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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.04.2021

Eindringlich

Der ehemalige Sohn
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Wie kommt ein Schriftsteller zu der Aussage, er habe die Hoffnung, dass „dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird“? Sasha Filipenko, der damit vermutlich den Nerv der Mehrzahl ...

Wie kommt ein Schriftsteller zu der Aussage, er habe die Hoffnung, dass „dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird“? Sasha Filipenko, der damit vermutlich den Nerv der Mehrzahl seiner Landsleute trifft, prangert auf subtile Weise das politische System seines eigenen Landes an, Belarus, in dem sich seit Jahrzehnten keine Besserung ankündigt. Auch mich hat sein Roman betroffen gemacht.
Sein Protagonist, der 16jährige Franzisk Lukitsch, wird bei einer Massenpanik in Minsk so schwer verletzt, dass er in ein Koma fällt. Während seine Mutter und die Ärzte die Hoffnung aufgegeben haben, dass er jemals wieder aufwachen werde, organisiert seine mutige, bodenständige Großmutter Elvira jahrelang alles, um ihren Enkel wieder zu wecken. Doch sein tasächliches Erwachen zehn Jahre später erlebt sie nicht mehr, und Franzisk ist auf sich allein gestellt …
Sehr bildhaft und lebendig erzählt Filipenko, zieht den Leser in seine Geschichte hinein und lässt ihn Teil der Ereignisse werden. Beißend ironisch kommentiert er die Gesellschaft seines Landes, die Repressalien der Politik, die Sympathisanten und Nutznießer, aber auch die Gegner des totalitären Regimes. Doch man spürt deutlich, wie sehr ihn die Verfolgung politischer anders Denkender, die Angst der Menschen, in diese brutale Maschinerie hineinzugeraten, beschäftigt. Die verzweifelten Versuche der Bevölkerung, mit Demonstrationen mehr Demokratie zu erreichen, sieht er stets aufs Neue scheitern. Jedoch hat er die Hoffnung auf eine positive Veränderung des Landes nicht aufgegeben und trägt seinen Teil dazu bei, indem er schreibt. Belarus muss doch eines Tages aus seinem „Koma" erwachen, genauso wie Franzisk …



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Veröffentlicht am 15.04.2021

Schwarz oder weiß

Die verschwindende Hälfte
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Man sieht es den Zwillingsschwestern Desiree und Stella Vignes nicht an: sie sind hellhäutige Schwarze. Aufgewachsen in dem kleinen Ort Mallard, beschließen sie als Teenager, ihre enge Heimat zu verlassen ...


Man sieht es den Zwillingsschwestern Desiree und Stella Vignes nicht an: sie sind hellhäutige Schwarze. Aufgewachsen in dem kleinen Ort Mallard, beschließen sie als Teenager, ihre enge Heimat zu verlassen und in der Stadt New Orleans ihr Glück zu versuchen. Stella, die sich für ihre Arbeit als Weiße ausgibt, verschwindet jedoch eines Tages, um ganz neu anzufangen und ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Desiree kämpft sich weiter durch, kehrt jedoch nach einer Ehe mit einem gewalttätigen Mann mit ihrer kleinen dunkelhäutigen Tochter zurück zu ihrer Mutter nach Mallard. Die Zwillinge leiden unter der Trennung, doch Stella kann nicht so ohne weiteres an ihre Vergangenheit wieder anknüpfen. Wie hoch ist der Preis für ein privilegiertes, „weißes“ Leben?
Außerordentlich sensibel erzählt Brit Bennett die Geschichte der unterschiedlichen Zwillinge in den Jahren 1968 bis 1988 und ihrer (auch äußerlich) so verschiedenen Töchter. Neben ihrer Schilderung von Rassismus und Vorurteilen, die das Leben der Mädchen bestimmen, streift sie auch andere gesellschaftliche und soziale Probleme der 60er und 70er Jahre. Eindrucksvoll versteht sie den Lesern deutlich zu machen, wie die Probleme der Mütter unwissentlich auf die nächste Generation übertragen werden und wie die jungen Mädchen damit umgehen. Ein Roman, der lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 05.04.2021

Eindrucksvoller Roman

Sprich mit mir
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Romanthemen. In "Sprich mit mir" beschäftigt er sich mit einem Forschungsprojekt, das darauf hinausläuft, einen jungen Schimpansen wie ein menschliches Kind groß zu ziehen und ihm Sprache beizubringen. ...

Romanthemen. In "Sprich mit mir" beschäftigt er sich mit einem Forschungsprojekt, das darauf hinausläuft, einen jungen Schimpansen wie ein menschliches Kind groß zu ziehen und ihm Sprache beizubringen. Sam lernt, sich mit Hilfe einer Gebärdensprache mit seinen menschlichen Bezugspersonen zu verständigen. Die Studentin Aimée, als Helferin in das Unternehmen eingebunden, entwickelt eine große Liebe und Fürsorge für Sam. Doch dann wird das Projekt aus wirtschaftlichen Erwägungen von Sams Besitzer Moncrief abgebrochen und Sam zurück in einen Käfig verbracht. Hier erwartet ihn, ebenso wie die anderen dort lebenden Menschenaffen, der Verkauf an ein Tierversuchslabor. Aimée will das nicht zulassen und schmiedet einen Plan - mit unabsehbaren Folgen.
Sehr effektiv beschreibt der Autor die einzelnen Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven, wechselweise aus der menschlichen und Sams. Und Boyle geht über das Thema des möglichen Spracherwerbs noch hinaus. Er stellt nicht nur den moralischen Aspekt von Tierversuchen auf den Prüfstein, sondern wirft Fragen nach Sams Selbst-Bewusstsein auf, zeigt die Folgen seiner menschlichen Erziehung und den Widerstreit zwischen seinen Gefühlen und seiner Schimpansennatur. Worin besteht die Grenze zwischen Mensch und Tier? Ist es vertretbar, dass Menschen sich so anmaßend und überheblich der Natur gegenüber verhalten? Auch, wenn er es nicht ausdrücklich ausspricht: Boyle fordert Respekt vor allen Lebewesen. Schon für Charles Darwin war klar: „Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück; sie werden durch dieselben Gemütsbewegungen betroffen wie wir.“

