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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.08.2017

Bitterböse Satire, überzeugend interpretiert

Weltretten für Anfänger
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Welch eine Idee, die Sommerferien zu nutzen, um Menschenleben zu retten! Der finnische Sprachenlehrer Viljo Surunen und seine Freundin Anneli Immonen, beide engagierte Mitglieder bei Amnesty International, ...

Welch eine Idee, die Sommerferien zu nutzen, um Menschenleben zu retten! Der finnische Sprachenlehrer Viljo Surunen und seine Freundin Anneli Immonen, beide engagierte Mitglieder bei Amnesty International, erkennen frustriert, dass sie mit Eingaben und Appellen an die kalmatische Regierung nichts erreichen: ihr Schützling Ramon Lopez bleibt in Haft. Surunen beschließt, selbst in das diktatorisch geführte Kalmatien zu fahren und ihn zu befreien. Während seiner Reise lernt der freiheitsliebende Finne die unterschiedlichsten Menschen kennen, gerät jedoch selbst in Lebensgefahr.
Wie es dem mutigen Mann gelingt, Folter und Haft zu entkommen und trickreich die menschlichen Schwächen der Machthaber für seine Zwecke zu nutzen, erzählt Arto Paasilinna auf sarkastische, tief schwarzhumorige Weise. Jürgen von der Lippe als Sprecher löst seine Aufgabe für mein Empfinden gut. Er interpretiert die einzelnen Charaktere lebendig, hebt den satirischen Charakter der Geschichte hervor, und doch spürt der Hörer hinter den Sätzen auch bitteren Ernst und die Realität.
Paasilinna wählt die Satire als Mittel, um Armut, Korruption, Folter und Unrecht anzuprangern. Seine Schilderungen der fiktiven Diktaturen - sowohl des südamerikanischen Staates Kalmatien, der den Kommunismus fürchtet, als auch des kommunistischen Kytislawonien (als Gegenpol) - zeugen von guter Kenntnis der Machtstrukturen und Unterdrückungsmechanismen und erinnern sehr stark an bekannte Staaten. Dabei muss erwähnt werden, dass Paasilinnas Roman bereits 1986 erschien, aber erst 2016 ins Deutsche übersetzt wurde; doch leider hat das Thema auch heute an Aktualität nicht verloren.
Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack; der Roman trifft den Nerv, zwingt zum Weiterdenken. Surunens Rettungsaktion kann die Welt nicht verbessern und Unrechtssysteme abschaffen. Aber er ist wenigstens einer, der sich traut und beginnt, etwas zu unternehmen, ein „Anfänger“ im doppelten Wortsinn.

Veröffentlicht am 11.09.2017

In einem einzigen Augenblick...

Drei Tage und ein Leben
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Nur ca. 260 Seiten umfasst der Roman - aber Pierre Lemaitre bringt ein ganzes Leben darin unter.
In seiner prägnanten, klar formulierenden Schreibweise erzählt der Autor von einem Augenblick der Unbeherrschtheit ...


Nur ca. 260 Seiten umfasst der Roman - aber Pierre Lemaitre bringt ein ganzes Leben darin unter.
In seiner prägnanten, klar formulierenden Schreibweise erzählt der Autor von einem Augenblick der Unbeherrschtheit und seinen weitreichenden Konsequenzen. Der zwölfjährige Antoine erschlägt in einem Wutanfall das halb so alte Nachbarskind Rémi und versteckt dessen Leiche. Schreckliche Tage folgen nun für den Jungen, der nicht weiß ob und wem er sich anvertrauen kann: voller Angst, entdeckt zu werden, aber auch angefüllt mit Gewissensqualen. Zwar macht der Sturm „Lothar“ mit seinen verheerenden Auswirkungen eine Aufklärung der Tat fürs erste unwahrscheinlich, doch nach Jahren scheinbarer Ruhe wird das Verschwinden des kleinen Rémi erneut thematisiert. Gibt es etwa einen Zeugen der Tat?
Lemaitre schafft es meisterhaft, seine Leser in Antoines Situation mit zu verstricken und an seinem Schicksal von Anfang an hautnah teilnehmen zu lassen. Sie sind Mitwisser der Tat, die Antoine verfolgt und sein weiteres Leben lenkt; sie sind eingeweiht in seine geheimsten Gedanken, seine Verzweiflung, Ängste und Hoffnungen und kennen ihn schließlich besser als seine Mutter. Immer wieder stellt man sich die Frage: Wie würde ich an seiner Stelle handeln? Überaus detailliert gibt der Autor einen tiefen Einblick in die Psyche des Protagonisten. Sensibel beschreibt er Antoines widerstreitende Gefühle, während sein Leben, stets überschattet und beherrscht von seiner Schuld, weitergeht.
„Drei Tage und ein Leben“ hat mich von Beginn an gepackt und nicht losgelassen; ein verstörend authentisch wirkender, überzeugender Roman.

