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Veröffentlicht am 08.06.2025

Aufschlussreich

Verbrannte Wörter
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Dieses Buch ist sehr interessant und ein Augenöffner. Ganz vieles, was hier erklärt wird, wusste ich nicht, noch nicht einmal, dass das Identifizieren von Nazisprache im allgemeinen Sprachgebrauch eine ...

Dieses Buch ist sehr interessant und ein Augenöffner. Ganz vieles, was hier erklärt wird, wusste ich nicht, noch nicht einmal, dass das Identifizieren von Nazisprache im allgemeinen Sprachgebrauch eine eigene Wissenschaft ist, dabei ist es ganz logisch und sogar notwendig.

„Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren.“ , war eine Maxime und in diesem Sinne haben die Nazis erst einmal den Duden überarbeitet. Da kommt einem direkt George Orwells „Neusprech“ aus „1984 in den Sinn.

Mann soll dieses Buch als Nachschlagewerk verstehen, das untersucht, welche Herkunft verschiedene Worte oder Redewendungen haben. In alphabetischer Reihenfolge, von „Absetzbewegung“ bis „zersetzen“, kann man hier nachlesen, in welchem Zusammenhang zu welcher Zeit Worte benutzt wurden. Manche Begriffe haben Nazis bewusst geprägt. Zum Beispiel haben sie den Eintopf am Sonntag als Maßnahme zur Unterstützung des Heeres eingeführt. Das Geld, das man sparte, indem man kein aufwendiges Sonntagsessen kochte, sollte man für die Soldaten spenden. Wenn man so etwas erfährt, bleibt einem doch der nächste Eintopf im Halse stecken. Eintopf kommt mir nicht mehr ins Haus, es gibt doch auch feine Suppen.

Allerdings räumt der Autor ein, dass selbst belastete Wörter im Lauf der Zeit wieder frei werden können. Das Wort „Aktion“ etwa war zur Nazizeit allgegenwärtig. Heute denkt sich niemand mehr etwas dabei, weil es lange genug in harmlosen Zusammenhängen genutzt wurde.

Die verschiedensten Begriffe werden hier erklärt und erläutert und zum Abschluss gibt der Autor immer eine kleine Zusammenfassung und eine Einschätzung, ob ein Wort heute noch benutzt werden kann oder nicht. Das ist oft hilfreich, an vielen Stellen fand ich es aber doch etwas bevormundend. Manch ein Wort ist klar zu verdammen, aber oft ist es auch eine Frage des Geschmacks, ob man es benutzt oder im Hinblick auf die Wortherkunft aus seinem Wortschatz streicht. Zu beurteilen, was da guter Geschmack ist, kommt mir doch etwas anmaßend vor.

Trotzdem ist dieses Buch hoch interessant. Ich habe viel gelernt und weder jetzt wahrscheinlich deutlich kritischer mit meiner Wortwahl umgehen.

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Veröffentlicht am 01.06.2025

Ein schöner Schmöker

Die Frauen von Cornwall
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Daphne du Maurier ist eine Autorin, deren Bücher heute alle als Klassiker gelten. Viele davon habe ich gelesen und geliebt. Dieses hier ist ihr Debüt, das zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übersetzt ...

Daphne du Maurier ist eine Autorin, deren Bücher heute alle als Klassiker gelten. Viele davon habe ich gelesen und geliebt. Dieses hier ist ihr Debüt, das zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist natürlich hoch interessant, das zu lesen, allerdings habe ich den Eindruck, dass die Autorin noch sehr jung gewesen sein muss, als sie dieses Buch schrieb.

