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Veröffentlicht am 01.12.2019

Emotional, aber nicht emotional genug

Nur ein einziger Song – Nicole & Zack
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Nicole hat sich über ein Jahr in den Scherben ihres zerbrochenen Lebens verkrochen und nicht herausgewagt. Aus dem Impuls heraus, endlich wieder glücklich sein zu wollen, entscheidet sie sich dazu mit ...

Nicole hat sich über ein Jahr in den Scherben ihres zerbrochenen Lebens verkrochen und nicht herausgewagt. Aus dem Impuls heraus, endlich wieder glücklich sein zu wollen, entscheidet sie sich dazu mit ihrer besten Freundin wieder auszugehen und Spaß zu haben. Womit sie nicht gerechnet hat: dass sie dieser Abend herausfordert – und sie daraufhin Zack kennenlernt. Es funkt sofort zwischen ihnen, aber kann Nicole sich auf Zack und ein Leben im Rampenlicht einlassen?

Ich bin absolut kein Fan des Covers. Die Gesichter der beiden haben einen grünlichen Schimmer und die pinke Schrift passt meiner Meinung nach überhaupt nicht in das Gesamtbild. Auch die junge Frau auf dem Cover hat für mich nichts mit Nicole gemeinsam. Nicole wird als verletzlich und sehr gefühlsbetont beschrieben, dagegen wirkt die Frau auf dem Cover fast schon feindselig.

Der Leser erfährt relativ schnell, was vor über einem Jahr passiert ist und warum Nicole wieder in das Leben finden muss. Diese Spannung wird schnell abgebaut, stattdessen geht es vielmehr darum, wie Nicole mit ihrem Verlust umgeht und ob sie sich erlaubt, wieder glücklich zu sein. Leider kam es dabei zu einigen Längen. Gerade in der Mitte des Buches, wurde die Geschichte sehr langatmig und ich habe seitenlang nur lustlos durchgeblättert. Glücklicherweise hat sich die Autorin wieder gefangen, aber da war der Enthusiasmus schon gedämpft.
Auch war die Handlung sehr vorhersehbar. Bereits im ersten Viertel des Buches konnte ich mir die späteren Ereignisse, die Spannung in die Geschichte bringen sollten, denken – das hat die Spannung wiederum extrem abgeflacht.

Nicoles Beziehung zu Zack entwickelt sich sehr schnell. Bereits bei ihrer ersten Begegnung empfinden sie Gefühle füreinander, die zu teils unrealistischen Entscheidungen führen. Stacey Lynn lässt erstaunlicherweise diesen gesamten Verlauf im Allgemeinen natürlich wirken und nicht oberflächlich, wie ich es von anderen Autoren gewohnt bin. Die gute Ausführung ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass sich die Handlung innerhalb weniger Wochen abspielt. Die Liebe auf den ersten Blick in dieser Ausführung würde mich nicht sonderlich stören, wenn da nicht Nicoles Vergangenheit wäre. Dass sie innerhalb dieser kurzen Zeit Zack so nahekommt und ihren Verlust nebenbei verarbeitet wirkte auf mich unrealistisch. Ihre Trauer hätte meiner Meinung nach einen größeren Platz in ihrer Geschichte und ihren Gedanken einnehmen müssen, denn obwohl das Buch ein Jahr nach dem Ereignis einsteigt, wird dem Leser auf den ersten Seiten deutlich, wie weit Nicole noch von der Normalität entfernt ist. Die Autorin hat es sich zu leicht gemacht, indem sie Nicoles Geschichte einfach ein Jahr nach dem Ereignis begonnen hat und davon ausgegangen ist, dass die Trauerarbeit in dieser Zeit erfolgt ist – was wiederum im Widerspruch zum Handlungsverlauf steht.

Lynns Erzählweise hat mir dagegen gut gefallen. Der Schreibstil war gut zu lesen und obwohl er nicht sonderlich poetisch war, gab es doch ein paar wundervolle Zitate. Außerdem schreibt die Autorin mit Gefühl – zweimal hatte ich wirklich Tränen in den Augen.
Dennoch glaube ich, dass es durchaus mehr Momente hätte geben können, in denen Lynn mit ihrem Schreibstil überzeugt. Für mich war es einfach zu wenig und das ist unglaublich schade, weil diese Momente gezeigt haben, dass sie es kann.

