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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.03.2025

Eindringlich, norddeutsch, maritim

Stromlinien
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Am Anfang hat mich dieses Buch begeistert. Es liest sich super, die Sprache ist schön und die Atmosphäre sehr eindringlich, norddeutsch, geheimnisvoll und maritim.

Da sind zwei Zwillingsschwestern, die ...

Am Anfang hat mich dieses Buch begeistert. Es liest sich super, die Sprache ist schön und die Atmosphäre sehr eindringlich, norddeutsch, geheimnisvoll und maritim.

Da sind zwei Zwillingsschwestern, die anders sind, Außenseiterinnen, Elbmädchen, die mit ihrer Großmutter weit abgelegen wohnen und immer mit ihrem Boot die Elbarme rauf- und runterfahren, kleine geheime Inseln kennen, sich selbst genug sind bis eine plötzlich verschwindet. Eines Morgens wacht Enna auf und Jale ist weg, dabei ist der Tag gekommen, auf den sie seit Jahren gewartet haben.

Damit liegen gleich die ersten von 1000 Rätseln auf dem Tisch. Wo ist Jale? Auf was haben die Mädchen gewartet? Warum ist die Großmutter so reserviert? Wo ist die Mutter und wer ist der Vater?

Und dann holt das Buch auch noch ganz weit aus. 1923 sind wir dabei, wie der kleine Gunnar Äpfel klaut. In kurzen Kapitel springt man durch die Zeiten, blickt in die Jugend der Mutter und sogar die der Großmutter. Oma Ehmi hat auch eine Zwillingsschwester, aber Greetje und Ehmi sind seit ewigen Zeiten zerstritten. Noch ein Rätsel, das macht aber nichts, weil tatsächlich jeder Handlungsstrang gleichermaßen interessant ist.

Im Grunde liest man hier einen mysteriösen Thriller, eine dramatische Familiengeschichte und einen spannenden historischen Roman gleichzeitig. Aus Ennas Sicht hat das Buch sogar noch Jugendbuchcharakter. Ihr Freund Luca Lemke ist supersüß und betreibt einen TikTok-Kanal mit feministischen Inhalten. Das wäre dann der Märchenaspekt. 😊

So weit ist das Buch großartig. Leider kippt es irgendwann. Irgendwann ist es vielleicht ein Drama zu viel, die schicksalhaften Parallelen im Verlauf der Zeit fangen an, konstruiert zu wirken. Immer wieder handelt jemand impulsiv und löst Katastrophen aus. Dauernd nimmt jemand edelmütig die Schuld auf sich, um andere zu schonen. Und Enna rennt weg statt das Hirn einzuschalten. Sie ist 17 und nicht 7, sie soll unsere Heldin sein und ihre Schwester finden, rennt aber immerzu weg. Zum Glück findet Luca das attraktiv.

Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen. Es ist mitreißend und ungewöhnlich und hat so großen Unterhaltungswert, dass ich ihm mach überbordenden Ausreißer verzeihe, jedenfalls fast. 😊

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Grandios erzählt

Die Fletchers von Long Island
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Dieses Buch hätte ich beinahe verpasst, weil das Cover so nett ist. Es tut locker flockig, liegt aber ganz schwer im Magen. Dabei ist der Stil unfassbar großartig. Am Anfang wollte ich mir fast alles markieren. ...

Dieses Buch hätte ich beinahe verpasst, weil das Cover so nett ist. Es tut locker flockig, liegt aber ganz schwer im Magen. Dabei ist der Stil unfassbar großartig. Am Anfang wollte ich mir fast alles markieren. Das ist meisterhaft bissig, bitterböse ironisch, unverschämte Endlossätze, die einem fast ins Gesicht spucken: Da, nimm das! Wahrscheinlich ist das auch ein geniales Hörbuch.

Es geht um die Fletchers. Sie sind Fabrikbesitzer, steinreich, jüdisch, geben den Ton an in Long Island, aber die Entführung von Carl Fletcher in den 80ern hat keiner in der Familie verwunden. 40 Jahre später sieht man, wie sich das Trauma bei den verschiedenen Mitgliedern der Familie ausgewirkt hat. Sie haben im Grunde alles, aber niemand ist glücklich, alle sind verkorkst, versnobt, arrogant. Nach und nach tut sich ein ganzer Sumpf auf, wobei Carls Entführung gar nicht das eigentliche Problem zu sein scheint. Diese Menschen sind mehr durch Reichtum verkorkst, oben drauf noch ordentlich religiös-traditionelle Absurditäten. Und noch nach Jahren steht die Frage im Raum: Wer hat Carl entführt und wo ist das Lösegeld geblieben?

Das alles wird mit erlesenem Sarkasmus präsentiert, in einem Stil, bei dem man jeden dritten wunderbaren Satz einrahmen möchte.

„Er schlürfte Smoothies mit nicht weniger als 13 Superfoods und absolut keinem raffinierten Zucker. Es gab pochierte Jakobsmuscheln. Es gab Wildlachs. Es gab Hähnchen, die nur frisches Gras gefressen hatten; es gab Steaks von Kühen, die die besten Schulen besucht hatten.“

„Die Welt lag ihr zu Füßen. Und sie ließ sie liegen.“

Dieses Buch zu lesen ist das blanke Vergnügen, es seziert diese Gesellschaft, ist herrlich böse und witzig gleichzeitig. Ich habe ständig gelacht und auch gestaunt und am Ende bin ich tief beeindruckt.

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Wichtiges Thema in Leichtverpackung

Der Einfluss der Fasane
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Das war knapp, sehr knapp sogar, beinahe hätte das hier ein wichtiges Buch werden können. Bis etwa zur Hälfte habe ich noch daran geglaubt. Es geht um Sensationsjournalismus, den man gerade in heutigen ...