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Veröffentlicht am 24.03.2021

Blick ins "Wunderland"

Die Erfindung von Alice im Wunderland
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“Ein ganzes Buch sollte … um einiges mehr bedeuten, als der Autor im Sinn hatte“. So hat sich Lewis Carroll (mit bürgerlichem Namen Charles Dodgson) einmal über eines seiner Bücher geäußert. Und tatsächlich ...

“Ein ganzes Buch sollte … um einiges mehr bedeuten, als der Autor im Sinn hatte“. So hat sich Lewis Carroll (mit bürgerlichem Namen Charles Dodgson) einmal über eines seiner Bücher geäußert. Und tatsächlich befassen sich namhafte Literaturgelehrte wie Peter Hunt intensiv mit Dodgsons wohl berühmtesten Roman, „Alice im Wunderland", und sind bemüht, "zwischen den Zeilen" zu lesen.
Wohlvertraut mit der englischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, die Sozialwesen, Kultur und Politik umfasst, führt Hunt seine Leser in den berühmten Kinderroman ein. Warum ist gerade "Alice im Wunderland" so beliebt und erfolgreich - bis heute? Er streift dabei Dodgsons Biografie; seine Situation als Mathematiker am Christ Church in Oxford, seine Bekannten und natürlich Alice Liddell, das Vorbild zu seinem Roman, sind wesentlicher Teil von Hunts Arbeit. An zahlreichen Passagen aus "Alice" erklärt Hunt gesellschaftliche Zusammenhänge, karikierte Zeitgenossen, Dodgsons nur leicht verschleierte Kritik und dessen Faible für Logik. Besonders hebt der Autor Dodgsons fruchtbare Zusammenarbeit mit dem genialen (satirischen) Illustrator John Tenniel hervor, der außerordentlich zum Erfolg des Roman beitrug. Hunt ermöglicht dem Leser einen Überblick, den er anhand der angefügten ausführlichen Literaturliste bei Bedarf ausweiten kann. Gut und verständlich geschrieben und mit einer Prise britischen Humors gewürzt, ist es ein Vergnügen, sich in Alices Welt und Dodgsons Realität zu vertiefen.
Und ich bin mir sicher: Dodgson hätte ganz bestimmt seinen Spaß daran mitzuverfolgen, wie moderne Literaturkritiker versuchen, seine Werke zu enträtseln.

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Veröffentlicht am 19.03.2021

Alternative Leben

Die Mitternachtsbibliothek
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Wie viele verschiedene Lebens-Möglichkeiten bietet ein Menschendasein? Kurze Antwort: unendlich viele, je nachdem, wie man sich an bestimmten Wendepunkten entscheidet.
Spannend und verständlich geschrieben ...

Wie viele verschiedene Lebens-Möglichkeiten bietet ein Menschendasein? Kurze Antwort: unendlich viele, je nachdem, wie man sich an bestimmten Wendepunkten entscheidet.
Spannend und verständlich geschrieben zeigt Matt Haigs Roman am Beispiel seiner Protagonistin Nora, wie eine einzelne Entscheidung den Verlauf ihres Lebens, aber auch das vieler anderer Menschen, beeinflussen kann.
Nora Seed empfindet ihren Alltag im englischen Bedford nur noch als frustrierend. Arbeits- und mittellos, fühlt sie sich als Versagerin; sie verfällt in Depressionen, niemandem scheint sie etwas zu bedeuten, im Gegenteil: sie glaubt, für das Unglück anderer noch verantwortlich zu sein. Da sie keinen Ausweg aus ihrer verzweifelten Situation sieht, will sie sterben. Doch das erweist sich als nicht so einfach, denn da gibt es eine geheimnisvolle Bibliothek und eine Bibliothekarin, die sie veranlasst, tiefer über sich selbst und verpasste Möglichkeiten nachzudenken, und ihr die Chance verschafft, Entscheidungen, die sie bereut, zu revidieren…
Die Idee der Paralleluniversen, die Matt Haig für seinen Roman gewählt hat, ist ein faszinierendes Thema. Allerdings wäre es eindrucksvoller, wenn er sich auf wenige Lebensentwürfe für Nora beschränkt und diese noch klarer dargestellt hätte. Natürlich will er zeigen, wie breit die Entscheidungsvielfalt für einen einzigen Menschen sein kann, doch je mehr Leben er schildert, desto verschwommener werden für mich die Bilder. Welche Botschaft der Autor dem Leser vermitteln will, wird diesem recht schnell klar: Sterben ist keine Lösung, jeder Mensch hat seine Fähigkeiten und die Möglichkeit, sein Schicksal selbst zu beeinflussen.
„Die Mitternachtsbibliothek" ist ein unterhaltsamer Roman, spannend und anregend, aber mir fehlt der „Funke“, der auf den Leser überspringen soll.


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