Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Erinnert an Franz Kafka

Die Vegetarierin
0

Selten passt ein Cover so gut zu einem Roman wie das hier gewählte: rote/rosa Blumenblüten mit einem dazwischen angeordneten Stück rohen Fleisch, Fingern und einer Zunge. So müssen die Blumen aussehen, ...

Selten passt ein Cover so gut zu einem Roman wie das hier gewählte: rote/rosa Blumenblüten mit einem dazwischen angeordneten Stück rohen Fleisch, Fingern und einer Zunge. So müssen die Blumen aussehen, mit denen der Schwager Chong der Protagonistin Yong-Hye deren nackten Körper in Realisierung eines Kunstprojekts bemalt. Doch davon handelt erst der zweite Teil des insgesamt dreigeteilten Romans, der für mich sehr abstrakt ist mit Chongs Ideen über die Verbindung von Pflanzlichem und Menschlichem und der mir deshalb im Gegensatz zum Rest nicht so gut gefallen hat. Im ersten Teil schildert Yong-Hyes Ehemann in der Ich-Perspektive, wie sie plötzlich zur Vegetarierin (richtigerweise: Veganerin) wird. Im letzten Teil beschreibt Yong-Hyes Schwester deren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt. Jeder Teil ist geprägt von einem eigenen Sprachstil - mal nüchtern, mal sinnlich. Inhaltlich geht es in dem kurzen Text um Verwandlung, Zerfall und Rebellion. Yong-Hyes plötzlicher Vegetarismus lässt ihre gesamte Familie auseinanderfallen. Die Protagonistin selbst verkümmert zusehends. Sie sehnt sich danach, zu einem mit der Erde verschmolzenen Baum zu werden. Über das dahinterstehende Motiv lässt sich nur spekulieren, zumal kein Teil aus Yong-Hyes eigenem Blickwinkel erzählt wird. Ihre Entscheidung begründet sie ihrem Mann gegenüber damit, „einen Traum“ gehabt zu haben. Vieles erscheint absurd und grotesk. Zu Recht wird das Buch im Klappentext als kafkaeske Geschichte bezeichnet. Gerade das macht das Besondere des Romans aus, so dass er in diesem Jahr verdient mit dem internationalen Man Booker-Literaturpreis, einer wichtigen Literaturauszeichnung Großbritanniens, ausgezeichnet wurde.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Schatten im Leben einer Familie

Die unsterbliche Familie Salz
0

Im Wesentlichen sind es die Jahre 1914 bis 2015, in denen wir Leben und Werdegang der Münchener Familie Salz verfolgen können. Aus wechselnden Perspektiven verschiedener Familienmitglieder und – man staune ...

Im Wesentlichen sind es die Jahre 1914 bis 2015, in denen wir Leben und Werdegang der Münchener Familie Salz verfolgen können. Aus wechselnden Perspektiven verschiedener Familienmitglieder und – man staune – des Schattens eines von ihnen wird geschildert, wie der Erwerb des prächtigen Hotels Fürstenhof in Leipzig zum Schicksal insbesondere für die Tochter des Hauses, Lola, wird, die als tragische Figur die Protagonistin ist. Dort leistet sie als Kind ihrer Mutter Sterbehilfe, woraufhin sie vom Vater verstoßen wird. Erst nach der Wiedervereinigung betritt sie das Hotel wieder. Der Zeitraum dazwischen, insbesondere die Zeit des Zweiten Weltkrieges, ist von grauenhaftem Erleben geprägt, das Lola nie wieder von sich abschütteln kann du das noch bei ihren Kindern und Kindeskindern psychische Spuren hinterlässt.
An deutscher Geschichte Interessierte werden bei der Lektüre auf ihre Kosten kommen. Vor allem die Schilderungen zum Zweiten Weltkrieg sind sehr informativ. Für Abwechslung beim Lesen sorgen verschiedene Erzählperspektiven. Die einzelnen Familienmitglieder sind recht eigenwillige Persönlichkeiten, die ihr Päckchen zu tragen haben und nicht unbedingt Sympathieträger sind. Das am meisten verwendete Substantiv dieses Romans dürfte das Wort „Schatten“ sein. Dieses Thema zieht sich variantenreich durch die ganze Geschichte. So ist z.B. die Rede von Schatten als Beweis für die Existenzen, Wegnahme von Schatten, Schattenlosigkeit, Männern ohne Schatten. Das lässt Raum für so manche Interpretation, vor allem stellt sich die Frage, welche Schatten eine Vorgängergeneration auf nachfolgende Generationen wirft. Dies führt dann auch dazu, dass das Buch recht anspruchsvoll ist. Es zu lesen lohnt sich auf jeden Fall.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Fesselnder Thriller, der menschliche Abgründe ausleuchtet

