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Veröffentlicht am 17.01.2020

Humorvoll und feinfühlig

Stadt der Sonne
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Ihre Kinderbücher (die "Mumins") machten sie bekannt und zur Gewinnerin der Nils-Holgersson-Medaille und des Hans-Christian-Andersen-Preises: Tove Jansson. Die Romane, die sie für Erwachsene schrieb, sind ...

Ihre Kinderbücher (die "Mumins") machten sie bekannt und zur Gewinnerin der Nils-Holgersson-Medaille und des Hans-Christian-Andersen-Preises: Tove Jansson. Die Romane, die sie für Erwachsene schrieb, sind hierzulande allerdings weniger bekannt.
Bereits im Jahr 1974 erschien Janssons Roman "Solstaden" in Finnland, doch erst 2018 ist er für deutsche Leser entdeckt und übersetzt worden.
„Die Stadt der Sonne“ ist der kleine Ort St. Petersburg in Florida, einer der immer warmen Sehnsuchtsorte pensionierter Amerikaner, „…das Paradies auf Erden, belebend wie alter Wein…“. Auch in dem Gästehaus Butler Arms haben sich Rentner eingemietet, die hier - während sie das milde Klima und guten Service genießen - die ihnen verbleibende Zeit verbringen. Sehr unterschiedliche, teils skurrile Charaktere treffen hier aufeinander: abweisende und kommunikative, störrische und nachgiebige, selbstbewusste und ängstliche. Tove Jansson fühlt sich meisterhaft in jeden einzelnen ein und schildert die Personen so lebendig, dass der Leser das Empfinden hat, sie direkt vor sich zu sehen. Mit dem ihr eigenen Humor - oft hintergründig, manchmal bissig - schildert die Autorin den Alltag der Senioren und setzt als Kontrapunkt dazu die Liebesgeschichte des jungen Paares Linda und Bounty-Joe. Dem eigentlich deprimierenden Thema des Wartens auf den Tod stellt sie immer wieder heitere, versöhnendeTöne entgegen. Das Dahinfließen der Zeit und die gleichförmigen Tage, deren Höhepunkt das alljährliche Frühlingsfest darstellt, gestaltet Jansson gekonnt aus mit den jeweiligen Erinnerungen der alten Leute und kleinen Sticheleien der Senioren untereinander, kurz unterbrochen vom Auftauchen eines gealterten ehemaligen Showstars.
Sensibel und fein beobachtend, serviert Jansson uns einen liebevoll geschriebenen, nachdenklich stimmenden Roman.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.01.2020

Mit Spaß lesen lernen

Vincent flattert ins Abenteuer
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Für Kenner der „Scary Harry“-Reihe ist Vincent kein Unbekannter mehr; denn als Halb-Geister-Fledermaus hat er sich dort bereits eine heimliche (Mit-)Hauptrolle erflattert.
Nun ist er alleiniger Star eines ...

Für Kenner der „Scary Harry“-Reihe ist Vincent kein Unbekannter mehr; denn als Halb-Geister-Fledermaus hat er sich dort bereits eine heimliche (Mit-)Hauptrolle erflattert.
Nun ist er alleiniger Star eines Kinderbuches, das für Kinder ab 7 Jahren geeignet ist. Auf dem Dachboden, den er mit dem Polstergeist Polly teilt, möchte Vincent gern einen neuen Freund einquartieren, der beweglicher als Polly und ebenso unternehmungslustig ist wie er. Die kluge Eule Beule weiß Rat und heftet eine Suchanzeige an einen dicken Baum - und es dauert auch gar nicht lange, da klopft bereits ein Bewerber an die Dachluke …
Wie auch in ihren vorherigen Kinderromanen gelingt es Sonja Kaiblinger, junge Leser mit einer herrlich fantasievollen Geschichte zu begeistern, in der es nicht an Witz fehlt. Ideenreich und in kindgerechter, zeitgemäßer Sprache erzählt sie von der kleinen Fledermaus und ihren Kapriolen. Das stabil eingebundene Buch wartet mit relativ festen Papierseiten auf, die auch das Umblättern sehr ungeduldiger Kinderfinger gut überstehen. Hier dominieren ganzseitige Illustrationen mit viel „Action“ die Lektüre, in gewohnt witziger Manier von Fréderic Bertrand erstellt. Der Text ist geschickt in die Bilder integriert, wobei Erzähl- und Sprechtext durch unterschiedliche Schriftsätze kenntlich gemacht sind und die wörtliche Rede dem jeweiligen Charakter zugeordnet ist. Die Variationen an Schriftarten und –größen bringen zusätzlich Abwechslung in die Seiten, ebenso wie diverse Schriftfarben. Dennoch ist das Buch kein Comic: Illustrationen und Text wirken ausgeglichen und laden gerade Lesedebütanten ein, die Geschichte „häppchenweise“ zu erkunden. Eine amüsante Lektüre für Erstleser!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2020

