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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.01.2026

Ungewöhnlich kurz

Der Fluss der Zeit
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Der Autor ist eher für etwas umfangreichere Werke bekannt. Leider ist er im Jahr 2023 verstorben. Und nun wurden diese fünf Geschichten aus seinem Nachlass veröffentlicht.
Nacheinander kann man an einer ...

Der Autor ist eher für etwas umfangreichere Werke bekannt. Leider ist er im Jahr 2023 verstorben. Und nun wurden diese fünf Geschichten aus seinem Nachlass veröffentlicht.
Nacheinander kann man an einer Hausübergabe teilnehmen, bei der der ehemalige Inhaber nur schwer loslassen kann, erleben, wie Wohnungslosigkeit droht und was dagegen unternommen wird, man wartet gemeinsam mit dem Protagonisten auf eine Diagnose, man erlebt die möglichen negativen Auswirkungen von Lärm und kehrt nach Jahren nochmal in die Studentenzeit zurück.

Bis auf eine der kleinen Erzählungen kann man sich in die Situationen gut hinein fühlen. Klar ist es schwierig, sein Haus zu verkaufen. Es gilt ein Gleichgewicht zu halten, zwischen der Weitergabe von Informationen und einer leichten Übergriffigkeit. Oder wenn man befürchten muss die Wohnung zu verlieren, wie geht man dann mit unerwarteter Hilfe um. Wann wird es zu viel. Wie beklemmend das Warten auf eine Diagnose sein kann, besonders wenn es nicht so schnell geht, kann sich wohl jeder vorstellen. Etwas schwieriger ist es mit dem Lärm, aber da muss sich jeder seine Gedanken machen. Möglicherweise geht es auch eher um die Reaktion. Das man dann die Gelegenheit wahrnimmt, den Ort des Studium nach Jahren neu zu erkunden, sicher. Ist man vielleicht doch fremd nach all den Jahren.

Diese schönen und auch überraschenden Geschichten erfreuen beim Lesen. Man wüsste gerne, in welchem Lebensalter sie geschrieben wurden, denn es wäre interessant zu wissen, ob er selbst in einem ähnlichen Alter war. Er jedenfalls konnte die Situationen so perfekt beschreiben, dass man beim Lesen denkt, ja, so kann es sein. Dieses kleine Büchlein schließt man mit einem Lächeln, weil man mit dieser tollen Facette des Autors nicht gerechnet hat.

Veröffentlicht am 06.01.2026

Lebensbuch

Café Leben
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Henrietta hat nach ihrem guten Studienabschluss ihre Karrierechancen etwas zu optimistisch eingeschätzt. Gerade hat sie einen Job verloren. Sie hat sich deshalb bei einer Organisation beworben, bei der ...

Henrietta hat nach ihrem guten Studienabschluss ihre Karrierechancen etwas zu optimistisch eingeschätzt. Gerade hat sie einen Job verloren. Sie hat sich deshalb bei einer Organisation beworben, bei der sehr kranke Patienten betreut werden. Diese bekommen die Möglichkeit ein Buch ihres Lebens erstellen zu lassen. Henrietta soll die Interviews führen und die Aufzeichnungen in Buchform bringen. Eine ihrer ersten Klientinnen ist Annie, die an Krebs im Endstadium leidet. Schnell stellt sich heraus, dass Annies Lebensgeschichte eher ungewöhnlich ist. Sie hatte eine Schwester, die allerdings als sie achtzehn Jahre alt war verschwand. Das ist fast fünfzig Jahre her. Henrietta ist sehr berührt von Annies Berichten, auch sie hatte mal einen kleinen Bruder.

Mit dieser schönen Idee, Bücher über das Leben zu erstellen, in Kontakt gebracht, beginnt die 32jährige Henrietta auch über ihr eigenes Leben nachzudenken. Doch im Vordergrund steht zunächst Annies Geschichte, die so wie Henrietta meint, einige Brüche hat. Mit ihrer analytischen Art beginnt Henrietta nach Hinweisen zu suchen, mit denen sie Annies Lebenserzählung ergänzen kann. Sie muss zugeben, dass ihre Arbeit sie mehr berührt als sie angenommen hätte. Sie bemüht sie, die Anforderungen zu erfüllen. Doch wichtiger ist ihr, den Klienten und Klientinnen gerecht zu werden. Doch wie sollen sieben Termine für ein ganzes Leben reichen?

