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Veröffentlicht am 13.10.2020

Familienleben in den 1970er Jahren

Die Wahrheit über Metting
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Es war für mich das erste Buch des bereits durch zahlreiche Romane in Erscheinung getretenen Autors und hat mich sehr beeindruckt. Eingenommen hat mich die Geschichte schon deshalb, weil sie – soweit es ...

Es war für mich das erste Buch des bereits durch zahlreiche Romane in Erscheinung getretenen Autors und hat mich sehr beeindruckt. Eingenommen hat mich die Geschichte schon deshalb, weil sie – soweit es ihren längeren ersten Teil betrifft – in den 1970er Jahren in einer niedersächsischen Kleinstadt angesiedelt ist und der Protagonist seinerzeit 12 Jahre alt war; denn auch ich bin Niedersächsin und in den 1960er/70er Jahren aufgewachsen.
An viele der angesprochenen Begebenheiten bzw. Gegenstände habe ich selbst noch Erinnerungen, z.B. die samstagabendliche Rudi Carrell-Show im Fernsehen, die Fleischmann-Modelleisenbahn, HB-Zigaretten, PKW Ford Capri und Granada. Thematisch verarbeitet das Buch für mich interessante Themen wie Familie, Älterwerden in einem Altenheim, Vorurteile andersartigen Menschen gegenüber. Aufhänger für alles ist der 12jährige Tomás, der in einer Kleinstadt in dem von seinen Eltern betriebenen Altenheim aufwächst. Den vorurteilsbehafteten Ansichten der Kleinstädter gerade zulasten von Minderheiten ist er in vielfältiger Weise ausgesetzt – sein Vater ist homosexuell, sein Freund entstammt einer Familie mit Sinti-Hintergrund und wird als „Zigeuner“ angefeindet, er selbst wird aufgrund einer Lese-Rechtschreibschwäche in der Schule als „Idiot“ abgestempelt.
Der erste Teil des Buchs, der mit Eintritt der Volljährigkeit von Tomás endet, als er seine ihn vermeintlich nicht liebenden und ihn nicht unterstützenden Eltern verlässt, hat mich durchweg überzeugt. Der kürzer gehaltene zweite Teil spielt 30 Jahre später und Tomás kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück. Hier stoße ich mich etwas daran, dass sich zu schnell alles in Wohlgefallen und Harmonie auflöst, wodurch die Geschichte eine etwas unrealistisch wirkende Färbung erhält. Aus diesem Grund „nur“ eine Vier-Sterne-Bewertung.

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Veröffentlicht am 09.10.2020

Sehr persönlich und sehr gefühlvoll

Sterben im Sommer
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Die Autorin erzählt in ihrer sehr persönlichen Geschichte vom Sterben ihres alten Vaters, dessen Krebserkrankung nach fünf Jahren zurückkehrt und der sich dann während der verbleibenden Monate dem vollen ...

Die Autorin erzählt in ihrer sehr persönlichen Geschichte vom Sterben ihres alten Vaters, dessen Krebserkrankung nach fünf Jahren zurückkehrt und der sich dann während der verbleibenden Monate dem vollen Programm von Behandlungsmaßnahmen unterzieht. Es schließt sich die Zeit des Abschieds und des ersten Trauerjahres an. Aus der ganzen Geschichte spricht sehr viel Liebe, die die Autorin für ihren Vater empfindet, zu dem sie immer ein enges Verhältnis hatte. Außer auf Krankheit und Sterben geht sie auf viele Erlebnisse mit dem Vater und Erinnerungen an ihn ein sowie auch dessen interessante besondere Vergangenheit, die durch seine Flucht aus Ungarn während des Aufstands im Jahr 1956 nach Deutschland geprägt ist.
Der Text ist von ganz besonderer Art, der mir von der Autorin schon aus ihrem früheren Roman „Schlafen werden wir später“ bekannt ist. Sie arbeitet oft mit den Stilmitteln der Wiederholung, der Anapher und der Wiederholung sinnverwandter Wörter. Dadurch erhält der Text eine anklagende, vorwurfsvolle Färbung, wodurch ich selbst mich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass die Autorin sich und ihre Trauer etwas zu egoistisch zu sehr in den Mittelpunkt rückt (immerhin befinden sich unzählig viele andere Menschen auch in dieser Situation). Passende Leserin ist die mit unaufgeregter Stimme vortragende Schauspielerin Lisa Wagner.
Ein Roman, der nicht in jeder Lebenssituation gelesen/gehört werden sollte, insbesondere nicht bei frischer eigener Trauer.

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Veröffentlicht am 07.10.2020

Thematik DDR-Sozialismus interessant, aber insgesamt zu lang

Peter Holtz
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Der namentlich im Buchtitel benannte Protagonist Peter Holtz ist von Kindheit an ein linientreuer DDR-Bürger durch und durch, der letztendlich den Kommunismus realisiert sehen will. Dazu scheint es so ...

