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Veröffentlicht am 16.09.2019

Ein Sprung und seine Folgen

Der Sprung
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Die kleine Stadt Thalbach hat ihre Sensation: auf dem Dach eines Hauses, gleich gegenüber von Roswithas Café, steht eine junge Frau, wütet und - springt schließlich tatsächlich hinunter, wie der Leser ...

Die kleine Stadt Thalbach hat ihre Sensation: auf dem Dach eines Hauses, gleich gegenüber von Roswithas Café, steht eine junge Frau, wütet und - springt schließlich tatsächlich hinunter, wie der Leser gleich zu Beginn des Romans erfährt. Das Motiv, aus welchem sie hier oben steht, scheint die zahlreichen Zuschauer kaum zu interessieren, wichtig ist ihnen das Ereignis selbst, das kommentiert, fotografiert und gefilmt wird.
Geschickt hat die Autorin dieses Ereignis als Anlass gewählt, um das herum sich zehn weitere Schicksale entwickeln. Sie gewährt dem Leser kurze Einblicke in den Alltag unterschiedlicher Personen und schildert in szenischen Ausschnitten, welche Auswirkungen das Agieren der Frau auf dem Dach auf das weitere Leben der anderen geschilderten Charaktere hat. Dazu bedient sie sich einer schönen, bildreichen Sprache, die dennoch unkompliziert und schnörkellos ist. Die anfänglich leicht depressiv wirkende Grundstimmung des Romans schwenkt im Laufe der Erzählung um, wird versöhnlicher und positiver.
Die Frage nach dem Grund für den Sprung wird zum Schluss doch noch beantwortet. Ob uns das Ende nachvollziehbar oder eher banal vorkommt, scheint der Autorin nicht so wichtig zu sein angesichts der Tatsache, dass der Sprung als Auslöser für wesentliche Veränderungen im Leben anderer dient. Doch - ehrlich gesagt - ich hätte mir für das Buch einen „runderen“ Abschluss gewünscht.

Veröffentlicht am 12.09.2019

„Vom Kindsein und Schreiben“ …

Der Hamlet und die Schokolinse
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… erzählt Bernd Mannhardt in seinem erst vor kurzem erschienenen autobiografischen Buch. Kindsein im Berliner Kiez Neukölln der 60er und 70er Jahre, das bedeutet für den Autor eine harmonische, behütete ...

… erzählt Bernd Mannhardt in seinem erst vor kurzem erschienenen autobiografischen Buch. Kindsein im Berliner Kiez Neukölln der 60er und 70er Jahre, das bedeutet für den Autor eine harmonische, behütete Kindheit, an den Wochenenden überwacht von der Eintopf kochenden Oma und dem unkonventionellen Opa. In ihrer kleinen Wohnung einer Mietskaserne „Altbau, Hinterhaus, erste Etage links“ hat er Geborgenheit empfunden und eine Menge Erfahrungen gesammelt: sowohl existentielle fürs Leben als auch nicht unbedingt wichtige, wie etwa den „Charlottenburger“.
Liebevoll und mit viel Humor lässt Mannhardt seine Erinnerungen an schöne und weniger gute Tage aufleben. In mehreren kurzen Kapiteln laufen seine „…Gedanken … über einen Querfeldein-Parcours, und kein Weg der Erinnerung ist geradlinig im Niemandsland zwischen Wahrheit und Dichtung.“ So erfährt der Leser, der auch immer wieder direkt angesprochen wird, in launiger Weise von der Entstehung des ersten eigenständig geschriebenen Satzes, inspiriert von Großvaters Fernseher namens „Hamlet“. Weitere Verbindungen werden hergestellt zwischen biografischem Erleben und dem späteren schriftstellerischen Werdegang; sie reichen vom ersten Liebesbrief über Weltschmerzreime der Pubertät bis hin zu ersten Versuchen als Romanautor. Dabei fügt Mannhardt auch unangenehme Erinnerungen ein, die ansonsten ja gerne ausgeblendet werden, und spart dabei nicht an (Selbst-)Ironie.
„Der Hamlet und die Schokolinse“ - eine fröhlich-nachdenkliche Lektüre mit Nostalgiefaktor.

Veröffentlicht am 05.09.2019

Krimi mit Niveau

Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
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Das gemächliche Leben des pensionierten Kommissar Van Veeteren wird jäh von Schuldgefühlen unterbrochen, als er vom Tod eines jungen Kaplans erfährt: Gassel, der Van Veeteren kurz vor dessen Urlaub vergebens ...