Letzte Zeitzeugen

Seht zu, wie ihr zurechtkommt
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Eines Tages steht vermutlich jeder vor der schweren Entscheidung: wie werden meine alten Eltern am besten versorgt, wenn sie nicht mehr allein in ihrem bisherigen Zuhause leben können? Sebastin Schoepp, ...

Eines Tages steht vermutlich jeder vor der schweren Entscheidung: wie werden meine alten Eltern am besten versorgt, wenn sie nicht mehr allein in ihrem bisherigen Zuhause leben können? Sebastin Schoepp, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, muss diese Frage klären, als er gerade im Begriff ist, die Karriereleiter emporzusteigen und als Korrespondent nach Südamerika zu ziehen. Schweren Herzens entschließt er sich, zu verzichten und stattdessen die Pflege seiner Eltern zu organisieren, zunächst in ihrem eigenen Haus, später im Heim. Bürokratie, fehlende Pflegekräfte, die Suche nach einem geeigneten Heim - sehr anschaulich beschreibt er seine „Odyssee durchs Gesundheitssystem“, die jeder durchaus so nachvollziehen kann, der sich schon einmal in einer solchen Lage befunden hat.
Doch nicht allein die Sorge um die Pflege von Vater und Mutter und das Wissen um den nahen endgültigen Abschied treibt Schoepp um. Erst jetzt wird ihm eine gewisse gefühlsmäßige Distanz zu seinen Eltern richtig bewußt. Woher kommt sie? Die Eltern haben nie viel von ihrer Vergangenheit erzählt, und so versucht Schoepp nun, in vorsichtigen Gesprächen und aus alten Dokumenten und Briefen, die er auf dem Dachboden des Elternhauses entdeckt, mehr über ihre Kindheit und Jugend zu erfahren. Seine Recherchen bleiben lückenhaft. Dazu kommen Überlegungen, ob und inwieweit er das Recht dazu habe, mit seinen Fragen schlimme Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft auszulösen, während sie vermutlich ihre Erfahrungen jener Zeit verdrängen wollten. Immerhin gehören seine Eltern zu den letzten Zeitzeugen. Welche „Altlasten“ hat er als Sohn zu tragen?
Auf eine ansprechende, sehr direkte Art widmet sich Schoepp gleich zwei komplexen Themen, die jedes für sich Gewicht haben. Ein umfangreiches Register gibt weitere Literatur-Empfehlungen für Leser, die sich darüber hinaus informieren möchten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.01.2020

Hommage an Charles Dickens

Golden Darkness. Stadt aus Licht & Schatten
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Es ist ganz offensichtlich, dass Brennans Jugendroman ein berühmtes Vorbild hat, nämlich Charles Dickens´ „Eine Geschichte zweier Städte“. Wie die Schriftstellerin auch selbst anmerkt, basiert ihr Konzept ...

