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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.03.2024

Leider langweilig

Eine Fingerkuppe Freiheit
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Wie mag es Lois Brailles gelungen sein, etwas so kompliziertes wie die Braille-Schrift zu erfinden? Das ist eigentlich unvorstellbar. Ein spannendes Thema, dem sich dieses Buch gewidmet hat.

Es beginnt ...

Wie mag es Lois Brailles gelungen sein, etwas so kompliziertes wie die Braille-Schrift zu erfinden? Das ist eigentlich unvorstellbar. Ein spannendes Thema, dem sich dieses Buch gewidmet hat.

Es beginnt sehr hübsch mit Lois Kindheit anfangs den 19. Jahrhunderts. Er ist schon im Alter von drei Jahren erblindet, fiel aber schon früh durch seine Intelligenz auf. Als er älter wurde, schickten ihn seine Eltern nach Paris auf eine Blindenschule, wo er dann ganz allmählich seine Idee zu einer Blindenschrift entwickelte.

Das könnte ein tolle Geschichte sein, wenn es gelungen wäre, den Figuren Leben einzuhauchen. Leider ergeht sich der Text aber lieber in blumigen Beschreibungen des Ambientes. Während Lois Mutter ausgiebig und mit Elan den Brioche-Teig knetet erfahren wir allerlei über ihre außergewöhnlichen Backkünste, die Küchenausstattung und die Zubereitung. Von Louis selbst wissen wir selbst am Ende des Buchs nicht viel mehr, als dass er klug und ein netter Mensch war.

Ich hätte mich eventuell sogar mit dem recht bildhaften Erzählstil anfreunden können, wenn mich das Geschehen an irgendeiner Stelle gepackt hätte. Leider bleiben aber die Figuren allesamt ausgesprochen blass. Die Geschichte wirkt wie ein illustrierter Wikipedia-Eintrag: Transportiert fantasielos die Eckdaten und bemüht sich nicht, zu interpretieren.

Das Hörbuch liest Josef Vossenkuhl sehr schön, kann aber auch nichts an der braven Textvorlage ändern. Es dauert 5 Stunden und 53 Minuten.

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Veröffentlicht am 26.03.2024

Mehr als nur ein Kochbuch

Hier fließt die Liebe. Persische Küche
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Dieses Buch ist weit mehr als nur ein Kochbuch.

Für Sahar und Forough Sodoudi ist es eine Art Mission. Sie haben erfolgreiche Karrieren an den Nagel gehängt, um den interkulturellen Austausch zu fördern ...

Dieses Buch ist weit mehr als nur ein Kochbuch.

Für Sahar und Forough Sodoudi ist es eine Art Mission. Sie haben erfolgreiche Karrieren an den Nagel gehängt, um den interkulturellen Austausch zu fördern und die nahöstliche Kultur in die Welt zu tragen. Sie möchten ihre Heimat, den Iran, repräsentieren jenseits von politischen oder religiösen Narrativen. Dabei ist Essen ein wesentlicher Faktor.

„Wenn unsere Kindheit im Iran einen Geschmack hätte, wäre es der von Salad Olivier. Beim Zubereiten und Essen dieser nahrhaften Speise wird uns bis heute warm ums Herz: es weckt Erinnerungen an unsere Schulzeit und die beinahe wöchentlich stattfindenden Kindergeburtstage.“

Sie erzählen ihre Geschichte und gleichzeitig ganz viel über iranische Küche und Kultur. Hier wird nicht nur gekocht, hier werden liebevoll Gerichte zubereitet und genossen.

Für die meisten Rezepte muss man sich Zeit nehmen, schnelle Küche ist das nicht. Dafür bekommt man dann aber etwas sehr Feines.

Es ist alles dabei, leckere Vorspeisen, tolle Fingerfoodideen, Gerichte mit und ohne Fleisch, Eingelegtes, Süßes und auch spannende Drinks. Dabei fand ich es bemerkenswert, mit wie wenig exotischen Zutaten man da auskommt. Die persische Küche ist sanft aber fein, für den europäischen Gaumen nicht so exotisch wie etwa indisches Essen, trotzdem ganz anders, hoch interessant und lecker.

Das Buch ist großzügig bebildert und auch da bleiben keine Wünsche offen. Neben Fotos von Speisen, die so toll aussehen, dass man sie sich an die Wand hängen möchte, gibt es auch Familienfotos der Autorinnen, ganz viel Persien, Teheran, Dattelpalmen und der Markt von Rasht. Es ist nicht nur ein Kochbuch sondern auch ein aufregender Ausflug in eine fremde Welt. Fast möchte ich hinfahren.

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Veröffentlicht am 25.03.2024

Merkwürdig schwülstiges Allerlei

Leuchtfeuer
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Eigentlich war ich sicher, dass dieses Buch genau meins ist. Es fängt auch vielversprechend an.

Da haben Teenager einen Autounfall und ein Mädchen stirbt. Eine Tragödie, die Sarah und Theo, die überlebenden ...

Eigentlich war ich sicher, dass dieses Buch genau meins ist. Es fängt auch vielversprechend an.

Da haben Teenager einen Autounfall und ein Mädchen stirbt. Eine Tragödie, die Sarah und Theo, die überlebenden Teens, auf ewig traumatisiert. Aber auch Ben, ihr Vater, ein Arzt, der vor Ort war und nicht helfen konnte, kommt nicht darüber hinweg.

Das alles wird spannend und einfühlsam erzählt. Man hat das Gefühl, man ist dabei, spürt die Trauer, Reue und die Verlorenheit der Figuren.

Dem jungen Paar nebenan konnte Ben helfen, als ihr Sohn Waldo unerwartet plötzlich auf die Welt kommen wollte. Waldo ist ein besonderer Junge und irgendwas verbindet die beiden auch später noch, wenn Ben alt und Waldo ein junger Mann ist.