Veröffentlicht am 05.09.2017

Gelungene Komposition aus Realität und Fantasie

Palast der Finsternis
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Ein unterirdischer Palast und seine Geheimnisse: Fünf Jugendliche sind für die Teilnahme an der Erforschung des „Palais du Papillon“ in Frankreich ausgewählt worden. Erbaut von Frédéric de Bessancourt, ...


Ein unterirdischer Palast und seine Geheimnisse: Fünf Jugendliche sind für die Teilnahme an der Erforschung des „Palais du Papillon“ in Frankreich ausgewählt worden. Erbaut von Frédéric de Bessancourt, sollte der Schmetterlingspalast während der französischen Revolution als Zufluchtsort des in Péronne lebenden Adels dienen, der vor der Guillotine floh. Weder Anouk noch Will, Lilly, Hayden oder Jules ahnt, was ihnen bevorsteht, als sie auf Einladung der „Sapani Corporation“ im Château du Bessancourt eintreffen. Aber noch bevor sie sich richtig kennenlernen und auf ihre Expedition vorbereiten können, müssen die fünf jungen Leute sich bereits unerklärlichen, gefährlichen Ereignissen stellen, viele Meter unterhalb der Erdoberfläche im Palais du Papillon - allein auf sich gestellt und aufeinander angewiesen.
Parallel zu dem Abenteuer der Teenager, das anschaulich und sehr packend aus der Sicht der Protagonistin Anouk dargestellt wird, erzählt der Autor die Geschichte der jungen Adligen Aurélie zur Zeit der französischen Revolution. In geschickten Einschüben schildert er ihre Erlebnisse stets passend zur Entwicklung der aktuellen Erlebnisse Anouks. Mit seiner angenehmen Schreibweise und einem ansprechendem Stil schafft es Stefan Bachmann, die Spannung, die seinen Roman durchzieht, bis zum Schluss aufrecht zu erhalten und den Leser über einen längeren Zeitraum über eine mögliche Lösung im Ungewissen zu lassen.
Mit „Palast der Finsternis“ ist dem erst 24 Jahre alten Schriftsteller eine geschickte Komposition aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Realität und Fantasie mit Gruselfaktor gelungen. Das Buch bietet spannungsreiche Unterhaltung für alle Freunde der Contemporary Fantasy-Literatur

Veröffentlicht am 27.08.2017

Lebendige Geschichte

Die Geschichte der getrennten Wege
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Hier wird Geschichte lebendig! Ebenso anschaulich wie in ihren Vorgängerromanen spiegelt Elena Ferrante gesellschaftliche und politische Gegebenheiten und Veränderungen in den Schicksalen zweier neapolitanischer ...


Hier wird Geschichte lebendig! Ebenso anschaulich wie in ihren Vorgängerromanen spiegelt Elena Ferrante gesellschaftliche und politische Gegebenheiten und Veränderungen in den Schicksalen zweier neapolitanischer Freundinnen.
Im dritten Teil der „Neapel-Saga“ stehen die turbulenten Siebziger Jahre im Fokus. Lenù und ihre „geniale Freundin“ Lila sind erwachsen geworden und glauben, ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Ruhe kehrt in ihre Lebensläufe dennoch nicht ein. Lila, die zunächst als alleinerziehende Mutter mit harter Arbeit in einer Wurstfabrik ihren Lebensunterhalt verdienen muss, nutzt die Chancen der neu aufkommenden Computertechnologie, um sich beruflich neu zu orientieren. Elena hingegen scheint auf ein erfolgreiches Leben als Schriftstellerin hin zu steuern. Ihre Ehe mit dem klugen, jungen Universitätsprofessor Pietro verspricht eine sorglose Zukunft - bis eines Tages Nino, ein Freund aus Jugendtagen, wieder in ihr Leben tritt. Die Wege der Freundinnen trennen sich, sie werden einander fremder.
Wird ihre Freundschaft auf Dauer halten?
Eingebettet in die politischen Unruhen und gewalttätigen Auseinandersetzungen der Siebziger Jahre gibt die Autorin die wechselhafte Geschichte um das Erwachsenwerden zweier Mädchen aus dem Rione, dem Armenviertel Neapels, wieder. Aus der Sicht Lenùs lässt Ferrante den Leser intensiv am Schicksal der beiden Frauen teilnehmen. Wie bereits in den ersten beiden Bänden erzählt sie mit schlichten Worten, scheinbar leicht; doch ihre Erzählung ist bildhaft und kraftvoll. Ihre Schilderungen lassen den Leser förmlich das lautstarke Leben und Treiben im Rione „hören“.
Zum besseren Verständnis gibt die Autorin zu Beginn ihres Romans eine kurze Personen- und Handlungsübersicht als Einstiegs- bzw. Erinnerungshilfe. Aber meines Erachtens wäre es vorteilhafter, auch die ersten Bände gelesen zu haben; denn als Sechzigjährige verschwindet Lila, und die Frage nach ihrem Verbleib zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Bände.