Es geht um die Familie Coombe aus dem Küstenstädtchen Plyn in Cormwall, wo die Menschen eng mit dem Meer verbunden sind. Die Coombes betreiben eine Werft, einige Söhne fahren zur See und andere haben andere Pläne. Man begleitet diese Familie über vier Generationen und kann verfolgen, wie Janet Coombe ihre Liebe zum Meer und zur Natur an ihre Kinder weitergegeben hat. Es geht um Traditionen und Familienzusammenhalt, aber auch um Ehrgeiz, Besessenheit und Erwartungen, die nicht erfüllt werden. In dieser Familie ereignen sich so manche Dramen, während sich die Werft und der Schiffsbau auch weiterentwickeln.

Mit diesem Buch musste ich sehr kämpfen. Gar nicht mal mit der altmodischen Sprache, aber generell mit dem Pathos und der Betulichkeit der Figuren. Im Gegensatz zu späteren Werken der Autorin, wirkt dieses Buch reichlich romantisch verklärt. Natürlich muss man ein Buch in seiner Zeit sehen, aber dieses fromme Gutmenschentum und die Selbstverständlichkeit, mit der da Frauen in ihre Rolle gedrängt werden, ist schwer zu ertragen.

Das Ambiente wird großartig geschildert, aber die Figuren sind recht schematisch angelegt. Etwa bis zur Hälfte des Buches war da keine Figur, die ich glaubwürdig, sympathisch oder wenigstens interessant fand. Danach bessert es sich ein bisschen.

Der Biss, der feine Humor und die leise Gesellschaftskritik, die man aus du Mauriers späteren Werken kennt, fehlen hier komplett. Man merkt deutlich, dass die Autorin sich später weiterentwickelt hat, aber das ist ja auch interessant.

Insgesamt ist dieses Buch ein schöner Schmöker, eine dramatische Familiengeschichte mit viel Wind und Meer und einigem Geisterzauber.

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Veröffentlicht am 22.05.2025

Total verrückt

Stadt der Hunde
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Es ist nahezu unmöglich, etwas über dieses Buch zu schreiben ohne zu spoilern. Da ist ein legendärer Gehirnchirurg, der seit 10 Jahren seine verschollene Tochter sucht, aber in Grunde tut das gar nicht ...

Es ist nahezu unmöglich, etwas über dieses Buch zu schreiben ohne zu spoilern. Da ist ein legendärer Gehirnchirurg, der seit 10 Jahren seine verschollene Tochter sucht, aber in Grunde tut das gar nicht viel zur Sache. Dieses Buch ist total verrückt.

Jaap Hollander ist wieder in Israel, wie jedes Jahr, als er aus heiterem Himmel gebeten wird, eine arabische Prinzessin zu operieren, die einen schrecklichen Hirntumor hat. Niemand außer Jaap ist dazu in der Lage, Geld spielt keine Rolle. Und mit ausreichend Geld könnte Jaap doch nochmal die Negev Wüste durchsieben. Vielleicht finden sich nach 10 Jahren doch noch Spuren. Kann ja sein.

Wir erfahren viel über Jaaps Leben, insbesondere sein Liebesleben, bei dem blaue Pillen eine entscheidende Rolle spielen, immerhin ist er Rentner und kommt noch immer an keiner Frau vorbei. Sein Gedächtnis ist nicht immer das Beste.

Und während man sich noch fragt, worum es hier denn nun eigentlich geht, taucht ein sprechender Hund auf und die Geschichte dreht vollends durch. Ja, es gibt noch eine Überraschung und einen Erklärungsversuch, gut möglich, dass das Ganze Tiefen hat, die mir entgangen sind, nur kann ich damit leider nichts anfangen.

Für mich hatte dieses Buch einen gewissen Unterhaltungswert, der im letzten Drittel im Chaos unterging.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Tolle Idee, sehr schlicht erzählt

Erdrutsch
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Die Idee dieses Buches ist toll. Giorgio Colombo ist Tierarzt und Vogelkundler und hat die Sprache der Krähen so gut analysiert, dass er mit ihnen kommunizieren kann.

Als in den Bergen am Comer See vermehrt ...