Das war knapp, sehr knapp sogar, beinahe hätte das hier ein wichtiges Buch werden können. Bis etwa zur Hälfte habe ich noch daran geglaubt. Es geht um Sensationsjournalismus, den man gerade in heutigen Zeiten durchaus mal thematisieren könnte.

Hella Karl ist Kulturjournalistin und leitet das Feuilleton einer Zeitung. Als sie vom Selbstmord eines bekannten Theatermachers hört, schlägt ihr Gewissen. Sie hatte unlängst über ihn berichtet. Äußerst kritisch. Kai Hochwerth war berühmt, hochmütig und rücksichtslos. Hat sie ihn in den Tod getrieben? Die Berliner Gesellschaft scheint davon überzeugt zu sein und auch ihre Zeitung findet, sie sollte erst einmal Urlaub nehmen in dieser schwierigen Situation.

Das ist der Teil, der mir gefallen hat. Leider konzentriert sich das Buch nicht darauf. Hellas Familien- und Liebesleben und sogar ihre Kindheit werden auch gründlich beleuchtet und sind dabei eher unspektakulär. Das Buch verläuft sich in mäßig interessanten Schlenkern, statt bei der Sache zu bleiben und dann in der zahmsten aller Lösungen zu enden.

Die Sprache ist natürlich toll, geschliffen, spitzfindig und humorvoll, das Buch ist durchaus ein Vergnügen. Nur hatte ich inhaltlich sehr viel mehr erwartet.

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Ein modernes Märchen

Von hier aus weiter
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Es ist ganz erstaunlich, dass ein Buch über eine trauernde Witwe so nett sein kann. Ich hatte ein bisschen Angst, es zu lesen, aber es ist ein wirklich hübsches Buch.

Marlene ist Lehrerin im Ruhestand ...

Es ist ganz erstaunlich, dass ein Buch über eine trauernde Witwe so nett sein kann. Ich hatte ein bisschen Angst, es zu lesen, aber es ist ein wirklich hübsches Buch.

Marlene ist Lehrerin im Ruhestand und plötzlich ganz allein im Haus. Rolf, ihr Ehemann, hat beschlossen, sein Leben zu beenden, bevor der Krebs es tut. Marlene ist am Boden zerstört und möchte auch nicht mehr leben. Sie ist wütend und verbittert und will niemanden sehen. Aber Jack, ihr ehemaliger Schüler und Ida, Rolfs Ärztin, schaffen es, sie aus dem Schneckenhaus zu locken. Die drei machen sich auf zu einem skurrilen Roadtrip.

Das klingt so komprimiert ziemlich absurd, aber es entwickelt sich allmählich und ist sehr schön geschrieben. Marlenes Trauer und Verzweiflung sind einfühlsam beschrieben, werden aber durch eine gute Portion Selbstironie erträglich. Wenn dann Jack in Marlenes Haus platzt und die Rolle des verständnisvollen Mitbewohners übernimmt, der nichts fordert, die alte Frau grummeln lässt und sie liebevoll bekocht, wird es nahezu kuschelig. Man kann das unrealistisch finden, aber es liest sich schön. Es macht Spaß, sich auf dieses moderne Märchen einzulassen und mitzuerleben, wie Marlene neuen Lebensmut bekommt, obwohl ihre Situation aussichtslos schien.

Ein berührendes Buch, ein feines Hörbuch, herzerwärmend und schön gelesen!

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Veröffentlicht am 08.03.2025

Wie man alle Grenzen sprengt

Wenn wir lächeln
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Ein gutes Buch muss nicht gleichzeitig ein schönes Buch sein, dafür ist dieses Buch das beste Beispiel. Es ist furchtbar gut geschrieben und ganz, ganz schrecklich.

Jara und Anto sind 15, beste Freundinnen ...

Ein gutes Buch muss nicht gleichzeitig ein schönes Buch sein, dafür ist dieses Buch das beste Beispiel. Es ist furchtbar gut geschrieben und ganz, ganz schrecklich.

Jara und Anto sind 15, beste Freundinnen und suchen ihren Platz im Leben. Dabei ist klar, dass sie alles wollen, was ihre Mütter nicht wollen, dass sie klarkommen, selbstständig sind, im Grunde erwachsen und machen können, was sie wollen. Die Grenzen muss man natürlich ausloten, aber das ist doch toll!
Es ist ganz furchtbar, diesen beiden Mädchen zuzusehen, die sich in geradezu allem verstricken, was das Erwachsenwerden mit sich bringt. Mädchen oder Frau? Was muss man sich gefallen lassen? Muss man sich überhaupt gefallen lassen, was einem nicht gefällt oder weiß man erst, dass es nicht gefällt, wenn man es ausprobiert hat? Ist man cool, wenn man es nur spielt? Jara und Anto spielen mit Gefahren, als wäre es ein Sport und wenn was schiefgeht, lächeln sie. Als aber Anto unvermittelt von der Brücke in die Ruhr springt, vergeht Jara das Lächeln.

Mascha Unterlehberg lässt einen einfühlsam in die Köpfe dieser Mädchen gucken und liefert zwar keine Antworten, aber Ideen. Man kann sie ein bisschen verstehen, manchmal, auch wenn nahezu alles was sie tun falsch ist. Man bekommt auch Ideen dazu, warum sie das tun könnten und auf jeden Fall fühlt man, wie schwer es sein kann, sich in die Rolle als Frau einzufinden und zu behaupten. Frauwerden ist nicht nur Erwachsenwerden.

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