Zack ist ein absoluter Traummann – und obwohl ich mich mit Nicole ein Stückchen in ihn verliebt habe, ist das genau das Problem. Zack ist perfekt. Wirklich perfekt. Er hat keine Ecken, keine Kanten, keine Probleme, die er lösen muss und an denen er wachsen kann. Ja, es geht um Nicoles Vergangenheit, aber ein Buch muss beiden Hauptcharakteren die Möglichkeit geben sich weiterentwickeln zu können. Das ist hier nicht der Fall und führt dazu, dass Zacks Charakter flach wirkt.

Die Nebencharaktere sind auch nicht so gut ausgearbeitet, wie sie hätten sein können. Ich mag Mia und Jack, aber beide wurden zwischendurch sehr in den Hintergrund gedrängt. Auch die Bandmitglieder hätten weitaus mehr Tiefe bekommen können – immerhin sind sie ein großer Teil der gesamten Geschichte. Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin sich zu sehr auf Nicole und Zacks Beziehung fokussiert und dabei vergisst, den Charakteren Tiefe zu geben. Auch Rachel (so gesehen eine Antagonistin) wäre durch mehr Tiefe weniger oberflächlich gewesen und hätte so der ganzen Geschichte mehr Spannung geben können.

Fazit

Nicole und Zacks Geschichte war emotional, aber nicht so emotional wie sie hätte sein können. Sie war mir insgesamt einfach zu wenig – zu wenig Gefühl, zu wenig Spannung, zu wenig Tiefe und zu wenige Ecken und Kanten. Ein paar Seiten mehr hätten hier bestimmt nicht geschadet.
Es hat Spaß gemacht den Roman zu lesen und er hat für ein paar schöne Lesestunden gesorgt, aber leider handelt es sich um eine dieser Geschichten, die man bald wieder vergisst.

  • Charaktere
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Cover
  • Gefühl
Veröffentlicht am 17.11.2019

Viel Potenzial - wenig Begeisterung

Nebenan funkeln die Sterne
1

Emma führt das perfekte Leben mit ihrem Freund in Notting Hill, London. Sie hat alles; Liebe, Glück und Abenteuer – zumindest online. Abseits von Instagram besteht ihr Leben aus so ziemlich dem Gegenteil. ...

Emma führt das perfekte Leben mit ihrem Freund in Notting Hill, London. Sie hat alles; Liebe, Glück und Abenteuer – zumindest online. Abseits von Instagram besteht ihr Leben aus so ziemlich dem Gegenteil. Emma hat ihrem Zuhause in Regensburg den Rücken gekehrt und wohnt nun alleine in einer kleinen Dachgeschosswohnung mitten in London. Eine Wohnung, die sie nur selten verlässt. Warum auch? Dort hat sie alles, was sie braucht: Ihren Kater, ihre Arbeit als Webdesignerin, ihre Follower und vor allem ihre Dachterrasse. Und keine Angst vor Menschen, die sie begleitet, wenn sie ihr Apartment verlässt. Die Angst davor, zum Opfer ihres Urteils zu werden, ja regelrecht verurteilt zu werden.
Emma fühlt sich in ihrem bekannten Kokon wohl, bis Nathan nebenan einzieht. Nun muss sie nicht nur ihren Rückzugsort, die Dachterrasse mit ihm teilen, sondern sich auch mit ihren beiden Leben, real und digital, auseinandersetzen. Denn diese scheinen sich unaufhaltsam mehr und mehr ineinander zu verstricken und alles noch komplizierter zu machen…

Meine Meinung

„Nebenan funkeln die Sterne“ ist Lilly Adams Liebesroman-Debüt. Die Autorin, die sich hinter einem Pseudonym verbirgt, hat unter ihrem richtigen Namen wohl schon mehrere Romane und Jugendbücher veröffentlicht.
Der Liebesroman ist, soweit ich weiß, das erste Buch, das ich von Lilly Adams gelesen habe.

Zunächst hat mich das traumhafte Cover angesprochen – der LYX Verlag versteht es, Büchern ein Gesicht zu geben, das Leserherzen schneller schlagen lässt. Es passt auch extrem gut zur Story, ich fühle mich noch immer auf Emmas Dachterrasse versetzt, wenn ich es anschaue.
Und die Thematik hat mich dann davon überzeugt, dieses Buch wirklich lesen zu wollen.

