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Veröffentlicht am 11.09.2021

Gut und Böse

Junge mit schwarzem Hahn
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Es ist eine schlimme Zeit, in die Martin hineingeboren wurde, Pest, Krieg und Hunger beherrschen das Land. Seit seiner Kindheit muss sich der mittlerweile 11jährige Martin allein durch das Leben schlagen; ...

Es ist eine schlimme Zeit, in die Martin hineingeboren wurde, Pest, Krieg und Hunger beherrschen das Land. Seit seiner Kindheit muss sich der mittlerweile 11jährige Martin allein durch das Leben schlagen; denn sein Vater hat in Verzweiflung seine Familie und sich selbst getötet, nur Martin und ein schwarzer Hahn sind am Leben geblieben. Seither sind Junge und Hahn unzertrennlich, suchen gemeinsam ihr Auskommen in einem kleinen Dorf, bis Martin eines Tages beschließt, mit einem Wandermaler zu ziehen. Eine abenteuerliche Reise voller Gefahren und Prüfungen beginnt ...
Der märchenhaft anmutende Roman Stefanie vor Schultes steckt voller Bilder und Gleichnisse. Ihr Schreibstil erscheint auf den ersten Blick schlicht und etwas naiv (wie bei einem Märchen); er passt sich damit der Epoche an, in die sie ihre Erzählung verlegt, und den Menschen, die sie schildert. Doch bei aller Knappheit gibt sie zwischen den Zeilen sehr viel preis; ihre unterschwellige Kritik an Mitmenschen und sozialen Gegebenheiten kommt mitunter recht sarkastisch daher. Dabei sind die Probleme, gegen die Martin zu kämpfen hat, nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt. Krieg, Unterdrückung, Krankheit, Armut, sowie Dummheit, Gier und Neid werden wohl nie auszurotten sein, solange es Menschen gibt. Da erscheint der nachdenkliche Martin, der gegen schlechte Eigenschaften immun zu sein scheint, als etwas Besonderes, die Personifizierung des Guten. Ob er das Böse besiegen kann?

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2021

Originell

Barbara stirbt nicht
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Was kann das ruhige, in geordneten Bahnen ablaufende Leben eines Mannes im wohlverdienten Ruhestand noch aus dem Gleichgewicht bringen?
Herrn Schmidts Routine wird von einem Tag auf den anderen zerstört; ...

Was kann das ruhige, in geordneten Bahnen ablaufende Leben eines Mannes im wohlverdienten Ruhestand noch aus dem Gleichgewicht bringen?
Herrn Schmidts Routine wird von einem Tag auf den anderen zerstört; denn seine Frau Barbara, die doch stets „gesund wie ein Pferd“ gewesen ist, liegt plötzlich im Bett, krank und apathisch. Zunächst noch unwillig, nach jahrzehntelanger strikter Aufgabenteilung nun Barbaras Part, die Hausarbeit, zu übernehmen, bleibt Herrn Schmidt doch nichts anderes übrig, wenn er nicht auf seinen gewohnten Kaffee verzichten und nur aufgetaute Speisen essen möchte - und seiner Frau wieder auf die Beine helfen will.
Sehr komisch weiß Alina Bronsky die Hilflosigkeit des alten Mannes bei der Bedienung der Küchengeräte zu schildern, aber auch den Ärger über seinen ungewohnten und ungewollten Einsatz. Wer die Autorin kennt und weiß, wie hintergründig ihre Romane sind, ahnt bereits, dass mehr als nur ein Rollentausch dahinter steckt. Während sie auf humorvolle Weise erzählt, wie sich Walter Schmidts Alltag gründlich ändert, seine Kinder mit gutgemeinten Ratschlägen und Hilfsangeboten zur Stelle sind und seine Frau einfach nicht gesund wird, lässt sie uns an Herrn Schmidts engstirniger Einstellung zu seinen Mitmenschen und seiner Familie teilhaben. Bei aller Schroffheit steht für ihn jedoch fest: „Barbara stirbt nicht“.
Schmidts Lebens“philosophie" wird witzig und zugleich nachdenklich wiedergegeben, schließlich auch in Frage gestellt, so dass er nicht zu einer „Comicfigur" verblasst, sondern eigentlich ein tragischer Charakter ist. Wie viele „Herr Schmidt“ mag es geben auf der Welt?

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.08.2021

"Du bist dieser hier"

Der zweite Jakob
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„Natürlich will niemand sechzig werden …" So beginnt Jakob Thurner, ein alternder Schauspieler, seine Geschichte. Eine Feier ist geplant, sogar eine Biografie - Jakob aber will all dem entgehen und plant ...