Der Todesprophet
0

Der unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidende Journalist Ben gerät in den Verdacht, zwei Frauen im erzwungenen Beisein ihrer Kinder getötet zu haben. Nicht nur steht er jetzt vor der Aufgabe, ...

Der unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidende Journalist Ben gerät in den Verdacht, zwei Frauen im erzwungenen Beisein ihrer Kinder getötet zu haben. Nicht nur steht er jetzt vor der Aufgabe, seine Unschuld beweisen zu wollen, sondern auch seine entführte Frau und Tochter in einem gnadenlosen Wettlauf um die Zeit zu retten. Dabei gerät er immer tiefer in einen Sumpf aus religiösem Fanatismus …

Ein fesselnder, temporeicher Thriller, der den Leser von Anbeginn zum Miträtseln auffordert, ohne dass es möglich ist, früh auf die schlussendliche Lösung zu kommen. Viele menschliche Abgründe werden geschildert und es gibt eine Reihe von Gräueltaten, die aber nicht so blutrünstig sind, als dass nicht auch zartbesaitete Leser sie verdauen könnten. Bis zum Ende gibt es eine Reihe unerwarteter Wendungen. Geschickt fließen gelegentlich Passagen aus der Sicht des Täters ein, die Hinweise auf seine kranke Psyche geben. Der überwiegende Teil der Geschichte wird allerdings aus der Perspektive des Protagonisten Ben geschildert. Gefallen hat mir die Ansiedlung der Geschichte in Berlin mit der Erwähnung so mancher bekannter Lokalität.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Familiensaga über mehrere Generationen

Die langen Tage von Castellamare
0

Auf der fiktiven winzigen Insel Castellamare vor der Küste Siziliens ist das „Haus am Rande der Nacht“ ein beliebter Treffpunkt der Insulaner. Dort spielen die alten Männer Karten, tratschen die Frauen, ...

Auf der fiktiven winzigen Insel Castellamare vor der Küste Siziliens ist das „Haus am Rande der Nacht“ ein beliebter Treffpunkt der Insulaner. Dort spielen die alten Männer Karten, tratschen die Frauen, trinken die Gäste Limoncello und verehren alle ihre heilige Sant’Agata. Ihr Vertrauen in sie und ihre Segnungen vereint die Bewohner. Aberglaube und Tradition gehören zum Inselleben. Die Familien leben seit Generationen auf der Insel. Sie kennen die Geheimnisse ihrer Nachbarn noch vor dem Betroffenen selbst. 1914 lässt sich dort der 40jährige Amadeo Esposito, ursprünglich ein Findelkind aus Florenz, als Inselarzt nieder, auf der Suche nach einem Zuhause und dem Leben, nach dem er sich immer gesehnt hat. Beides findet er, als er die clevere Witwe des Schulmeisters, Pina, heiratet. Sie gründen eine Familie und betreiben im Haus am Rande der Nacht eine Bar. Amadeo und später auch seine Nachkommen verursachen Skandale, um sie ranken Gerüchte und Tratsch. Ihr Leben über vier Generationen steht im Mittelpunkt. Obwohl die Insel isoliert ist, ist das dortige Leben nicht immer idyllisch und geht das Weltgeschehen nicht an ihr vorbei. Die beiden Weltkriege, der Faschismus unter Mussolini, die Weltwirtschaftskrise, die Bankenkrise, der Massentourismus, das Internet führen auch auf ihr zu Veränderungen. Das Leben der Espositos und anderer Insulaner wird so plastisch dargestellt, dass der Leser eine gute Vorstellung von der jeweiligen Zeit und der kleinen Insel erhält. Die eingeschworene Gemeinschaft überwindet alle Schwierigkeiten. Die Leute halten zusammen, kümmern sich umeinander und geben so ein gutes Vorbild. Für einige wird die Insel zu klein und sie träumen davon, sie zu verlassen, für andere bleibt sie immer ihr Zuhause. Oft fühlte ich mich quasi hineingesetzt auf die Veranda des Hauses am Rande der Nacht. Die Geschichte ist einfach erzählt, ohne große Handlung, aber genauso ist sie perfekt.
Integriert in diese Familiensaga sind Volksmärchen und Erzählungen, die Amadeo in einer roten Kladde für seine Nachkommen aufgeschrieben hat – es sind Geschichten über Heilige und Wunder, über die Bewohner der Insel, erfunden und wahr. Darunter sind schöne Auszüge der Italienischen Volksmärchen von Italo Calvino.