Obwohl ich mit Instagram nicht viel anfangen kann, hat mich diese Linie zwischen online und offline, zwischen Realität und Lüge wahnsinnig interessiert. Und dann kam noch Emmas krankhafte Angst dazu, die sie daran hindert, ihr reales Leben auszuleben. Dies gebündelt mit einer Prise Romantik gab dem Buch das Potenzial ein absolutes Lieblingsbuch zu werden.
Leider habe ich Seite um Seite festgestellt, dass das Buch nicht das war, was ich mir erhofft habe.

Ich hatte das Gefühl, dass die ersten hundert Seiten zu lange gezogen wurden und inhaltlich nichts passierte. Emma lebte ihr eintöniges Leben in ihrer Wohnung und ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Ja, es hätte Spannung aufgebaut werden können, wenn nicht so oberflächlich an Emmas Angst, die sich bei ihr zu einer Krankheit entwickelt hat, gekratzt worden wäre. Der Knackpunkt hierbei war, dass die Thematik nicht voll ausgeschöpft wurde. So ging Emma auch zu schnell zu große Schritte in Richtung Genesung. Dies wirkte auf mich unglaubhaft und realitätsfern.

Und es hörte nicht bei der Angst auf, auch Instagram, das zweite große Thema, wurde nicht voll ausgeschöpft. Emma fälschte sich ein komplettes Leben und während ich seitenlang auf die Konfrontation gewartet habe, die unweigerlich kommen musste, so war ich doch enttäuscht, als sie endlich kam. Diese wurde lediglich über wenige Seiten abgespeist.

Auch die Romanze ging mir zu schnell. Emma und Nathan haben gerade einmal eine Handvoll Worte gesprochen, ehe Emma total durcheinander war und krampfhaft versucht hat sich klar zu machen, dass alles gegen ihre Liebe spricht. Insta-Love (sinngemäß „instantly falls in love“, am ehesten zu übersetzen mit „Liebe auf den ersten Blick“)? Nein, danke.

Insgesamt hat die Autorin den Spannungsbogen niedrig aufgestellt. Sobald nach den ersten hundert Seiten inhaltlich endlich etwas passierte, wollte ich mehr davon, doch die Autorin schaffte es, diese kurz aufgebaute Spannung schnell wieder zu nehmen – oder ein aufgetretenes Problem einfach und schnell aufzulösen.
Bereits am Anfang des Buches war klar, dass etwas in Emmas Vergangenheit passiert sein musste. Adams versuchte durch einen kleinen Hinweis hier und da die Spannung aufrechtzuerhalten, sie wollte wohl, dass der Leser sich fragt, was damals geschah. Leider führte meine Unfähigkeit mit Emma zu fühlen dazu, dass es mir irgendwann fast schon egal war.

Die Charaktere erschienen mir flach. Emma war authentisch in ihrer Angst und deren Auswirkungen, aber mehr auch nicht. Ich konnte nicht mit ihr fühlen, vielleicht hat dazu auch die Perspektive in der dritten Person Singular verholfen. Ihre Probleme lösten sich schnell, ihre Angst überwand sie nebenbei.
Von Nathan hätte ich gerne mehr erfahren, mehr von seinen Gedanken und seinen Gefühlen, aber wie schon gesagt, wirklich viel miteinander geredet haben die beiden nicht. Dennoch bekam Nathan Tiefe durch seine Handlungen, so konnte ich ihn immerhin besser verstehen und einen Bruchteil von Emmas Gedanken über ihn nachvollziehen.
Am Meisten Tiefe hatte Brittany, eine Instagram Freundin von Emma. Sie wirkte aufgeschlossen und echt, hatte reale Probleme mit realen Lösungen, an denen sie arbeiten musste.
Die weiteren Nebenfiguren, abgesehen von Brittany, blieben leider ebenfalls blass und gesichtslos. Ich meine ernsthaft, wo war Greg, Nathans guter Freund auf einmal hin? Und warum hörte man von Tante Gwen nur ein, zwei Worte am Anfang und plötzlich war sie Emma am Schluss total wichtig?

Der Schreibstil der Autorin war leicht und flüssig zu lesen. Emmas Bilder, ihre Dachterrasse und der Laden PaperLove mit seinen Leckereien konnte ich mir lebhaft vorstellen. Ein großes Lob an dieser Stelle an die Autorin – ich konnte den Brownie fast schon schmecken.
Einzig und allein die englischen Worte mitten im deutschen Satz haben mich sehr gestört. Ist es so schwer, statt awesome z.B. toll zu schreiben? Oder statt Oh my god, oh mein Gott? Auch erschienen mir die Dialoge teilweise zu gestellt. Die Protagonisten sind in ihren Zwanzigern, da kenne ich niemanden, der etwas, das ihm/ihr erzählt wird mit wunderbar kommentiert. Die Sprache wirkte dabei unnatürlich und zu sehr gewollt.