Vielleicht sollte man nicht warten bis die Zeit krankheitsbedingt eingeschränkt ist, um einiges über sein Leben zu notieren. Doch so wie es in dem Britischen Hospiz hier geschieht, ist es auch ein schöner Gedanke. Natürlich gibt es Leben, die sich einfacher erzählen lassen, aber Annies Geschichte kann ein besonderes Buch füllen. Den Tod ihrer Schwester hat die ganze Familie nie verwunden und es wurde eine Weiche fürs Leben gestellt. Je weiter Henrietta in Annies Erzählungen eintaucht, desto mehr fängt sie an darüber nachzudenken, wie es anders hätte sein können. Auch über ihr eigenes Leben beginnt sie nachzudenken. Dieser Entwicklung beim Lesen zu folgen, ist einerseits fordernd, andererseits aber auch schön. Vielleicht würde man von Henrietta noch ein wenig mehr Souveränität erhoffen, aber dennoch stimmt der Roman hoffnungsvoll. Jeder hat etwas zu erzählen und es ist nie zu spät, damit zu beginnen.

Veröffentlicht am 05.01.2026

Der Gezeitenmörder

Die Mündung
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Der Gezeitenmörder hat sich ihre Schwester Jette geschnappt und ein Holzkreuz für sie aufgestellt. Kriminalkommissarin Lena Funk hat sich danach für eine Auszeit auf die Insel Scharhörn zurückgezogen. ...

Der Gezeitenmörder hat sich ihre Schwester Jette geschnappt und ein Holzkreuz für sie aufgestellt. Kriminalkommissarin Lena Funk hat sich danach für eine Auszeit auf die Insel Scharhörn zurückgezogen. Als sie dort jedoch eine Leiche findet, die die Trophäen des Gezeitenmörders bei sich trägt, kommt alles wieder hoch. Lena Funk beschließt die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Der Tod ihrer Schwester soll nicht ungesühnt bleiben. Da sie wegen des Traumas und der Folgen derzeit nicht im Dienst ist, erweist sich das als nicht so einfach. Sie muss ihre Kollegen davon überzeugen, dass sie wieder fit ist.

Wie ist es, wenn ein Fall für eine Kommissarin persönlich kaum noch zu ertragen ist? Der Gezeitenmörder hat mehrere Opfer getötet. Nach einem Sommerfest hat er auch Kommissarin Lena Funks Schwester in seine Fänge bekommen. Fieberhaft wird ermittelt. Doch irgendwann muss sich Lena Funk der Erkenntnis stellen, dass ihre Schwester nicht mehr wiederkommt. Doch auch nach der Auszeit auf Scharhörn wird es nicht einfacher. Lena hatte wohl einen Zusammenbruch, durch den ihre Erinnerung an einige Ereignisse gestört ist. Und so ist die Zusammenarbeit auch heikel für ihre Kollegen, die manchmal Schwierigkeiten haben, Lenas Aktionen oder Reaktionen einzuschätzen.

Der Vorleser Tim Gössler lässt die Handlung im Kopf der Zuhörenden lebendig werden. Man kann die Stimmungen nachempfinden und sich die norddeutsche Landschaft gut vorstellen.

Wenn man einige der anderen Romane des Autors kennt, erlebt man hier bei der Lektüre schon eine Überraschung. Die Handlung setzt ein, nachdem schon eine Menge passiert ist. Durch die Traumatisierung von Lena hat diese mit den Folgen zu kämpfen. Die Hörerinnen und Hörer können hautnah miterleben, wie Lena versucht, ihre Gesundheit wieder zu erlangen. Nebenbei fängt sie an zu ermitteln, was den Kollegen schon Bauchschmerzen verursacht. Dass Dinge herausfindet, die vielleicht nicht ans Licht kommen sollten oder dass sie möglicherweise auch manipuliert wurde. Das ist sehr überraschend und auch spannend, weil man sich selbst auch lange fragt, was von der beschriebenen Handlung überhaupt so passiert ist. Auch insgesamt entwickelt sich der Thriller in eine ganz andere Richtung als zuerst gedacht. Obwohl ein paar Ansätze im Verlauf irgendwie verloren gehen und nicht alle Motive nachvollziehbar geklärt werden, freut man sich über ein fesselndes Hörerlebnis mit einer sympathischen Protagonistin.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Schlechte Aussichten?

Faschismus
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Die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright legt eine Betrachtung zum Faschismus vor. Veröffentlicht wurde die Originalausgabe des Buches im Jahr 2018. Sie starb im März 2022. Während ...