In vielen Zeitsprüngen, vor, zurück und hin und her, wird das Leben dieser Figuren erzählt, die immer wieder Berührungspunkte haben. Nur, so schön das ist, ist deren Leben nicht sonderlich ereignisreich. Der wirklich starke Anfang des Buches verpufft schnell und dann leben alle vor sich hin und leiden anschaulich.

Der grundsätzlich schöne Erzählstil verläuft sich auch immer wieder, ufert aus und treibt oft reichlich kitschige Blüten.

Meine anfängliche Begeisterung für dieses Buch hat schnell nachgelassen. Ich habe immer noch auf einen besonderen Plot gewartet, aber im Grunde dreht sich das Geschehen nur immer im Kreis, um uns zu zeigen, dass alles miteinander verbunden ist. Was wie ein psychologisch interessantes Drama beginnt, endet als merkwürdig schwülstiges Allerlei mit esoterischen Anklängen und peinlichem Geisterzauber.

Jammerschade.

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Veröffentlicht am 25.03.2024

Aufschlussreich, berührend und unterhaltsam

Issa
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Ein Buch wie dieses habe ich mir schon lange gewünscht. Afrika live und in Farbe und so verpackt, dass man einen schönen Rundumblick bekommt.

Issa ist schwanger und in Deutschland, als ihre Mutter sie ...

Ein Buch wie dieses habe ich mir schon lange gewünscht. Afrika live und in Farbe und so verpackt, dass man einen schönen Rundumblick bekommt.

Issa ist schwanger und in Deutschland, als ihre Mutter sie nötigt, in ihre Heimat Kamerun zu fliegen, um reinigende Rituale durchzuführen, weil sie und ihr Kind in Gefahr sind. Es ist einfacher sich zu fügen, als den Kampf mit ihrer Mutter aufzunehmen und, wer weiß, vielleicht ist ja was dran an dem Aberglauben. Issa will nichts riskieren und fliegt einfach.

In Kamerun wird sie schon von ihren Omas erwartet, die wissen, was getan werden muss. Generationen von Großmüttern haben ihr Wissen weitergegeben.

Issas Geschichte ist eingebettet in die Geschichte ihrer Großmütter, die von 100 Jahren Kamerun erzählt. Es war nie leicht, ein kamerunisches Mädchen zu sein in einem Land, wo Männer das Sagen haben und beliebig viele Ehefrauen haben können. Sie sind das schwächste Glied in der Kette, noch dazu haben die Deutschen das Land annektiert und mischen die Haufarbenskala durch. Mehr oder weniger schwarz oder weiß zu sein bietet Vor- und Nachteile, je nach Situation. Das hat auch Issa schon zu spüren bekommen.

Dieses Buch erzählt von einem ganz besonderen Selbstfindungstrip, der zeigt, dass weder Traditionen, noch Schamanen, Familie oder Männer dein Leben bestimmen sollten.

Der originelle Erzählton macht Spaß, die Figuren und ihre Geschichten lebendig. Es ist aufschlussreich, berührend und unterhaltsam gleichzeitig, ein frecher Appell gegen Rassismus und Misogynie, der beeindruckt, das Buch, das ich allen meinen Freundinnen schenken möchte.

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Veröffentlicht am 19.03.2024

Leidvolle Geschichte

Mein Name ist Estela
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Dieses Buch ist eigentlich ein Verhör, eine Aussage zu einem schrecklichen Ereignis, oder auch ein Aufschrei und eine bittere Anklage. Die Haushälterin, Estela, erzählt wie es sich so lebte in der Familie ...

Dieses Buch ist eigentlich ein Verhör, eine Aussage zu einem schrecklichen Ereignis, oder auch ein Aufschrei und eine bittere Anklage. Die Haushälterin, Estela, erzählt wie es sich so lebte in der Familie von Don Juan Christóbal Jensen: Ein Arzt, eine Unternehmerin, ein kleines Mädchen, für das niemand Zeit hat.

Anfangs hatte ich ein bisschen zu kämpfen. Die Situation kommt einem gar zu klischeehaft vor. Die Herrschaften scheinen ignorante Snobs aus dem Bilderbuch zu sein. Estela hat wirklich nichts zu lachen in ihrer neuen Anstellung. Sie bekommt ein Zimmer, das eine bessere Abstellkammer ist und muss springen, wenn die Señora ruft. Auch das Mädchen muss funktionieren, Leistung bringen, den Erwartungen entsprechen und ansonsten nicht stören. Das haben sie gemeinsam, Estela und die bedauernswerte Kleine, die plötzlich tot ist. Wie konnte das passieren?

Estela ist verbittert und verzweifelt, das fühlt man hier in jeder Zeile. Ab und an redet sie sich fast in Rage. Nie hat jemanden ihre Meinung interessiert und jetzt, wo es zu spät ist, soll sie erzählen? Sie schmeißt uns die ganze Wahrheit vor die Füße, schonungslos.

Das Lesen dieses Buches ist leidvoll und nimmt sehr mit. Ich musste es tatsächlich öfter mal beiseite legen. Alles steuert auf ein schreckliches Finale zu, man ist gespannt, aber auch ein bisschen angstvoll.

Am Ende stellt man mit Erstaunen fest, das Fragen bleiben, aber auch eine Erkenntnis. Wir haben den leidvollen Alltag eines Hausmädchens erlebt, das für viele steht und uns spüren ließ, wie sich die Zwei-Klassen-Gesellschaft in Chile auswirkt, wie soziale Ungleichheit immer wieder laute Protestbewegungen in Gang setzt.

Ich bin sehr beeindruckt.

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