Fazit

„Nebenan funkeln die Sterne“ hatte meiner Meinung nach extrem viel Potenzial. Leider wurde dieses hauptsächlich thematisch nicht ausgeschöpft, was dem Buch Tiefe und Emotionen nahm. Der Schreibstil war angenehm zu lesen und die Grundidee war originell, dafür büßten aber die Ausarbeitung und die Charaktere ein.
Trotz allem habe ich das Buch teilweise gerne gelesen. Wer nichts allzu Tiefsinniges sucht, sondern einen Roman mit einer zarten Liebesgeschichte für zwischendurch, der kann hiermit sicher glücklich werden.

Veröffentlicht am 17.11.2019

Eine Liebe zwischen den Fronten

Bedlam Brotherhood - Er wird dich finden
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Emma Jean und Tristan lernen sich kennen, als sie 12 und er 17 ist. Es sind nur ein paar Minuten, in denen sie sich begegnen, aber diese erzeugen ein tiefes Verständnis und Vertrauen und sorgen dafür, ...

Emma Jean und Tristan lernen sich kennen, als sie 12 und er 17 ist. Es sind nur ein paar Minuten, in denen sie sich begegnen, aber diese erzeugen ein tiefes Verständnis und Vertrauen und sorgen dafür, dass sie den jeweils anderen nicht vergessen können. Auch nicht 5 Jahre später, als aus Emma Jean EJ, ein Gangmitglied der Los Muertos und aus Tristan Grim, der Scharfrichter der Bedlam Brotherhood wird.
Doch trotz der vergangenen Zeit sind Ihre Gefühle füreinander noch immer präsent und das Knistern zwischen ihnen lässt sich nicht ignorieren. Doch mittlerweile hat sie das Leben auf zwei unterschiedliche Seiten eines erbitterten Bandenkrieges gestellt…

In einer Buchhandlung hätte ich das Buch vermutlich übersehen, da das Cover sehr dunkel und schlicht gehalten ist und für das Genre doch sehr klischeebehaftet scheint.
Aber jetzt, nachdem ich „Bedlam Brotherhood“ gelesen habe, muss ich zugeben, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es ein Cover gibt, das besser passt. Die Handlung ist so vollgepackt, dass die Einfachheit des Covers sich perfekt einfügt.

Die Thematik des Buches ist schwer zu beschreiben, ohne zu spoilern, deshalb werde ich darauf lediglich grob eingehen.
An diese Stelle kommt eine fette Trigger Warnung, denn obwohl es durchaus heftigere Bücher gibt, wenn man (so wie ich) auf einige Geschehnisse in der Handlung nicht vorbereitet ist (z.B. Kinderprostitution), dann sitzt man doch recht fassungslos vor dem Buch.

Die Basis der Handlung hat mich schon zu Anfang begeistert. Sie bietet viel Raum für spannende und nervenaufreibende Geschehnisse, so erinnert sie doch an ein modernes Romeo und Julia. T.M. Frazier schafft es auch durch unerwartete Wendungen grundsätzlich ein sehr hohes Maß an Spannung aufrechtzuerhalten. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, weil ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht, aber bei knapp 200 Seiten, ist „Bedlam Brotherhood“ auch sehr schnell gelesen.
Tatsächlich ist das der einzige Punkt, den ich der Autorin wirklich negativ auslege. Dazu aber später mehr.