Die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright legt eine Betrachtung zum Faschismus vor. Veröffentlicht wurde die Originalausgabe des Buches im Jahr 2018. Sie starb im März 2022. Während des zweiten Weltkriegs flohen ihre Eltern mit ihr von Prag nach London. Von diesem Ausgangspunkt berichtet sie über den Beginn des Faschismus in Europa, ausgehend von Mussolini zu Hitler. Sie beschreibt aber auch weitere faschistische Systeme. Die ähneln sich in gewissen Punkten, so dass man die Strukturen erkennen kann. Sie analysiert auch, wie die Herrscher an Einfluss gewinnen und welche Mittel sie nutzen. Sie blickt mit Sorge in die Zukunft und sie kann dem damaligen Präsidenten nichts abgewinnen. Was hätte sie heute gesagt? Man weiß es nicht. Manche Präsidentschaften vergehen leider unheimlich langsam und nicht immer besteht Aussicht auf Besserung. Das hatte die Autorin im Übrigen auch erkannt.

Es ist eines der Bücher, die ziemlich bunt wären, wenn man alles unterstreichen würde, was einem wichtig erscheint. Mit der Lektüre bekommt man gute Mittel an die Hand, die Strukturen zu erkennen. Besonders zu Beginn und zum Ende hin überzeugt das Buch. Allerdings wenn es um Lösungsansätze geht, wird es etwas Schwierig. Es gibt einiges zu erahnen. Der Hinweis der Autorin auf Thinktanks und Veröffentlichungen derer Ergebnisse, die sie aber nicht einzeln aufführen wolle, ist etwas inkonsequent. Vielleicht wäre da in einem Anhang der ein oder andere Literaturnachweis doch recht nett gewesen. So kann man immerhin sagen, wenn die Demokratie verteidigt werden soll, muss man wohl überlegen, ob es nicht an der Zeit ist, selbst aktiv zu werden.

Veröffentlicht am 02.01.2026

Das geheimnisvolle Landhaus

Das Geheimnis von Chimneys
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Für einen Freund übernimmt Anthony Cade einen kleinen Auftrag wie er meint. Er soll ein Päckchen bei einem Verleger in London abliefern und nebenbei noch kompromittierende Briefe zurück in die Hände der ...

Für einen Freund übernimmt Anthony Cade einen kleinen Auftrag wie er meint. Er soll ein Päckchen bei einem Verleger in London abliefern und nebenbei noch kompromittierende Briefe zurück in die Hände der Schreiberin geben. Nichts einfacher als, denkt Cade. Bis er im Hotel von einer Geheimorganisation aufgefordert wird, das Päckchen herauszugeben. Anthony Cade weigert sich. Kurz darauf beobachtet er einen Dieb, der sich in seinem Hotelzimmer zu schaffen macht. Allerdings fehlen dann die Briefe. Ein Versehen? Er kontaktiert Lady Virginia Revel, mit deren Namen die Briefe unterzeichnet wurden. Getrennt landen die Beiden auf Chimneys, einem Landsitz.

Dieser Roman wurde 1925 veröffentlicht und die Handlung ist zu dieser Zeit angesiedelt. Anthony Cade übernimmt eine Mission, die ganz anders verläuft als erwartet. Nachdem er eigentlich gescheitert ist, landet er auf dem Landsitz Chimneys. Zwar wirkt er ein wenig wie ein Fremdkörper, dennoch fügt er sich gut in die Gesellschaft ein. Allerdings gerät er in Verdacht, etwas mit dem Tod eines Gastes zu tun zu haben, der am Abend vorher ermordet wurde. Superintendent Battle von Scotland Yard macht sich so seine Gedanken. Bevor er jedoch ein Urteil fällt, lässt er Cade an der langen Leine.

Beim Lesen dieses Agatha Christie Romans fragt man sich, ob es einen Film zu der Geschichte gibt. Wie bei vielen ihrer Krimis könnte man sich das bestens vorstellen. Vielleicht kann man sich sogar vorstellen, man hätte schon mal so etwas gesehen. Eine kleine Recherche klärt jedoch, dass Motive in einer Serien-Folge von Miss Marple verwendet wurden. Diese taucht im Buch allerdings nicht auf, so dass es eine richtige Verfilmung nicht gibt. Schade eigentlich. Denn der Roman hat wirklich vieles, einen Kriminalfall, Geheimdienste, schlaue Ermittler, schlaue Laien und eine Prise Liebe. In einer Sache gelingt die Täuschung der Autorin nicht, aber sonst lockt sie einen geschickt auf falsche Fährten und hält einige Überraschungen parat. Als relativ früher Roman der Autorin ist er klug konstruiert und einfallsreich. Agatha Christie ist immer eine Lektüre wert.