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Veröffentlicht am 02.03.2025

Eine Kindheit als Mädchen

Schwimmen im Glas
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Aus ihrer Perspektive erzählt die während der Geschichte zumeist 10jährige Lore aus ihrer behüteten Kindheit in einem österreichischen Dorf in den neunziger Jahren. Dabei blendet sie immer wieder kurz ...

Aus ihrer Perspektive erzählt die während der Geschichte zumeist 10jährige Lore aus ihrer behüteten Kindheit in einem österreichischen Dorf in den neunziger Jahren. Dabei blendet sie immer wieder kurz auf ihre spätere Jugend und ihr Erwachsenenleben als Mittvierzigerin. Mit kindlicher Betrachtungsweise geht sie ein auf die Geschlechterrollen, die in ihrer Familie mit dem dieser vorstehenden patriarchalischen Großvater traditionell und nur zaghaft aufgebrochen werden. Die vielen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bzw. Männern und Frauen begnügt sie sich zu beschreiben, ohne gegen die Ungleichheiten zu rebellieren. Anders als ihre Tante, die sich für ein emanzipiertes Leben in der Stadt entschieden hat und deshalb als schwarzes Schaf der Familie gilt. Schließlich lebt auch Lore emanzipiert.
Der Roman liest sich aufgrund der gewählten Perspektive recht erfrischend. Bei Lesern, die der Generation Lores angehören, werden sicherlich Erinnerungen an die eigene Kindheit geweckt. Bezeichnend ist vor allem zu lesen, wie sehr sich die Geschlechterrollen seither gewandelt haben. Bei allen Beobachtungen, die Lore hierzu in ihrem Alltag und Umfeld macht, lässt sich nur sagen, dass sie Recht hat. Sprachlich gelungen ist, dass so viele Sätze des Großvaters nicht beendet werden, sondern mit einem Gedankenstrich enden. So wird gut die Sprachlosigkeit dieser Generation dargestellt, die nicht über die noch nicht allzu weit zurückliegenden Zeiten des Zweiten Weltkriegs erzählen wollte. Etwas irreführend erscheint mir das Ende der Kurzbeschreibung auf dem rückwärtigen Buchrücken, das ein vermeintliches Geheimnis o.ä. in Lores Vergangenheit erwarten lässt, sich dann aber als banal darstellt.
Diesen Roman kann ich sehr empfehlen, vor allem für Leser mit Interesse an Familien-/Gesellschaftsromanen.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Das Leben auf dem Dorf

Hier draußen
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Wer jemals in einem Dorf gelebt hat oder gar dort groß geworden ist, weiß, welch große Bedeutung dort den Dorffesten zugeschrieben wird. Exakt an ihnen hangelt sich die Geschichte entlang. Fünf Stück sind ...

Wer jemals in einem Dorf gelebt hat oder gar dort groß geworden ist, weiß, welch große Bedeutung dort den Dorffesten zugeschrieben wird. Exakt an ihnen hangelt sich die Geschichte entlang. Fünf Stück sind es im fiktiven schleswig-holsteinischen Dorf Fehrdorf, verteilt über ein Jahr, benannt im Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches, jeweils untergliedert in mehrere kürzere Kapitel. Von den Dorfbewohnern lernen wir die unterschiedlichsten Typen kennen, die sehr detailreich und lebensnah beschrieben werden. Sie könnten in jedem Dorf in Deutschland wohnen: die Nutztierhalter, Altenteiler, Bürgermeister, Zugezogene aus den Nachbardörfern und der Großstadt. Eine Gemeinsamkeit besteht zwischen ihnen – alle hadern irgendwie mit ihrem Leben und dem Zusammenleben mit den anderen auf dem Dorf. Lange Passagen sind der Gedankenwelt der Romanfiguren gewidmet. Etwas verwundert schüttelt man den Kopf über das traditionelle Rollenbild von der Frau. Das Landleben romantisieren tut der Roman keineswegs. Gerade weil er so lebensecht geschrieben ist, habe ich ihn gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 19.02.2025

Beeindruckend

Wild wuchern
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Auf nur rund 200 Seiten wird vor uns rasend schnell in Ausschnitten das so unterschiedlich verlaufene Leben zweier Cousinen aufgeblättert, an deren Ende beide auf einer einsamen Almhütte in Tirol vereint ...

Auf nur rund 200 Seiten wird vor uns rasend schnell in Ausschnitten das so unterschiedlich verlaufene Leben zweier Cousinen aufgeblättert, an deren Ende beide auf einer einsamen Almhütte in Tirol vereint sind – die Eremitin Johanna und die Städterin Marie. Etwas Märchenhaftes wohnt der Geschichte inne. Ein klein wenig fühle ich mich an Johanna Spyris Heidi erinnert oder an das Grimmsche Märchen von Frau Holle, mit deren Figuren Goldmarie und Pechmarie sich und die Cousine die eine Protagonistin Marie selbst vergleicht. Beide schleppen Traumata aus der Vergangenheit mit sich herum, die eine aus der Kindheit herrührend, die andere aus ihrem Erwachsenenleben als Ehefrau. Um was es konkret geht, wird erst nach und nach sichtbar, wie es sich für einen guten Roman gehört. Auf jeden Fall sind die Vergangenheiten beider Frauen jede für sich furchtbar und in ihrer Familie wurzelnd. Dazu passend sind die Schilderungen von Naturereignissen in den Bergen und Erlebnisse mit Tieren. Alles ist so bildhaft, dass man sich als Leser in das Geschehen hineinversetzt fühlt. Eigentlich gar nicht so recht zum Thema passend und dennoch so gelungen ist der erfrischende und humorvolle Schreibstil, mit dem die Autorin alles von Marie als Erzählerin schildern lässt. Frisch von der Leber weg, wie ihr der Schnabel gewachsen ist legt sie los. Eingestreut ist viel österreichischer Sprech, den ich immer wieder gerne lese und der die Personen so authentisch macht.
Dieses Buch zu lesen, macht einfach Spaß.