EJ ist eine authentische und bewundernswerte Protagonistin, die Stärke zeigt, auch wenn sie Angst hat, da sie sich für Gabby und sich selbst mehr erträumt als die Los Muertos. Sie überwindet diese Angst und entscheidet sich dazu ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Dafür riskiert Emma Jean alles. Es macht richtig Spaß von einer Protagonistin zu lesen, die nicht nur so tut, als wäre sie stark, sondern die nachvollziehbare Ängste erlebt und sich dazu entscheidet, für ihr eigenes Leben trotz dieser Ängste zu kämpfen.
Von Grim bekommt man trotz seiner eigenen Kapitel nur einen sehr schmalen Eindruck. Ich habe das Gefühl, dass seine Persönlichkeit nicht voll erfasst wurde. So wird er anfangs als gefühlskalt und reuelos beschrieben, doch diese Eigenschaften spiegeln sich nicht in seinen Handlungen wider. Überhaupt gibt es keine einzige Szene, in der er seinen Job – der darin besteht, seine Feinde umzubringen – tatsächlich ausübt. Stattdessen kommt in vielen Szenen entweder EJ, oder seine Familie vor, was dazu führt, dass der Leser ihn als sympathisch empfindet. Seine negativen Seiten, die so viel Raum für guten Konflikt gegeben hätten, lässt die Autorin fast komplett außer Acht.
Die Nebencharaktere sind leider ebenfalls sehr blass geblieben. Viele spielen einfach nur am Rand mit, wie z.B. Grims Brüder, oder Gabby, die zwar sympathisch sind, aber von denen man zu wenig erfährt. Gerade die Beziehungen zueinander werden nicht durch Handlungen gestützt und kommen deshalb zu kurz. Der Leser weiß, dass diese Charaktere sich gut verstehen und dass sie sich gegenseitig wichtig sind, aber größtenteils nur, weil die Autorin diesen Fakt lediglich nennt.

Im Gegensatz zu den sympathischen Nebencharakteren finde ich, dass Marco, Gabbys Bruder, besser ausgearbeitet wurde. Der Leser kann sich aufgrund von seinen Handlungen eine eigene Meinung bilden und muss sich nicht der Meinung der Protagonistin anschließen. Das hat dafür gesorgt, dass die Emotionen viel stärker ausgeprägt sind als bei den anderen Charakteren.
Selten habe ich so einen unsympathischen Charakter so gut in Erinnerung behalten. Nicht jeder Autor hat den Mut, einen Charakter wirklich abgrundtief böse zu gestalten, das rechne ich Frazier hoch an. Auch bewegt sich die Autorin an Grenzbereichen, die von vielen anderen Büchern unangetastet bleiben. Wie bereits oben gesagt, es sind teilweise heftige Szenen drin, die starke Gefühle bei mir hervorgerufen haben.

In meinen Augen hat die Autorin vieles richtig gemacht, aber das gesamte Potenzial dennoch nicht genutzt. Mein größter Kritikpunkt sind die 200 Seiten, auf die sich die negativen Punkte zurückführen lassen. Viele verschiedene Ereignisse folgen sehr schnell aufeinander, was die Handlung zwar voranbringt, gleichzeitig aber dafür sorgt, dass die einzelnen Inhalte lediglich erwähnt werden. So kommt es zu einigen Zeitsprüngen, deren Ausführung der Autorin vielleicht nicht bedeutsam erschien, die jedoch für die Charaktere wichtig und für den Leser interessant gewesen wären.
Durch den knapp bemessenen Umfang ist es auch nicht möglich, dass die Figuren sich weiterentwickeln. Einzelne Eigenschaften werden nur verstärkt oder geschwächt, was dazu führt, dass das gesamte Buch sehr handlungsorientiert und nur wenig charakterorientiert vorgeht.
Und zu guter Letzt endet der erste Teil der Trilogie mit einem bösen Cliffhanger. Gerade die letzten Seiten nehmen noch einmal einiges an Fahrt auf, da kommt das Ende sehr abrupt. Dies ist ärgerlich, denn der zweite Band erscheint erst im Januar und – wer hätte es gedacht – umfasst kaum mehr Seiten als der erste Band. Dem hätte man begegnen können, indem die Autorin detaillierter und charakterbasierter geschrieben hätte und wenn nicht, dann hätte man auch problemlos die ersten zwei Bände zusammenfassen können. Denn das einzige, das man mit der jetzigen Konstellation erreicht, ist die Leser zu verärgern.


Fazit

Grundsätzlich konnte mich EJ und Grims Geschichte fesseln und auch begeistern. Das Buch ließ sich flüssig lesen und die Charaktere waren größtenteils authentisch gestaltet. Allerdings hat die Autorin einiges an Potenzial verschenkt, indem sie die Handlung regelrecht runtergerattert hat, wobei das Buch viel an Inhalt und Persönlichkeit einbüßen musste.
Trotz dessen bietet die Reihe ein großes Suchtpotenzial – wer sich also dazu entschließt, den ersten Band zu lesen, sollte sich darauf einstellen, die Folgebände ebenfalls verschlingen zu müssen.