Das gemächliche Leben des pensionierten Kommissar Van Veeteren wird jäh von Schuldgefühlen unterbrochen, als er vom Tod eines jungen Kaplans erfährt: Gassel, der Van Veeteren kurz vor dessen Urlaub vergebens etwas anvertrauen wollte, wurde von einem Zug überrollt. Als eine erwürgte Frau in ihrer Wohnung gefunden und wenig später auch noch die Leiche ihrer Tochter entdeckt wird, rührt sich Van Veeterens kriminalistischer Instinkt. Besteht zwischen den Todesfällen vielleicht ein Zusammenhang?
Auch in diesem neunten Teil der Van Veeteren-Krimis versteht es der Autor, seine Leser von Beginn an zu fesseln. Auf spannende Weise schildert er aus unterschiedlichen Sichtweisen, wie ein literarisch gebildeter Mörder Katz und Maus mit seinen Opfern spielt - symbolisch dargestellt in einer Szene, wie sie der Kommissar bei seiner Katze beobachtet, die eine Schwalbe gefangen hat. Die Beweggründe des Täters bleiben vage, werden nur angedeutet. Soziale Hintergründe dagegen leuchtet Nesser gut aus und entwirft (wie von ihm gewohnt) ein vielschichtiges, kritisches Gesellschaftsbild.
Mein Fazit: ein niveauvoller, lesenswerter Kriminalroman.

Veröffentlicht am 04.09.2019

Jeder kann seine Fesseln lösen...

Ein anderer Takt
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"Warum zerstört Tucker sein Eigentum?" fragen sich die Einwohner von Sutton, einem fiktiven Ort in einem fiktiven Südstaatenland der USA, entgeistert. Der afroamerikanische Farmer Tucker Caliban, Abkömmling ...

"Warum zerstört Tucker sein Eigentum?" fragen sich die Einwohner von Sutton, einem fiktiven Ort in einem fiktiven Südstaatenland der USA, entgeistert. Der afroamerikanische Farmer Tucker Caliban, Abkömmling ehemaliger Sklaven, ruiniert eines Tages sein Ackerland, indem er eine Fuhre Salz „sät“, er erschießt sein Vieh, brennt sein Haus nieder und zieht mit seiner Familie und nur wenig Gepäck auf und davon. Der schwarze Teil der Bevölkerung Suttons scheint - nach dem ersten Erstaunen - Tuckers Beweggründe begriffen zu haben und folgt seinem Beispiel, so dass nach und nach zunächst die Stadt und dann der Bundesstaat seine farbigen Arbeitskräfte verliert.
Eine direkte Antwort auf das "Warum" gibt der Autor in seinem Roman nicht. Er nähert sich der Rassenproblematik schrittweise, indem er sie aus den Perspektiven unterschiedlicher (allerdings nur weißer) Personen aus Tuckers Umgebung beleuchtet. Durch die differenzierten Gedanken und Erinnerungen der einzelnen erzählenden Charaktere erstellt Kelley nicht nur ein Porträt Tuckers, sondern setzt ihn und sein folgenreiches Handeln zugleich in den großen Kontext von Rassentrennung und Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sein schlicht gehaltener Schreibstil - verständlich für alle Leserschichten - passt sich dabei dem Ton der Bevölkerung an und lässt die Figuren authentisch erscheinen.
Obwohl Tucker selbst gar nicht zu Wort kommt, ist er es, der den Rhythmus des Romans bestimmt; mit seinem für die Weißen unbegreiflichen Akt, der Vernichtung seiner bisherigen Lebensgrundlage, ändert er den Takt, nach dem das Leben in Sutton jahrzehntelang ablief, in einer Art gewaltlosem Widerstand.
Kelleys Roman, bereits 1962 in New York erschienen, aber jetzt zum erstenmal ins Deutsche übersetzt, hat nicht an Aktualität eingebüßt - rassistisches Gedankengut wird wohl immer einen Nährboden haben. Umso wichtiger ist es, dass Autoren wie William Melvin Kelley Gehör verschafft wird!

Veröffentlicht am 28.08.2019

Nicht lustig

Betreutes Trinken
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Doris Kindermann, Ende dreißig und Sozialarbeiterin, lässt sich und ihr Leben so dahin treiben. Halt findet sie bei ihrer besten Freundin Katja und in ihrer Stammkneipe „Dead Horst“ - bis eines Tages ...

Doris Kindermann, Ende dreißig und Sozialarbeiterin, lässt sich und ihr Leben so dahin treiben. Halt findet sie bei ihrer besten Freundin Katja und in ihrer Stammkneipe „Dead Horst“ - bis eines Tages ihre Exliebe Gunnar auftaucht. Gleichzeitig muss Kneipenwirt Raffi ins Krankenhaus, und Doris versucht mit einigen der Stammgäste, ihre zweite Heimat zu retten. Natürlich klappt das nicht ohne Probleme, und nach einem Unfall denkt Doris doch intensiver über ihr Leben nach.
Die Schreibweise soll locker und unkonventionell erscheinen, dem Typ der Protagonistin angepasst, macht jedoch eher einen oberflächlichen Eindruck. Die Formulierungen sind zwar zeitgemäß und sollen witzig oder ironisch sein, wirken jedoch für mein Empfinden sehr aufgesetzt. Die traurige Wirklichkeit in Doris´ Leben, die sie versucht mit Alkohol und kessen Sprüchen zu überdecken, könnte sicher effektiver herausgearbeitet werden. Mir erscheint es zu wenig - nach 300 vorhergehenden Seiten - auf den letzten ca. 20 Seiten Hintergründe zu Doris´ Vorleben zu erfahren und ansatzweise ihre „Entwicklung“ mitzuerleben.