Veröffentlicht am 21.08.2017

Sklaven und Menschenrechte

Underground Railroad
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Sie besitzt nichts und hat keinerlei Rechte, nicht einmal über ihre eigene Person darf sie bestimmen: Cora lebt als Sklavin in dritter Generation auf der Randall-Farm in Georgia. Ihr Alltag ist geprägt ...


Sie besitzt nichts und hat keinerlei Rechte, nicht einmal über ihre eigene Person darf sie bestimmen: Cora lebt als Sklavin in dritter Generation auf der Randall-Farm in Georgia. Ihr Alltag ist geprägt von harter Arbeit auf den Baumwollfeldern, Gewalt, Furcht. Doch das junge Mädchen ist stark, die Misshandlungen haben sie noch nicht gebrochen. Und so vertraut ihr der Leidensgenosse Caesar einen Fluchtplan an, um gemeinsam ihrem trostlosen Dasein zu entkommen. Eines Tages ist es wirklich soweit; gemeinsam mit ihrer Freundin Lovey und Caesar gelingt ihr die Flucht. Es wird ein langer, gefährlicher Weg in die Freiheit, den nur einer von ihnen überlebt.
Beeindruckend realistisch schildert Colson Whitehead das Martyrium der Sklaven auf den Plantagen. Erschreckend wirkt die Denkweise eines Großteils weißer Zeitgenossen Coras; die weiße „Herrenrasse“, ihre Auslegung der Menschenrechte (festgelegt 1776 in den „Virginia Bill of Rights“) und die Rechte, die sie für sich selbst daraus ableiten, befremden uns. Auf mitreißende Art versteht es der Autor, den Leser in Coras Geschichte zu verwickeln und ihn auf ihre entbehrungsreiche und gefahrvolle Flucht mitzunehmen. Er hat ihr Schicksal, eingebunden in die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Mitte des 19. Jahrhunderts, überzeugend und authentisch ausgearbeitet. Der Roman wirkt „rund“.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Arbeit der „Underground Railroad“, eines gut organisierten Netzwerkes von Fluchthelfern für entlaufene Negersklaven, das bis 1865 erfolgreich funktionierte, als imposante menschliche Leistung; denn auch die Helfer setzten ihr Leben aufs Spiel, wenn sie als solche erkannt oder denunziert wurden. Der Name „Underground Railroad“ diente als Symbol; die Helfer agierten unter Decknamen wie „Stationsvorsteher“ oder „Schaffner“, die seit Bestehen der ersten Eisenbahnlinien aus diesem Bereich entlehnt wurden. Doch der Autor lässt die „Underground Railroad“ wortwörtlich, als tatsächliche Maschinerie, existieren in einer Zeit, in der an eine echte Untergrundbahn, wie wir sie heute kennen, noch gar nicht zu denken war. Ich habe sie als eine Art Verfremdungseffekt verstanden, der das Thema des Romans aus seinem historischen Kontext löst und zeitübergreifend werden lässt; Vergleiche zu früheren Ereignissen, aber auch zu ganz aktuellen Thematiken werden herauf beschworen. Die Verfolgung und Entrechtung von Menschen, Rassismus, Ausbeutung, Folter gehören leider nicht nur der Vergangenheit an. Überall in unserer modernen Welt finden sich Beispiele.
Ein anspruchsvolles Buch, das den Leser aufrüttelt und dem Leid Verfolgter in der Welt wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil werden lässt.