  • Handlung
  • Charaktere
  • Cover
  • Erzählstil
  • Gefühl
Veröffentlicht am 24.10.2019

Emotionaler Roman mit unglaublich starkem Schreibstil

Nicht weg und nicht da
2

Luise weiß nicht, wie sie ohne ihren Bruder weiter leben soll. Denn Kristopher ist tot. Der große Bruder, den sie über alles geliebt hat, hat sich umgebracht.
So tun als wäre nichts gewesen kann sie nicht, ...

Luise weiß nicht, wie sie ohne ihren Bruder weiter leben soll. Denn Kristopher ist tot. Der große Bruder, den sie über alles geliebt hat, hat sich umgebracht.
So tun als wäre nichts gewesen kann sie nicht, aber in der Therapie redet sie nicht – und dann trifft sie Jacob. Mit ihm ist weitermachen irgendwie einfacher. Vor allem als Kristophers erste E-Mail an Luise in ihrem Postfach landet und ihr langsam klar wird, dass ihr Bruder niemals zurückkommt.

Meine Meinung

Nach Anne Freytags Jugendbuch-Debüt „Mein bester letzter Sommer“, war für mich klar, dass ich „Nicht weg und nicht da“ einfach lesen musste. Ich war von ihrem Debüt so begeistert, dass ich mich unglaublich auf „Nicht weg und nicht da“ gefreut habe – und zwar so sehr, dass ich sogar das Hardcover in Kauf nahm

Das Cover ist ganz im Stil der bisherigen erschienenen Bücher von Freytag, schön und stark zugleich. Hier hat sich jemand wirklich Mühe gegeben, es ist einzigartig und liebevoll gestaltet, regelrecht auf „Nicht weg und nicht da“ zugeschnitten.
Auch wenn es meinen Geschmack nicht zu einhundert Prozent trifft, so passt es doch zur gesamten Story und dafür ist es einfach ideal.

Ich wusste bereits nach „Mein bester letzter Sommer“, dass Freytag vor ernsten Themen nicht zurückschreckt und so war es auch hier. Ein Suizid? Und das aus der Sicht eines Angehörigen, noch dazu der über alles geliebten Schwester? Und mittendrin eine Liebesgeschichte? Da ist Scheitern quasi vorprogrammiert.
Es sei denn man hat Anne Freytag als Autorin.

In dem Roman geht es nicht um Kristophers Suizid und auch nicht um die Dämonen in seinem Kopf. Es geht um Luise und um ihre Art mit dem Geschehenen irgendwie umzugehen. Es geht um ihre Gedanken und Gefühle, es geht um den Tod, aber hauptsächlich um das Leben. Denn das Leben geht weiter, aber die Lücke, die eine geliebte Person hinterlässt, die bleibt.
Das Konzept mit den E-Mails, die Luise von Kristopher nach und nach bekommt, war nichts, was ich schon einmal gelesen habe. Freytag hat sich etwas Neues, Originelles ausgedacht, das gleichzeitig so persönlich und liebevoll ist, dass Kristopher von Zeile zu Zeile mehr Form und Dimensionalität bekommt und dabei lebendig wirkt.
Und auch wenn es hier sich um eine „Liebesgeschichte“ handelt, so werden zwei unterschiedliche Arten von Liebe aufgegriffen: Auf der einen Seite die Geschwisterliebe. Denn Kristopher hat Luise geliebt und so unglaublich traurig das ist, es ist gleichzeitig wunderschön, denn man sieht diese Liebe in jedem Wort, das er in seinen E-Mails an sie richtet. Er wollte, dass sie glücklich ist und diese tiefe Verbundenheit und Liebe hat mich enorm berührt.
Auf der anderen Seite (man hält es für unmöglich) steht die zarte Liebe, die Luise langsam für Jacob entwickelt. Sie wirkt keineswegs überzogen oder unrealistisch, ganz im Gegenteil. Freytag schafft das perfekte Tempo: Luise trauert. Und doch, irgendwie fühlt sie sich mit Jacob verbunden, wie Zuhause. Die Liebe zu ihrem Bruder rivalisiert nicht den zarten Keim, den sie für Jacob empfindet. Ihre Beziehung zu Jacob verdrängt nicht die Trauer und die Hilflosigkeit, die Luise fühlt und Kristopher wird nicht einfach zur Seite geschoben und abgehakt. Die Autorin trifft die perfekte Tiefe, indem sich Luise mit Kristophers Tod auseinandersetzt, versucht, ihn zu verstehen und unweigerlich mit Fragen konfrontiert wird, die sie sich selbst stellt. Darf sie glücklich sein? Darf sie wütend sein? Freytag schafft es auf grandiose Art und Weise realistisch zu bleiben, sodass sich alle Stränge der Geschichte miteinander verweben, ohne zu verknoten.