„Natürlich will niemand sechzig werden …" So beginnt Jakob Thurner, ein alternder Schauspieler, seine Geschichte. Eine Feier ist geplant, sogar eine Biografie - Jakob aber will all dem entgehen und plant einen Amerika-Urlaub mit seiner Tochter Luzie. Doch die unternimmt diese Reise anstatt mit ihrem Vater letzendlich mit ihrem Freund Mirko, den Jakob nicht leiden kann. Schuld daran ist Jakobs Geständnis ihr gegenüber, dass er vor vielen Jahren an einem Autounfall beteiligt war und Fahrerflucht beging. Luzie erfährt allerdings nicht die ganze Wahrheit darüber. In Zeitsprüngen erzählt Jacob dem Leser von diesem Unfall und den Geschehnissen, die ihm vorangingen bzw. folgten.
In anspruchsvollem Stil schreibt Gstrein über die Schuld, die Jacob gern getilgt hätte. Nach und nach kommen noch weitere Verstrickungen und Versäumnisse ans Licht. Nur von dem ersten Jakob, nach dem der Schauspieler genannt ist und für den er sorgen soll, erfährt der Leser nur das Nötigste; er bleibt im Hintergrund, so wie er sich tatsächlich oft im Keller versteckt. Was den zweiten Jakob umtreibt, ist vor allem die Frage nach dem "Wer bin ich“, auf die er zwar mehrere Antworten, aber keine endgültige findet: "War ich der? Oder war ich ein anderer?".
„Der zweite Jakob“ - ein komplexer Roman, den Norbert Gstrein hier vorlegt, jedoch ansrengend zu lesen und mit (für meinen Geschmack unnötigen) Längen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.08.2021

Intensive Reise ins Spätmittelalter

Karl IV.
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Mehr als vierhundert Jahre lang behielt die Goldene Bulle (1356) als verfassungsgebendes Dokument des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ihre Gültigkeit. Der Urheber dieser bedeutenden Urkunde ...

Mehr als vierhundert Jahre lang behielt die Goldene Bulle (1356) als verfassungsgebendes Dokument des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ihre Gültigkeit. Der Urheber dieser bedeutenden Urkunde ist Karl IV., König von Böhmen, römisch-deutscher König und schließlich auch Kaiser des römisch-deutschen Reiches. Mit politischem Geschick regierte er ein Reich, das sich aus vielen unterschiedlichen Völkern und Kulturen zusammensetzte, und sorgte für Stabilität und Frieden in einer unruhigen Zeit.
Der französische Historiker Pierre Monnet schildert in seinem Buch nicht nur die Regierungsarbeit und den Lebensweg des Kaisers. Unter Einbeziehung der "Vita", einem von Karl selbst verfassten biografischen Text, beleuchtet Monnet diverse Facetten seines Wesens. Ausführlich und überaus genau recherchiert geht er auf die Themen ein, die den Kaiser einst wohl am meisten beherrscht haben: Erobern, Herrschen, Überdauern, und versucht am Schluss des Buches eine Antwort auf die Frage: Wer war Karl IV.? Warum ist der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation heute eigentlich in Prag so viel bekannter als im Westen Europas?
„Karl IV. - Der europäische Kaiser" ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die sich intensiv mit dem Spätmittelalter und Leben und Wirken Karls beschäftigen wollen.

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 05.08.2021

"Und ob ich was Besseres bin!"

Über Menschen
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Brandenburg 2020: vor dem Hintergrund einer Pandemie erzählt Juli Zeh die Geschichte von Dora, die vor ihrem allzu korrekten Freund Robert aus Berlin auf das Dorf Bracken flieht. Es verschlägt sie ausgerechnet ...

Brandenburg 2020: vor dem Hintergrund einer Pandemie erzählt Juli Zeh die Geschichte von Dora, die vor ihrem allzu korrekten Freund Robert aus Berlin auf das Dorf Bracken flieht. Es verschlägt sie ausgerechnet in die Nachbarschaft des "Dorfnazis" Gote und seiner kleinen Tochter Franzi. Dora begegnet ihm zunächst ablehnend, die rechte Szene stößt sie ab. Doch erstaunt lernt sie nach und nach andere Seiten an Gote kennen: Hilfbereitschaft, Vaterliebe, die Sorge für andere.
Corona bleibt tatsächlich stets im Hintergrund; es zeigt sich jedoch, dass und wie sehr die Pandemie andere bereits lange vorhandene Probleme verstärkt oder relativiert. Die Autorin verknüpft äußerst geschickt zahlreiche Themen wie soziale Ungerechtigkeiten, wirtschaftliche und Umweltfragen oder Stadt-Land-Konflikte mit Corona und den Maßnahmen der zuständigen Behörden. Ihr lockerer, leichter Schreibstil nimmt den Leser mühelos mit, wenn sie aus Doras Sicht das Lebengefühl der Dorfbewohner beschreibt. Und auch Doras Sinneswandel wird glaubhaft geschildert: Gote bekehrt sie nicht zu seinen Überzeugungen; doch sie kommt zu der Erkenntnis, dass ein Mensch viele unterschiedliche Facetten haben kann, gute Seiten sowie negative. Die Überzeugung, besser zu sein als andere, ist „… die Mutter aller Probleme … Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst."

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  • Erzählstil
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