Der namentlich im Buchtitel benannte Protagonist Peter Holtz ist von Kindheit an ein linientreuer DDR-Bürger durch und durch, der letztendlich den Kommunismus realisiert sehen will. Dazu scheint es so gar nicht zu passen, dass er mehrere Berliner Immobilien geschenkt erhält, die ihn nach der Wende zum Millionär machen. Um seiner antikapitalistischen Einstellung treu zu bleiben, sucht er nach Möglichkeiten, das Geld loszuwerden.
Die Geschichte, soweit sie zwischen 1974 und dem Mauerfall/der Wiedervereinigung angesiedelt ist, habe ich wirklich sehr gern gelesen. Für Lebendigkeit und Witz hat insoweit der Charakter des Peter Holtz gesorgt, der sehr naiv und einfältig dargestellt wird und anhand dessen sehr deutlich wird, wie das DDR-System Menschen geformt hat. Immer wieder ließen mich einzelne Passagen schmunzeln, z.B. als es um Peters ersten Besuch in West-Berlin geht und er sich zum Begrüßungsgeld erklärt. Dann aber hatte ich mehr und mehr Mühe, den Roman zu verstehen. Für mich wurde es streckenweise zu politisch. Vielleicht verfüge ich aber auch einfach nur über zu wenig Wissen zur Wendepolitik. Die Vielzahl der Romanfiguren trug nicht gerade zum Verständnis bei. Offenbar spielten auch einige in der Geschichte umbenannte Politiker eine Rolle, die ich nicht alle einordnen konnte. Das Ende wiederum fand ich gelungen – hier bleibt sich Peter Holtz treu und wird sein Geld mit Anstand los – auf welche Weise, das sollte jeder selbst lesen.

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Veröffentlicht am 01.10.2020

Ein herrlich verrücktes Buch

Warten auf Bojangles
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Dieses Buch ist einfach nur schön zu lesen. Die Protagonisten sind total verrückt – Vater Georges lebt für die Liebe zu seiner Frau, die er fast täglich mit anderen Vornamen benennt; die Mutter feiert ...

Dieses Buch ist einfach nur schön zu lesen. Die Protagonisten sind total verrückt – Vater Georges lebt für die Liebe zu seiner Frau, die er fast täglich mit anderen Vornamen benennt; die Mutter feiert und tanzt immerzu nach dem Lied „Mr. Bojangles“ von Nina Simone; der Sohn wird erdrückt von der Liebe seiner Eltern, muss nicht einmal zur Schule gehen. Leider ist die Mutter wirklich wahnhaft, ist manisch-depressiv, schizophren. Ihre Krankheit spitzt sich zu, bis sie in die Psychiatrie eingewiesen wird, aus der sie mithilfe von Mann und Sohn flüchtet, und zwar in das Ferienhaus nach Spanien, wo die drei mit der Krankheit leben.

Das ernste Thema der psychischen Erkrankung eines Familienmitglieds und ihrer Folgen für die Angehörigen wird ungewöhnlich aufgearbeitet und macht das Buch so lesenswert. Die Romanfiguren sind sehr sympathisch. Sie vermitteln pure Lebenslust, so dass das Ende sehr überraschend kommt. Der Text quillt nur so über von merkwürdigen Dialogen verrückten Vorkommnissen.

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Veröffentlicht am 30.09.2020

Das letzte Kriegsjahr in der Eifel

Winterbienen
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Wer anspruchsvolle, zeitgenössische Literatur insbesondere mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg mag, sollte unbedingt dieses Buch lesen.
Die Geschichte spielt 1944/45 in der Eifel. Dass der Autor von dort stammt, ...

Wer anspruchsvolle, zeitgenössische Literatur insbesondere mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg mag, sollte unbedingt dieses Buch lesen.
Die Geschichte spielt 1944/45 in der Eifel. Dass der Autor von dort stammt, wird allenthalben sichtbar, vor allem in den detaillierten Landschaftsbeschreibungen. Protagonist ist ein aus dem Schuldienst entlassener, von der Bienenzucht lebender Gymnasiallehrer, Egidius Arimond, aus dem Bergarbeiterstädtchen Kall. Liebschaften, seine sich zusehends verschlimmernde Epilepsie und der Umstand, dass er Juden, versteckt in Bienenstöcken, nach Belgien rettet, noch dazu vermehrte Angriffe alliierter Bomber, bringen ihn in Gefahr.
Über all das erfahren wir auf von Egidius geführten Tagebuchblättern. Immer wieder lässt er sich über bestimmte Vorkommnisse aus, am häufigsten über seine Bienen. Insoweit hat sich der Autor wirklich fundiertes Wissen angeeignet. Weiteres wiederkehrendes Thema ist das anhand von Dokumenten nachvollzogene Leben über einen Vorfahren von Egidius, der im 15. Jahrhundert aus dem Tessin in die Eifel gekommen ist. Diese Teile haben philosophische Bezüge und sind am schwierigsten zu lesen. Schließlich ist der Bombenkrieg der Alliierten über der Eifel von Bedeutung. Die Flugzeuge sind sehr schön illustriert. Alles in allem ergibt sich ein anschauliches Bild über das letzte Kriegsjahr.

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