Die Idee dieses Buches ist toll. Giorgio Colombo ist Tierarzt und Vogelkundler und hat die Sprache der Krähen so gut analysiert, dass er mit ihnen kommunizieren kann.

Als in den Bergen am Comer See vermehrt Hänge abstürzen, scheinen die Krähen das vorherzusagen. Kann man diese Gabe nutzen? Giorgio verfällt in eine Art Trance, wenn er mit den Krähen spricht. Wie zuverlässig ist so ein Orakel? Ist der Mann ein Genie oder Irrer?

Eine Vogelkundlerin aus Deutschland und ein italienischer Bergführer sind mit ihm befreundet und sollen helfen, das Phänomen zu ergründen.

Das Ganze wird verflochten mit einer Art Umwelt-Krimi. Kann am Comer See ein Ferienresort errichtet werden, während ringsherum die Hänge kollabieren? Wie viele Ferienresorts braucht der Mensch und wer braucht „Little Tibet“ in Italien? Auch in der Schweiz ist das Geschäft mit dem Tourismus in Gefahr, wenn immer öfter der Schnee ausbleibt.

Das sind alles spannende Themen, die hier auf den Tisch kommen, allerdings wird es nicht sonderlich gut präsentiert. Der Erzählstil ist trocken und schnörkellos, eher berichtend als poetisch, die Figuren schablonenhaft, das hat mir ein wenig den Spaß an der Sache genommen. Immer wieder bekommt man lange Vorträge zum Thema Umwelt, zum Schaden, den Tourismus anrichtet und auch zur Krähenkunde. Letzteres hat mir gefallen, ich sehe jetzt Krähen mit deutlich anderen Augen, aber der Rest des Buches hat mich nicht überzeugt.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Witzig und weise

Stars
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So eine Geschichte habe ich noch nie gelesen.

Carla Mittmann hat sich abgefunden mit ihrem eher durchschnittlichen Leben, ist introvertiert, Single, Ende 30 und lebt genügsam von einem Halbtags-Bürojob. ...

So eine Geschichte habe ich noch nie gelesen.

Carla Mittmann hat sich abgefunden mit ihrem eher durchschnittlichen Leben, ist introvertiert, Single, Ende 30 und lebt genügsam von einem Halbtags-Bürojob. In ihrer Freizeit erstellt sie Horoskope für ein paar ausgesuchte Menschen, die ihre Seite gefunden haben. Als Cosmic-Charly hat sie eine überschaubare Fangemeinde, die ihr ein solides Nebeneinkommen sichert. Ihr Philosophiestudium hat ihr zwar keine wissenschaftliche Karriere verschafft, aber es hilft dabei, klug Probleme zu analysieren, auch wenn man nicht besonders an Astrologie glaubt.

Als eines nachts ein Stein durch Carlas Schlafzimmerfenster fliegt und am Tag darauf auch noch ein Päckchen voller Dollars vor ihrer Tür liegt, ist das für Carla ein Weckruf. Sie fängt nochmal ein ganz neues Leben an und startet durch als Astrophilosophin.

Dieses Buch ist eigen und anders und macht großen Spaß. Die Sprache ist wunderbar, Carla erzählt persönlich von den Ereignissen und analysiert sich und ihre Umgebung mit feiner Beobachtungsgabe, bissigem Humor und viel Selbstironie. Carla ist auf so herrlich nerdige Art eigen, tut nie, was man erwartet hat, ist dabei aber klug, kritisch, ehrlich und sehr liebenswert.

Über das Ende muss man ein wenig nachdenken und je länger ich das tue, desto besser gefällt es mir. Es kommt absolut unerwartet und stellt direkt nochmal Carlas frisch erworbenes neues Selbstbild auf den Kopf. Es zeigt aber auch, dass es manchmal nur einen Stein braucht, um Dinge ins Rollen zu bringen, das ist auf elegante Art hinterhältig.

Ein tolles Buch, unterhaltsam und weise.

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