„Nicht weg und nicht da“ hat mich regelrecht gefesselt, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, sondern wollte wissen, wie es mit Luise weitergeht. Es gibt keine unvorhersehbaren Plot twists, keine unnötig dramatisierten Handlungsstränge und dennoch schafft es die Autorin eine Spannung aufrechtzuerhalten, die den Leser mitzieht. Am Einfachsten beschreibt man es vielleicht so: Freytag schreibt Leben. Leben mit all seinen Facetten.

Der Roman ist abwechselnd aus Luises und Jacobs Sicht geschrieben. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, Luise wirklich sehen zu können. Sie ermöglicht es dem Leser in ihre Gefühle zu blicken, auch wenn sie sie selbst nicht versteht. Die Protagonistin ist vielseitig in ihrem Denken und authentisch in ihren Gefühlen und Handlungen. Ich habe mich wirklich für sie interessiert, wollte wissen, wie sie sich weiterentwickelt, was mit der Beziehung zu ihrer Mutter passiert, wie nah sie Jacob kommt, wie sie Kristophers Tod verarbeitet. Ich habe mit ihr gelitten und gelacht, gezittert und mich gefragt, wann wohl die nächste E-Mail kommt. Obwohl sie sehr jung ist, gerade einmal 16 Jahre alt, wirkt sie sehr erwachsen. Sie ist ein starker Charakter, der Schwächen hat und Fehler macht und alles in allem menschlich und echt ist.
Jacob war da schon undurchsichtiger. Ich habe seine Sicht gelesen und hatte trotzdem das Gefühl, dass er etwas vor mir verbirgt. Er gibt wenig über sich preis – das ist mir vor allem aufgefallen, als ich das Buch zum zweiten Mal gelesen habe (= Rereading). Luise erzählt ihm nach und nach immer mehr über sich, während er lange Zeit undurchsichtig bleibt.
Das macht ihn jedoch nicht weniger interessant. Er ist verschwiegen, aber tiefgründig und sagt auch viel, ohne dabei reden zu müssen. Ich hätte gerne noch mehr von ihm erfahren, aber ich kann verstehen, warum die Autorin sich dagegen entschieden hat. Jacob ist nun mal, wie er ist.
Wie ihn habe ich auch die Nebencharaktere ins Herz geschlossen: Da wären Aaron und Julia und vor allem Kristopher. Jeder von ihnen ist einzigartig und wirkt dreidimensional und authentisch.

Und dann gibt es da noch den Schreibstil der Autorin. Lasst es mich so sagen: Bereits nach den ersten zehn Seiten kullerte die erste Träne. Die Worte sind unglaublich stark und Freytag schafft es, genau die richtigen auszuwählen. Sätze und Dialoge treffen teilweise richtig ins Herz, ab und zu ist mir die Luft weggeblieben und ich habe kurz gestockt, weil sie so perfekt gepasst haben. Teils provokativ, teils einfach nur so voller Gefühl, dass ich es kaum ausgehalten habe. Selten habe ich ein Buch von einem Autor gelesen, der so genau wusste, was seine Protagonisten zu sagen haben.

Fazit

„Nicht weg und nicht da“ hat mich mehrmals zum Weinen gebracht. Anne Freytag ist ein gefühlvolles und vor allem starkes Buch gelungen, das nicht nur für Jugendliche geeignet ist, sondern alle seine Leser so schnell nicht mehr loslässt. Ich hatte so viele Gefühle beim Lesen, habe jede Seite verschlungen und mich in die Charaktere verliebt.
Nur dass Luise nicht hartnäckiger etwas über Jacob herausfinden wollte, hat mich hauptsächlich beim Rereading etwas gestört. Einen klitzekleinen Abzug gibt es hier, aber dieser schwächt den überaus positiven Gesamteindruck nicht wirklich.
Achtung, Trigger Warning, aber ansonsten eine glasklare Leseempfehlung!