Eine wunderschöne Familiensaga, die der erste Roman für Erwachsene der Autorin ist.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wahrheit oder Fiktion?

Nach einer wahren Geschichte
0

Wie kann ein Bestsellerautor nach einem solchen unerwarteten und überwältigenden Erfolg ein neues Buch schreiben? Vor dieser Frage steht die französische Autorin Delphine de Vigan, deren im Wesentlichen ...

Wie kann ein Bestsellerautor nach einem solchen unerwarteten und überwältigenden Erfolg ein neues Buch schreiben? Vor dieser Frage steht die französische Autorin Delphine de Vigan, deren im Wesentlichen autobiografischer Roman „Das Lächeln meiner Mutter“ (über den Selbstmord ihrer Mutter und Familiengeheimnisse) 2011 ein großer Erfolg wurde. Viele Schriftsteller scheitern an dieser Herausforderung, nicht so de Vigan. In der ersten Person erzählt sie fragmentarisch und um Chronologie bemüht von den Monaten im Anschluss an das Erscheinen ihres letzten Buches, die für sie zu einem Albtraum werden und in eine totale Schreibblockade münden. Sie trifft die kluge und elegante - namenlos bleibende - L., die als Ghostwriter arbeitet. Diese schleicht sich in ihr Leben, wird zu einer Freundin, einer Vertrauten, ihr immer ähnlicher werdend. Von Beginn an warnt uns die Autorin, selbst auf das Risiko hin, uns die Spannung zu nehmen, dass diese Freundschaft einen gefährlichen Einfluss auf sie selbst haben werde. Diesbezüglich kann das Buch gut und gerne als Psychothriller durchgehen, und so liest es sich auch. Das wird auch äußerlich kenntlich gemacht, indem Stephen King jeweils eingangs der drei großen Buchabschnitte zitiert wird. Eine Besonderheit wird besonders Literaturinteressierten gefallen: Während die Autorin uns ihre heftigen verbalen Diskussionen mit L. über Literatur und die Aufgabe eines Autors schildert, liefert sie uns interessante Aspekte über die Kunst des Romanschreibens. L. drängt sie, einen neuen Teil ihrer Autobiografie zu schreiben. Ihr zufolge müsse sich eine Autorin ihres Formats der Wahrheit verschreiben und nicht ihre Zeit mit erfundenen Geschichten verschwenden. Aber Delphine streubt sich dagegen. Überhaupt steht das Thema Wahrheit/Fiktion im Mittelpunkt. Sehr geschickt wirft de Vigan im Leser fortschreitend bis zum ganz fantastischen Schluss Zweifel auf: Beruht die Erzählung auf einer wahren Geschichte, erzählt die Autorin also ihre Geschichte? Darauf könnten der Buchtitel und die ersten Seiten hindeuten. Oder ist alles Fiktion, erzählt sie also nur eine Geschichte? Eine Antwort wird man nicht finden.

Ein unbedingt empfehlenswerter, anspruchsvoller Roman.