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Veröffentlicht am 16.02.2025

Mandate einer Strafverteidigerin

Dunkle Momente
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Die Autorin lässt in diesem Roman – dem Genre Krimi ist das Buch m.E. eher nicht zuzuordnen – die fiktive Berliner Strafverteidigerin Eva neun Fälle aus ihrem anwaltlichen Berufsalltag schildern. Es handelt ...

Die Autorin lässt in diesem Roman – dem Genre Krimi ist das Buch m.E. eher nicht zuzuordnen – die fiktive Berliner Strafverteidigerin Eva neun Fälle aus ihrem anwaltlichen Berufsalltag schildern. Es handelt sich z.T. um recht bedeutende Mandate und der Leser wird auch mit grausamen Straftaten, z.B. Kannibalismus und Gruppenvergewaltigung, konfrontiert, so dass er das Lesen auch aushalten können muss. Umso unverständlicher mag es einem juristischen Laien erscheinen, wie sehr die Strafverteidigerin bemüht ist, vor Gericht das beste Ergebnis für ihre Mandanten herauszuholen, also milde Urteile, wenn nicht gar Freisprüche. Doch sie selbst erklärt es immer wieder: Ihr Handeln ist ein Gebot der Rechtsstaatlichkeit. Der Leser wird zum Nachdenken darüber angeregt, ob die Täter tatsächlich Schuld auf sich geladen haben oder sie unschuldig sind, ob das abschließende Gerichtsurteil gerecht oder ungerecht ist. Nur in einem Fall hat Evas Verhalten m.E. die zulässigen (auch in berufsrechtlicher Hinsicht) Grenzen überschritten, nämlich als sie einer befreundeten Mandantin Tipps gibt, wie sie eine von ihr begangene Tötung als das perfekte Verbrechen erscheinen lassen kann. Alle Fälle lesen sich leicht, ohne dass in juristisches Kleinklein eingestiegen wird. Endlich auch einmal ein Roman, in dem die Arbeit der Justiz und die in ihr verwendeten Fachbegriffe korrekt wiedergegeben werden, was wohl dem eigenen Werdegang der Autorin als Strafrechtsprofessorin geschuldet ist. Als auflockernd habe ich empfunden, dass die Protagonistin ihre Fälle oft mit Personen aus ihrem Umfeld bespricht und deren Sichtweise einfließt. Nicht zu vergessen sei, dass die Autorin es schafft, den Leser bis zuletzt durch entsprechende Spannung bei der Stange zu halten. Denn das gesamte Buch durchziehen Andeutungen auf ein Mandat Stefan Heinrich, um das es dann erst im letzten Kapitel geht.
Ich spreche eine Leseempfehlung aus.

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Veröffentlicht am 09.02.2025

Jugend und Rechtsextremismus

Unter Grund
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Dieses Buch passt so gut in die Gegenwart, in der rechtsextremistische Kräfte scheinbar mühelos aufblühen, und sollte deshalb unbedingt gelesen werden, vor allem von jungen Leuten. Es verdeutlicht anschaulich, ...

Dieses Buch passt so gut in die Gegenwart, in der rechtsextremistische Kräfte scheinbar mühelos aufblühen, und sollte deshalb unbedingt gelesen werden, vor allem von jungen Leuten. Es verdeutlicht anschaulich, wie gerade dieser Teil der Bevölkerung empfänglich für die wahnsinnigen Ideen rechter Gruppierungen ist und sich ihnen aus unterschiedlichen Gründen anschließt – als da seien Außenseitertum, Einsamkeit, familiäre Probleme, die Suche nach einer Identität. Das geschieht anhand der jungen Protagonistin Franka, die als 16jährige im Jahr 2006 in einem Dorf in Franken immer tiefer in die rechte Szene abrutschte und den Weg von dieser weg erst durch eine von ihrer Mutter veranlasste Internatseinschulung fand, nachdem sie an der Begehung schwerer Straftaten beteiligt war. Franka verarbeitet diese Zeit zehn Jahre später, als sie als Referendarin mit Schülern einem Prozesstag im sog. NSU-Prozess beiwohnt. Jetzt stellt sie sich den Fragen ihrer Angehörigen in ihrem Heimatdorf und muss erfahren, dass es auch unter ihnen welche gibt, die schlimme Geheimnisse horten. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist gelungen, macht er doch die Motive deutlich, die zu Frankas Einstellung führten. Der Text liest sich gut, wenngleich das Thema keine leichte Kost ist.
Es ist ein wichtiges Buch, das ich sehr empfehle.

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