Es ist ganz offensichtlich, dass Brennans Jugendroman ein berühmtes Vorbild hat, nämlich Charles Dickens´ „Eine Geschichte zweier Städte“. Wie die Schriftstellerin auch selbst anmerkt, basiert ihr Konzept auf diesem Klassiker. Den Namen der Protagonistin und deren Herkunft hat Brennan direkt übernommen: Lucie Manette, Tochter eines Arztes, der aus seiner Stadt flüchten musste, wird hier allerdings zu einer jungen Frau, die über magische Fähigkeiten verfügt. Lucie zieht mit ihrem Vater aus der Dunkelstadt Brooklyn, der Heimat der armen, unterprivilegierten Bevölkerung und der Dunklen Zauberer, in die Lichtstadt Manhattan, in der die Reichen und Mächtigen leben und die Lichtmagier. Da sie mit Ethan, dem Sohn eines der regierenden Mitglieder des Lichtrates, liiert ist, scheint ihr Leben zunächst sorglos. Doch als Ethan eines Tages als Verräter denunziert wird, beginnt für sie ein Albtraum. Die lange unterdrückten Bewohner der Dunkelstadt drängen ins Licht, eine Revolution bricht aus.
Die Schrecknisse der revolutionären Ereignisse lässt Sarah Rees Brennan in der (geteilten) Stadt New York geschehen, in einem verarmten dunklen Brooklyn und einem reichen hellen Manhattan. Recht eindrücklich schildert sie die Auswüchse von Hass und Gewalt, zu der Menschen fähig sein können. Die junge irische Autorin erzählt auf packende Weise aus Lucies Sicht und versteht es, den Leser mitzureißen in den Strom der Ereignisse, die das Leben ihrer Protagonistin auf den Kopf stellen. Wer Dickens´ Klassiker gelesen hat, wird viele der Handlungsstränge wiedererkennen, die Brennan zwar als Idee übernommen, aber „verfremdet“ und mit fantasievollen Zusätzen ausgestattet hat. Ihr Roman ist zeitlos. Sie hat ihn – im Gegensatz zu Dickens - in keine bestimmte Zeit gesetzt; eine solch düstere Szenerie ist immer möglich. Und er enthält eine Mahnung: „Die Leute finden immer tausend Gründe dafür, anderen die Menschenwürde abzusprechen, aber darauf darf man nicht hören.“

  • Cover
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Veröffentlicht am 15.12.2019

Beeindruckendes Debüt

Bleib bei mir
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Rotimi - der Name bedeutet Bleib bei mir. Das dritte Kind des Ehepaares Akin und Yejide wurde auf diesen Namen getauft, nachdem seine beiden älteren Geschwister bereits im frühen Kindesalter sterben ...

Rotimi - der Name bedeutet Bleib bei mir. Das dritte Kind des Ehepaares Akin und Yejide wurde auf diesen Namen getauft, nachdem seine beiden älteren Geschwister bereits im frühen Kindesalter sterben mussten. Eine große Tragödie für Akin und Yejide, die lange Zeit vergeblich versuchten, Eltern zu werden. Nach nigerianischem Brauch unternimmt Akins Familie einige Versuche, um die Nachkommenschaft zu sichern, bis Yejide schließlich doch schwanger wird.
Adébáyòs Debütroman entführt in eine faszinierende Welt, eine Gesellschaft, in der Tradition und modernes Leben nebeneinander existieren, alter Aberglaube nicht von moderner Technik ausgerottet worden ist. Die Autorin vermag auf fesselnde Art vom Alltag in Nigeria zu erzählen, wobei die politischen Unruhen und Umwälzungen nur am Rande erwähnt werden. Im Vordergrund steht das Leben zweier Menschen des gehobenen Mittelstandes, ihr Versuch, eine moderne Ehe zu führen, basierend auf Ehrlichkeit und gegenseitigem Vertrauen. Indem sie wechselweise Yejide und Akin zu Wort kommen und ihr Denken und Fühlen offen vor dem Leser darlegen lässt, bringt Adébáyò eine sehr lebendige Atmosphäre in ihren Roman. Erst nach und nach wird spürbar, wie schwierig es ist, wirklich ehrlich zueinander zu sein.
Ein Roman, der es möglich macht, intensiv mitzuerleben und mich gespannt auf weitere Bücher der nigerianischen Schriftstellerin zurücklässt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere