätte etwas stärker vorbereitet sein dürfen.
Trotz dieser Kritikpunkte bleibt "Kingdom of Shadow – Der Schattenerbe" eine gelungene Fortsetzung. Die Themen rund um Macht, Identität, Wahrheit und Schuld werden vielschichtig verhandelt, die Figuren sind emotional greifbar und das Worldbuilding gehört zu den besten Aspekten der Reihe. Wer Band 1 mochte, wird hier eine erwachsenere, düsterere Entwicklung erleben – mit weniger Fokus auf Romantik und mehr Gewicht auf inneren wie äußeren Konflikten.
Für mich bleibt Band 2 etwas schwächer als der Auftakt, vor allem wegen einiger Längen und einer überhasteten Auflösung im letzten Teil. Dennoch ist die Fortsetzung atmosphärisch dicht, sprachlich stark und inhaltlich mutig. Ich bin gespannt, welche Antworten uns im finalen Band "Kingdom of Dawn – Die Prophezeiung" erwarten. Ich vergebe 4 ⭐.